Lasius niger

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Lasius niger

Beitragvon Merkur » Montag 24. Oktober 2016, 21:03

Aus dem Labordasein einer „Anfängerameise“

Die Bilder und Informationen stammen aus einer von mir betreuten Diplomarbeit von 1973. Es ging um den Nahrungshaushalt in Sozietäten von Lasius niger. Die Ergebnisse wurden nur teilweise in Veröffentlichungen verwendet.
Damals waren Farbfotos und Abzüge davon noch zu teuer. Die s-w-Bilder sind nicht optimal; auch erschwingliche Kameras waren vor über 40 Jahren noch nicht so gut wie heute. Eingescannt und etwas mit Photoshop verbessert sind sie doch brauchbar, und vor allem die Ergebnisse der damaligen experimentellen Haltung sind nach wie vor gültig.

1-L.niger-physog.-922.jpg
Physogastrische Königin aus Naturnest
Hier wurde Anfang Juli 1972 eine physogastrische Königin aus einem Freilandnest mit ca. 60.000 Arbeiterinnen entnommen.
Sie wurde mit nur 10 Arbeiterinnen aus ihrem Volk gehalten.

2-L.nig.Physo,Eier-922.jpg
Eier nach 2 1/2 Stunden
Nach 2 ½ Stunden hatte sie ca. 150 Eier abgelegt, nach 6 ½ Stunden waren es ca. 200.

3-L.nig.Eier-1-923.jpg
Eier nach 17 Stunden
Am nächsten Morgen, nach ca. 17 h, waren es rund 500 Eier.

4-L.nig.Eier-2-923.jpg
Eier nach 22 Stunden
Um Mittag, nach ca. 22 Stunden, waren es rund 700 Eier. Nun ist die Gaster erheblich geschrumpft, denn die nur 10 Arbeiterinnen konnten unmöglich die Mengen an Drüsensekreten nachliefern, die für eine Aufrechterhaltung der hohen Fertilität nötig gewesen wären! – Einen Tag später waren die Eier „verfault“. Ihr Gewicht war 40 mg gewesen, mehr als das Gewicht einer nicht legenden Königin (17 – 25 mg).
In einem Vergleichsversuch hatte eine junge Königin mit erst 100 Arbeiterinnen in 21 Tagen nur halb so viele Eier gelegt wie die physogastrische in einem einzigen Tag!

Man kann solche Ergebnisse zum Anlass nehmen, darüber nachzudenken, wie sinnvoll es ist, eine Königin aus dem Freilandnest mit nur einem Bruchteil ihrer Arbeiterinnen zu halten.

MfG,
Merkur
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Re: Lasius niger

Beitragvon Merkur » Mittwoch 26. Oktober 2016, 10:26

Zum Diskussionsthread geht es hier: viewtopic.php?f=11&t=1483

Lasius niger (2)

Hier geht es um die Haltung der Versuchstiere und das Wachstum der Kolonien.
Zu Beginn der Arbeit wurden bei einem Massenschwarm rund 600 entflügelte Königinnen eingesammelt. Zunächst konnten sie sich unter feuchtem Zellstoff in Kunststoffkästen von 14 x 22 cm Fläche verkriechen. Sie begannen rasch mit der Eiablage. Nach 8 Tagen bei Zimmertemperatur wurden sie mit je ca. 150 Eiern vereinzelt.

1-L.n.Kg.Gipsröhr.-928.jpg
Schräg gegipste Tablettenröhrchen
Dazu dienten Tablettenröhrchen, in die man hatte Modelliergips einlaufen lassen. Nach dem Trocknen wurde der Gips wieder angefeuchtet.
Als Verschluss diente ein Plastikstopfen, wobei ein Zellstoffstreifen zur Befeuchtung und Belüftung mit eingeklemmt wurde.

2-L.-n.-Kg.-Aufbewhr.-928.jpg
Aufbewahrung der Koloniegründungen
So wurden in dem Behälter (mit feuchtem Gipsboden) zahlreiche Röhrchen gelagert. (Die jungen Kolonien mit den ersten Arbeiterinnen konnten bei 10°C bis zu einem Jahr aufbewahrt werden; nur einmal im Monat musste die Feuchtigkeit kontrolliert und ggf. ergänzt werden. Ohne Wassertank und Watte!).

3-L.n.Kg-Kammer-925.jpg
Versuchsnet vor dem Schlupf der Pygmäen
Für Versuchszwecke wurden die Königinnen mit ihrer Brut in kleine Behälter verbracht, in denen durch ein mit eingegipstes Tablettenröhrchen eine Kammer im Gipsboden entstanden war. Nach Entfernen des Röhrchens wurde die Grube mit Karton abgedeckt.

4-L.n.Kg.-mit-Arb.-928.jpg
Versuchsformikar mit Jungkolonie
Koloniegründungen mit den ersten Arbeiterinnen kamen auch in Kleinformikarien, mit einem gegipsten Röhrchen und mit Futterschälchen (Wasser, Honigwasser und hier ein Schabenbein). Futterreste wurden hier am Eingang des Röhrchens zu einem symbolisch erscheinenden Nestverschluss verwendet. Schimmelflecken auf dem Gips konnten mittels Pinzette und feuchtem Zellstoff leicht abgewischt werden. Hier ist ein Völkchen nach der ersten Überwinterung zu sehen.

5-L.-n.Kg-2.Jahr-926.jpg
Zwei Jahre nach der Gründung
Zu Beginn der zweiten Überwinterung waren die Völkchen auf 200-300 Arbeiterinnen angewachsen. Das „Nest“ wurde ggf. durch ein zweites Röhrchen vergrößert.

5-L.-n.-Kg-1500-926.jpg
Zwei Jahre nach der Gründung
Diese Kolonie hatte sich bei einem Start mit Königin und 100 Arbeiterinnen auf ca. 1.500 vergrößert. Vor allem in der Mitte ist ein großer Bruthaufen erkennbar.

6-L.n.Kol.-5000-929.jpg
Kolonie mit ca. 5.000 Arbeiterinnen
Im folgenden Jahr waren es 5.000 Arbeiterinnen. Über Bohrungen und kurze Schlauchstücke konnten mehrere Nestkammern mit einer großen Futterarena (10 x 20 cm) verbunden werden. Die Nestkammern waren stets mit einer Kartonabdeckung abgedunkelt (es muss nicht völlig dunkel sein, nur dunkler als in der Arena!)

7-L.n. Honigtränke-930.jpg
Honigwasser-Tränke
Eine rundum sichere Tränke im Eigenbau für sehr große Kolonien. Das Honigwasser blieb darin für gut eine Woche genießbar. Nur in dem engen Spalt am Rand der schwimmenden Folie hatten die Ameisen Zugang zum Futter; das Honigwasser nahm weder Feuchtigkeit auf, noch konnte es austrocknen. (Ob die Konstruktion für größere Ameisen, etwa Camponotus ligniperdus, geeignet ist, kann ich nicht sagen).

MfG,
Merkur
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