3D-Nester - Gel Nest 2.0 ?

Hier können Fragen rund um das Thema Ameisenhaltung gestellt werden.

3D-Nester - Gel Nest 2.0 ?

Beitragvon Geltungen » Donnerstag 4. Februar 2021, 03:12

Guten Abend,

seit dem Erwerb einer Camponotus pseudoirritans bin ich stolzer Eigentümer von einem 3D-Nest.

Ich persönlich hatte bereits vorher meine Bedenken und kann mich mit dem Gedanken
überhaupt nicht anfreunden, dort Ameisen zu halten.

Auch wundert es mich, dass die Generation der Nachhaltigkeit (und wir erinnern uns an die Proteste "FFF"),
sowas gut findet und "hyped". Neben etlichen Betriebsstunden / je Nest (Stromverbrauch, hoffentlich "grüner Strom ;) ),
ist auch das Material zu kritisieren. Plastik bzw. Kunststoff soll ja schließlich verschwinden.

Für mich sind 3D-Nester die Gel-Farmen als eine Art "Remake" - oder anders gesagt: Die Gel-Farm 2.0.

Jetzt aber zum eigentlich Thema.
Mein Beitrag im AAM:
discord.PNG


Über Bekannte (alles ehemalige oder aktive/stille Ameisenhalter),
lässt sich eine hohe Unzufriedenheit ggü den 3D-Nestern ermitteln.

Was denkt diese Community über diese Form "Nest"?
Gibt es jemanden, der vielleicht meinen Text noch ergänzen oder kritisieren will?

Ich bin, wie gesagt, überhaupt nicht zufrieden. So ein Verhalten habe ich nur,
wenn man ein Reagenzglas grob durchgeschüttelt vom Postboten erhält.

Ameisen mit starker Säureabgabe, zB Raptiformica sanguinea oder sogar Formica fusca
hätten sicher bei einem Transport oder anderen Art von groben Einwirkung einen hohen (bis irreversiblen) Schaden davon getragen.

Auch gefällt mir die Bewässerung nicht. Weder über ein "Mikrosieb", noch
über das Kondensat an der Unterseite der Acryl-Glasscheibe.

Es hat sich auch gezeigt, dass das Wasser über extern angebotene Reagenzgläser viel lieber
angenommen wird, als jenes, welches von der Decke "aufgenommen" werden kann.


Zum Wochenende setze ich die Kolonie in ein Ytong/Gips-Nestblock um.

Grüße
Geltungen
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Geltungen
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Re: 3D-Nester - Gel Nest 2.0 ?

Beitragvon Reber » Donnerstag 4. Februar 2021, 14:45

Eine interessante Frage!
Ich sehe es nicht genauso. Denn im Gegensatz zu den Gel-Farmen, lassen sich einige Arten offenbar doch recht lange und gut in diesen Kunststoff-Nestern halten? So zumindest der Eindruck, welcher entsteht, wenn man die Haltungsberichte der jungen User verfolgt. Oder täusche ich mich? Ist es wie bei den Kakteen, die auf Fensterbänken langsam vor sich hin sterben, ohne das es der Halter bemerkt?
Selbst habe ich keinerlei Erfahrung mit 3-D-Nestern. Allerdings habe ich auch schon manche Kolonien in Plastik-Reagenzgläsern mit Wassertank gehalten – manchmal sogar mit Filterwatte. Und es schien ihnen nicht zu schaden. Zwar sind viele Ameisen nicht wirklich wählerisch (wenn sie keine Alternative haben). Ob es ihnen in den Nestern auch gut geht, sieht man allerdings nur über längere Zeit und daran ob sich die Kolonien positiv entwickeln oder eben nicht.
Als Nester kommen für mich (neben den Reagenzgläsern) punkto des Preises und Nachhaltigkeit weiterhin besonders Gips, Holz und Ytong-Nester in Frage.
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Re: 3D-Nester - Gel Nest 2.0 ?

Beitragvon Merkur » Donnerstag 4. Februar 2021, 21:27

Hallo Geltungen,

Danke für diesen Beitrag, der mir zum Teil aus der Seele spricht. Es freut mich besonders, dass mal ein anderer User so ein „heißes“ Thema aufgreift!

Viele Typen von 3d-Formikarien finde ich einfach potthässlich. Aber über Geschmäcker soll man nicht streiten; das ästhetische Empfinden ist individuell variabel.
Da will man sich „ein Stückchen Natur“ ins Haus holen, und dann interniert man die Ameisen in einem Ambiente, das mit Natur nun mal absolut nichts gemein hat. Gut, „suum cuique“, und dass die Ameisen darunter leiden, glaube ich eher weniger.

Du sprichst den Plastik-Müll an. Auch wenn die anfallenden Mengen im Vergleich zu Verpackungsmüll nur wenig ins Gewicht fallen dürften, denke ich immer mal wieder darüber nach, wie viele z. B. der unzähligen Gel-Formikarien nach kurzem Gebrauch im Müll landen (oder in Keller bzw. Dachrumpelkammer vor sich hin gammeln). Sie werden ja noch immer verkauft... :(
Vielen der 3D-Nester wird dasselbe Schicksal beschieden sein, wenn zahllose enttäuschte Anfänger bemerken, dass Ameisenhaltung halt doch nicht ihr Hobby wird.
Bei der Herstellung dürften erhebliche Mengen an „Fehldrucken“ und unverbrauchtem Material anfallen. Wie viele der gekauften Drucker werden wirklich über längere Zeit und für viele Produkte genutzt? - Ich weiß es nicht.

Als ein Mensch, der seine Jugendzeit (geb. 1940) in den Nachkriegsjahren verbracht hat, ist mir „Sparsamkeit“ eingeprägt! „Wozu Klopapier kaufen, wenn man mit einem Zeitungsabonnement zwei Fliegen mit einer Klappe erledigen kann?“ Aquarien, Terrarien: bekam man schon aus der Verwandtschaft oder Nachbarschaft geschenkt. Tiere fing man sich selbst (Kröten, Molche, Eidechsen, Schlingnatter & Co. gab es noch genügend; strenge Schutzbestimmungen gab es nicht). Für ein paar einfache exotische Fischchen musste man über Monate das kärgliche Taschengeld sparen. - Ich will nicht langweilen.

Ein Problem mit den Plastik-Formikarien könnte bei Verhaltensänderungen eine Rolle spielen, evtl. weniger in größeren Plastik-“Aquarien“ mit entsprechender Einrichtung und Bodensubstrat, aber mehr in den 3d-Konstruktionen mit innerer Gliederung:
Das Material kann sich bei Reibung elektrostatisch aufladen, und Insekten mit ihrer Chitin-Kutikula ebenfalls. Jeder kennt das Ergebnis: Man geht über einen Kunststoff-Boden, greift an eine Türklinke, AUTSCH! „Man kriegt eine gewischt“. Manchmal bekommt man sogar einen „Schlag“, wenn man nur jemandem die Hand reicht.
- Ob sich Ameisen beim Laufen auf Kunststoff-Oberflächen ebenfalls elektrostatisch aufladen, im Micro-Maßstab, wer weiß?
Im alten AF hatte ein User verkündet: „Meine Ameisen können fliegen!“ - Beim Öffnen des Deckels eines einfachen Kunststoff-Behälters „flogen“ die Ameisen auf gekrümmter Bahn von innen nach außen, und dann sogar zurück. Ich hatte ähnliche Erfahrungen gemacht: Unsere Leptothorax etc. hielten wir in Plastik-Schachteln. An der Innenwand waren sie mit Paraffinöl ausbruchssicher gemacht. Doch wenn man den Ölfilm mit einem Stückchen Handtuchpapier überstrich um anhaftende Schmutzpartikel zu entfernen, konnte es geschehen, dass einzelne Ameisen im Bogen nach außen, und dann wieder zurück „flogen“: Durch das Reiben an der Innenwand hat sich die elektrische Ladung in der Wand verschoben. Die Ameise hat sich innen an der Wand z.B. negativ aufgeladen, flog entlang der Feldlinien nach außen, hat sich dort entladen, und flog zurück. :)
Wie gesagt: Es müsste untersucht werden, ob Ameisen in den gedruckten Formikarien Ähnliches erfahren wie wir an der Türklinke. Die Ameisen halte ich für empfindlich genug. Bei Antennenberührung zweier unterschiedlich geladener Ameisen könnte es durchaus zu missverständlichen Signalen kommen. ;)

Mit Materialien wie Glas, Ytong, Gips, Holz, Sand und Erde ist so etwas ausgeschlossen.
Die Probleme mit der Struktur mancher Ytong-Sorten (Poren, in denen Eier und kleine Larven verschwinden) lassen sich mit Gips- oder Lehmanstrich lösen.
Geeignete Bewässerung und das von Geltungen angesprochene Problem mit Ameisensäure dürfte in natürlichen Materialien ebenfalls weniger Probleme machen.

Fazit: Im Gegensatz zu den unbrauchbaren Gel-Formikarien lassen sich Ameisen in 3D-gedruckten Kunststoffnestern über längere Zeit halten. Probleme lassen sich wohl weitgehend lösen mittels Inneneinrichtung, Bodensubstrat, und geeigneter Konstruktion für Futter- und Wasserzugabe sowie Reinigung. Ob sie "schön" sind, muss jede/r für sich entscheiden. ;)

MfG,
Merkur
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Re: 3D-Nester - Gel Nest 2.0 ?

Beitragvon Geltungen » Donnerstag 4. Februar 2021, 21:52

Ob sich Ameisen beim Laufen auf Kunststoff-Oberflächen ebenfalls elektrostatisch aufladen, im Micro-Maßstab, wer weiß?
Im alten AF hatte ein User verkündet: „Meine Ameisen können fliegen!“ - Beim Öffnen des Deckels eines einfachen Kunststoff-Behälters „flogen“ die Ameisen auf gekrümmter Bahn von innen nach außen, und dann sogar zurück. Ich hatte ähnliche Erfahrungen gemacht: Unsere Leptothorax etc. hielten wir in Plastik-Schachteln.


Dazu eine direkte Rückmeldung:

Hatte mich die letzten Tage schon sehr gewundert, - warum die Ameisen von meinem Finger springen können?
Quasi wie Gigantiops destructor von Punkt A zu Punkt B.
Ganze 5-8 cm. Direkt nach dem Aufsetzen.
Hatte da, glaube ich, sogar die Plastikwand der Arena berührt.

Ich bin aktuell noch nicht ganz dahinter gekommen, ob es an der Art ( hier Camponotus pseudoirritans )
oder eine mögliche Erklärung in der oben aufgeführten Vermutung liegen könnte.

Andere Halter haben das nämlich in einem Gipsnest/Ytongnest nicht beobachten können.
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Geltungen
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Re: 3D-Nester - Gel Nest 2.0 ?

Beitragvon Antspy » Freitag 5. Februar 2021, 12:54

Hi!

Ich halte meine Tiere alle in verschiedenen (selbst gemachten) 3D Formicarien/Arenen und habe bei keiner Kolonie Probleme feststellen können. Die Nestmodule werden sogar von einigen Arten besser angenommen als Porenbeton- oder Gipsnester.

Wenn man es richtig macht, nutzt man zum Druck von Objekten zur Tierhaltung PLA (Polyactid), eine Milchsäure. Je nach Herstellerqualität ist das Produkt dann von "ungiftig" bis zu "Lebensmittelecht" klassifiziert und hat auch keine weiteren Emissionen (während der Verarbeitung allerdings schon). PLA kann sowohl recycled (es wird erhitzt und erneut als Faden gezogen und auf eine Rolle aufgewickelt) als auch in Industriekompostern abgebaut werden. Eine wahrnehmbare elektrostatische Aufladung konnte ich bisher im Umgang mit den Bauteilen nicht erkennen, sie "ziehen" auch keine Katzenhaare oder mehr als den gewöhlichen Staub an. Leere Prototypen oder Nester werden im Keller gerne auch mal völlig freiwillig von allerlei Hausspinnen besiedelt :)

Die Arenen wie auch Nester können mit Naturmaterialein genutzt werden - wie die meisten anderen Konstruktionen auch. Vorgedruckte Nestinlays sind auch mit Holz bzw. Korkanteil (Camponotini ziehen da überraschend schnell um). Ich nutze gerne die Variante mit Anteil von Naturstoffen in den Nestern, um besseren Einblick auf die Kolonie zu haben. Arenen sind bei mir - wie bei den meisten Haltern - mit Substrat, Pflanzen, Steinen und Dekor ausgestattet. Kolonien, die ihren Aufzuchtkistchen entwachsen, bekommen mehrere Nestmöglichkeiten angeboten und wählen selbst, ob und wann sie in welche davon umziehen.

Der Energieaufwand ist im Vergleich mit anderen Produktionsmethoden sehr gering, ich produziere etwa mit Energie aus meiner Photovoltaik. Da es sich um Einzelstückproduktionen und keine industrielle Massenfertigung handelt, wird üblicherweise auch nur leicht über Bedarf produziert, so liegen dann keine großen Mengen an Produkten in irgendwelchen Lagern herum, falls der Absatz nicht klappt wie geplant. Besonders gefällt mir allerdings am 3D Druck, dass ich schnell auf Konstruktionsfehler, Mängel, Kundenwünsche und Verbesserungsvorschläge reagieren kann - ein direktes Resultat davon, dass die Technik ja auch für rapid prototyping bestens geeignet ist.

Man kann sich jetzt in Details verlieren, etwa dem notwendigen Energieaufwand zu Herstellung des Rohmaterials oder der Emissionen durch den Transport. Allerdings ist dies immer in Relation mit den Alternativen zu sehen: Massenspritzguss braucht mehr Rohstoffe sowie Energie und wird insgesamt einen größeren Ökofootprint haben. Für mich ist der 3D Druck in der Haltung von (vielen) Insekten oder auch anderen Kleintieren die derzeit am besten geeignete Methode zur Konstruktion der Unterbringung, sowohl aus ökologischer wie auch ökonomischer Perspektive. Details wie etwa die Art der Bewässerung und Belüftung bzw. Probleme damit (wie im Eröffnungspost geschildert) sind dann eher im Design zu verbessern/berücksichtigen, diese beiden Punkte sind aber ohnehin sehr prominent bei der Planung. Da 3D Nester gerade sehr in Mode sind, gibt es auch noch recht viele junge Entwürfe in der Community, die nicht fertig optimiert sind.

Meine Antwort auf "3D-Nester Gel Nest 2.0?" lautet also: Nein. 3D Nester scheinen mir bisher genauso gut geeignet für die Haltung wie Glas/Acryl/Holz/Porenbeton und Gipsnester (unter der Bedingung, dass das Grunddesign nicht schon fehlerhaft ist). Da ich meine Produkte auch für meine Kolonien benutze, kontrolliere ich meine Ergebnisse fortlaufend - für den unerwarteten Fall von kritischen Langzeiteffekten.

Edit:
Speziell danke für die Gedanken zur statischen Elektrizität, auch wenn mir dazu bisher nichts aufgefallen ist, werde ich das Thema stärker bei der Prüfung der Anlagen beachten und ggf. die Messgeräte anwerfen :)
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Re: 3D-Nester - Gel Nest 2.0 ?

Beitragvon di4pr » Freitag 5. Februar 2021, 18:13

Vielen Dank für die vielseitige Diskussion! Ich oute mich an dieser Stelle auch als Besitzer eines 3D-Druckers. Allerdings ist das erst seit Weihnachten so und man muss sich in die Materie schon etwas einarbeiten. Daher verfüge ich noch über wenig praktische Erfahrung - insbesondere mit Bezug zur Ameisenhaltung (zumal mögliche Bewohner derzeit Balkon und Kühlschrank bevölkern).

Mit Kindern im Haus hat man natürlich ein Auge auf den Aspekt Schadstoffe und die Argumente der Maker-Community vs. globale Massenproduktion sind mir nicht neu. Im Resultat liege ich wohl eher mit Antspy auf einer Linie. Dennoch interessieren mich gerade die kritischen Anmerkungen ganz besonders. Es gibt aber eben auch eine große Palette von Ausgangsmaterialien mit unterschiedlichen Eigenschaften. So fällt die Ökobilanz wohl auch entsprechend unterschiedlich aus.

Besonders hervorheben möchte ich an dieser Stelle noch die Möglichkeiten der Kleinteilproduktion - Verbinder, Reagenzglashalter/-abdeckungen und allerleit nützliche Tools, die es mitunter noch gar nicht gibt, lassen sich anwendungsgenau produzieren. Diese Möglichkeiten möchte ich eigentlich schon jetzt gar nicht mehr missen.
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