Neues über die Argentinische Ameise in Neuseeland

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Neues über die Argentinische Ameise in Neuseeland

Beitragvon Emse » Montag 28. September 2015, 18:24

Über den 2011 erstmals festgestellten und (damals) unerklärlichen Rückgang von Linepithema humile habe ich vor geraumer Zeit schon mal in einem anderen Forum berichtet. (Leider scheint der Thread dort verschwunden zu sein.)

Daher noch mal kurz zur Erinnerung einen Ausriss eines Artikels von 2011 über die gemachten Beobachtungen:
Auckland - Wenn alle Bio-Invasoren dasselbe täten wie die Argentinische Ameise in Neuseeland, könnten Ökologen ruhiger schlafen: Das Insekt, das vor 20 Jahren im Inselstaat eingeschleppt wurde, ist derzeit offenbar am Verschwinden - und ohne dass Menschen dazu einen wesentlichen Beitrag geliefert hätten. Die Gründe des Verschwindens sind allerdings noch unklar.

Quelle: http://derstandard.at/1322531520370/Mys ... et-einfach


Jetzt scheinen die Forscher den Grund dafür gefunden zu haben: Ein neu entdecktes Virus, dass sich an die Ameise heftet und ihr anscheinend schwer zu schaffen macht, das Linepithema humile virus 1 (LHUV-1) [sprich: "love one" :D ].

Man steht noch ganz am Anfang der Forschung, hat aber schon eine Hoffnung:
Sollte LHUV-1 nachweisbar und ausschließlich die Argentinische Ameise dezimieren, könnte man vielleicht erstmalig ein gezieltes (weltweites) Bekämpfungsmittel gegen die Pest-Ant entwickeln.

Nebenbei wurde übrigens eine weitere wichtige Entdeckung gemacht: Linepithema humile gilt nun (neben der Varroa-Milbe) ebenfalls als möglicher Wirt und Überträger des Deformed Wing Virus (DWV), der als Hauptursache für das Bienensterben ausgemacht wurde.

Aktuelle Quellen zum Thema:
http://news.sciencemag.org/biology/2015 ... asive-ants
http://rsbl.royalsocietypublishing.org/ ... 50610.full
https://www.sciencenews.org/blog/scienc ... tacks-bees
und aus 2011:
http://rsbl.royalsocietypublishing.org/content/8/3/430
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Emse
 

Re: Neues über die Argentinische Ameise in Neuseeland

Beitragvon Trailandstreet » Montag 28. September 2015, 23:04

Da muss man sich glatt wieder fragen, wenn wirklich dieser Virus gezielt gehen Linepithema humile eingesetzt wird, wer kann denn garantieren dass dieses Virus nicht auf andere Arten übergreift.


LG Franz
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Re: Neues über die Argentinische Ameise in Neuseeland

Beitragvon Emse » Dienstag 29. September 2015, 12:53

Trailandstreet hat geschrieben:Da muss man sich glatt wieder fragen, wenn wirklich dieser Virus gezielt gehen Linepithema humile eingesetzt wird, wer kann denn garantieren dass dieses Virus nicht auf andere Arten übergreift.

Das ist nur eine von vielen Fragen, die noch offen sind / sich noch ergeben werden.

Auch die Vermutung, dass die Ameise mitursächlich für das Bienensterben sein könnte, ist noch nicht wirklich belegt.
Es könnte nämlich genausogut sein, dass sich Linepithema bei ihren Beutezügen in den Bienestöcken lediglich selber mit den dort bereits vorhandenen Viren (DWV) kontaminieren.

Z.Zt. gibt es in den Medien eigentlich nur erste Berichte über die gemachten Entdeckungen / Beobachtungen, die Forschungen dazu stehen noch ganz am Anfang. Oder, wie einer der beteiligten Wissenschaftler (P. J. Lester) es ausdrückt: "For now, research is at the stage of “Wow, there’s viruses!"".
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Emse
 

Re: Neues über die Argentinische Ameise in Neuseeland

Beitragvon Merkur » Dienstag 29. September 2015, 16:58

Inzwischen habe ich öfter den Eindruck, dass neue Befunde nicht in bescheidener Beschränkung auf die Fakten veröffentlicht werden, sondern dass man gleich die kühnsten Hypothesen und Erwartungen in die Welt posaunt! :roll:
Die sekundäre Literatur und die Medien pflücken gerne das heraus, was man als Sensation verkaufen kann; der Laie staunt: WOW!

1977 habe ich auf einer Urlaubsreise nahe dem Yellowstone NP/USA von Gregarinen parasitierte Ameisen entdeckt. 1993 gelang es, auf einer Dienstreise frisches Material von dort lebend nach D zu bringen. 1995 haben wir über diese Gregarinenart publiziert:
Buschinger, A., Kleespies, R.G., Schumann, R.D. 1995: A gregarine parasite of Leptothorax ants from North America. Insectes soc. 42, 219-222.

Zuchtversuche ergaben, dass diese für die Ameisenpuppen tödlichen Parasiten auf eine Reihe von Arten der Myrmicinae und Dolichoderinae übertragen werden konnten:
Buschinger, A., Kleespies, R. 1999: Host range and host specificity of an ant pathogenic gregarine parasite, Mattesia geminata (Neogregarinida: Lipotrophidae). Entomol. Gener. 24, 93-104.
Unter den erfolgreich getesteten Arten war auch die berüchtigte Pharaoameise Monomorium pharaonis. Was für eine Gelegenheit wäre das heute, große Hoffnungen auf ein biologisches Bekämpfungsverfahren zu wecken!
ABER: Der Erreger ließ sich ja auch in mehreren einheimischen Ameisenarten vermehren. Bei einer Freisetzung der Gregarinen z. B. über infizierte Pharaoameisen hätten auch harmlose Arten betroffen und dezimiert werden können. Also verzichteten wir darauf, diese Forschung weiter zu betreiben. Und glücklicherweise hatten wir unsere anfänglichen Hoffnungen nicht als Versprechungen an die Große Glocke gehängt! :)

(siehe auch: http://www.ameisenwiki.de/index.php/Mattesia_geminata)
MfG,
Merkur
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Re: Neues über die Argentinische Ameise in Neuseeland

Beitragvon Emse » Dienstag 29. September 2015, 21:06

Hallo Merkur,

Danke für deine - teils berechtigten - Einwände! :)

Was mich angeht, mag es wohl sein, dass ich gelegentlich mangelndes Sachverständnis durch Enthusiasmus ersetze. :D

Ansonsten fand ich die verlinkten Berichte als nicht über die Maßen "reisserisch" aufgemacht, es werden dort zwar gewagte Vermutungen und Ideen geäußert, aber eigentlich doch stets unter den nötigen Vorbehalten. "Versprochen" wurde dort jedenfalls nichts. Aber gut, klar ist: Ein wissenschaftlich fundierter Bericht sieht anders aus! ;)

Was meinen Enthusiasmus angeht:
Linepithema humile hat sich in den letzten Jahren in einigen Gegenden meiner Heimatinsel (und anderswo) zu einer echten Plage entwickwelt, der man hier gleich tonnenweise mit dem Einsatz von zig-verschiedenen Insektiziden begegnet. Die Wirkung der Gifte geht in manchen Monaten, besonders im Sommer, gegen Null, da die Ameise (als "Kulturfolger") immer wieder von den Außengebieten in die bewässerten Gärten und die Häuser nachdrängt. Ganze Urbanisationen werden auf diese Weise regelmäßig und weitflächig "sterilisiert". U.a. sehr zum "Nachteil" aller anderen, dort natürlich vorkommenden, Insekten. :(

Wie wunderbar, in jeder Hinsicht "gewinnbringend", wäre da eine neue, gezielte Bekämpfungsmöglichkeit gegen Linepithema!

WOW sage ich zu der Tatsache, dass überhaupt noch Forschungen zur Argentinischen Ameise (und deren Bekämpfung) betrieben werden (können). Und WOW sage ich auch zu den jüngst gemachten Beobachtungen und Feststellungen. Vielleicht doch(?!) ein Wegweiser zu neuen Bekämpfungsmethoden der Pest-Ant (und/oder dem besseren Verständnis des Bienensterbens?).....

Wir werden hoffentlich bald mehr darüber erfahren.
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Re: Neues über die Argentinische Ameise in Neuseeland

Beitragvon Emse » Montag 8. Februar 2016, 15:45

Honigbienen meiden den Kontakt mit der Argentinischen Ameise!

Das belegt jedenfalls folgendes Paper: http://ee.oxfordjournals.org/content/ea ... /ee.nvv230


""Abstract: Pollinators require resources throughout the year to maintain healthy populations. Along the urban–natural interface, floral resource availability may be limited especially when the system experiences extreme drought and fire threats. In such areas, succulents, such as Aloe spp., are commonly planted to serve as functional drought-tolerant, fire-protective landscaping, which can also support pollinator populations. However, access to this resource may be restricted by competition from other floral foragers, including invasive pests. We measured free-foraging honey bee (Apis mellifera L.) visitation rate and visitation duration to aloe flowers with and without Argentine ants (Linepithema humile (Mayr)) in a drought-stressed environment and found that bees actively avoided foraging on the ant-occupied flowers. To determine the mechanisms of avoidance, our subsequent experiments assessed visitation in the absence of ants and compared aloe flowers treated with ant pheromone to unmanipulated flowers lacking ant pheromone. Bees approached all flowers equally, but accepted flowers without ants at a higher rate than flowers with ants. Visitation duration also increased twofold on ant-excluded flowers, which suggests that Argentine ants may limit resource acquisition by bees. Honey bees similarly avoided flowers with Argentine ant pheromone and preferentially visited unmanipulated flowers at threefold higher rate. This study demonstrates that honey bees avoid foraging on floral resources with invasive Argentine ants and that bees use ant odors to avoid ant-occupied flowers. Resource limitation by this invasive pest ant may have serious implication for sustaining healthy pollinator populations at the urban–natural interface.""


Eigene Zusammenfassung: Pflanzen, die bereits von Linepithema humile besetzt sind, werden von den Bienen weniger oft angeflogen. Das hat nachteilige Wirkungen auf den Nahrungserwerb der Bienen, schadet aber auch den Pflanzen (durch verminderte Bestäubungen) bei der Fortpflanzung. Abgesehen von möglichen Ernteausfällen für den Menschen....

Frage: Warum verhalten sich die Honigbienen so?
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Re: Neues über die Argentinische Ameise in Neuseeland

Beitragvon Merkur » Montag 8. Februar 2016, 17:33

Es sieht danach aus, dass die Linepithema die Blütenstände mit einem Pheromon markieren, das den Honigbienen (vielleicht auch anderen Bienen sowie anderen Ameisenarten?) "unangenehm" ist, dass das Pheromon als repellent wirkt.
Mich erinnert die Beobachtung an das repellent, das Solenopsis fugax im fremden Nest auf die Brut der fremden Ameisen schmiert: Die "Eigentümer" der Larven und Puppen meiden dann ihre eigene Brut, so dass die Diebsameise in Ruhe ihre Beute zerkleinern und abtransportieren kann.
http://ameisenwiki.de/index.php/Solenopsis_fugax

MfG,
Merkur
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Re: Neues über die Argentinische Ameise in Neuseeland

Beitragvon Emse » Montag 8. Februar 2016, 20:54

Danke, Merkur, für die naheliegende und einfache Erklärung!

Ich überlege mir aber, ob die beobachteten Honigbienen im Laufe vieler Generationen nicht sogar "gelernt" haben, die Ameisen (als Reservoir und Überträger des bienenschädlichen Deformend Wing Virus) "instinktiv" zu meiden? Aus so einem Verhalten könnte sich immerhin ein kleiner Vorteil für die Bienen ergeben...
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Re: Neues über die Argentinische Ameise in Neuseeland

Beitragvon Merkur » Dienstag 9. Februar 2016, 11:24

@ Emse:
Das wäre eine evolutive Anpassung, die sehr viel Zeit benötigen würde, eher Jahrtausende als Jahrhunderte. Zunächst müssten in einer Population von Honigbienen Mutanten auftauchen (evtl. bereits vorhanden sein), die a) die Ameisen als solche „erkennen“ (die Bienen müssen also Rezeptoren für diese Ameisen haben), und b) eine Vermeidungsreaktion entwickeln. Beides zusammen würde den Bienen einen Fitness-Vorteil verschaffen.
Alle Bienenvölker, die eine oder beide dieser Fähigkeiten nicht haben, hätten weniger Nachkommen. Über viele Generationen hinweg würden die „angepassten“ Völker häufiger.
Probleme sehe ich darin, dass Honigbienen und Linepithema erst seit sehr kurzer Zeit in Kontakt kommen: Linepithema war in Südamerika zu Hause, wohin unsere Honigbienen erst vor ein paar Jahrhunderten gebracht wurden, die Bienen waren auf Eurasien und Afrika beschränkt. Linepithema kam vor weniger als 100 Jahren (? – habe jetzt nicht nachgelesen) nach Eurasien, noch viel später nach Neuseeland.

Ein zweites Problem ist die riesige Populationsgröße der Honigbienen, auch außerhalb des Einflussbereichs und damit auch außerhalb der Selektionswirkung durch die Ameisen (und deren Viren). „Angepasste“ Genome werden dadurch immer wieder „verdünnt“. Der rege Handel mit Bienenvölkern bzw. Königinnen (vermutlich auch in Neuseeland) verhindert, dass eine kleine, an die Bedrohung weitgehend angepasste Population entstehen kann, von der aus dann benachbarte Populationen allmählich infiltriert werden könnten.

Schließlich wird durch die Mehrfachpaarung der Bienenkönigin (mit mehreren genetisch evtl. verschiedenen Drohnen) zusätzlich verhindert, dass eine reinerbig „angepasste“ Population entsteht. Genetisch begründete „Neuheiten“ entwickeln sich in aller Regel in kleinen, isolierten Populationen. Das ist auch der Weg, auf dem die meisten Arten entstehen: In genügend langer Isolation können Kreuzungsbarrieren mit der Ausgangsform auftreten, so dass die „neue“ Form sich in das Gebiet der Ausgangsart ausbreiten, mit dieser in Konkurrenz treten und sie ggf. aufgrund besserer Anpassung verdrängen kann. – Ein insgesamt recht komplizierter Vorgang. (In der Tierzucht übernimmt der Züchter die Aufgabe der Selektion und der Isolation; er lässt immer nur die Individuen zur Fortpflanzung kommen, die seinem Zuchtziel entsprechen. Doch z. B. alle noch so extrem verschiedenen Hunderassen gehören bisher der einen Art Canis familiaris an, können sich im Prinzip weiterhin fruchtbar miteinander fortpflanzen und somit auch ihre Merkmale vermischen).

Die Entwicklung eines „Breitband“-Repellents, mit dem sich Linepithema lästige Konkurrenz durch andere Ameisen sowie diverse Bienen vom Hals halten kann, erscheint da leichter vorstellbar. Zumal Linepithema in ihrem natürlichen Verbreitungsgebiet dafür Millionen Jahre Zeit hatte. Und Dolichoderinae („Drüsenameisen“) sind ohnehin als „Biochemiker“ bekannt, die eine Vielzahl an Verbindungen für chemische Abwehr oder Aggression synthetisieren können. :)

MfG,
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