Bei welchen Ameisenarten ist keine Nestbefeuchtung nötig?

Hier können Fragen rund um das Thema Ameisenhaltung gestellt werden.

Bei welchen Ameisenarten ist keine Nestbefeuchtung nötig?

Beitragvon Reber » Mittwoch 23. August 2017, 11:34

Ihr kennt das sicher, manche Arten (besonders grössere Kolonien) kommen in der Haltung problemlos damit zurecht, wenn der Halter ihr Nest nicht befeuchtet, jedenfalls dann, wenn eine dauerhafte Wasserquelle zur Verfügung steht (man denke an diverse einheimische Camponotus Arten). Andere Arten reagieren mit starken Verlusten oder verenden gänzlich, wenn der Halter das Nest nicht regelmässig befeuchtet (gewisse Myrmica Arten oder Manica rubida).
Dazu stellen sich mir im Wesentlichen zwei Fragen:

1. Gibt es diesbezüglich begründete Erklärungen? Wie organisieren das die verschiedenen Ameisen? Halten die einen Trockenheit einfach besser aus, solange sie Wasser aufnehmen (und sich und die Brut(?) damit versorgen) können? Gibt es sogar Arten die – nachweislich – ihr Nest selbständig befeuchten, wie das z.B. Wespen (zur Kühlung) tun?

2. Und mehr aus praktischem Interesse als Halter: Welche Arten kennt ihr, bei denen keine Nestbefeuchtung nötig ist, solange sie an Trinkwasser kommen (Haltung und gute Entwicklung über ein Jahr)?
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"Obgleich die Welt ja, so zu sagen,
Wohl manchmal etwas mangelhaft,
Wird sie doch in den nächsten Tagen
Vermutlich noch nicht abgeschafft."
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Re: Bei welchen Ameisenarten ist keine Nestbefeuchtung nötig

Beitragvon Merkur » Mittwoch 23. August 2017, 14:25

Hallo Reber,

Das ist eine lange überfällige Frage!
Ständig liest man in den Ameisenforen solche Angaben wie "Nest wird von den Ameisen selbst befeuchtet, wenn sie an Wasser gelangen".
Ob dies zutrifft, kann ich nicht sagen. Doch einige Fakten und Überlegungen dazu:

1.- In meiner Laborhaltung habe wir bei allen Arten grundsätzlich die Nester (bzw. den Gipsboden der Kammern, in denen die künstlichen Objektträger-Nestchen etc. standen) befeuchtet. Der Bedarf wurde anhand der Farbe des Gipsbodens bestimmt (weiß: zu trocken; eher grau: feucht genug; glänzend: zu feucht). Individuelle Messungen in jedem der zeitweilig 200 bis 300 Völkchen waren nicht möglich; so viele Hygrometer wären zu teuer gewesen bzw.Billigware ist zu wenig zuverlässig.
2.- Mir ist keine wiss. Veröffentlichung bekannt, in der von einer aktiven Nestbefeuchtung durch die Ameisen selbst in der Haltung berichtet wird. Hinweise auf solche Publikationen wären interessant.
3.- Überlegung: Im Freiland sind Ameisennester im Boden, unter Steinen, in morschem Holz, in hohlen Stängeln, manche tropischen Arten in lebenden Pflanzenorganen (Bambus, Domatien etc.). Im Boden ist eine geeignete Luftfeuchtigkeit auch bei trockenem Wetter bereits in wenigen cm Tiefe vorhanden. Unter Steinen kondensiert diese Feuchtigkeit im Laufe der Nacht, gerade wenn es tagsüber heiß und trocken ist (bei Schönwetter heizen sich Steine tagsüber auf, nachts strahlen sie die Wärme ab). Holz, besonders in morschem Zustand, enthält zumeist genügend Feuchtigkeit. Auch an dünnen, dürren Zweigen in Baumkronen kondensiert nachts Feuchtigkeit aus der Luft. Innerhalb lebender Pflanzenteile ist es ohnehin feucht.
Weitere Überlegung: Wenn es in einer dieser Nistgelegenheiten zu trocken wird: Wo in erreichbarer Nähe könnten Ameisen Wasser tanken? Nester gibt es längst nicht nur entlang von Bächen oder Teichen etc.
4.- Beobachtung: Es gibt Ameisenarten, die sehr wenig Wasser durch Verdunstung verlieren. Mir ist persönlich ein Fall bekannt, wo ein Völkchen Temnothorax cf. unifasciatus in einem Schneckenhaus wohnte. Dieses wurde von einem Schneckensammler ahnungslos in einer Streichholzschachtel über vier Wochen aus der Türkei nach Darmstadt gebracht,wo er die Ameisen bemerkte und mir brachte.
5.- Bekannte Tatsache: Auch bei Ameisen entsteht bei der "Verbrennung" von Kohlenhydraten im Stoffwechsel Wasser. Bei genügender Isolierung (gegen Austrocknung) und genügend vielen Individuen leistet das Stoffwechselwasser auf jeden Fall einen Beitrag zur Befeuchtung der Luft im Nest. Weiteres Wasser ist in der Nahrung enthalten, ob es Hämolymphe von Beute, Honigtau oder Nektar ist.

Man muss also zur Beurteilung entsprechender Nachrichten über Wassereintragen zur Nestbefeuchtung wissen:
Ameisenart, Nest, Umgebungs-Luftfeuchtigkeit, Erreichbarkeit von Wasserquellen, Sonstiges??

Bin jedenfalls gespannt!

MfG,
Merkur
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Re: Bei welchen Ameisenarten ist keine Nestbefeuchtung nötig

Beitragvon Trailandstreet » Mittwoch 23. August 2017, 15:06

Bei Myrmica kann ich grundsätzlich sagen, dass insgesamt ihre Aktivität zunimmt, sobald ich einigermaßen befeuchte. Tue ich das in der Arena auch, beginnen sie dort ebenfalls zu graben und lagern dort auch Brut.

Die Lasius niger und Formica cunicularia brauchen einen Nestbefeuchtung nichtunbedingt, sie lagern aber auch im Ytong bzw Gipsnest ihre Larven schon an etwas feuchten Stellen. Hilft man da nicht nach, sind sie schon vermehrt an der Tränke zu finden.
Dass die Brut weniger wäre als mit Befeuchtung kann ich nicht behaupten. Sie kommen also wohl auch ohne direkte Befeuchtung gut zurecht.

Lasius flavus scheint in dieser Hinsicht etwas fauler zu sein. Sie mögen es abergenerell eher feuchter als Lasius niger. Ich hab da allerdings kein vergleichbar großes Volk.

Von Messor barbarus wird ja immer beheuptet, sie kommen auch ganz ohne Befeuchtung des Nestes aus. Gut, wenn es sein muss auf jeden Fall. Sie sind dann aber verstärkt an der Tränke zu finden und bauen diese mitunter auch komplett ein, bis diese ausläuft.
Befeuchtet man das Nest, sieht man ganz klar, dass sie für die Brut den feuchteren Teil nutzen. Puppen und Körner lagern sie schon im trockenen Bereich.
Dass sie deswegen weniger Nachwuchs aufziehen würden, nur weil nich befeuchtet wird, kann ich auch nciht behaupten. Da spielen sicher andere Parameter, wie Nahrungsangebot und -Art sowie Temperatur eine größere Rolle. Es liegt aber vielleicht auch daran, dass bei mir im Sommer nicht beheizt wird (haben aber trotzdem so 25°+). Da ist dann wohl auch die Verdunstung geringer und es geht nicht so viel verloren. Generell aber dürften sie auch als Steppenbewohner eher damit zurecht kommen.

Zusammenfassend würde ich sagen, dass grundsätzlich auch die Arten, die es im Prinzip trocken mögen und auch "vertragen", duchaus positiv auf eine angemessene Befeuchtung reagieren. Gerade einheimische Arten würde ich immer etwas befeuchten und eher das Nest so konstruieren, dass es ggf nicht zu nass wird. Im Bedarfsfall würde ich auch immer einen Bereich anbieten, der etwas feucht ist. Wann ist es auch bei uns schon mal so trocken? Wir haben ja schließlich auch im Sommer meist Tau über Nacht.

Soweit mal meine unverbindlichen Beobachtungen.
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Re: Bei welchen Ameisenarten ist keine Nestbefeuchtung nötig

Beitragvon Sir Joe » Freitag 1. September 2017, 21:36

Ein sehr interessantes Thema, welches für viele Halter sicherlich recht aufschlussreich sein dürfte.

Merkur hat geschrieben:2.- Mir ist keine wiss. Veröffentlichung bekannt, in der von einer aktiven Nestbefeuchtung durch die Ameisen selbst in der Haltung berichtet wird. Hinweise auf solche Publikationen wären interessant.


Im Buch von Bert Hölldobler/ Edward O. Wilson (1994): Auf den Spuren der Ameisen. Die Entdeckung einer faszinierenden Welt. 3.Auflage 2016, Springer-Verlag GmbH Berlin Heidelberg (S.13) heißt es:

Bei vielen Arten formieren sie sich, wenn das Nest während einer Dürreperiode oder Hitzewelle austrocknet, zu einer lose organisierten Feuerwehr, indem sie in kurzen Abständen hin- und herrennen, Wasser von Mund zu Mund weitergeben und es schließlich auf den Boden und an die Wände des Nestes spucken.


Es ist zwar nicht von einer bestimmten Art die Rede, dennoch wird hier von einer aktiven Nestbefeuchtung durch Ameisen berichtet.

Ob diese Tatsache bereits in der Monografie „The Ants“ (1990), welche als Grundlage für „Auf den Spuren der Ameisen“ diente, niedergeschrieben wurde, weiß ich nicht.

Schöne Grüße
Sir Joe
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Re: Bei welchen Ameisenarten ist keine Nestbefeuchtung nötig

Beitragvon Merkur » Montag 4. September 2017, 09:22

Nestbefeuchtung bei Pachycondyla villosa (Mittel-und Südamerika)

In der Tat schreiben Hölldobler & Wilson (1990) in „The Ants“ ein paar Sätze über aktive Nestbefeuchtung bei Ameisen! S. 374 unter „Humidity regulation“ wird für Pachycondyla villosa (heute: Neoponera villosa (Fabricius, 1804) berichtet, dass viele Arbeiterinnen dieser Art immer wieder zu Tautropfen laufen, oder zu irgendwelchen anderen Stellen mit stehendem Wasser. Sie nehmen Tropfen zwischen die weit geöffneten Mandibeln, lassen auf dem Rückweg andere Arbeiterinnen daran trinken, füttern im Nest die Larven damit, befeuchten Puppenkokons, oder deponieren das Wasser direkt auf dem Boden. Auf diese Weise wird das Nest viel feuchter gehalten als der umgebende Boden.

Für Diacamma rugosum aus Südindien wird berichtet, dass sie laut Moffett (1985) die Nesteingänge mit „relativ hygroskopischen“ Materialien wie toten Ameisen oder Vogelfedern dekorieren, an denen sich in der Morgenkühle ebenfalls Tautropfen niederschlagen. („Hygroskopisch“ ist dabei wohl nicht der richtige Begriff. Das wären Substanzen wie Zucker oder Salz, die aus feuchter Atmosphäre Wasser aufnehmen. Gemeint sind Objekte mit großer Oberfläche, an denen sich leicht feinste Tautropfen niederschlagen. Ein Prinzip, das sich z. B. auch Flechten an trockenen Standorten zunutze machen.)

Taufeuchte bzw. Taunässe hatte ich ja bereits erwähnt. Ansonsten dürften es Ameisen trockener Gebiete wirklich schwer haben, Wasserquellen in Nestnähe zu finden, von denen sie Wasser zur Nestbefeuchtung gewinnen könnten.

Was diese Diskussion wieder einmal lehrt: Verallgemeinerungen sind riskant! – Da haben ein paar Leute in den Büchern von Hölldobler & Wilson gelesen, dass „Ameisen“ Wasser zur Nestbefeuchtung eintragen können. Die Basis ist die Beobachtung an einer einzigen Art. Über mehrfache Weitergabe ohne Berücksichtigung der – hier sehr kleinen - wiss. Grundlage wird daraus geschlossen, dass Ameisen generell, oder wenigstens häufig, ihre Nester auf solche Weise befeuchten können.
Es ist wie mit vielen solchen "allgemein bekannten", aber doch nur eingeschränkt gültigen Meinungen: „Ameisen haben Ameisensäure“: Ja, aber nur die eine Unterfamilie Formicinae. „Ameisen beißen“: Ja, aber die meisten können zusätzlich stechen (Ponerinae, Myrmicinae, so weit sie den Stachel nicht reduziert haben, ...). „Ameisen haben Soldaten“: Ja, aber es sind nur bestimmte Gattungen (Pheidole, einige Camponotus,…).

Es ist übrigens anzunehmen, dass außer Neoponera villosa auch andere Ponerinen, oder Angehörige anderer Unterfamilien, Wasser zur Nestbefeuchtung eintragen können. Vielleicht wurden in den 27 Jahren seit Hölldobler & Wilson (1990) doch irgendwo entsprechende Untersuchungen publiziert. - Mir ist allerdings nichts dergleichen bekannt, aber bei der rasant wachsenden Ameisenliteratur kann auch ich längst nicht mehr alles lesen! :)

MfG,
Merkur
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