Formica clara, eine weitgehend unbekannte Art

Hier können allgemeine Fragen zum Thema Ameisen, sowie zu europäischen Ameisenarten gestellt werden.

Formica clara, eine weitgehend unbekannte Art

Beitragvon Boro » Montag 26. Oktober 2015, 20:08

Formica clara wurde noch vor einigen Jahren zu Formica (Serviformica) rufibarbis od. Formica (Serviformica) cunicularia zugerechnet. Die Namensgebung wurde auch mehrfach geändert. B. Seifert sorgte letzlich für Klarstellung (Seifert 2007: 301 f.). Wir hatten schon einmal im Forum eine Diskussion zu F. clara: viewtopic.php?f=18&t=531&p=3323&hilit=Formica+clara#p3323
Als Folge der genannten Änderungen dürfte eine (sehr) geringe Bestimmungsdichte der Art für verschiedene Länder in Mitteleuropa vorliegen und es bleiben einige Fragen offen. Ich suche jetzt nicht die ganze Literatur zu meinen Angaben heraus und beschäftige mich nur mit dem Gesamteindruck:
Seifert spricht von einer zentralpaläarktischen Steppenart (S.:302), die von Belgien bis Zentralasien vorkommt. Im NO bis Südfinnland (zoogeografisch passend??). Die Art soll im Rhein-Main-Gebiet und in Sachsen häufiger vorkommen (https://de.wikipedia.org/wiki/Formica_clara). In SLO sind meiner Erinnerung nach 1, 2 Fundorte bekannt, in der Steiermark 1 rezenter Fundort seit 2010, im Pannonikum dürfte die Art häufiger sein (Burgenland?, Niederösterreich angeblich häufiger), in Vorarlberg und Tirol wurde in den letzten Jahren je ein Nest (!!) gefunden. Im restlichen Österreich wurde die Art bisher nicht entdeckt, auch nicht in Kärnten, wo ich schon seit 10 Jahren nach F. clara suche. In Bayern gibt es die Art angeblich nicht (siehe zweiter Link oben), was ist mit der Schweiz, Südtirol? In der dortigen "Gredleriana" wird F. clara 2003 nicht erwähnt.
Warum mich das Thema immer wieder beschäftigt?
1. F. clara ist auch in Fachkreisen weniger bekannt und auch sehr schwer zu bestimmen.
2. Ich vermute, dass F. clara immer noch des öfteren vor allem mit F. rufibarbis verwechselt wird. Eine Verwechslung mit F. cunicularia halte bei guter Kenntnis der beiden Schwesternarten für wenig wahrscheinlich.
3. Es gibt einfach zu wenig Forscher, die gezielte Suche betreiben.
4. Aber es wäre möglich, dass wir (Sohn u. Boro) fündig geworden sind. Im August haben wir auf einem von Felsen durchsetzten stark xerothermen Südhang ein Exemplar gefunden, das im Verdacht steht eine F. clara zu sein. Ein Exemplar wäre für eine Bestimmung unzureichend, man benötigt eine Nestserie, wenigstens 10 od. 15 Belege. Diese können wir aber frühenstens im Mai 2016 suchen. Bis dahin bleibt alles ungewiss......
Mich würde jedenfalls interessieren, wie es mit der Schweiz od. Bayern steht, wurde dort F. clara in jüngster Zeit viell. gefunden?
Im Anhang ein paar Fotos des Belegs, der im Alkohol liegt, er wird absichtlich nicht präpariert, um auch die Unterseite des Insekts genau untersuchen zu können!
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IMG_8200.JPG
Die farbliche Ausstattung würde passen
IMG_8203.JPG
Die Behaarung ist insgesamt sehr gering, am dorsalen Pronotum, Mesonotum u. Propodeum befindet sich kein Haar!
IMG_8204.JPG
Dunkle Kopfoberseite mit darunter befindlichen Partien mit fließendem Farbwechsel (wie F. clara), lange Scapi (hier müsste morphometr. Vermessung einer Serie Klarheit schaffen).
Boro
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Re: Formica clara, eine weitgehend unbekannte Art

Beitragvon ratti » Montag 26. Oktober 2015, 23:23

Interessanter Beitrag.

Ich lebe ja scheinbar in einem der Hauptvorkommensgebiete dieser Art in Ostdeutschland. Formica rufibarbis gibt es hier sehr oft, wenn sie nicht grade von den riesigen Formica cinerea Kolonien verdrängt werden. Wäre natürlich interessant zu wissen, ob sich unter den Formica rufibarbis Kolonien nicht auch die eine oder andere Formica clara befindet. Das wird für mich aber mitnichten fest zustellen sein.

Danke auf jeden Fall für den interessanten Beitrag.
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Re: Formica clara, eine weitgehend unbekannte Art

Beitragvon Reber » Dienstag 27. Oktober 2015, 00:18

Hallo Boro,
vielen Dank für die interessanten Infos! Sie haben mich veranlasst etwas nachzuforschen. Dabei bin ich auf folgende Informationen gestossen: Formica clara kommt in der Schweiz offenbar zumindest im Wallis vor, nämlich bei Pfynwald. Seifert und Neumeyer erwähnt sie in dieser "Kommentierten Liste der frei lebenden Ameisen (Hymenoptera : Formicidae) in der Schweiz" noch unter dem Synonym Formica lusatica:

Gegenüber der in Kutter (1977) enthaltenen Zahl (124) ergibt dies netto einen Zuwachs von 13 Arten. Dieser summiert sich einerseits aus sieben Neubeschreibungen sechs aktuellen (Formica paralugubris, F. lusatica...


Formica lusatica Seifert, 1997 bezieht sich auf die gleiche Art wie F. glauca Ruzsky, sensu Seifert (1996b). F. glauca Ruzsky, 1905 wird bis auf weiteres als Formica incertae sedis betrachtet, da Typenmaterial nicht verfügbar ist und Ruzskys Originalbeschreibung auf mindestens zwei in der Terra typica vorkommende Arten bezogen werden kann. In der Schweiz ist F. lusatica bisher sicher aus dem Wallis (Pfynwald; 16.5.1994, B. Seifert det.) nachgewiesen
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Re: Formica clara, eine weitgehend unbekannte Art

Beitragvon Boro » Dienstag 27. Oktober 2015, 07:50

Danke für die Antworten! Die Frage nach der "Horizontalverbreitung" bleibt aber ungelöst! Aus Bayern haben wir noch keine Meldung. Nach den sporadischen Funden in Vorarlberg und Tirol könnte man Vorkommen in Bayern vermuten. Das angrenzende Salzburg ist als Ganzes nicht erforscht, in Oberösterreich steht sie nicht auf der Liste. Bleibt also nur das Pannonikum, hier gibt es Lebensräume, die für eine "Steppenart" typisch sind. Könnte man demnach Vorkommen im Wallis oder eben Vorarlberg/Tirol als Reliktvorkommen aus irgeneiner zwischeneiszeitlichen Wärmeperiode definieren oder gibt es eine Arealerweiterung infolge der "strapazierten" Klimaerwärmung? Funde in Südfinnland passen jedenfalls überhaupt nicht ins Bild, kann man sich hier eine Ausbreitung etwa aus dem Bereich Ukraine Richtung Baltikum vorstellen?
Auch bezüglich der Vertikalverbreitung ist nicht alles klar: Seifert schreibt "planar bis submontan" (meines Wissens gehört hier das Mittelgeb. bis 1000 m dazu!), im Internet steht nur "planar und collin".
L. G.
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Re: Formica clara, eine weitgehend unbekannte Art

Beitragvon Boro » Dienstag 8. Mai 2018, 14:48

Der Einzelbeleg (siehe Einstiegs-Thread) konnte von einem Experten nicht eindeutig Formica clara zugewiesen werden. Die schwierige Bestimmung erfordert eine ganze Belegserie, die ich bisher nicht beibringen konnte. Außerdem scheint die Art in Mitteleuropa (Ausnahme Pannonikum) auch (sehr) selten zu sein. Wie schon ausgeführt, ist die Horizontalverbreitung bisher wohl nicht ganz geklärt, vertikal gesehen soll sie in Mitteleuropa bis etwa 1000m Höhe vorkommen ("submontane Höhenstufe" nach Seifert, S. 302). Aber ich habe endlich zweifelsfreie Fotos etlicher Arbeiterinnen, die ich als Alkohol-Belege aus Montenegro bekommen habe. Mit dem Sohn gemeinsam haben wir sie bestimmt und auch morphometrische Messungen vorgenommen, soweit das unsere technische Ausrüstung zulässt. Es bleibt aber dabei: Die Bestimmung ist für einen Laien kaum möglich, vor allem die Abtrennung von der sehr ähnlichen Formica rufibarbis macht Probleme.
relative Ergebnisse:
1. Bei der Erstbeobachtung der Exemplare ist mir sofort aufgefallen, dass die Arbeiterinnen im Vergleich mit den seit Jahren unzählig unter meinem Bino liegenden Exemplaren von F. rufibarbis etwas "gestreckter", eine Spur länger erscheinen. Subjektiv gewinnt man den Eindruck, dass sie nicht "kräftiger" gebaut sind als große rufibarbis-Exemplare, aber eine Spur länger
2. Der Rotanteil der Cuticula ist noch etwas höher als bei großen Exemplaren v. F. rufibarbis, die Beine sind meist rötlich, bei F. rufibarbis rotbraun. Der Rotanteil der Färbung am Kopf ist durchschnittlich sichtbar größer, jener der Wangen greift meist seitlich um das Auge herum und erreicht mitunter die Obergrenze der Augen.

absolute Ergebnisse:
1. Die Individuen sind durchschnittlich eine Spur größer (länger) als Vergleichsexemplare v. F. rufibarbis (große rufibarbis können 7,5mm lang werden, jene von clara bis 8mm)
2. Die Scapi sind bei clara eine Spur länger
3. Die Behaarung des Pronotums ist bei beiden Arten immer vorhanden, aber die Zahl der abstehenden Borsten ist bei clara im Durchschnitt deutlich geringer.
Fotos: Roman Borovsky
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