Camponotus sp.und Temnothorax sp. im Gemeinschaftsbecken

Hier können Fragen rund um das Thema Ameisenhaltung gestellt werden.

Camponotus sp.und Temnothorax sp. im Gemeinschaftsbecken

Beitragvon Merkur » Sonntag 5. November 2017, 16:59

Die Haltung mehrerer Ameisenarten in einer gemeinsamen Anlage ist ein öfter wiederkehrendes Thema. Ältere Berichte in den Foren geraten
rasch in Vergessenheit; in Zeitschriften veröffentlichte Erfahrungen werden nur selten von Interessenten zu Rate gezogen. Ich habe mich daher
entschlossen, einen in der Zeitschrift der DASW 2005 publizierten Beitrag hier einzustellen. Er mag auch zum "Schmökern" in den entsprechenden
Journalen anregen. Das Gesamt-Inhaltsverzeichnis der "Ameisenschutz aktuell" gibt es hier. Einzelhefte sind jederzeit noch erhältlich. In diesem
Fall geht es darum, dass in der gemeinsamen Haltung von Camponotus herculeanus und Temnothorax unifasciatus interspezifischer Futteraustausch beobachtet wurde.

Futter für Feinde fördert Frieden.
Von ALFRED BUSCHINGER und SEBASTIAN SCHMID
(2005) - Ameisenschutz aktuell 19, 99-101.

Was macht eine kleine, schwache Ameise, wenn sie unverhofft einer viel größeren begegnet, noch dazu von einer ganz anderen Art?
Die fast immer zutreffende Meinung ist, dass die schwächere Ameise schleunigst Fersengeld gibt, oder sich an den Boden drückt und
hofft, dass die Gefahr vorübergehen möge. Auch dieses Sich-Verbergen ist ja nicht selten zu beobachten.
Aber es gibt auch eine andere, überraschende Möglichkeit, eine solche unheimliche Begegnung unbeschadet zu überstehen: Man bringt
den vermeintlichen Gegner auf andere Gedanken, man bietet ihm Futter an!

Es war in den 60er und 70er Jahren, als Untersuchungen zum Sozialverhalten von Ameisen mittels radioaktiv markierten Futters groß in
Mode kamen. Heute wären solche Versuche dank viel schärfer gewordener Bestimmungen über den Umgang mit radioaktiven Substanzen
kaum noch genehmigungsfähig; damals jedoch konnte man sogar draußen im Wald mit radioaktivem Phosphor markierten Honig an ein
Formica-Volk verfüttern und den Transport der Substanzen zu anderen, weiter entfernten Nestern der Superkolonie verfolgen.
Im Labor haben GÖßWALD, KLOFT und Mitarbeiter in dieser Zeit eine ganze Reihe von Experimenten zur Futterverteilung auch zwischen
Arbeiterinnen verschiedener Arten durchgeführt. In HÖLLDOBLER & WILSON (1990) sind die meisten dieser Arbeiten referiert. Die Publikation
von BHATKAR & KLOFT (1977) sei exemplarisch erwähnt.
In relativ engen Glasringen konfrontierten sie jeweils eine Arbeiterin, deren Kropf mit radioaktiv markiertem Futter gefüllt war („Futterspenderin“),
und vier hungrige Arbeiterinnen einer anderen, stärkeren Art. Diese müssen nicht unbedingt größer sein, es reicht auch, wenn sie sich aggressiver
gebärden. Und tatsächlich, nach einer vorgegebenen Zeit ließ sich auch in den „Empfänger“-Ameisen Radioaktivität nachweisen, kämpferische Auseinandersetzungen waren selten.
Nun wurde das in recht künstlich anmutenden Laborbedingungen, sozusagen unter Zwang, untersucht. Gedeutet wurden solche Ergebnisse als ein Besänftigungsverhalten der unterlegenen Ameisen gegenüber den stärkeren „Angreifern“. Im Freiland ist so etwas natürlich kaum zu verfolgen.
Heute werden zahlreiche Ameisen als Heimtiere in Formikarien gehalten und zum Teil minutiös beobachtet. Dabei lassen sich gelegentlich sogar wissenschaftlich verwertbare Beobachtungen anstellen.

Einer von uns (S. SCHMID) hält in einem Formikarium (Abb. 1) nebeneinander ein Volk der großen, „starken“ Rossameise Camponotus herculeanus, derzeit in entsprechend ausgestatteten Reagenzgläsern, weil die Kolonie noch jung ist und wenig Platz benötigt. Sie bewohnt ihr Nest seit mehreren
Monaten und umfasste zur Zeit der hier beschriebenen Beobachtung eine Königin, 10 Arbeiterinnen, 22 Larven und 15 Eier. In demselben Formikar
wurde 13 Tage vor der Beobachtung ein Völkchen der kleinen Schmalbrustameise Temnothorax unifasciatus angesiedelt, in einer hohlen Haselnuss,
die sozusagen in der Futterarena platziert wurde.
image001-Schmid.jpg
Abb. 1
Das übersichtlich ausgestattete Formikarium besteht aus einer ovalen Wanne (ca. 65 x 40 cm). Links unter der Abdeckung liegen mehrere Reagenzgläser, die von der Camponotus-Kolonie bewohnt werden. Rechts auf der Steinplatte ist die Haselnuss zu erkennen, in der das T. unifasciatus-Völkchen lebt.

Normalerweise kommen sich Arbeiterinnen der beiden Arten nicht in die Quere; eigentlich sind die Temnothorax zu klein, um bei den Rossameisen überhaupt Beachtung zu finden. Manchmal sieht man je eine Arbeiterin der beiden Arten nebeneinander am Futternapf trinken. Sie lebten also bereits
seit zwei Wochen friedlich zusammen.
Zufällig konnte nun am 17. Juli 2005 beobachtet und sogar fotografiert werden, wie eine Camponotus-Arbeiterin die Haselnuss sorgfältig inspizierte. Eine aus dem Nesteingang kommende Temnothorax-Arbeiterin schien ihr Interesse zu wecken (Abb. 2). Und in Abb. 3 sieht es ganz so aus als ob die T. unifasciatus-Arbeiterin die große Rossameise füttern würde! Zumindest sind Kopf und Thorax so angehoben, wie man das von kleineren Ameisen kennt, wenn sie größere Art- und Nestgenossinnen füttern. Die Begegnung der beiden so ungleichen Partner dauerte immerhin etwa zehn Minuten.

image003-Schmid2.jpg
Abb. 2
Eine Camponotus-Arbeiterin nimmt Kontakt mit einer T. unifasciatus auf. Ihre Mandibeln sind geschlossen, sie zeigt keine Aggression.

image005-Schmid3.jpg
Abb. 3
Hier hat man stark den Eindruck, dass die T. unifasciatus-Arbeiterin der großen Camponotus Futter anbietet. Hungrig dürfte keines
der beiden Tiere sein, da Futter (Honigwasser) in nächster Nähe geboten wird.
Alle Fotos von S. Schmid.

Die Bilder sind wegen der geringen Größe der Temnothorax und wegen ungünstiger Lichtverhältnisse nicht ganz optimal und mussten beträchtlich nachbearbeitet werden. Dennoch glauben wir, dass hier eine interspezifische Futterübertragung stattgefunden hat. Und dies nun unter deutlich
naturnäheren Bedingungen als in den oben beschriebenen Radioisotopen-Experimenten!
Die interspezifische Futterabgabe zum Zweck der Besänftigung überlegener „Gegner“ ist in jüngerer Zeit nicht sehr beachtet worden. Unsere Zufallsbeobachtung gibt vielleicht Anlass, doch einmal intensiver auch im Freiland nach Anzeichen eines solchen Verhaltens Ausschau zu halten.
Vielleicht beruht manche gute Nachbarschaft ansonsten aggressiver und unduldsamer Arten doch zum Teil auch auf einer gelegentlichen „Friedensgabe“
in Form eines Futtertröpfchens?

Literatur:
BHATKAR, A.P. & KLOFT, W.J. (1977): Evidence, using radioactive phosphorus, of interspecific food exchange in ants. Nature (London) 265:140-142.
HÖLLDOBLER, B. & WILSON, E.O. (1990): The Ants. The Belknap Press of Harvard University Press, Cambridge, Mass.,732 S.

MfG,
Merkur
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Re: Camponotus sp.und Temnothorax sp. im Gemeinschaftsbecken

Beitragvon Reber » Sonntag 5. November 2017, 18:17

Vielen Dank für den Bericht! Ich halte ebenfalls eine Temnothorax cf. nylanderi Kolonie in der Arena von Camponotus ligniperda. Die Arten kommen miteinander klar. Probleme gibt es allerdings mit dem Proteinfutter, da Camponotus ligniperda alles was sich erreichen und bewegen lässt einträgt.
Ich empfehle daher eine Futterdose mit kleiner Öffnung, die nur von den Kleinen betreten werden kann.
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"Obgleich die Welt ja, so zu sagen,
Wohl manchmal etwas mangelhaft,
Wird sie doch in den nächsten Tagen
Vermutlich noch nicht abgeschafft."
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