Gib einer neuen Ameisenart einen Namen!

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Gib einer neuen Ameisenart einen Namen!

Beitragvon Phil » Donnerstag 15. November 2018, 12:24

Liebes Forum,

zur Zeit beschreiben meine Kollegen und ich eine spektakuläre neue Schnappkiefer-Ameisenart, die wir in Ecuador entdeckt haben. Es handelt sich um eine sehr große Art der Gattung Odontomachus, die eine wunderschöne braun-rötliche Färbung aufweist und vermutlich auf Bäumen lebt. Im Anhang befindet sich ein Bild einer Arbeiterin auf der Nahrungssuche im Regenwald.
Wir arbeiten sehr eng mit einer Umwelt-NGO zusammen, aus deren Privatreservat die neue Ameise stammt. Deshalb haben wir die Gelegenheit zu Rainforest Trust 30. Jubiläum die Namensrechte an der Ameise zu versteigern. Die Einnahmen fließen zurück an die NGO, und werden dort in Landkauf und Forschung investiert.

Direkt zur Versteigerung (Ameise ist Lot 9): https://auctions.freemansauction.com/au ... alog/1618B
Website von Rainforest Trust mit Infos: https://www.rainforesttrust.org/species-auction/
Offizielle Pressemitteilung: https://www.businesswire.com/news/home/ ... Extinction

Die Auction ist am 8. Dezember, man kann online schon vorher bieten. Das Liveevent findet in Washington D.C. statt.

Ihr habt also die einmalige Möglichkeit, den Namen zu ersteigern und sie nach euren Wünschen zu benennen (natürlich im Einklang mit wissenschaftlichen Nomenclauturregelungen).

Warum lohnt es sich, den Namen zu ersteigern?

1. Ihr helft damit, direkt den Lebensraum der seltenen Ameisen zu schützen.
2. Wissenschaftliche Namen sind für die Ewigkeit: Noch viele hunderte Jahre später wird man den Namen der Ameisenart kennen.
3. Außerdem werden wir eine neue 3D Bildgebungstechnik bei der Beschreibung der Ameise nutzen. Diese Technik wird zur Zeit in Darmstadt entwickelt und nennt sich DISC3D (Darmstadt InSektenSCanner 3D). Die Ameise wird die erste Artbeschreibung mit einem solchen 3D Scan, dessen Technik wahrscheinlich auch noch in Zukunft genutzt wird. Ein herunterladbares 3D Modell der Ameise mit fotographischer Textur wird aus der Arbeit downloadbar sein. Eine Beschreibung des 3D Imaging-Verfahrens gibt es hier: zookeys.pensoft.net/article/24584/

Auch wenn ihr vielleicht selbst kein Interesse daran habt, an der Versteigerung teilzunehmen, bitte ich darum, dass ihr die Information an alle möglichen Interessierten weiterleitet!

Grüße, Phil
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Phil
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Re: Gib einer neuen Ameisenart einen Namen!

Beitragvon Phil » Dienstag 4. Dezember 2018, 22:42

Nur noch 2 Tage!!

Wir haben uns dazu entschieden, einen 3D Scan bereits öffentlich zur Schau zu stellen. Mehr Informationen hier: https://www.rainforesttrust.org/species ... echnology/
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Phil
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Re: Gib einer neuen Ameisenart einen Namen!

Beitragvon Merkur » Mittwoch 5. Dezember 2018, 17:53

Zweifellos eine tolle Sache und eine beeindruckende Art der Darstellung!

Mir gefällt auch, wie das Tier montiert ist, so dass es von allen Seiten betrachtet werden kann. Um die rechte Seite abzuscannen, musste es wohl um-montiert werden?

Für taxonomische Zwecke wird man dennoch ein Holotypus-Exemplar in einem Museum deponieren müssen.
Ebenso wird man nicht umhin können, mehrere Nicht-Holotypus-Exemplare (falls vorhanden) auf herkömmliche Weise zu vermessen um die Variationsbreite darzustellen.
- Ich stelle es mir sehr aufwändig vor, mehrere Exemplare in Form solcher DISC3D – Darstellungen aufzuarbeiten.

Wurden von der neuen Art mehrere Arbeiterinnen sowie auch Gynen und Männchen gesammelt?

Ich will die allgemeine (berechtigte!) Begeisterung nicht dämpfen, mache mir dennoch so einige Gedanken:
Die Aufnahme-Apparatur dürfte, selbst wenn sie mal kommerziell hergestellt wird, sehr teuer sein, vielleicht für Museen geeignet, oder für große Forschungsinstitute, aber jenseits von Gut und Böse für den privaten Gebrauch.
Werden Gutachter „wichtiger“ Journale künftig so etwas grundsätzlich für Artbeschreibungen fordern? - Von Zeichnungen ging es über gute s-w oder Farbfotos zu SEM; heute geht kaum noch etwas ohne Z-Stacks. :roll:

„Dauerhaftigkeit“: Vielleicht ist es meine etwas vorsichtige Einstellung, aber wir werden zunehmend von der IT abhängig und von deren Verfügbarkeit, dauernd und überall. Und die meisten von uns haben doch schon erlebt, dass ständig Neuerungen auf den Markt kommen, alte Programme oder Versionen verschwinden, Computer veralten und ersetzt werden, wobei man alles Gespeicherte m.o.w. mühsam umladen muss.
Schöne Farbbilder kann man noch ausdrucken; ein Video kann man schon nur noch am Rechner genießen (oder mittels Beamer), falls es nicht in einem seit ein paar Jahren aufgegebenen Format vorliegt. Wo kann man noch einen MAZ-Film ansehen?
Dagegen hat die gute alte Druckversion doch das „ewige Leben“. ;)

Diskutierbar: Es gibt inzwischen zahllose Artbeschreibungen nach je einem Einzelexemplar (oft Fallenfänge, oder aus „Gesiebe“. Ändern lässt sich das nicht so ohne Weiteres.
Danach werden solche Arten meist für „selten“ erklärt.
Ich behaupte gerne, etwas provokativ: Wirklich seltene Arten gibt es nicht! (Dabei muss man die bekannten Beispiele wie die amerikanische Wandertaube außer Acht lassen; sie wurden durch menschliche Ein- und Übergriffe an den Rand der Extinktion getrieben, bis sie tatsächlich zu selten wurden um noch lebensfähige Populationen zu bilden).
Um bei den Ameisen zu bleiben: Gerade einige meiner „Lieblinge“, der sozialparasitischen Ameisen, galten lange Zeit als „selten“. An mehreren Beispielen habe ich erlebt, dass genau solche Arten in geeigneten Habitaten dann doch recht häufig sein können! Nur die passenden Habitate sind evtl. nicht häufig. Nach diesen ist zu suchen.
Ein erstes Indiz ist, wenn ein oder zwei Exemplare an einem Ort „zufällig“ auftauchen (und wenn es jemandem auffällt, dass da etwas Besonderes vorliegt). Wo eine Ameise in der Barberfalle landet, gibt es in der Nähe auch mehr davon. Doch dann gilt es, die Umgebung gründlich nach Nestern abzusuchen. Und an ähnlich aussehenden Orten (Vegetation, geol. Untergrund, Mikroklima, …) danach zu fahnden.
Mit meiner Arbeitsgruppe habe ich über Jahrzehnte immer wieder Typuslokalitäten sozialparasitischer Ameisen aufgesucht, von wo nicht selten nur ein Individuum bekannt war, oder nur eine unzureichende Zahl von Individuen aus einem Nest im Museum gelandet waren. Meistens haben wir sie am Ort in größerer Zahl gefunden, und an vergleichbaren Orten waren sie oft sogar häufig! Dann kann man auch zuverlässige Informationen über die Lebensweise gewinnen. - Mir ist natürlich klar, dass eine solche Nachsuche im Rahmen groß angelegter faunistischer Aufnahmen nicht immer möglich ist. Dennoch kann es vbielleicht als Anregung „für die jungen Myrmekologen“ dienen. ;)

MfG,
Merkur
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Re: Gib einer neuen Ameisenart einen Namen!

Beitragvon Phil » Donnerstag 6. Dezember 2018, 12:17

Hallo Merkur,

vielen Dank für deine Gedanken! Ich höre sehr gerne unterschiedliche Meinungen zu dem Thema.
Zunächst:
Mir gefällt auch, wie das Tier montiert ist, so dass es von allen Seiten betrachtet werden kann. Um die rechte Seite abzuscannen, musste es wohl um-montiert werden?

Der Scan umfasst alle Seiten des Tieres - dafür musste ich es auch eine Nadelspitze kleben, damit es auch überall abfotografiert werden konnte. Das war tatsächlich der schwierigste Teil, ich habe bei dem um-montiern einen geplanten Paratypen zerstört. Bei anderen, nicht so wertvollen Specimen nehmen wir üblicherweise Sekundenkleber weil der sehr gut hält, das Tier darf sich nicht bewegen während des Scans. In diesem Fall mussten wir mit verschiedenen Klebern experimentieren, da die Ameise manchmal herunter gerutscht ist, und natürlich sollte man nur lösliche Kleber dafür nehmen, damit man das Tier ggf. umpositionieren kann.

Die Beinposition ist bei dem gezeigten Scan erst am Computermodell nachträglich korrigiert worden; deswegen wird es auch nicht der endgültige Scan im Paper werden, da wir es so wahrheitsgetreu wie möglich darin haben möchten. Aber zur Präsentation eignet sich natürlich das bearbeitete Exemplar.

Für taxonomische Zwecke wird man dennoch ein Holotypus-Exemplar in einem Museum deponieren müssen.
Ebenso wird man nicht umhin können, mehrere Nicht-Holotypus-Exemplare (falls vorhanden) auf herkömmliche Weise zu vermessen um die Variationsbreite darzustellen.
- Ich stelle es mir sehr aufwändig vor, mehrere Exemplare in Form solcher DISC3D – Darstellungen aufzuarbeiten.

Das ist korrekt - die Artbeschreibung wird ganz klassisch mit üblicher Beschreibung und taxonomischen Messungen beschrieben. Der 3D Scan ist nur ein i-Tüpfelchen obendrauf, sozusagen etwas extra Information. Der Scan kann und soll nicht den Holotypen ersetzten.
Wurden von der neuen Art mehrere Arbeiterinnen sowie auch Gynen und Männchen gesammelt?

Wir haben mehrere Arbeiterinnen und zwei Königinnen, die Männchen sind leider unbekannt. Von einer Königin wird es auch einen Scan geben. Im kommenden Januar werden wir versuchen weitere Nester zu finden.

Die Aufnahme-Apparatur dürfte, selbst wenn sie mal kommerziell hergestellt wird, sehr teuer sein, vielleicht für Museen geeignet, oder für große Forschungsinstitute, aber jenseits von Gut und Böse für den privaten Gebrauch.
Werden Gutachter „wichtiger“ Journale künftig so etwas grundsätzlich für Artbeschreibungen fordern?

Der DISC3D ist nicht für den Privatgebrauch entwickelt, sondern genau für Museen. Er erscheint mit seinem etwa 9000€ Komponenten nicht gerade billig, aber das im Vergleich zu den zur Zeit genutzten 3D Scanner (Micro-CT, Synchroton) ist das geradezu "peanuts" (die anderen Scanner werden überhaupt von nur sehr wenigen Universitäten in Deutschland betrieben!). Außerdem um einiges leichter in der Anwendung, und noch dazu bietet er echte fotographische Texturen. Aber er hat natürlich nicht im Ansatz die selbe räumliche Auflösung wie ein Micro-CT.
Wird so etwas künftig gefordert? - Ich glaube so weit sind wir noch lange nicht - vielleicht in 50 Jahren? Im Prinzip gibt es aber keine Auflagen für Artbeschreibungen, man kann selbst die "billigsten" Artbeschreibungen in lokalen Minijournalen veröffentlichen und es werden nicht mal echte Bilder verlangt. Natürlich erwartet ein etwas renommierteres Journal da mehr, aber das ist völlig verständlich. Stackingaufnahmen kann heute jeder zu Hause machen, auch in Entwicklungsländern, und es gibt mMn keine Entschuldigung solche nicht in einer Artbeschreibung zu verwenden.
„Dauerhaftigkeit“: Vielleicht ist es meine etwas vorsichtige Einstellung, aber wir werden zunehmend von der IT abhängig und von deren Verfügbarkeit, dauernd und überall.
Der Trend in der Taxonomie ist nicht, dass man alte Methoden ersetzt, sondern sie ergänzt. Ohne klassische, schriftliche Charakterbeschreibung noch wie vor 100 Jahren wird keine Artbeschreibung veröffentlicht. Wer kein Internet hat, wird man trotzdem noch in den Museum nach den Holotyp-Exemplaren fragen können. Die Digitalisierung ist eine große Möglichkeit, alles zu vereinfachen und Zugang zur wissenschaftlichen Informationen zu verbreitern.

Es gibt inzwischen zahllose Artbeschreibungen nach je einem Einzelexemplar (oft Fallenfänge, oder aus „Gesiebe“. Ändern lässt sich das nicht so ohne Weiteres.
Danach werden solche Arten meist für „selten“ erklärt. Ich behaupte gerne, etwas provokativ: Wirklich seltene Arten gibt es nicht!

Ist die neue Odontomachus Art selten? Ich glaube nicht, sie wird in dem passenden Habitat (ecuadorianisches, möglicherweise auch columbianisches Choco) weit verbreitet vorkommen. Doch wie groß ist das passende Habitat noch? Der Ecuadorianische Choco erlebt eine der größten Abholzungsraten weltweit. Ganze 2% der ursprünglichen Fläche ist noch übrig!! Aber es interessiert fast niemanden. An der Station wo ich forsche, brettern täglich mehrere LKWs vollbeladen mit Holz vorbei. Das einzige Nest, dass wir kennen, stammt aus einem selektiv-genutzten Waldstück und gehört der Holzfällerfirma - sie kann jederzeit spontan entscheiden diese Fläche komplett abzuholen. Also, ist es falsch die Art als selten oder zumindest bedroht zu erklären?

Ein erstes Indiz ist, wenn ein oder zwei Exemplare an einem Ort „zufällig“ auftauchen (und wenn es jemandem auffällt, dass da etwas Besonderes vorliegt). Wo eine Ameise in der Barberfalle landet, gibt es in der Nähe auch mehr davon. Doch dann gilt es, die Umgebung gründlich nach Nestern abzusuchen.

Ja und nein. Das Beschriebene mag für artenärmere Regionen stimmen, aber wenn man es mit extremer Biodiversität in tropischen Regionen zu tun hat, dann ändert sich das Bild oft. Das sieht man, wenn man sich die am besten bekannte tropische Ameisenfauna anschaut, nämlich Costa Rica. Costa Rica ist so bekannt, weil dort seit über 20 Jahren Jack Longino Ameisen systematisch sammelt, und es die Artliste hat inzwischen über 1000 Artnachweise erreicht. Nun sollte man meinen, dass man langsam alles entdeckt hat, aber das Gegenteil ist der Fall. Nach mehreren Jahrzehnten Arbeit findet Jack immer noch neue Nachweise in seinen Fallen, die er nur einmal fängt, und dann nie wieder. Tatsächlich machen bei tropischen Arterassungen oft 10% der Arten Singletons aus, also Arten, die nur durch ein einziges gefangenes Individum repräsentiert werden. Das ist eine enorme Anzahl von Arten, die einfach extrem selten sind, und dann auch nie wieder sonst gefunden werden. Wieso das so ist, man weiß es nicht! Klar, ein paar von ihnen haben vielleicht eine andere Verbreitung oder ein spezielles Mikrohabitat, aber derart viele? Ein Großteil der Singletons bliebt oft unbeschrieben - wer nur ein Tier z.B. einer unbeschriebenen Pheidole Art findet, würde heute niemals auf die Idee kommen sich die Mühe machen sie zu beschreiben. Trotzdem gibt es enorm viele Arten, die nur mit einer einzigen Sammlung repräsentiert sind - und wenn der Holotyp im Museum verloren geht, dann war es das...

Grüße, Phil
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Re: Gib einer neuen Ameisenart einen Namen!

Beitragvon Merkur » Donnerstag 6. Dezember 2018, 18:36

Hallo Phil,
Vielen Dank, das ist eine Antwort, wie ich sie schätze; damit weiß man wirklich mehr! :)
„Ist die neue Odontomachus Art selten? Ich glaube nicht, sie wird in dem passenden Habitat (ecuadorianisches, möglicherweise auch columbianisches Choco) weit verbreitet vorkommen. Doch wie groß ist das passende Habitat noch? Der Ecuadorianische Choco erlebt eine der größten Abholzungsraten weltweit. Ganze 2% der ursprünglichen Fläche ist noch übrig!!“
Das fällt in die Kategorie der Wandertauben: Die (sicher zahllosen!) betroffenen Arten werden zunächst „selten gemacht“, durch Habitatzerstörung (oder Nachstellung, wie bei größeren Tieren, Fischen, Korallen usw.), bis es zum Kollaps der Populationen kommt.

Wahrscheinlich eher seltene Ausnahmen sind Arten, die direkt durch menschliche Aktivitäten häufiger werden (und dann wieder seltener). Aus meinem Erfahrungsbereich: Sozialparasitische Arten bei Leptothorax bzw. Temnothorax. Harpagoxenus sublaevis war im Nürnberger Reichswald unvorstellbar häufig in den 1960er bis 1990er Jahren. (Um eine Vorstellung zu vermitteln: Zwei Personen haben an einem Vormittag 40 komplette Völkchen eingesammelt, aus toten Ästchen am Boden. Für die gesamte Fläche des Nbg. Reichswaldes haben wir anhand der von uns grob geschätzten Populationsdichte rund 1 Million Völker von H. sublaevis angenommen). Dank Streunutzung und Anpflanzung ungeeigneter Kiefern war das Gebiet seit ca. 1900 in einen Flechtenföhrenwald umgewandelt worden. - Inzwischen hat man die Streunutzung beendet, den Waldboden z. T. umgepflügt und weiträumig Eichen angebaut. Durch die Boden-Verschattung sind Leptothorax acervorum, L. muscorum und eben ihr Sklavenhalter dort tatsächlich selten geworden!

Temnothorax (bes. T. unifasciatus und T. recedens) haben aus der über Jahrtausende betriebenen Terrassierung von Hängen für den Wein- bzw. Olivenanbau profitiert: Sie nisten in den Steinmäuerchen (auch im Maintal bei Würzburg). Die sklavenhaltenden Myrmoxenus ravouxi (im Main- und Taubertal, aber auch in Südtirol u.a.) sowie M. kraussei und Chalepoxenus muellerianus (Südalpen, Mittelmeerraum) waren entsprechend häufig.
Von einem einst „guten“ Hang im Taubertal haben wir an einem Tag 37 Völkchen von M. ravouxi geerntet (aus Steinspalten). Eine auswärtige Arbeitsgruppe hat dort einige Jahr später in zwei Tagen an die 80 Völkchen gesammelt.
Doch in D werden die Weinberge „bereinigt“, Mauern geschleift bzw. durch Beton ersetzt, hinzu kommen Pestizide, auch im Olivenanbau im Mittelmeerraum. Andere ehemalige Weinberge (z. B. im Taubertal) wurden nach der Reblaus-Katastrophe praktisch aufgelassen, in Streuobstbestände verwandelt, oder es kam Wald auf. Die Verschattung bedeutet das Ende für die wärmeliebenden Temnothorax-Arten. Zudem dürfen ehemalige Weinanbauflächen jederzeit wieder für diesen Zweck genutzt werden. Aber bis diese neu angelegten Hänge wieder entomologisch-myrmekologisch interessant werden, vergehen Jahrzehnte, und oft werden dabei die Naturstein-Trockenmauern durch Beton ersetzt.
Glücklicherweise haben wir die Arten auch außerhalb dieser Anbaugebiete an vielen Orten, in natürlichen Lebensräumen wie Felsschutthalden etc. angetroffen, doch dort nun wirklich „selten“: Da sucht man z. T. einen ganzen Tag, bis man 2-3 Völker hat, oder auch keines. :roll: (Solche Sozialparasiten kommen in ungefähr einem von zehn Wirtsvölkern vor, in „guten“ Habitaten…)

Völlig klar, dass in tropischen, v. a. feucht-tropischen Gebieten die Suche nach Nestern ganz erheblich viel schwieriger ist als in unseren Mittelbreiten. Das gilt ganz besonders auch für die reiche arboricole Fauna, an die man doch nur schwer herankommt.
Dennoch „glaube“ ich immer noch, dass eine Art eine gewisse Populationsdichte haben muss, um überhaupt überleben zu können. So dürften in den meisten Fällen die „Unikate“ eben nur selten gefundene Arten betreffen.
Die Beschreibung solcher Einzelstücke ist natürlich dennoch wichtig, als Dokument ihrer Existenz und ihrer evtl. später verlorenen Verbreitungsgebiete.
Man muss sich nur darüber im Klaren sein, dass es für solche Arten nicht ohne weiteres sinnvoll ist, sie als selten = gefährdet in die Roten Listen zu nehmen oder gar, nach ein paar Jahren ohne weitere Nachweise, in der Kategorie „ausgestorben“ zu führen. - Aber das ist ein weites Thema, angesichts der allgemein sehr fragwürdigen Datenlage bei den kleineren Arthropoden. :roll:

Nochmals vielen Dank, und
mfG,
Merkur
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Re: Gib einer neuen Ameisenart einen Namen!

Beitragvon Emse » Samstag 8. Dezember 2018, 13:35

Countdown bis zum Beginn der (Live-)Versteigerung:

https://bid.freemansauction.com/auction ... cy-charity

(Ortszeit Washington, D.C., 08.12.18, 20:00 Uhr / entspricht bei uns 09.12.18, 02:00 Uhr nachts)

Wünsche einen hohen Erlös und bin gespannt, welchen Namen diese Ameisenart dann zukünftig tragen wird! :)
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Re: Gib einer neuen Ameisenart einen Namen!

Beitragvon Merkur » Sonntag 9. Dezember 2018, 10:46

Die Ergebnisse der Auktion:

https://auctions.freemansauction.com/au ... alog/1618B

Lot 9
ECUADORIAN ANT Taxon: Ant | Genus: Odontomachus This amazing ant one of the largest of its kind in the New World! Its spring-loaded...
Sold for $13,750 (buyer's premium included)

Das ist nix für "Kleine Leute"! :D
Jetzt darf man auf den Namenswunsch gespannt sein.

Schönen 2. Advent wünscht
Merkur
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