Vertragen einheimische Ameisen Frost?

Hier können Fragen rund um das Thema Ameisenhaltung gestellt werden.

Vertragen einheimische Ameisen Frost?

Beitragvon Merkur » Donnerstag 16. Februar 2017, 12:27

Eigentlich dürfte es bei uns (Mitteleuropa) im Freiland keine Temnothorax- oder Leptothorax-Arten geben. Würden die im Handel angegebenen Überwinterungstemperaturen stimmen, müssten diese Ameisen in unserem Land nicht längst erfroren sein?
Beispiel:
Temnothorax affinis: Winterruhe: ja, von Ende Oktober bis Ende März bei 5 - 8°C
T. nylanderi: Desgleichen.
T. unifasciatus: Desgleichen.
Leptothorax acervorum: Desgleichen.

Da erstaunt es nicht, wenn ein Halter genau diese Frage stellt: Sind diese Arten, die in Ästchen am Baum oder am Boden, oder in Eicheln etc. nisten, denn frostfest?

Selbstverständlich sind sie frostfest, und das zum Teil bis minus 20°C und darunter! Es ist bedauerlich, dass das in Foren und AWiki hinreichend behandelte Thema so wenig gelesen wird. Z.B. hier hier oder hier.
Ebenso selbstverständlich sollte eigentlich sein, dass es Unterschiede zwischen den Arten der beiden Gruppen gibt. Die vom Handel angegebenen, für alle gleichen Werte sind so zu verstehen, dass man die Tiere unter diesen Bedingungen überwintern kann, nicht aber, dass es die optimalen Werte sind. Für einige Arten sind z.B. starke tagesperiodische Temperaturwechsel „normal“, zumindest, wenn es an sonnigen Wintertagen bei Nacht minus 10° oder minus 15° hat, und wenn bei Tag die Sonne die Nestchen auf plus 10° und mehr aufheizt! So etwas ist in einer unbeheizten Garage oder einem Schuppen im Garten zu erreichen, oder in einer wetterfesten Kiste auf einem Balkon, aber natürlich nicht in einem Haushalts-Kühlschrank.

Auch zur Dauer der Winterruhe stehen spekulative Werte im Widerspruch zu dem, was aus wiss. Haltung bekannt ist. Manche Arten der Gattungen Leptothorax und Temnothorax haben bereits nach 6 Wochen in winterlichen Wechseltemperaturen genügend Winterruhe gehabt und können danach bereits wieder in Frühjahrsbedingungen verbracht werden. – So lässt sich z.B. L. acervorum in einem Jahr dreimal zur Aufzucht von Geschlechtstieren bringen, wenn man echte Winterbedingungen zu beliebiger Jahreszeit simulieren kann!

Die im Handel üblichen, stark verallgemeinerten Angaben können leider zu solchen Fehleinschätzungen führen, wie eingangs erwähnt.

MfG,
Merkur
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Re: Vertragen einheimische Ameisen Frost?

Beitragvon Reber » Donnerstag 16. Februar 2017, 14:15

Danke für den Hinweis, Merkur! Ergänzend möchte ich auf diesen Faden hinweisen:

Das Temnothorax und Lepthorax Arten - die oft in Ästchen, Nüssen und Eicheln in der Streuschicht wohnen - Kälte gut aushalten müssen, liegt auf der Hand. Seifert erwähnt Temnothorax nigriceps, die in „Nestern auf kontinentalen Basaltkuppeln“ Temperaturen von bis –25°C ertragen (S.294). Extrem kältetolerant ist laut Seifert (S. 223.) auch Lepthorax acervorum, die Ameisen kommen auch am Sibirischen Kältepol vor (mittlerer Unterkühlungspunkt –40°C)!


Meine heimischen Ameisen verbringen in der Regel 4 Monate wirklich in der Winterruhe. Dazu kommen je etwa zwei Wochen "Angewöhnungszeit beim Ein- und Auswintern." Oder sie kommen direkt zurück in die warme Stube...

Sicher könnte man die Winterruhezeit noch deutlich verringern. Inwieweit das möglich ist, ohne das die Ameisen Schaden nehmen, ist wohl schwer zu sagen. Bei der Zucht von Hummeln (zur Bestäubung) wird die Winterruhe von Königinnen ja in kürzester Zeit im Tiefkühler simuliert, aber die müssen ja auch nicht älter als ein Jahr werden...
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"Obgleich die Welt ja, so zu sagen,
Wohl manchmal etwas mangelhaft,
Wird sie doch in den nächsten Tagen
Vermutlich noch nicht abgeschafft."
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Re: Vertragen einheimische Ameisen Frost?

Beitragvon Trailandstreet » Donnerstag 16. Februar 2017, 15:25

Für meine Temnothorax und Leptothorax dürfte auch dieser Winter trotz neuer Kälterekorde auch nur ein milder gewesen sein in ihrer Styroporbox auf dem Dachboden.
Da dieser ungedämmt ist und natürlich auch ungeheizt, erreichen sie dort trotz allem auch immer wieder Temperaturen an die -5°C
Wie dem auch sei, es macht ihnen nichts aus und sie ziehen auch jeden Sommer Geschlechtstiere auf.
In diesem Fall müssen sie aber mit dem Kompromiß leben, denn die anderen einheimischen Arten wollen auch ihre Winterruhe halten und wer weiß, ob die es nicht gern etwas wärmer hätten.

Was für eine Rolle die Temperaturschwankungen spielen, scheint aber noch wenig erforscht zu sein. Immerhin sind ja die kleinen in den oberflächlichen Nestern einer Temperaturschwankung von teils 40-50° ausgesetzt, wenn man mal von -25°C bis +15°C ausgeht. Für ihre unterirdischen Kollegen fallen da die gröberen Spitzen wohl weg. Ein vielleicht noch schneebedeckter Hügel wird sich auch ein ein paar starken Sonnentagen kaum über 0°C erwärmen.
Da könnte es ja durchaus sein, dass gerade diese Arten mit einer Erwärmung zwischendurch wohl eher weniger zurecht kommen.
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Re: Vertragen einheimische Ameisen Frost?

Beitragvon Erne » Freitag 17. Februar 2017, 23:08

Ist eine Fragestellung, die sicherlich nicht nur an wenigen Arten festzumachen ist.
Die im Handel üblichen, stark verallgemeinerten Angaben können leider zu solchen Fehleinschätzungen führen.

Das Überwinterungsparameter, die in den Shops nach zu lesen sind, eher nur „ als Anhaltspunkte“ abgeben, denke da lohnt es nicht weiter drüber zu diskutieren.

Merkur Sie sind ein User der besonders hinschaut und der sich bemüht, umfangreiches Wissen, einfließen zu lassen, wenn Wissen gefragt ist.

Mittlerweile existiert unendlicher Schrott in den Foren über das wie, wie lange, ob überhaupt Winterruhe angesagt ist, für unsere einheimischen Arten.
Das Problem das ich sehe, es ist nicht mehr gegen an zu kommen.
Einmal geschrieben, verbreiten sich falsche Sachverhalte überall im Internet.
Werden abgeschrieben/interpretiert und als Fakt gedeutet/angenommen.
Bin mehr als ratlos, was sich dagegen machen lässt, ich selber habe resigniert.

Andererseits ist es eine umfassende Thematik, jedenfalls für mich, abzuklären was machbar ist.
Ob sich unsere einheimischen Arten, in der Haltung möglicherweise anpassen können, mit anderen Überwinterungsparameter, es auch zu einer erfolgreichen Haltung bringen können.
Alles was es darüber nach lesen kann, versuche ich zu bewerten und ein zu ordnen.

Wo ich einen wichtigen Ansatz sehe, die Lebensweise unserer einheimischen Arten in der Natur,
könnte in der Haltung, unter guten klimatischen/Futterbedingungen, abweichen.
Ich gehe davon aus, dass Sie Merkur ein umfangreiches Wissen haben, um zu dieser Thematik, viel für „Normalo-Ameisen-Halter“ an Informationen weiter geben können.

Für Sie als Wissenschaftler ist es wahrscheinlich ein Unding, mit Ihren wissenschaftlichen Erkenntnissen, betreffend „Winterruhe einheimischer Arten“ nach zu denken ob nicht Veränderungen möglich sin.
Wäre es nicht auch für Sie, eine Herausforderung, zu forschen wie sich einheimische Arten verhalten/entwickeln in der Haltung, so wie sie von Ameisenhaltern praktiziert wird?

Grüße Wolfgang
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Re: Vertragen einheimische Ameisen Frost?

Beitragvon Merkur » Sonntag 8. Oktober 2017, 10:42

Temperaturrhythmen: Wozu sind sie gut?

Es war eine meiner ersten Erkenntnisse, als ich im September 1962 erstmals mit der Haltung von Ameisen konfrontiert wurde, mit Temnothorax unifasciatus (damals noch Leptothorax), für eine wissenschaftliche Arbeit zur Zulassung für das Staatsexamen (Lehramt an Gymnasien):
Den Ameisen ging es besser, wenn sie täglichen Temperaturschwankungen ausgesetzt waren, bis hin zu Frost während der Überwinterung! In konstanter Temperatur gediehen sie längst nicht so gut!
Wie ich diese Erkenntnis umgesetzt habe, ist hier ausführlich nachzulesen: https://www.ameisenforum.de/technik-bas ... 51387.html (Später, als meine Forschung finanziell gefördrt wurde, konnte ich dann Brutschränke mit Wechserltemperatur-Steuerung einsetzen).

Insbesondere zu Beginn der Überwinterung scheint es wichtig zu sein, dass einheimische Ameisen mit täglichen Wechseltemperaturen auf das Kommende „eingestimmt“ werden. Das gilt zumindest für Arten, die im Freiland diese Tag-Nacht-Wechsel mitbekommen.
Wie das physiologisch genau abläuft, wurde bisher nicht wissenschaftlich untersucht; man weiß nur, dass z. B. "Frostschutzmittel" in der Hämolymphe auftauchen usw..
Eine Hypothese zum möglichen Mechanismus:
Kälte (in der Nacht) dient als ein Signal für den Stoffwechsel.
Wärme (am Tag) ermöglicht es dem Stoffwechsel, auf das Signal zu reagieren! (Wasserabgabe, Frostschutzmittel synthetisieren, Eiproduktion drosseln, …)

Auch wenn das nur Hypothese ist, die langjährigen Erfahrungen mit der Haltung von Ameisen unter Wechseltemperaturen sind für mich hinreichend überzeugend, dass „etwas dran ist“. – Es ist also nicht immer ausreichend, die Völker von einer hohen, konstanten Temperatur für ein paar Tage in eine mittlere Temperatur, und dann in konstante Kälte (Kühlschrank) zu packen. Naturnäher ist die Unterbringung an einem Ort, der den Temperaturschwankungen ausgesetzt ist, also: Garage, Schuppen, Dachboden, Kiste auf dem Balkon etc.. Wie gesagt: Keine Angst vor ein paar Frostnächten!

Das zur Erinnerung, jetzt zum Beginn der Winterruhe für einheimische Ameisen. :)
MfG,
Merkur
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Re: Vertragen einheimische Ameisen Frost?

Beitragvon Trailandstreet » Sonntag 8. Oktober 2017, 20:35

Inzwischen halte ich zu konstante Temperaturen, insbesondere die Tag-Nacht-Schwankungen, schon für einen richtigen Faktor, auch oder gerade bei unseren einheimischen Arten.
Seit ich zB meine Temnothorax im Sommer so bei 20-26°C halte, ziehen sie keine Geschlechtstiere mehr auf.
Davor hatten sie die Möglichkeit, nachts auch noch weiter runter zu kühlen.
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