Waldameisen und Nadelbäume

Hier können allgemeine Fragen zum Thema Ameisen, sowie zu europäischen Ameisenarten gestellt werden.

Waldameisen und Nadelbäume

Beitragvon Meganon » Samstag 2. Januar 2016, 02:07

Hallo,

Wir haben bei uns (In der Nähe von Hanau) eine F. polyctena-Kolonie mit mindestens 5 Hügeln. Leider werden an diesem Standort in absehbarer Zeit nur noch Laubbäume zur Verfügung stehen, da die vorhandenen Nadelbäume abgeholzt wurden und nur noch einige vereinzelten, nicht mehr sehr vitale bisher noch stehen.
Um diese mindestens 40 Jahre alte Kolonie zu erhalten, möchte ich durch die Gemeinde (bin für die Grünen im Gemeindevorstand) neu Nadelbäume anpflanzen lassen. Der Förster würde am liebsten Douglasien verwenden.
Nun mein Problem: da Douglasien keine einheimischen Bäume sind, meine ich beim Ameisenhegerlehrgang durch Herrn Bretz gehört zu haben, dass sich auf diesen Bäumen keine Blattläuse ansiedeln und daher der Wert der Douglasien nur als Nadelvorrat für den Hügelbau zu sehen ist.

Kann mir dazu jemand näheres - am besten mit Textquellen - erklären?
Generell suche ich auch nach Informationen über den Bedarf an Nadelbäumen für vor allem F. polyctena.
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Meganon
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Re: Waldameisen und Nadelbäume

Beitragvon Reber » Samstag 2. Januar 2016, 16:53

Grundsätzlich ist es ratsam, ürsprunglich in der Umgebung einheimischen Bäume zu pflanzen, denn vielen Tiere und Pflanzen haben sich über die Jahrtausende derart aneinander angepasst, dass heute ein (einseitige oder beitseitige) Abhängikeit besteht - also nicht nur an die Ameisen denken ;)

Bezüglich deiner Frage kann ich nicht sagen, ob sich an Douglasien nicht auch (eingeschleppte?) Baumläuse ansiedeln, die von den Ameisen genutzt werden können. Denn Baumläuse sind in der Regel auf einen bestimmten Wirtspflanzentyp spezialisiert/angewiesen.

Im Buch "Die Waldameise" von Karl Gösswald wird ab Seite 416 im Kapitel "Förderung der Bienen und der Waldhonigtracht" auf die Wechselbeziehung zwischen Waldameisen und Lachniden eingegangen. Auf Seite 422 stellt er auch die Honigtauspender (Lausart) die Trachtzeiten sowie den Sitz der Honigtauerzeuger dar...

Edit:
Was mir noch in den Sinn gekommen ist: Das Fällen der (alten) Bäume kann für die Ameisen weitreichende Folgen haben. Gerade wenn es "Schutzbäume" der Nester sind. Vielleicht kannst du ja einen Fachkundigen Ameisenschützer beiziehen, der sich die Sache einmal anschaut.
http://www.ameisenzeit.ch/downloads/fra ... saetze.pdf

Ich wünsche dir und den Ameisen auf jeden Fall schon einmal viel Erfolg!
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Re: Waldameisen und Nadelbäume

Beitragvon Merkur » Samstag 2. Januar 2016, 17:46

Hallo Meganon,

Es dürfte etwas darauf ankommen, welche Laubbäume da stehen. Wenn Eichen dabei sind, haben die Ameisen über die gesamte Vegetationsperiode genügend Honigtau! Auch Wildkirsche und Linde sind gute Honigtaulieferanten. Nestmaterial spielt keine so wesentliche Rolle. Es gibt sehr vitale Kolonieverbände von F. polyctena in fast reinen Eichenbeständen. Mangels Koniferennadeln werden keine Hügel angelegt; im Gegenteil: Die Nester sind innerhalb eines Ringes von ausgeworfener Erde eingesenkt! Nur wenig Zweige, Knospenschuppen und dürre Blätter bilden das vegetabilische Nest. Ich habe persönlich solche Kolonien in der Umgebung von Würzburg gesehen!

Betr. Douglasie finden sich bereits in dem Buch von Kloft, Maurizio, Kaeser (1985) „Waldtracht und Waldhonig in der Imkerei“ (329 S.) einige Hinweise.
Danach wurde mit den Bäumen die schädliche Douglasienwolllaus eingeschleppt. Da deren Honigtau von Wachswolle bedeckt wird, ist er für Honigbienen uninteressant, aber evtl. für Ameisen doch eine Honigtauquelle? Weiterhin wurden in D bereits 1960 bzw. 1977 Rindenläuse an Douglasien beobachtet. 1960 wird von starkem Ameisenbesuch bei einer Rindenlaus (Lachnide) im Mai berichtet, sowie von „mindestens vier Jahren Bienentracht". Die genannten Autoren rechnen mit etwa 6-8 Cinara-Arten (Rindenläuse) an Douglasie. Das war der Stand von 1985. Die „Nutzer“ der Douglasie dürften sich inzwischen weiter ausgebreitet haben!

Ich erinnere mich, dass nach Gößwald in den 1960er Jahren die Douglasie als für Waldameisen wertlos angesehen wurde. Vielleicht hat sich diese Deutung zum Teil noch gehalten.
Evtl. kann Reber an der angegebenen Stelle noch mal nachsehen, was Gößwald da genau zur Douglasie geschrieben hat, und ob er sich auf Kloft/Maurizio/Kaeser beruft? – Ich besitze das Buchvon Gößwald (bzw. die beiden Bände) nicht.

MfG,
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Re: Waldameisen und Nadelbäume

Beitragvon Reber » Samstag 2. Januar 2016, 18:35

Ich hab das Buch jetzt nochmal speziell auf die Douglasie durchgesehen. Im oben von mir erwähnten Berich findes sich zu diesen Bäumen leider nichts. Aber auf Seite 482 und 483, "Praktische Ameisenhege", fand ich zwei Tabellen: Eine Liste wichtiger geeigneter Bauarten und eine wichtiger ungeeigneter Baumarten. In Letzterer ist die Douglasie an erster Stelle aufgefühert:
1. Douglasie: Lachniden: ----- / Nestmaterial: gut / Insektennahrung: schlecht


Dies gelte vor allem dann, wenn die Bäume in Reinkultur stünden, bei entsprechender Mischung "mit geeigneten Baumarten, gibt es auch bei Beständen mit diesen Bäumen keine Bedenken gegen die Ansiedlung von Waldameisen".

Unter den geeigneten Bäumen stechen mir hingegen besonders folgende Gehölze ins Auge:
2. Fichte: Lachniden: sehr gut / Insektennahrung: u.U.sehr gut / Nestmaterial: sehr gut

4. Kiefer: Lachniden: sehr gut / Insektennahrung: u.U.sehr gut / Nestmaterial: sehr gut

in dieser pro-Liste auch zu finden ist die Eiche, die Beobachtungen decken sich also mit Merkurs Anmerkungen:
7. Eiche: Lachniden: sehr gut / Insektennahrung: u.U.sehr gut / Nestmaterial: mässig
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Waldameisen und Nadelbäume

Beitragvon Meganon » Samstag 2. Januar 2016, 19:13

Ich bin leider absoluter Laie bezüglich erkennen von Baumarten. Aber mir fällt auf, dass die beiden Nester im Bereich von einzelnen Nadelbäumen nicht mehr sehr vital aussehen. Sie existieren schon mehr als 40 Jahre. Etwa 20 Meter weiter - am Rand des Ameisengebietes - gibt es eine kleine Rest-Nadelbaumfläche. In den 60ern war der ganze Waldbereich nach einem Sturm mit Nadelbäumen aufgeforstet worden.
An dieser Restfläche ist ein vitales Nest im Schatten. Sonne kommt nur wenig dort hin.
Beim Schwarmflug gab es dort auch nur Männchen.

Ein neues Nest ist auf Privatgrund auch bei mehreren Nadelbäumen.

Die Ameisen ziehen also von ihren alten Standorten den Nadelbäumen hinterher.

Leider werden bisher keine neuen Nadelbäume gepflanzt.

Also mache ich mal eine Bestandsaufnahme der Eichen, etc. und schaue auch mal welche Nadelbäume es gibt. Ich vermute Kiefer.
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Re: Waldameisen und Nadelbäume

Beitragvon Reber » Samstag 2. Januar 2016, 20:33

Du kannst hier geren ein Foto von den Bäumen einstellen oder versuchen sie selber zu bestimmen: http://www.baumkunde.de/

Zusätzlich gepflanzete Nadelbäume (halt am besten solche, die in der Umgebung schon vorkommen bzw. die Art(en), die jetzt weg muss - aber auch die vom Förster bevorzugten Douglasien) werden den Ameisen m.E. sowieso nicht schaden. Solange sie nicht unmittelbar die Nester tangieren (beschatten etc.). Im "schlimmsten" Fall liefern sie hauptsächlich ein geeignetes Habitat und Baumaterial, im besten Fall Habitat, Baumaterial und reichlich Nahrung.

Würde mich freuen, wenn du hier berichtest, wie es mit den Waldameisen und den Bäumen weiter geht!
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Waldameisen und Nadelbäume

Beitragvon Meganon » Samstag 2. Januar 2016, 21:29

Werde ich gerne machen. Aktuell sind wir - der Revierförster und ich - sogar am Überlegen, dass Nest auf Privatgrund - es ist direkt in der Grundstückseinfahrt - in ein anderes Waldgebiet ohne Waldameisen aber mit vielen Kiefern und Fichten zu verlagern. Dort gab es lange auch Waldameisen. Leider gab es in den 80ern einen Bauern, der viel Chemie verwendet hat und eine Wiese am Waldrand in einen Acker umgewandelt hat. Kurze Zeit später waren die Nester verlassen.
Mal schauen, ob ich dazu jemand bei der ASW animieren kann.
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Re: Waldameisen und Nadelbäume

Beitragvon FooFighter » Sonntag 3. Januar 2016, 12:52

Hallo Meganon,

auch ich war vor ein paar Jahren noch absoluter Laie im Bestimmen von Bäumen. Bei dem was hier in Deutschland so im Wald wächst ist die Bestimmung mit ein bisschen Einlesen aber meistens recht einfach. Die Kiefer erkennt man z.B. leicht an den paarweisen Nadeln. Sie passt im Habitus auch sehr gut zu der von dir genannten Eiche. Mit ein paar Fotos von Nadeln und Blättern der Bäume wäre dir in der Hinsicht leicht geholfen.

@Reber

Mich würde aus deiner Liste noch die Buche interessieren. Ich habe im Pfälzer Wald (Kaiserslautern, Gelterswoog) große Nester von Formica polyctena (stand zumindest so an der Infotafel) in sehr dunklen Buchen-Fichten Wäldern gesehen. An der hellen Borke der Buchen waren die Ameisenstraßen sehr gut zu sehen. In reinen Buchenbeständen soll die Art nicht vorkommen, ich dachte immer das es am Lichtmangel liegt. Daher würde mich interessieren ob die Buche zu den geeigneten oder ungeeineten Baumarten zählt.

LG

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Re: Waldameisen und Nadelbäume

Beitragvon Reber » Sonntag 3. Januar 2016, 14:29

Die Rotbuche ist ebenfalls in der Negativliste aufgezählt.

3. Rotbuche: Lachniden:----- / Nestmaterial: schlecht / Insektennahrung: meist schlecht


Sehr ameisenarm, auch was die Waldameisenarten selbst betrifft, ist der geschlossene Rotbuchenwald; dieser Lebensraum ist überwiegend wärmeliebenden Ameisen am Boden zu kühl. S. 513


Aber auch ich habe schon Buchen am Waldrand gesehen, die belaufen wurden. Nur eben, in einem typischen schweizer Mittellandswald mit hohem (Weiss-)Tannen-Anteil.
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