Warum soll man Futterinsekten überbrühen?

Hier können Fragen rund um das Thema Ameisenhaltung gestellt werden.

Warum soll man Futterinsekten überbrühen?

Beitragvon Merkur » Dienstag 17. September 2019, 20:13

Ich hab‘s ja schon ein paar Mal aufgegeben, gute Tipps zur Ameisenhaltung zu geben. Aber wenn ich so etwas lese: „Weshalb müssen wir Insekten als Ameisenfutter abkochen, warum den Boden backen,…? - Und die Antworten dazu im Formiculture-Forum, dann kribbelt‘s mich doch irgendwie. :(

„You don't need to boil food, in fact boiling makes the body fluids solid which is uncomfortable for most ants as adult ants cannot eat solid food (they just lick up the body fluids), only the larvae have chewing/chrushing mandibles.
I've been feeding frozen and freshly killed food for 2 years now and never had any issues. That mite thing is a complete hysteria, I never had feeder insects with parasitic mites and neither did any wild-caught insects have them (I sometimes catch spiders and when it's warm often kill lots house flies and green bottle flies with an electic fly swatter as my ants love those).“

„Du brauchst das Futter nicht kochen; Das Kochen verfestigt die Körperflüssigkeiten, was für die meisten Ameisen unangenehm ist, da adulte Ameisen kein festes Futter fressen können (sie lecken nur die Körperflüssigkeiten auf), nur die Larven haben kauende Mandibeln. Ich habe gefrorenes und frisch getötetes Futter nun seit 2 Jahren verfüttert und hatte nie Probleme. Diese Milben-Geschichte ist komplette Hysterie; ich hatte nie Futterinsekten mit parasitischen Milben noch hatten irgendwelche gefangenen wilden Insekten welche….“

Da hat „Serafine“ wohl nur Glück gehabt, anders als zahllose Ameisenhalter, die in den Foren seit Jahren immer wieder über Milbenbefall klagen und überzeugende Bilder davon posten. Auch die „heißgeliebten“ sogenannten Futtermilben (wir hatten sie wiederholt mit gekauften Mehlwürmern eingeschleppt) vergreifen sich an Ameisenbrut, vor allem an Nacktpuppen.

Wir haben in meinem Labor über Jahrzehnte NUR überbrühte (kurz mit heißem Wasser überschüttet, NICHT hartgekocht) und danach eingefrorene Schaben sowie Puppen von Mehlkäfern verfüttert. Und hatten dadurch jedenfalls keine Probleme, sondern haben Ameisen vieler Arten damit über Jahre (manche Völker z. T. 5-7 Jahre!) nicht nur gehalten, sondern sogar über mehrere Generationen gezüchtet. Ameisen sind durchaus in der Lage, aus solchem Futter durch Kauen noch Flüssigkeit zu gewinnen. Weiterhin scheint S. nicht zu wissen, dass Larven, die tatsächlich festes Muskelgewebe zerlegen, schlucken und verdauen können, bei vielen Arten (ob bei allen ist nicht untersucht) auf Anforderung flüssige Sekrete aus dem Mund an die Arbeiterinnen abgeben. Bei Leptothorax, Temnothorax, Camponotus und anderen Gattungen werden Larven auch angebissen, so dass Arb. und sogar Königinnen deren Hämolymphe trinken können. Und das alles ohne den Larven zu schaden!

Hört nicht auf solche „Empfehlungen“ und wenig sachkundigen Erläuterungen! Es gibt jede Menge Informationen von echten Wissenschaftlern! (Die allerdings Anderes zu tun haben, als ihre Erkenntnisse in pausenlosem Trommelfeuer allen Foren und "sozialen" Medien aufzudrücken).
Aufschlussreich z. B.: „Narben und Wundheilung bei Ameisenlarven“, HIER.

Vielleicht lesen es ja doch ein paar Halter und können dadurch Misserfolge vermeiden.

MfG,
Merkur
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Re: Warum soll man Futterinsekten überbrühen?

Beitragvon Reber » Mittwoch 18. September 2019, 13:17

Ich füttere einzelne Völker auch lebend mit gekauften Heimchen und mit selber gezüchteten Fruchtfliegen und hatte bisher immer Glück. Dieses Jahr habe ich leider bei Camponotus ligniperdus Futtermilben in die Arena eingeschleppt. Im trockenen Becken hat es keine Springschwänze und ich habe die "Futtermilben" später an Drohnenbrut im Becken entdeckt und - als ich die Futterreste entfernte am Deckel des Formicariums entdeckt. Sie müssen von meinen - lebend gefütterten - Fruchtfliegen stammen, die Drohnenbrut kommt aus dem Tiefkühler. Ich dachte eigentlich, ich hätte die Fruchtfliegen-Zuchtsätze inzwischen milbenfrei. Bei der Nachkontrolle fand ich dann doch wieder Futtermilben darin... Trotz vorsichtigem Umgang und der Lagerung der Gläser auf einem in die Breite verlaufenden Rost (der die Ausberitung erschwert). Bei meinen Odontomachus haematodus, die ich ebenfalls lebend füttere, haben sie sich nicht merklich festsetzen können. Das kann am feuchten, mit Springschwänzen besetzten Becken, am Klima oder am Glück liegen...

Wer übrigens einmal die Gelegenheit hat, Wiesenplankton einzufangen, soll sich die Auswahl doch mal mit dem Mikroskop oder der Lupe ansehen, das Gleiche gilt für tote Wildbienen vor den Nisthilfen (wenn die Saison durch ist) - Glück hat, wer keine Milben auf den Tieren entdeckt! Ich finde es richtig, wenigstens auf die Gefahr hinzuweisen - und sie nicht herunter zu spielen. Wie man damit umgeht, kann dann jeder Halter selbst entscheiden...
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Re: Warum soll man Futterinsekten überbrühen?

Beitragvon Krabbeltierfan » Mittwoch 18. September 2019, 20:32

Futtermilben sind bei meiner Haltung momentan kein Problem, da ich tatsächlich eine natürliche Haltung habe. Dort arbeiten Springschwänze und Asseln an der Beseitigung allen Unrats. Meine Ameisen leben dadurch auch nicht so steril. Das bedeutet irgend eine Form von Milben wird da sicherlich ebenfalls drin leben. Genaueres kann ich gar nicht sagen. Aber die Kolonie scheint zu wachsen, das reicht mir erstmal.

Die Futterinsekten aus der Zucht habe ich auch immer eingefroren und/oder abgekocht. Mir schien das Risiko hoch, dass diese befallen sind. (durch parasitäre Milben, da habe ich mal ganz fiese Fotos von Heimchen gesehen) Insekten und Spinnen, die sich in meine Wohnung verirren, verfüttere ich allerdings auch mal "so". Eine Sicherheitslücke die bislang wenig bestraft wurde. Aber ich habe eine Lupe und gucke mir das immer mal an.

Mich wundert es, warum so ein Risiko so runtergespielt wird. Die Berichte von total "vermilbten" Kolonien sind mir noch gut in Erinnerung. Natürlich erwischt es nicht jeden und sicherlich tragen auch Haltungsbedingungen dazu bei, ob und wie stark Kolonien angreifbar sind. Ich für meinen Teil habe es zumindest immer im Hinterkopf, würde einem Anfänger da aber im Zweifel zu Vorsicht raten. So wie ich selbst das eben auch handhabe.
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Re: Warum soll man Futterinsekten überbrühen?

Beitragvon Trailandstreet » Dienstag 24. September 2019, 07:42

Ich halte ja in der Hauptsache einheimische Arten und da stellt sich natürlich die Frage, ob diese denn mit den wohl einehimischen Milbenarten besser umgehen können als es vielleicht bei einer tropischen Art der Fall sein mag.
Auf jeden Fall konnte ich bisher ausser Springschwänzen und Futtermilben kaum etwas anderes bei den Ameisen beobachten.
Inzwischen bekommen meine aber auch nicht mehr so viele insekten wie früher, dafür gibt es dann auch mal Fleisch und Ei etc.
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Re: Warum soll man Futterinsekten überbrühen?

Beitragvon Merkur » Montag 14. Oktober 2019, 19:09

Der Kampf gegen die „Milben-Hysterie“ der Ameisenhalter ist schon echt aufreibend :ironie: .
Wie auch, wenn immer wieder in Formikarien Milben auftauchen, nicht selten mit fatalen Folgen.

Auf erneute Verharmlosung von Milbenbefall, garniert mit einer Information, die nicht dem Fachwissen entspricht, stieß ich gestern im AF, HIER, letzter Abschnitt.
Serafine:"Ich brühe meine Futtertiere übrigens garnicht ab (nur Spinnen werden über Nacht eingefroren) und hab jetzt in 3 Jahren keine Probleme gehabt. Die Hysterie vor Milben in der Ameisenhaltung ist ziemlich übertrieben, die meisten Milben interessieren sich überhaupt nicht für Ameisen und reiten höchstens als blinde Passagiere mit zu neuen Lebensräumen (es gibt einige wenige Arten die während der Reise mit dem HINTERN an Ameisen saugen können, aber die ziehen nicht viel Nahrung und v.a. vermehren sie sich in diesem Zwischenstadium nicht).

Richtig ist, dass es Milben gibt, die ein Entwicklungsstadium („Deutonymphe“) durchmachen, in dem sie mittels eines Sekretstiels am Hinterende sich auf Transportwirten festheften, jedoch ohne Nahrungsaufnahme, denn "hinten" gibt es keine Mundwerkzeuge. Es ist eine Familie der Milben mit dem Namen Uropodidae (in etwa „Schwanzfüßer“, vgl. die "Uropoden", Schwanzfüße bei Krebstieren).
Ich empfehle dringend,diese Seite mal anzuklicken und nach den Gattungen der Familie sowie den Arten der Gattung Uropoda zu suchen.
Es gibt Fachleute, die sich mit dieser unglaublichen Vielfalt auskennen; ich gehöre nicht dazu. :roll:

Doch zurück zu den o.g. für Ameisen "harmlosen" Milben. Kurze Suche im Netz führte mich zu einem Artikel von 2006, in dem die Sache brandaktuell wird: Hier wird beschrieben, wie ausgerechnet die bei Ameisenhaltern beliebte Pheidole megacephala von Milben aus der Fam. Uropodidae befallen ist, und wie diese pest-Ant durch ihre pest-mites dezimiert wird:
https://link.springer.com/article/10.10 ... 005-0854-5 Brood parasitism by mites (Uropodidae) in an invasive population of the pest-ant Pheidole megacephala
Insectes Sociaux 2006, Volume 53, Heft 2, pp 168–171.
Diese Milben verbringen ihr ganzes Leben an Larven bzw. Puppen der Pheidole (sie wurden auch auf Pheidole noda gefunden, der vom Threadersteller im AF gehaltenen Art!) und sind schwer erkennbar, da sie auf der Ventralseite der Puppen unter einem Schutzschild leben, der die Gaster der Puppe komplett abdeckt. Und natürlich saugen sie ihre Nahrung mittels ihrer Mundteile aus den Puppen. Alle Formen, Geschlechtstiere, Arbeiterinnen und Soldaten, sind betroffen. Der Befall ist tödlich.
Im Untersuchungsgebiet (Insel Okinawa, im Süden von Japan) waren durchschnittlich 92 % der Völker befallen, darin unter den Puppen von minors, majors, Männchen und Gynen zwischen 1,8 % (Gynen) und 63.5 % (majors).

Pheidole-milben.jpg
Aus Ins. Sociaux53, S. 170
Fig. 2 aus dem Artikel zeigt eine befallene Soldaten-Puppe. Die Beschriftung ist etwas irreführend: Die Milbe ist das dunkle Gebilde UNTER der Gaster der Puppe, wie aus dem Text hervorgeht.
In Fig. 3 ist links eine adulte Milbe gezeigt, rechts die Oberseite des Schutzschildes einer Milbe.

Es empfiehlt sich also, doch mal ein paar Puppen aus einer Pheidole-Kolonie umzudrehen (v. a. bei Neuerwerbungen bzw. Völkern, die nicht recht gedeihen) und mit einer guten Lupe auf solche Anhängsel zu prüfen. Natürlich ist nicht auszuschließen, dass weitere Pheidole-Arten, auch aus anderen Regionen, befallen sind, wobei es sich dann eher nicht um die hier beschriebene Milbenart handeln dürfte.
„ mit dem HINTERN an Ameisen saugen“ - die Entdeckung einer Arthropoden-Gruppe, die das kann, die wäre jedenfalls schon Nobelpreis-würdig. :ironie:

Btw: In demselben Thread wird auch über Backpulver zur Ameisenbekämpfung Falsches behauptet:
Serafine:
„Kaldir hat geschrieben:Also platzen Ameisen einfach nicht durch Backpulver, sterben aber, oder wie sieht das aus?“
(A:) Nein, sie platzen nicht, das ist Unfug. FRÜHER war in Backpulver immer Natron drin, dass den Stoffwechsel de Ameisen durch pH-Verschiedbung wohl so aus der Balance bringen kann, dass sie daran sterben. In modernen Backpulvermischungen ist aber in der Regel überhaupt kein Natron mehr drin.
Wenn etwas Unfug ist, dann diese Behauptung. Ein kurzer Blick in Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Natriumhydrogencarbonat = Natron. Wird sehr wohl heute als Backtriebmittel verwendet. Und die angebliche „pH-Verschiebung im Stoffwechsel...“ ist ebenfalls Unfug; dazu müssten die Ameisen das Natron erst mal fressen, was sie nicht tun.

Mich stört vor allem, dass die Suchmaschinen derartige Ausrutscher finden und naive User damit in die Irre führen können. So etwas muss doch wahrlich nicht sein! :roll:

MfG,
Merkur
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Re: Warum soll man Futterinsekten überbrühen?

Beitragvon Krabbeltierfan » Dienstag 15. Oktober 2019, 15:20

Die Befallsrate und Art des Befalls bei Pheidole megacephala zeigt mir besonders zweierlei auf: Einerseits, wie gering die Chance ist, von den Shops eine Kolonie ohne Befall zu bekommen. Das ist sicherlich je nach Art unterschiedlich. Gibt es da generell eine Übersicht über die Befallsraten bei Ameisen, hat das mal wer untersucht? Die Tiere werden schließlich gefangen und ich bezweifle, dass man solch einen Befall immer nachweisen und aussortieren kann. Das liegt andererseits daran, dass es scheinbar wirklich schwer ist die Milben zu entdecken. Besonders als "Durschnittshalter", zu denen auch ich mich zähle.

Mein vorangegangener Kommentar beinhaltete den Satz
Aber ich habe eine Lupe und gucke mir das immer mal an.
. Nun muss ich für mich feststellen, dass ich das vermutlich auch einfach lassen kann. Der Satz
Das bedeutet irgend eine Form von Milben wird da sicherlich ebenfalls drin leben.
trifft also wahrscheinlich stärker zu, als angenommen.

Besonders vor dem Hintergrund, dass ich kürzlich einen Bericht zu Milbenbefall beim Menschen genießen durfte. So sind fast alle Menschen z.B. von Milben befallen, die in unseren Talgdrüsen leben. Von Hausstaubmilben etc. mal ganz zu schweigen. Daher: Gibt es überhaupt eine milbenfreie Haltung? Oder geht es nicht viel mehr um eine Balance des Befalls durch möglichst gute Bedingungen für die Ameisen, sodass der biologische Stress ausgehalten werden kann? Und im Bezug auf eine Unterhaltung, die ich im Discord mitlesen durfte: Können z.B. Raubmilben dieser Diversität an Befallsarten wirklich effektiv entgegenwirken bzw. wie groß muss da eigentlich das Wissen über die Räuber-Beute-Beziehung von Milben sein, ohne ins "blaue zu doktorn"?
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