Waldameisen leben in polnischem Atomwaffenbunker

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Waldameisen leben in polnischem Atomwaffenbunker

Beitragvon Merkur » Freitag 2. September 2016, 11:22

http://derstandard.at/2000043619689/Iso ... ffenbunker

Der Originalartikel:
Wojciech Czechowski, Tomasz Rutkowski, Wojciech Stephen, Kari Vepsäläinen (2016): Living beyond the limits of survival: wood ants trapped in a gigantic pitfall. Journal of Hymenoptera Research 51(2183):227-239 DOI: 10.3897/jhr.51.9096
http://jhr.pensoft.net/articles.php?id=9096

Abstract
A unique accumulation of workers ('colony') of the wood ant Formica polyctena Först., trapped within an old bunker for storing nuclear weapons, is described. The source of the 'colony' is a large colony nesting outdoors, on top of the bunker. Individuals that have fallen down through a ventilation pipe are not able to find their way back to the mother nest. In total darkness, they have constructed an earthen mound, which they have maintained all-year-round by moulding it and keeping the nest entrances open. Judging from the huge deposits of wood-ant corpses in the bunker, the 'colony' has survived for years. Through these years, the mortality has been more than compensated by new workers that fall down during the active season of the free-living colony outside, and at present the number of the bunker workers is counted in hundreds of thousands. The 'colony' has evidently produced no offspring, which is due to low (though relatively stable) temperatures and scanty food in the bunker.

Der Artikel enthält in der Diskussion noch einige interessante Hinweise auf Literatur, in der Funde von Ameisen in Höhlen beschrieben werden, bis hin zu permanent in tropischen Höhlen gedeihenden Arten.

MfG,
Merkur
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Re: Waldameisen leben in finnischem Atomwaffenbunker

Beitragvon Colophonius » Freitag 2. September 2016, 21:21

Moin moin,

ein sehr interessanter Artikel. Allerdings befindet sich der Atomwaffenbunker in Polen und nicht in Finnland.

The observations were made at Templewo (52°27'N; 15°23'E) near Międzyrzecz in western Poland, close to the German border.



Sofern die Kolonie unten keine eigenen Gynen hat (steht so im Artikel), dürften die Arbeiterinnen dort auch keine Brut haben, sprich: ein großer Teil der eigentlichen Abläufe in einer Kolonie fällt schlichtweg weg, die Arbeiterinnen leben (aus evolutionärer Sicht) nur noch zum Selbstzweck.

Eine Idee von mir wäre, dass die Arbeiterinnen da unten schlichtweg verhungern, aber durch die Größe des "Hauptnestes" mit entsprechend vielen Gynen soviele Arbeiterinnen nachproduziert werden, dass die Kolonie trotz der massiven Ausfälle nicht eingeht. Da es dort recht kühl ist, braucht es vermutlich eine Weile, bis alle Reserven der gefangenen Arbeiterinnen aufgebraucht werden.


Edit:

Wem der Link von Merkur zu lang ist, der kann hier eine kürzere, weniger wissenschaftliche Version finden!
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Colophonius
 

Re: Waldameisen leben in finnischem Atomwaffenbunker

Beitragvon Emse » Freitag 2. September 2016, 22:50

Colophonius hat geschrieben:Eine Idee von mir wäre, dass die Arbeiterinnen da unten schlichtweg verhungern, aber durch die Größe des "Hauptnestes" mit entsprechend vielen Gynen soviele Arbeiterinnen nachproduziert werden, dass die Kolonie trotz der massiven Ausfälle nicht eingeht. Da es dort recht kühl ist, braucht es vermutlich eine Weile, bis alle Reserven der gefangenen Arbeiterinnen aufgebraucht werden.


Wohl richtig, steht so (übrigens) auch ganz ähnlich in dem von Merkur bereits verlinkten Artikel des derstandard.at:
Das alles kommt ohne Fortpflanzung zustande: Die Forscher fanden weder Königinnen noch Männchen, weder Larven noch Puppen. Sie schließen daraus, dass die Kolonie ausschließlich durch "Zuzug" aufrechterhalten bleibt: also durch Ameisen, die wie ihre Vorgänger in den Schacht gestürzt sind. Und obwohl die Lebenserwartung im Bunker aufgrund der milde ausgedrückt ungünstigen Umstände sehr gering ist, wird dies durch den anhaltenden Zustrom offenbar mehr als ausgeglichen.


Edit:

Wem der Link von Colophonius zu lang ist, der kann hier eine kürzere, etwas verständlichere Version (deutschsprachig) finden!
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Emse
 

Re: Waldameisen leben in polnischem Atomwaffenbunker

Beitragvon Merkur » Samstag 3. September 2016, 14:06

Tja, so etwas bewegt die Gemüter und regt die kreative Fantasie der Journalisten an! ;)
Etwas Google-Suche bringt manch skurrilen Geistesblitz zu dem finsteren Bunker ans Licht, so z. B.:

http://motherboard.vice.com/de/read/rta ... atombunker
Die zähen Insekten trotzen den Widrigkeiten des Bunkers, der zwischen 1960 und 1992 als Basis für sowjetische Atomwaffen genutzt wurde, mit all ihrer Arbeitskraft und räumen ihr 3x1,2 Meter großes Gefängnis in unbeirrbarem Eifer fleißig auf.
- Ein Bunker von 3 x 1,2 Meter als Basis für Atomwaffen? :?:

http://www.nerdcore.de/2016/09/03/canni ... nt-colony/
Die Ameisen dürften eigentlich nicht überleben, aber irgendwie tun sie es. Entweder ernähren sie sich von Milben, die dort unten hausen – oder sie wurden (zwar unwahrscheinlich, aber geiler) zu einer kannibalistischen Kolonie der Ameisen-Leichenfresser, die sich wie Ghoule von dem riesigen Insektenfriedhof ernähren, der sich da unten im Laufe der Jahre angesammelt hat. Wissenschaftler haben die Erde des zentimeterdicken Ameisenfriedhofs untersucht und festgestellt, dass ein Kubikdezimenter davon rund 8000 tote Ameisen enthält. That's one creepy Ant-Colony.
- Kommentar überflüssig. :roll:

MfG,
Merkur

Nachtrag: Um die „Sekundärliteratur“ richtig deuten zu können, muss man schon die Originalarbeit lesen.
Es handelt sich also um einen Teil eines Bunker-Komplexes mit sehr viel größeren Räumen zur Lagerung von Atomwaffen.
Die Zugänge wurden um 1992 blockiert, doch ließ man Öffnungen für Fledermäuse, die dort überwintern konnten. Auch der Raum mit den Ameisen ist durch zwei Öffnungen in der Wand mit einem größeren Raum verbunden. – Damit konnte er zur Suche nach Fledermäusen betreten werden.
Der Lüftungsschacht in der Decke des fraglichen Raumes hat 40 cm (!) Durchmesser und ist fünf Meter lang. Ursprünglich war er oben mit einer Metallplatte verschlossen, die jedoch durchgerostet ist. Genau darauf haben die Waldameisen (Formica polyctena) einen sehr großen Nesthügel angelegt. So konnten sie direkt aus dem Nest durch den Schacht in den Bunker fallen, sicher immer wieder auch mit Nestmaterial, im Herbst auch Speichertiere,die sich zur Überwinterung in die Nesttiefe zurückzogen.
Dank der im Sommer wie Winter recht konstanten Temperatur nahe 10°C haben die Ameisen eine Weile überlebt, haben etwas Nestbau betrieben, sind aber dann wohl bald verstorben. So wurde ein riesiger „Ameisenfriedhof“ in dem Bunker gefunden, mit geschätzt 2 Millionen Ameisenleichen.
So viel noch als Nachtrag.
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Suum cuique
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