Formicarien-Bepflanzung mit Hydrokultur

Hier können Fragen rund um Formicarienbau, Einrichtung und Zubehör gestellt werden.

Formicarien-Bepflanzung mit Hydrokultur

Beitragvon Reber » Sonntag 11. Oktober 2020, 19:51

Die Bepflanzung in Ameisen-Terrarien ist für viele Arten von geringer Bedeutung. Optisch gefallen mir "grüne" Formicarien aber besser. Es braucht nicht die getreue Nachbildung des entsprechenden Habitats zu sein (was ohnehin kaum möglich ist). Einige Ranken und Moose genügen, um natürlich aussehendes Becken zu erreichen.

Wenn man gleichzeitig verhindern will, dass die Ameisen in den Erdboden einziehen - weil so die Beobachtungsmöglichkeiten für das Nest-Innenleben wegfallen - steht man allerdings vor der Herausforderung. Üblicherweise besteht das Bodensubstrat für Pflanzen in Tropen-Terrarien aus Kokos- oder Torfe-Erde. Weil die meisten Pflanzen aber nicht mit Staunässe (stehendes Wasser, dass zu einem sumpfigen Boden führt) zurechtkommen, wird unter der Erdschicht noch eine Drainage z. B. mit Blähton-Kugeln, Ton-Granulat oder Kies eingerichtet. Das Wasser läuft, bzw. sickert durch die Erde in die Drainageschicht ab, während die Pflanzen in der feuchten Erde wurzeln. Damit die Erdschicht und die Drainageschicht sich nicht vermischen, kommt dazwischen noch Trennmaterial zu Einsatz. Zum Beispiel eine Schicht Filterwatte, eine Kunststoff-Gaze oder ein Vlies.

Bodenschicht Drainage.JPG
Querschnitt: Terrarium-Bodenschicht mit Erde und einer Drainage

Hydrokultur bietet die Möglichkeit den Erdboden ganz wezulassen. Als Bodensubstrat wird Blähton oder Kies verwendet, welche den meisten Ameisen keine Gelegenheit für den Nestbau bieten. Diese Einrichtungsart eignet sich für praktisch alle Ameisen die kein wirklich trockenes Klima in der Arena benötigen. Sie kann problemlos bei einheimischen Ameisen und auch bei vielen tropischen Arten angewendet werden.

Bei wenig oder trockenem Bodengrund kann auf den «Reagenzglas-Topf» zurückgegriffen werden. Beides will ich euch hier kurz vorstellen:

Hydrokultur ist eine Methode Pflanzen ohne Erdreich, in wassergefüllten Behältern zu ziehen. Meistens kommt ein «Stützsubstrat» zum Einsatz. Also Blähton-Kugeln oder eben Kies, damit die Wurzeln einen Halt finden. Die Stützsubstrate speichern – anders als etwa Tongranulate, wie etwa Seramis – kaum Wasser! Das Wasser steht einige Zentimeter hoch am Terrariumboden und wird von einer trockenen Schicht Substrat überlagert.

Bodenschicht Hydrokultur.JPG
Querschnitt: Terrarium-Bodenschicht mit Kies (Hydrokultur)

Nun eignet sich natürlich nicht jede Pflanze für die Hydrokultur. Wobei man angeblich sogar Kakteen in Hydrokultur halten kann. Bei den Klassikern undter den Terrarienpflanzen wie Ficus, Efeututen, Philodendren und Farnen gelingt es aber bestimmt.
Die grösste Schwierigkeit liegt beim Umstellen von Erd- auf Hydrokultur. Am besten gelingt die Umstellung bei Jungpflanzen! Denn einerseits müssen die Wurzeln der Pflanzen sauber abgewaschen und gänzlich von Erdreich befreit werden (sonst kann Fäulnis entstehen). Andererseits dürfen die Wurzeln möglichst nicht beschädigt werden. Bei älteren Pflanzen ist es jedoch kaum zu vermeiden, dass empfindliche Wurzelteile abbrechen. Die Bruchstellen bilden ein Einfallsportal für Krankheiten. Ausserdem entsteht so oft ein «übergeweicht» von Blättern, die von weniger Wurzeln versorgt werden müssen. Sowohl für das Abwaschen der Wurzeln als auch beim Giessen sollte man kein kaltes Wasser, sondern solche mit Zimmertemperatur verwenden.
Am einfachsten gelingt es natürlich Pflanzen auf Hydrokultur umzustellen, von denen sich direkt im Wasser Stecklinge ziehen lassen. Auch lassen sich viele Pflanzen bereist in Hydrokultur gezogen kaufen. Aber Vorsicht, die meisten Zierpflanzen aus dem Handel wurden mit Pestiziden behandelt. Bevor man sie ins Formicarium einpflanzt, sollte man sie noch einige Wochen draussen pflegen, sowie nach dem Kauf und vor dem Einpflanzen gründlich mit Wasser abwaschen.

Terrarium Hydrokultur.JPG

Wenn die Pflanzen eingesetzt sind, lässt sich der Boden mit Eichenlaub und Moosen abdecken, das gibt dem Ganzen ein natürliches aussehen – und den Ameisen Versteckmöglichkeiten :roll: .
Es lohnt sich, die Deckschicht auch gleich mit Springschwänzen zu „impfen“. Die kleinen beseitigen dann Abfall und Schimmel. Hält man die Deckschicht regelmässig feucht, können die Moose sogar wachsen. Hier eignen sich sowohl einheimische Moose als auch "Javamoos" aus der Aquaristik, welches auch an Land wächst.

Pflanze im Reganzglas.JPG
Philodendron wurzelt in Reagenzglas

Ein weiterer Vorteil: Hydrokultur-Pflanzen lassen sich auch in kleinen Gläsern mit oder ohne Kies, sogar in Reagenzgläsern halten. So können entsprechende Pflanzen auch in relativ trockenen Terrarien und solchen mit wenig oder keinem Bodengrund eingesetzt werden. Die kleinen Behälter lassen sich hinter Dekomaterial verstecken. Der Nachteil ist das kleine Wasserreservoir. Es muss oft z.B. mit der Spritze gegossen werden, weil kleine Behälter schneller austrocknen bzw. von der Pflanze leer gesogen werden.
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Re: Formicarien-Bepflanzung mit Hydrokultur

Beitragvon Reber » Montag 26. Oktober 2020, 22:14

Als Ergänzung stelle ich hier noch den Bericht eines kleinen Versuches ein, Pflanzen-Stecklinge bzw. Ableger für die Hydrokultur herzustellen.
Die verwendeten Pflanzen sind aus meiner Sicht gut geeignet, weil sie - zumindest die ersten fünf aufgezählten Gattungen – zu den Zierpflanzenklassiker im Terrarium bzw. in Wohnung und Büro überhaupt gehören. Dafür gibt es besonders zwei Gründe: Ihr attraktives, oft mehrfarbiges Blattwerk welches auch ohne Blüte zur Geltung kommt. Und ihre Genügsamkeit! Denn «Ehrennahmen» wie «Beamtengras» erhalten wirklich nur Pflanzen, die in jedweder Bürolandschaft gedeihen bzw. überleben können.

Die Pflanzen:

Zwei Efeututen: Eine hellgrüne Epipremnum cf. aureum und eine dunkelgrün-gelb marmorierte Epipremnum cf. pinnatum. Efeututen sind absolut dankbar in Tropenterrarien. Sie lieben Licht und Luftfeuchtigkeit und wachsen wie wild. Auch deftiges zurückschneiden oder ausdünnen verzeihen sie ihrem Halter. Dünger brauchen sie kaum. Nur Trockenheit mögen sie nicht lange. Für den Steckling schneide ich einen ca. 10 cm langen Trieb mit wenigen Blättern und Wurzelansätzen ab. Alternativ ginge auch ein Philodendron spp. der «Baumfreund» ist ebenfalls ähnlich anspruchslos wie die Efeututen.

Efeutute und Kolbenfaden.JPG
Hellgrüne Efeutute und Kolbenfaden

Der «Kolbenfaden», Aglaonema cf. commutatum kommt auch mit weniger Licht zurecht. Er wächst aufrecht direkt am Boden. Ältere Pflanzen bilden Sprossachsen, die «palmenartigen» Stielen gleichen, jedoch nicht aufrecht stehen oder klettern, sondern flach am Boden bleiben. Wir verwenden min. 10 cm lange Stückchen einer solchen Sprossachse mit und ganz ohne Blätter.

Die Monstera cf. deliciosa, das «Fensterblatt» darf auch nicht fehlen. Es hat ebenfalls recht ähnliche Vorlieben wie die Efeututen, bildet allerdings deutlich grössere Blätter aus, die sich bei älteren Pflanzen in der typischen Weise spalten. Auch hier schneide ich einen Trieb mit Luftwurzeln ab.

Bei einer Sansevieria, der berühmten «Schwiegermutterzunge», auch Bogenhanf genannt - hier Sansevieria cf. trifasciata - versuche ich Blattstecklinge aus beidseitig geschnittenen 10 cm Stücken. Die Pflanze kommen eigentlich eher aus Wüstengegenden. Als Sukkulenten speichert sie Wasser in ihren Blättern. Mit Staunässe kommen sie überhaupt nicht klar, mit Trockenheit schon eher. Aber auch sie kann gut in Hydrokultur gehalten werden. Vielleicht besser in hohen Becken, in denen aber nicht tropische Luftfeuchtigkeit herrscht.

Eine «Grünlilie» - das berühmte «Beamtengras» - Chlorophytum cf. comosum darf auch nicht fehlen. Bei dieser Pflanze ist die Vermehrung besonders einfach, da grosse Pflanzen sogenannte «Kindel» ausbilden, also kleine, an den Trieben der Pflanze hängende Ableger mit Blättern und Wurzelansätzen. Die Ableger werden einfach wie die Stecklinge mit dem unteren Teil ins Wasser gesetzt.

Mosaikpflanzen der Gattung Fittonia sind sehr beliebte «Bodendecker», wegen dem nierdrigen, flachen Wuchsbild. Fittonia cf. albivenis gibt es in einer weissgrünen und einer rotgrünen Farbvariante. Die Pflanze braucht unbedingt eine hohe Luftfeuchtigkeit, kommt dafür mit etwas weniger Licht zurecht.

Mosaikpflanze rot.JPG
Rote Variation der Mosaikpflanze

Zu den attraktiven Terrarien-Bodendeckern gehören auch die Moosfarne, Selaginella spp. Wie der Name verrät, ähneln die Pflanzen von ihrem Aussehen her manchen Moosen. Das Farn wächst nur etwa 10 cm bis 15 cm hoch und braucht ebenfalls konstant hohe Luftfeuchtigkeit.

Moosfarn.JPG
Moosfarn

Die «Technik»:

Die Stecklinge können jetzt einfach in einen Becher gestellt werden. Ich empfehle allerdings - wenn man viele Stecklinge macht - diese durch vorgefertigte Löcher einer dünnen Styroporplatte zu stecken.

Styroplatte mit Stecklingen.JPG
Stecklinge in Styroporplatte

Die Platte lässt man als Floss in einem grösseren Behälter, z.B. eine Schüssel, ein Eimer oder einer Blumenwanne auf der Wasseroberfläche schwimmen. Das hat mehrere Vorteile: Die Pflanzen stehen immer gleich hoch im Wasser und durch die grössere Menge, verdunstet das Wasser nicht so schnell, wie in kleinen Gläsern. So können die Pflanzen nicht vertrocknen, auch wenn man mal zwei drei Tage nicht aufpasst. Ausserdem kommt weniger Licht ins Wasser, das vermindert die Algenbildung. Des Weiteren herrscht über dem offenen Gefäss eine höhere Luftfeuchtigkeit. Diesen Effekt kann man noch verstärken, wenn man den Behälter teilweise mit einer Plexiglasscheibe abdeckt. Wer mag, kann das Wasser im Becken mit einer Heizmatte oder einem kleinen Aquarien-Heizstab zusätzlich auf 24 °C bis maximal 26 °C aufwärmen. Im Abgedeckten Behälter wärmt sich auch die Luft. Jetzt muss man nur noch für genügen Licht sorgen. Das geschieht bei mir mittels einer kleinen Led-Leuchte die über eine Zeitschaltuhr gesteuert 13 Stunden pro Tag brennt. Direkte Sonneneinstrahlung vermeide ich…

Pflanzen Styropor-Floss.JPG
Styropor-Floss mit Pflanzen

Das Ergebnis werde ich euch in wenigen Wochen vorstellen können.
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