Sonderheft der Zeitschrift „Sociobiology“ online

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Sonderheft der Zeitschrift „Sociobiology“ online

Beitragvon Merkur » Mittwoch 15. Juli 2015, 18:31

http://periodicos.uefs.br/ojs/index.php/sociobiology
Das Sonderheft trägt den Titel:
Special Issue on Taxonomy, morphology, and phylogeny of ants
Enthalten sind 17 Artikel bzw. Kurznotizen, die alle als PDF abrufbar sind.

Es ist mir nicht möglich, zu allen Artikeln Erläuterungen zu geben. Einige enthalten auch nur Neubeschreibungen von Arten oder Neunachweise für bestimmte Regionen usw., aber auf zwei Beiträge möchte ich ausführlicher eingehen:

Lech Borowiec, Sebastian Salata: Pheidole symbiotica Wasmann, 1909, an enigmatic supposed social parasite, is a nematode-infested form of Pheidole pallidula (Nylander, 1849) (Hymenoptera: Formicidae: Myrmicinae)
Abstract
Pheidole symbiotica Wasmann, 1909 hitherto known only from type series collected in Portugal is recorded from Italy for the first time. Dissection of abdomen of this supposed social parasite of Pheidole pallidula (Nylander, 1849) showed that it is infested by a large mermithid nematode. That allows us to conclude that Pheidole symbiotica is only a teratological form of Pheidole pallidula. In consequence, we propose synonymy of Pheidole symbiotica Wasmann, 1909 under Pheidole pallidula (Nylander, 1849). High quality photographs of this form are presented for the first time and an illustration of its parasite is also given.
Hier geht es also wieder einmal darum, dass parasitierte und etwas morphologisch abweichende Ameisen in Nestern einer gut bekannten, normalen Art, fälschlich als Sozialparasiten interpretiert und beschrieben wurden. Die als „Pheidole symbiotica“ beschriebenen Tiere sind schlicht von Nematoden befallene Pheidole pallidula. Beschrieben wurden sie aus Portugal; die Autoren haben entsprechende Tiere aus Süditalien untersucht und in deren Gaster eine große Mermithiden-Art (Fadenwürmer) gefunden. -Es ist also durchaus möglich, dass sich solche parasitierten P. pallidula auch mal in importierten Völkern befinden!
Siehe auch: http://www.ameisenwiki.de/index.php/Nematoden

Weiterhin gibt es eine short note von Cesare Baroni Urbani: Ant Castes from Intercastes: Much Ado about Nothing. (Ameisenkasten abgeleitet von Interkasten: Viel Lärm um nichts).
Abstract
A recent hypothesis on the origin of ant soldiers by Molet et al. (2012) is shown to be misleading since it is based on unfair, incomplete literature information and to be unscientific since it is not falsifiable.
Es wird gezeigt, dass eine aktuelle Hypothese von Mollet et al.(2012) über den Ursprung von Ameisensoldaten irreführend ist, da sie sich auf unfaire, unvollständige Literaturangaben stützt, und dass unwissenschaftlich ist, da sie nicht falsifizierbar ist.

Baroni Urbanis ist ein sehr kritischer Myrmekologe, und da ich mich lange und intensiv mit Fragen des Kastenpolymorphismus, Interkasten, Intermorphe, Königinnen - Polymorphismus etc. befasst habe, habe ich den Beitrag natürlich mit Interesse gelesen. Er bezieht sich auf eine jüngere Arbeit:
Molet, M., D. E. Wheeler, & C. Peeters. (2012): Evolution of novel mosaic castes in ants: modularity, phenotypic plasticity, and colonial buffering. American Naturalist, 180: 328-341.

Es geht um die Frage, die uns auch in den Foren hin und wieder bewegt, ob man als Soldaten nur speziell gestaltete Individuen bezeichnen solle (womit sie eine eigene „Kaste“ neben den Gynen und Arbeiterinnen wären, Bsp. Pheidole), oder ob man auch die Majors von Arten mit fließendem Größenpolymorphismus der Arbeiterinnen Soldaten nennen soll (Bsp. Camponotus ligniperdus).
Darüber hinaus behandeln Molet et al. die „Herkunft“ der Soldatenkaste, ob sie sich stammesgeschichtlich von Arbeiterinnen oder Gynen ableiten, und schlagen als Ursprung „Interkasten“ vor, seltene, pathologische Formen zwischen Gyne und Arbeiterin.
Baroni Urbani verficht die Auffassung, dass es sich bei Soldaten um eine echte Kaste handelt, und dass die „majors“ nicht dazu zählen. Die Hypothese von Mollet et al. kritisiert er als „nicht falsifizierbar“ und damit unwissenschaftlich.
Nun muss man dazu wissen, dass auch der Begriff „Interkasten“ recht unterschiedlich gebraucht wird: Morphologisch- deskriptiv, oder funktionell (wobei es zwischen der funktionellen Königin und der +/- sterilen, unbegatteten Arbeiterin keine funktionellen Übergänge geben kann).
Ich habe daher für die vielen primär flügellosen, aber fertilen Königinnen-Formen den Begriff „Intermorphe“ gewählt. Nach Begattung sind sie „intermorphic queens“. Doch auch das ist umstritten; insbesondere der Mitautor C. Peeters besteht darauf, dass „meine“ „intermorphic queens“ „fertile intercasts“ sind.

Ein Satz im Beitrag von Baroni Urbani allerdings erfreut mich: „Finally, Molet et al. (l.c.) deserve credit for correctly using the term soldier but repeatedly use another erroneous, self-contradictory name i.e. “winged queen” instead of the correct “winged gyne”. Queen is a function, not a caste name and all ant queens are wingless, by definition.
(“Königin ist eine Funktion, nicht eine Kastenbezeichnung, und definitionsgemäß sind alle Ameisenköniginnen flügellos.“)
Siehe auch die ausführliche Behandlung des Themas hier: http://ameisenwiki.de/index.php/Kasten

Man sieht, dass selbst unter Wissenschaftlern oft sehr konträre Auffassungen herrschen, wenn es um Fachtermini geht, deren Bedeutung nicht festgelegt ist, sondern von verschiedenen Autoren unterschiedlich definiert wird. Das ist eine endlose Quelle von Missverständnissen! :roll:

Falls jemand zum einen oder anderen Artikel in dem „Sociobiology“ - Sonderheft Erläuterungen wünscht, darf er/sie sich gerne melden. Ich werde mich dann bemühen, darauf einzugehen.

MfG,
Merkur
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Re: Sonderheft der Zeitschrift „Sociobiology“ online

Beitragvon Merkur » Mittwoch 15. Juli 2015, 21:10

Ein weiterer, prinzipiell interessanter Beitrag aus dem Sonderheft ist:
Jeffrey Sosa-Calvo, Ana Jesovnik, Eugenia Okonski, Ted R Schultz: Locating, collecting, and maintaining colonies of fungus-farming ants (Hymenoptera: Myrmicinae: Attini) (Finden, Sammeln und Halten von Kolonien pilzzüchtender Ameisen (Hymenoptera: Myrmicinae: Attini)
Abstract
The purpose of this paper is to describe methods developed by generations of attinologists for locating, collecting, and maintaining in the laboratory live colonies of fungus-farming ants. Our goal is to accelerate the study of the many very poorly known and increasingly threatened species of this fascinating and biologically important group. We primarily focus on the collection of non-leaf-cutting fungus-farming ants and describe standardized measurement and data collection protocols in three sections: (i) locating fungus-farming ants in the field; (ii) collecting whole colonies of fungus-farming ants; and (iii) maintaining living colonies of fungus-farming ants in the laboratory. We provide lists of necessary equipment and materials, including information on where they can be acquired.
Es geht dabei nicht um die in Halterkreisen so beliebten „großen“ Blattschneiderameisen der Gattungen Atta und Acromyrmex, sondern um die Gattungen mit kleineren Völkern, die ihre Pilze nicht auf frischem Pflanzenmaterial, sondern auf diversen anderen Substraten kultivieren.

Wie ich sehe, wurde der Artikel in bewährter Weise bereits andernorts referiert:
http://eusozial.de/viewtopic.php?f=28&t=3509

MfG,
Merkur
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