Ameisen nutzen Schwämme zum Honigtransport

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Ameisen nutzen Schwämme zum Honigtransport

Beitragvon Emse » Dienstag 3. Januar 2017, 13:30

Im Fachmagazin "Animal Behaviour" ist gerade ein interessanter Artikel erschienen:

Tool selection during foraging in two species of funnel ants / http://www.sciencedirect.com/science/ar ... 7216302925

Leider ist der Zugang zum (englischsprachigen) Originalartikel kostenpflichtig. Ist aber nicht besonders tragisch, denn es gibt bereits ein paar deutschsprachige Pressemeldungen dazu:

Erfinderische Winzlinge: Ameisen nutzen Schwämme zum Honigtransport / http://www.sz-online.de/nachrichten/wis ... 78488.html
Die Forscher um István Maák von der Universität Szeged in Ungarn hatten Ameisen zweier Arten - Aphaenogaster subterranea und A. senilis - ein süßes Honiggemisch und Wasser auf flachen Tellern offeriert. Zudem lagen mögliche Transportmittel bereit: natürliche wie Erdkrümel, Zweige und Nadeln, aber auch kleine Schnipsel von Schwämmen und Papier.

Die Ameisen schnappten sich einen der Partikel, tunkten ihn in die Flüssigkeit und trugen ihn in ihr Nest, um die Arbeiter dort zu versorgen. Dabei testeten sie verschiedene Möglichkeiten und legten sich schließlich auf eine besonders gut funktionierende fest, wie die Forscher berichten. A. subterranea bevorzugte demnach kleine Erdkrümel für den Transport verdünnten Honigs und Schwammstücke für puren Honig. Ihre Verwandtschaft, die Ameisen der Art A. senilis, nutzte zunächst alle Hilfsmittel gleichermaßen und konzentrierte sich dann zunehmend auf Papierstücke und Schwämmchen - also besonders saugfähige Dinge. [..]


Honig in Schwämmen? Wie sich Ameisen zu helfen wissen / http://diepresse.com/home/science/51486 ... fen-wissen
[..] Werkzeuggebrauch sei auch Ameisen möglich, nicht nur bestimmten Primaten und Vögeln, betonen die Forscher. Bekannt war demnach bereits, dass manche Aphaenogaster-Ameisen Staub- oder Sandkörnchen verwenden, um Flüssigkeiten ins Nest zu transportieren. Neu sei die Erkenntnis, dass sie offenbar zwischen verschiedenen Möglichkeiten die Erfolg versprechendste zu wählen vermögen.

Möglicherweise handle es sich um ein aus der Not heraus entstandenes Verhalten, so die Forscher. Aphaenogaster-Ameisen besitzen anders als viele andere Arten keinen erweiterbaren Magen quasi als Transportfass.


Dazu aus dem AmeisenWiki / Aphaenogaster:
Als biologische Besonderheit führt Seifert (2007) an, dass mindestens vier nordamerikanische Arten flüssige Nahrung mit Hilfe pflanzlicher oder mineralischer Partikel ins Nest eintragen.

Das wäre doch mal ein interessanter Versuchsaufbau für die Halter o.g. Knotenameisen...
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Re: Ameisen nutzen Schwämme zum Honigtransport

Beitragvon Merkur » Dienstag 3. Januar 2017, 16:43

Dem Tipp von Emse kann ich nur zustimmen: Halter von Aphaenogaster-Arten sollten hierzu interessante Experimente machen können!
Nachdem István Maák et al. (2017) ihre Untersuchungen mit den europäischen Aphaenogaster subterranea und Aphaenogaster senilis gemacht haben, ist das Verhalten also nicht auf die amerikanischen Arten der Gattung beschränkt.

Der Hinweis aus dem AWiki bzw. dem Buch von Seifert (2007) betrifft folgenden 40 Jahre alten Artikel:
Science. 1976 Apr 2; 192(4234):70-2.
Tool use in a social insect and its implications for competitive interactions.
Fellers JH, Fellers GM.
Abstract
Four species of myrmicine ants, Aphaenogaster rudis, A. treatae, A. tennesseensis, and A. fulva, use pieces of leaf, mud, and sand grains as tools to carry soft foods from distant sources to the colony. Tools are tended on the food and removed by colony members without regard to which individual brought the tool. Food is gathered more efficiently by tool use than by internal transport. Tool-using behavior may increase the competitive ability of A. rudis in an interspecific dominance hierarchy.
http://science.sciencemag.org/content/192/4234/70.long (Habe leider auch keine Vollfassung gefunden).

Interessant erscheint mir die Bemerkung aus dem abstract der Arbeit von 1976: „Die „Werkzeuge“ (Blattstückchen, Erdpartikel, Sandkörner) werden auf die Nahrung gelegt und von Koloniemitgliedern weggetragen, ohne Rücksicht darauf, welches Individuum die Partikel gebracht hat.“ Das erinnert doch sehr an das so häufig beobachtete „Zudecken“ von flüssiger Nahrung mit Sand etc., über dessen Bedeutung immer wieder gerätselt wird!

MfG,
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Re: Ameisen nutzen Schwämme zum Honigtransport

Beitragvon Teleutotje » Dienstag 3. Januar 2017, 21:06

Tool use by ants was once a hot topic in Myrmecology, 70's and 80's, Pogonomyrmex, Aphaenogaster, Novomessor, other genera from North, Central and South America,.... Nothing new ....
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Re: Ameisen nutzen Schwämme zum Honigtransport

Beitragvon Emse » Dienstag 3. Januar 2017, 21:35

Teleutotje hat geschrieben:Tool use by ants was once a hot topic in Myrmecology, 70's and 80's, Pogonomyrmex, Aphaenogaster, Novomessor, other genera from North, Central and South America,.... Nothing new ....

Ja und Nein: "Bekannt war demnach bereits, dass manche Aphaenogaster-Ameisen Staub- oder Sandkörnchen verwenden, um Flüssigkeiten ins Nest zu transportieren. Neu sei die Erkenntnis, dass sie offenbar zwischen verschiedenen Möglichkeiten die Erfolg versprechendste zu wählen vermögen."

greets! ;)
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Re: Ameisen nutzen Schwämme zum Honigtransport

Beitragvon Merkur » Mittwoch 4. Januar 2017, 10:38

Ich denke, dass die Arbeit Maak et al. die üblichen Behandlung durch Journalisten erfährt:
Sie enthält durchaus neue Erkenntnisse, was z. B. schon im Titel erwähnt ist: Tool selection: „Werkzeug-Auswahl…“. Damit wird, aufbauend auf und ergänzend zu den bekannten Fakten über den Werkzeuggebrauch bei Aphaenogaster eine weitere interessante Fähigkeit dieser Tiere vorgestellt. In der Arbeit werden die früheren Erkenntnisse, u. a. auch aus der Arbeit von Fellers & Fellers (1976), berücksichtigt und erwähnt.
Die umfangreiche und umfassende Einleitung bei Maak et al. (sehr lesenswerte Übersicht zu Werkzeuggebrauch bei Tieren!) führt vielleicht dazu, dass Nicht-Fachleute vor allem den Werkzeuggebrauch bei diesen Ameisen betonen, ein Verhalten, das ihnen neu erscheint?

Jedenfalls sollten Halter von Aphaenogaster spp. mit geringem Aufwand ähnliche Versuche anstellen können. In den Versuchsreihen spezialisieren sich die Ameisen auch darauf, zunehmend die am besten für den Transport geeigneten Materialien bevorzugt zu verwenden.
Die in den von Emse verlinkten Artikeln so vorrangig erwähnten „Schwämme“ sind zwar im Experiment bei den Ameisen beliebt, gehören aber doch nicht zu ihrem natürlichen Umfeld. ;)

MfG,
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Re: Ameisen nutzen Schwämme zum Honigtransport

Beitragvon Emse » Samstag 7. Januar 2017, 16:38

Merkur hat geschrieben:Interessant erscheint mir die Bemerkung aus dem abstract der Arbeit von 1976: „Die „Werkzeuge“ (Blattstückchen, Erdpartikel, Sandkörner) werden auf die Nahrung gelegt und von Koloniemitgliedern weggetragen, ohne Rücksicht darauf, welches Individuum die Partikel gebracht hat.“ Das erinnert doch sehr an das so häufig beobachtete „Zudecken“ von flüssiger Nahrung mit Sand etc., über dessen Bedeutung immer wieder gerätselt wird!


Sind die Gründe für das "Zudecken von flüssiger Nahrung" wirklich noch "rätselhaft"?

Bin bisher davon ausgegangen, dass Ameisen Reste von (für sie nicht mehr atraktiven) Nahrungsquellen absichtlich durch Sandaufschüttungen "verbergen" wollen, um damit nicht etwaige "Konkurenz" bzw. Fressfeinde anzulocken.

Der zweite mögliche Grund für das "Aufschütten" ist diesem Thread bereits zu entnehmen. (Das würde aber bedingen, dass die Tiere wenigstens einen Teil der hergestellten Sand-Honig-Mischung auch tatsächlich in ihr Nest eintragen.)

Weitere mögliche (Be-)Deutungen für dieses Verhalten? :?:
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Re: Ameisen nutzen Schwämme zum Honigtransport

Beitragvon Merkur » Samstag 7. Januar 2017, 20:37

Das „Zudecken“ von Nahrung durch Ameisen

Beobachtet wird es immer wieder, dass Ameisen in der Haltung Futterschälchen mit klebrigem Honig bzw. Zuckerwasser mit irgendwelchen Partikeln, Sand, Holzmehl, Chitinresten usw. bedecken. Auch Insektenreste werden gelegentlich derart „verschüttet“; manchmal habe ich es in unseren Versuchsformikarien erlebt, dass solche Reste dann schon recht unangenehm rochen.

Warum oder wozu tun die Ameisen das?
Meines Wissens gibt es ein paar Hypothesen, doch eine allgemein gültige Erklärung kenne ich nicht.
Wahrscheinlich gibt es auch unterschiedliche „Motivationen“ bei verschiedenen Ameisenarten und in verschiedenen Situationen.

1-Man muss den Tieren nicht von vornherein eine Absicht, ein zweckmäßiges Verhalten, unterstellen. Ameisen laufen oft mit Materialien in den Mandibeln umher, sei es Abraum vom Nestbau in Holz oder Erde, oder Nahrungsabfall (Chitin), oder Leichen, die zum Müll gebracht werden sollen. In der Enge der Formikarien geraten die Tiere an die klebrige Futterschale, ihre Last bleibt hängen und wird an Ort und Stelle belassen. Auch feuchte Stellen an der Tränke werden nicht selten derart „dekoriert“.

2-Die Vorstellung, dass die Ameisen Futterstellen abdecken, “um“ sie vor der Konkurrenz zu verbergen, ist weit verbreitet. Das wäre eine angeborene, von der Selektion geformte Handlung. Könnte man nachweisen, dass die Ameisen dazu eigens von der Futterstelle weglaufen, passendes Material suchen, und dann zurücklaufen, um es auf dem Futter zu deponieren, so wäre das eine recht erstaunliche kognitive Leistung, vergleichbar dem „Werkzeuggebrauch“, wie er jetzt bei Aphaenogaster thematisiert wurde.

3-Weiterhin wurde spekuliert, dass die Tiere mit der Abdeckung eine Gefahrenstelle für Nestgenossinnen „entschärfen wollen“, so dass diese nicht versehentlich selbst kleben bleiben. Auch das wäre eine erstaunliche Leistung, die „Voraussicht“ erfordern würde. Meines Wissens gibt es auch hierzu keinen experimentellen Nachweis.

4-Das Verdecken oder Vergraben von evtl. infektiösen Leichen oder Futterresten würde ähnliche „Voraussicht“ erfordern, fast schon eine „Einsicht“ in die Zusammenhänge. Doch unter passenden räumlichen Bedingungen (Freiland, oder große Arenen) beobachtet man die Ablagerung solcher Objekte auf eigenen Abfallhaufen. Im Freiland werden Leichen und Futterreste oft weiter vom Nest weg einfach fallen gelassen („Ameisenfriedhöfe“, bei Waldameisen oft sehr auffällig durch zahlreiche Puppenkokons). "Vergraben" z.B. größerer Tierleichen (z. B. Schabe) in unmittelbarer Nestnähe kann +/- zufällig bei reger Bautätigkeit erfolgen, wenn Nestaushub darüber abgelagert wird.

Von der Hypothese (1), zufälliges Hängenbleiben von Partikeln, wäre es ein leichtes, das Verhalten der Aphaenogaster abzuleiten: Ein mit Honig (Nektar, Honigtau im Freien) verklebter Partikel wird von einer anderen Nestgenossin entdeckt, aufgenommen und als Nahrung ins Nest getragen! – Das ist eine m. E. nahe liegende Spekulation.

Was mir bei längerer Überlegung auffällt: Die Berichte über das Abdecken von Futterquellen beziehen sich anscheinend alle auf Beobachtungen in der Haltung! Mir ist nicht ein einziger Bericht über vergleichbares Verhalten in der Natur bekannt. *) S. edit!

Ich bin nicht allwissend: Vielleicht habe ich etwas übersehen, vielleicht kennt jemand eine passende Untersuchung. Ich wäre dankbar dafür! :)

Edit: Die hier erwähnten Hypothesen sind in der Arbeit Maak et al. enthalten. Eine dort zitierte Arbeit von Banschbach et al. (2006) in Insectes Sociaux befasst sich ebenfalls mit „Tool use“ bei Aphaenogaster rudis. Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass es sich um Werkzeuggebrauch handle, da die Tiere keine Objekte in solche Sustanzen werfen, die zwar für andere Ameisen gefährlich sind, aber nicht als Nahrung dienen können. - Die Arbeit muss ich mir noch etwas genauer ansehen. Aber hier wurde im Freiland gearbeitet!

MfG,
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Re: Ameisen nutzen Schwämme zum Honigtransport

Beitragvon Emse » Samstag 7. Januar 2017, 23:20

Hallo Merkur,

Danke für Deine umfangreiche Antwort! Für mich ein sehr spannendes Thema!

Merkur hat geschrieben:Meines Wissens gibt es ein paar Hypothesen, doch eine allgemein gültige Erklärung kenne ich nicht.

Damit bin ich allerdings noch nicht wirklich "zufrieden"! :roll:

Zu Ameisen (allgemein) in künstlicher Haltung: Meinen eigenen Beobachtungen (und - laienhaften - Schlussfolgerungen) nach, erfolgte das Zuschütten von flüssigen Nahrungsquellen stets "bewußt", absichtlich und zielgerichtet, niemals zufällig. Und das, nachdem die Tiere sich ausgiebig genug an dem süßen Zeug gelabt haben. Der dazu verwendeten feine Sand lag vorher lediglich zu Deko-Zwecken in der Arena herum, war also kein Nestaushub (Plexiglasnest). Gelegentlich wurden allerdings so auch verstorbene Arbeiterinnen oder ausgehöhlte Chitinpanzer von Futtertieren entsorgt. Viele Ameisenhalter dürften wohl ganz ähnliche Beobachtungen gemacht haben. Soweit also nichts "Besonderes".

Merkur hat geschrieben:2-Die Vorstellung, dass die Ameisen Futterstellen abdecken, “um“ sie vor der Konkurrenz zu verbergen, ist weit verbreitet. Das wäre eine angeborene, von der Selektion geformte Handlung. Könnte man nachweisen, dass die Ameisen dazu eigens von der Futterstelle weglaufen, passendes Material suchen, und dann zurücklaufen, um es auf dem Futter zu deponieren, so wäre das eine recht erstaunliche kognitive Leistung, vergleichbar dem „Werkzeuggebrauch“, wie er jetzt bei Aphaenogaster thematisiert wurde.


Ich bin fast sicher, dieser Nachweis (per Fotostrecke oder Video) wird sich über kurz oder lang von aktiven Ameisenhaltern erbringen lassen. ;) (Ich selber halte derzeit keine Ameisen, bin aus berufl. Gründen zu oft auf Reisen.)

Über den/die Grund/Gründe für das Zuschütten ließe sich besser spekulieren, sofern sich im Vorfeld ein zielgerichtetes u. beabsichtigtes Verhalten beweisen lassen würde.


P.S. Lasse ich mich vielleicht von solcherlei Forschungsergebnissen allzusehr verleiten? (Reber hatte vor kurzem bereits hier darüber berichtet):

- Associative Mechanisms Allow for Social Learning and Cultural Transmission of String Pulling in an Insect: http://journals.plos.org/plosbiology/ar ... io.1002564

- Hummeln können Werkzeuge benutzen: http://www.bienenjournal.de/aktuelles/m ... -benutzen/





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Re: Ameisen nutzen Schwämme zum Honigtransport

Beitragvon Trailandstreet » Sonntag 8. Januar 2017, 10:58

Es scheint wohl nicht ganz geklärt werden zu können, woran es liegt, dass Ameisen ihr "Restfutter" abdecken.
Ich hab letztes Jahr des öfteren einen Zuckerteig aus Wasser und Staubzucker, etwas fester angerührt, verfüttert. Bei diesem ist mir auch aufgefallen, dass vor allem die Lasius gerne von Anfang an beginnen, hier Material einzubringen.
Bei den Formica cunnicularia konnte ich das nicht beobachten. Vielleicht auch aus dem Grund, weil bei ihnen so gut wie gar nichts übrig blieb. Sie haben das Schälchen einfach pico bello ausgeleckt. Allerdings haben sie auch gar nicht damit begonnen, Material einzutragen, was die Lasius immerhin schon fast von Anfang an gemacht haben.

Der Grund dieses Verhaltens bleibt also bis auf weiteres wohl noch im Verborgenen.
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Re: Ameisen nutzen Schwämme zum Honigtransport

Beitragvon Erne » Sonntag 8. Januar 2017, 21:34

Das bestimmte Arten Flüssigkeiten abdecken, konnte ich oftmals beobachten.
Die Fragestellung, warum sie das machen, ein interessantes Thema, Antworten habe ich keine.

Merkur sprach an, dass von derartigen Verhalten überwiegend aus der Haltung berichtet wird.
Für mich könnte das daran liegen, dass Ameisen in der Natur nicht auf derartig große Mengen an Zucker- oder Honigwasserquellen treffen, die nicht gleich versickern oder austrocknen.
Wäre interessant, Ameisen in der Natur zu beobachten, wie sie mit einer nicht versiegenden Flüssigfutterquelle umgehen.
In der Haltung decken einige Arten zudem auch Wasser ab, was noch mehr Fragen aufwirft.

Das Ameisen nur zufällig an Flüssigkeiten vorbeikommen und getragenes Material darin verklebt, davon gehe ich nicht aus.
Sicherlich kann das bei einigen Arten so ablaufen, andere machen das für mich bewusst.
Hier ein Video das ich dafür zusammengestellt habe.


Grüße Wolfgang
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Erne
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Re: Ameisen nutzen Schwämme zum Honigtransport

Beitragvon Merkur » Montag 9. Januar 2017, 12:27

Abdecken von Flüssigkeiten durch Ameisen

Das Video von Erne ist überzeugend; so habe ich das noch nie beobachten können! (Ich habe allerdings auch nie eigens darauf geachtet).
Die Myrmecia pavida arbeiten mit erkennbarem Aufwand (Energieverbrauch; Zeitaufwand). Sie wählen passende (gut transportierbare?) Sandkörner aus und tragen sie zielrichtig zu dem Zuckerwasser-Behälter, stoßen das Sandkorn sogar hinein. Das sieht nach einem angeborenen Verhalten aus, das sich im Laufe der Evolution als günstig, nützlich für die dazu fähigen Ameisen herausgestellt hat. Nützlich in dem Sinn, dass Ameisen (-völker), die das können, mehr Nachwuchs produzieren als die Konkurrenz, die diese Fähigkeit nicht besitzt (hierin müssen Völker derselben Art konkurrieren, damit sich die genetische Grundlage für das Verhalten in der Art ausbreiten kann). Dazu muss allerdings auch im Freiland hinreichend Gelegenheit bestehen, das Verhalten einzusetzen.

Fragt man sich nach dem Zweck, so darf man sich nicht allzu sehr von menschlichem Verhalten leiten lassen, von dem, was wir zu verstehen glauben, und was wir in der gegebenen Situation für sinnvoll halten:
- Gefahrenstelle beseitigen: Das begünstigt z.B. auch Konkurrenten aus anderen syntop vorkommenden Arten bzw. benachbarten Völkern der eigenen Art.
- Futter verstecken: Konkurrenz sind vor allem andere Ameisen, die wahrscheinlich weniger optisch als olfaktorisch eine Nahrungsquelle wahrnehmen. Duftstoffe z. B. aus Honigtau diffundieren auch durch eine Sandschicht an die Oberfläche.
Das sind also relativ schwache Gründe für die Evolution eines solchen Verhaltens, das noch dazu auch recht auffällig sein kann und damit das Risiko birgt, optisch orientierte Fressfeinde aufmerksam zu machen.
- Schließlich, wie bei Aphaenogaster spp. gezeigt, können Partikel als Werkzeuge zum Nahrungstransport verwendet werden, ein sicher vorteilhaftes Verfahren, wenn der Transport nicht besser im Kropf erfolgen kann.

Analysiert man die einzelnen Verhaltenselemente, so sind das:
- Entdecken der Futterstelle (evtl. durch Rekrutierung zu dieser)
- Weglaufen um geeigneten Partikel aufzunehmen (evtl. zu suchen, auszuwählen)
- Aufnehmen eines Partikels
- Transport zu der Futterquelle bzw. Gefahrenstelle
- Fallen lassen bzw. Deponieren des Partikels.
- Rücktransport des mit Futter getränkten Partikels in das Nest (durch dasselbe Individuum oder durch Nestgenossin)

Die einzelnen Elemente trifft man in unterschiedlichen Verhaltenskontexten an.
- Mal werden Partikel beim Ausbau von Erd- oder Holznestern nach draußen getragen. Bei Ameisen, die z. B. Ringwälle oder Trichter um die Nesteingänge bauen, werden die Partikel am oberen Rand fallen gelassen, wo sie gerade nicht mehr ins Nest zurück rollen. Feuchte Partikel können am Rand kleben bleiben, so dass ein überhängender Kragen entsteht.
- Oder Partikel werden zu „Eingangstürmchen“ verklebt bzw. verwoben (einige Myrmica-Arten).
- Oder Partikel werden in der Nestumgebung gesammelt und Richtung Nest transportiert: Hügelbau (bes. ausgeprägt bei Waldameisen).
- Oder Partikel werden zu Tunnels über Laufwegen verbaut, bis hin zu „Viehställen“ (Lasius-Arten). Kann dem Schutz vor optisch orientierten Fressfeinden dienen, vor Feinden der Honigtau-liefernden Aphiden, aber auch der Erhaltung eines feuchten Klimas in der Röhre, wenn sie an einem Pflanzenstängel entlang gebaut wird.
- Weitere Kontexte?

Nun habe ich die bereits erwähnte Arbeit von Banschbach et al. (2006) *) intensiver studiert. Nach ihren Ergebnissen wird das „debris dropping“ von Aphaenogaster rudis nach Experimenten im Labor und im Freiland als Werkzeuggebrauch zum Futtersammeln interpretiert: Die Tiere deponieren Partikel nur auf Nahrung, jedoch nicht auf klebrige oder anderweitig gefährliche Substanzen, die nicht als Futter verwertbar sind, ebenso nicht in Wasser (also keine Entschärfung von Gefahrenstellen).
Weiterhin wurden Partikel nur auf/in flüssige Nahrung gebracht, nicht auf feste (Tunfisch), die ebenfalls ausgebeutet wurde (also kein Verstecken von Nahrungsquellen).
Debris dropping reduzierte jedoch die Ausbeutung von Ködern (Nahrungsquellen) durch andere Ameisenarten.
Das Abdecken flüssiger Nahrung in Nestnähe ließ nach, wenn das Volk gesättigt war: Ein weiterer Hinweis darauf, dass es nicht der Entschärfung von Gefahrenstellen dient.
Potentielle „Werkzeuge“ machen einen nennenswerten Teil der zum Nest getragenen Objekte aus. Eine kleine Gruppe von Arbeiterinnen eines Volkes spezialisiert sich auf dieses Verhalten. Das wurde anhand individuell markierter Tiere demonstriert (ein weiterer Hinweis auf eine wichtige Funktion für die Kolonie).
Gedeutet wird das so, dass die Tätigkeit dieser Arbeiterinnen-Untergruppe die Konkurrenzfähigkeit der – im untersuchten Habitat – ökologisch dominanten Art verstärkt. Damit, und mit der neuen Arbeit von Maak et al., ist eine mögliche Funktion des „debris dropping“ als Werkzeuggebrauch zur Optimierung des Futtersammelns recht überzeugend belegt.

Doch wie sieht das bei anderen Arten aus? Gibt es weitere nachweisbare Funktionen dieses Verhaltens? – Wie so oft lässt sich eine scheinbar einfache Frage nur mit umfangreichen, minutiös durchgeführten Experimenten überzeugend beantworten!
*) V. S. Banschbach, A. Brunelle, K. M. Bartlett, J. Y. Grivetti, R. L. Yeamans (2006) : Tool use by the forest ant Aphaenogaster rudis: Ecology and task allocation. - Insectes Sociaux 53, 463–471.

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Re: Ameisen nutzen Schwämme zum Honigtransport

Beitragvon Emse » Montag 9. Januar 2017, 22:02

btw: mittlerweile ein forenübergreifendes Thema:

http://forum.eusozial.de/index.php?thre ... sigkeiten/

https://www.ameisenforum.de/ameisen-dec ... ml#p393280

Bin auf weitere Beobachtungen und Schlussfolgerungen zu dem Verhalten der Ameisen gespannt!
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Re: Ameisen nutzen Schwämme zum Honigtransport

Beitragvon Merkur » Dienstag 10. Januar 2017, 18:15

Forenübergreifende Diskussion zum Abdecken von Flüssigkeiten etc.

Es geht also auch forenübergreifend, ein solches Thema zu diskutieren! ;)
Wie eigentlich zu erwarten, kommen dabei eben mehr Informationen zusammen, als wenn die Diskussion auf eines der Foren beschränkt bleibt.
Gut so, und wer sich für das Thema wirklich interessiert, nimmt auch die kleine Mühe auf sich, mal in die Nachbarforen zu schauen.

Im eusozial hat Frank Mattheis nun eine gewisse Ausweitung des Themas vorgebracht: hier.

Er weist auf die Gefahr für Bodennester durch Überflutung hin. – Wie weit da bei einem normalen Regen Gegenmaßnahmen der Ameisen eine Rolle spielen, sei dahingestellt.
In einem Punkt allerdings muss ich Zweifel anmelden. F. Mattheis schreibt:
Manche holz- und baumbewohnende Arten haben völlig andere Möglichkeiten entwickelt, mit Wasser und Überflutungen im Nest bzw. in Nestnähe umzugehen. Leptothorax können Wasser zB. im Kropf aufnehmen und außerhalb des Nestes ausspeien.

Ich fürchte, dass da eine Verwechslung vorliegt. Das „Trockenlegen“ eines Nestes durch „Austrinken“ wurde m. W. bisher nur an vier tropischen Arten beschrieben:
(1) Tetraponera binghami (Pseudomyrmecinae) und
(2) Cataulacus muticus (Myrmicinae) aus Malaysia. Beide sind Bewohner von Internodien lebender Bambusstämme.
Die Tetraponera nehmen eingedrungenes Wasser in den Kropf auf und speien es am Nesteingang wieder aus. http://antbase.org/ants/publications/9505/9505.pdf
Die Cataulacus trinken das Wasser und scheiden es über Malpighi-Gefäße („Nieren“) und den After wieder aus. Lustiger Titel: “Communal peeing“. (Maschwitz & Moog (2000): Communal Peeing: a new mode of flood control in ants. Naturwissenschaften 87: 563-565)
(3 und 4) Cladomyrma dianae und Cladomyrma maschwitzi (Formicinae) leben in Domatien von Pflanzen aus der Macaranga-Verwandtschaft. Sie nehmen Wasser in den Kropf auf und speien es wiederum am Nesteingang aus.
J. Moog et al., Flood control by ants: water-bailing behaviour in the south-east Asian plant-ant genus Cladomyrma Wheeler (Formicidae, Formicinae), Naturwissenschaften, 1997, 84, 242–245.
Eine aktuelle Übersicht findet sich hier: https://www.researchgate.net/publicatio ... aldameisen Überlebensstrategien von Regenwaldameisen - Wasser im Überfluss. Von Prof. Dr. Ulrich Maschwitz, Dr. Joachim Moog, 2015

Bei Leptothorax-Arten ist mir so ein Verhalten nicht bekannt (ich habe über Jahrzehnte mit diesen Tieren gearbeitet). In den Nestern (morsch-weiches Holz in toten Ästchen bzw. Borke am Boden) sammelt sich kein Wasser an; es wird rasch von dem Holz aufgesogen. – Literatur oder gute Bild-Dokumentation des „Trinkens und Ausspeiens“ bei Leptothorax wäre erwünscht,falls daswirklich vorkommt!
Wohl aber tragen Leptothorax- und Temnothorax-Arten jede Menge Partikel aller Art ein, z. B. um Spalten in den Nestwandungen abzudichten (gegen kleine Eindringlinge, Zugluft, Austrocknung usw.). Die Verhaltenselemente „Suche nach geeignetem Material, zum Nest tragen, an der vorgesehenen Stelle deponieren“ beherrschen sie jedenfalls perfekt:

1-Nest Petri L.ac. orig.jpg
Leptothorax acervorum
Zwischen Deckel und Gipsboden in einer Petrischale haben die Tiere einen Ringwall um ihren Nestbereich aus Sand gebaut,
der aus der Arena hoch getragen wurde. Die Schale war mit schwarzem Papier abgedunkelt.

2-img391.jpg
Temnothorax unifasciatus
Diese T. unifasciatus (früher auch Leptothorax unifasciatus) zogen es vor, ihr Nest unter der Papierabdeckung zu bauen.
Auch sie haben dazu viel Sand aus der Arena herbeigetragen.

3-Chinmau 5 TunifNestkl.jpg
Temnothorax unifasciatus
Ein Naturnest derselben Art in einer Steinspalte. Der Ringwall wurde aus "Debris", allerlei Partikeln aus der Nestumgebung,
hergestellt. Der Deckstein ist hier abgenommen. (Die Bilder wurden bereits in verschiedenen Foren gezeigt).

Erdbewohnende Arten vertragen ja bekanntlich Überflutungen (z. B. bei Hochwasser in Niederungen) über etliche Tage: Die Nestoberfläche wird abgedichtet/zugebaut, oder einfach zugespült, in den Gängen und Kammern bilden sich Lufttaschen, in denen die Ameisen überleben. Irgendwelche trockenen Partikel zum "Aufwischen" dürften die Tiere nach einem üblichen Regenfall kaum vorfinden.
Bei höheren Temperaturen und langsam steigendem Grundwasser ziehen Myrmica spp. aus und flüchten auf höhere Pflanzenteile; dazu gibt es etliche Berichte.

Fehldeutungen kommen vor, sogar bei Koryphäen. So erwähnen Banschbach et al. (2006, S. 464), dass Hölldobler & Wilson (1990, The Ants) die Deutung des “debris dropping” von Aphaenogaster als Werkzeuggebrauch durch Fellers & Fellers (1976) zurückwiesen, mit dem Hinweis, dass das seit Wheeler (1910) bekannte so häufige Abdecken von Flüssigkeiten in Nestnähe dem Schutz der Ameisen vor Ertrinken oder Festkleben diene. Doch laut Banschbach et al. ist es für diese Funktion ja nicht erforderlich, dass die Partikel ins Nest zurück getragen werden. Genau dies aber ist nun bei Aphaenogaster spp. nachgewiesen!

MfG,
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Re: Ameisen nutzen Schwämme zum Honigtransport

Beitragvon Merkur » Donnerstag 12. Januar 2017, 12:19

Frank M. hat seine Angabe "Leptothorax können Wasser zB. im Kropf aufnehmen und außerhalb des Nestes ausspeien. Tun das einige Arbeiterinnen, erreichen sie so eine "Trockenlegung" des Nestes.…“ inzwischen hier präzisiert.
Ich kann dazu nur empfehlen, so eine Einzelbeobachtung unter naturfernen Bedingungen nicht als Norm für eine ganze Art oder Gattung darzustellen. Das kann falsche Vorstellungen bei unerfahrenen Lesern und Nichtbiologen auslösen, insbesondere wenn so eine Angabe von jemandem gemacht wird, der wie F. Mattheis ein gewisses Renommee genießt.

Allgemein, bei der Diskussion um das „Trockenlegen“ von Nesträumen, muss daran erinnert werden, dass die größte Gefahr des Ertrinkens für die Ameisen wohl im kalten und nassen Winterhalbjahr besteht, wenn die Ameisen in der Winterruhe nicht aktionsfähig sind!
Da sollte die Selektion solche Genotypen bevorzugen, die von vornherein geeignete Nistgelegenheiten beziehen. (Und man darf nie vergessen, dass „falsche“ Nistplatzwahl bereits bei der Koloniegründung gnadenlos mit dem Tod bestraft wird; wer nicht richtig programmiert ist, wird keine Nachkommen haben. „Unglücksfälle“ kommen natürlich auch vor.)

Es sei auch daran erinnert, dass im „Boden“ nistende Ameisen, die z.B. an Flussufern oder auf Flussinseln häufig Hochwässern ausgesetzt sind, ihre Nesteingänge abdichten und in den Luftkammern im Substrat überdauern. Auch Hochwässer treten öfter in der kalten Jahreszeit auf. Bei niedrigen Temperaturen ist der Sauerstoffverbrauch der Ameisen herabgesetzt.

Ich möchte sogar spekulieren, dass es außerhalb der feuchten oder wechselfeuchten Tropen überhaupt keine Arten gibt, die ihre Nester durch Trinken von eingedrungenem Wasser trockenlegen, so wie es bei den bisher vier Regenwaldarten in Malaysia beobachtet wurde. Weitere Arten aus Afrika und Südamerika könnten hinzu kommen.

Austrocknen durch saugfähiges Material dürfte auf das Problem stoßen, dass nach einem Regenfall in der Nestumgebung kaum trockene Partikel zu finden sind.

Zurück zum Ausgangsproblem: „Wozu decken Ameisen Flüssigkeiten in der Nestumgebung ab?“ – Die spekulativen Antworten unterscheiden sich ziemlich, je nach Beobachter. Mal werden Wasser oder Paraffinöl abgedeckt, mal nicht, mal werden mit süßen Flüssigkeiten getränkte Partikel ins Nest getragen, mal nicht. – Das sieht doch sehr danach aus, dass es keine für alle Arten gültige Regel gibt, und dass es oft auch sehr von der Beobachtungssituation abhängt, wie die Ameisen reagieren. – Vielleicht kommen dazu noch mal weitere sorgfältige experimentelle Untersuchungen.

Eine eigene Beobachtung will ich noch einbringen:
Besonders bei Leptothorax-Arten konnte ich oft sehen, dass Tiere, die an der Futterschale ausgiebig getrunken hatten, dann beim Weggehen noch ein Tröpfchen Honigwasser unter den Mundwerkzeugen trugen! Oft wurde das dann nach 1-2 cm Lauf am Boden abgesetzt. Bei Verfütterung von gefärbtem Honigwasser konnte man rings um die Futterschälchen am weißen Gipsboden in mit der Entfernung abnehmender Dichte farbige Kleckse erkennen, größere, die den Tröpfchen unter den Mundwerkzeugen entsprachen, und sehr kleine, die wohl von an den Tarsen klebender Nahrung stammten. Doch kann so etwas dadurch bedingt sein, dass ein Schälchen voll Honigwasser die Nahrung in sehr viel größerer Menge und Dichte liefert, als die sonst von Leptothorax-Arten auf Blättern und Borke aufgesammelten winzigen Tröpfchen abgespritzten Honigtaus.
Leptothorax und Temnothorax-Arten besuchen ja nicht direkt Pflanzenläuse um sie zu „melken“. Ich habe auch nie in der Nähe von deren Nestern Ansammlungen von Honigtau gesehen. Dennoch deponieren sie in schöner Regelmäßigkeit in der Haltung Detritus auf den Honigwasserschälchen. Diese hatten wir in unseren Dreikammernestern in der mittleren Kammer, während das eigentliche Nest (das immer schnell bezogen wird) in einer der seitlichen Kammern untergebracht war. Die Honigschale dürfte also keinesfalls als Teil des Nestes „betrachtet“ worden sein.

T.-affin.-219.jpg
3-K.-Formikar
3-Kammer-Formikar, 10 x 10 x 3 cm. Links: Wasser, Mitte: Futterschälchen mit Honigwasser (das Schälchen für Insektenteile
ist jetzt im Winter leer), rechts: Nestkämmerchen. Der dunkle Fleck ist ein Völkchen von Temnothorax affinis, das im
Herbst in einem Zweig vom Nussbaum gefallen war. Dank der niedrigen Temperatur hätten die Tiere nicht mehr auf den Baum
umziehen können. So halte ich sie nun bis zum Frühjahr in der Garage bei 3 - 10°C.

Siehe auch Erne hier!

MfG,
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Re: Ameisen nutzen Schwämme zum Honigtransport

Beitragvon Emse » Samstag 14. Januar 2017, 17:59

Merkur hat geschrieben:Zurück zum Ausgangsproblem: „Wozu decken Ameisen Flüssigkeiten in der Nestumgebung ab?“ – Die spekulativen Antworten unterscheiden sich ziemlich, je nach Beobachter. Mal werden Wasser oder Paraffinöl abgedeckt, mal nicht, mal werden mit süßen Flüssigkeiten getränkte Partikel ins Nest getragen, mal nicht. – Das sieht doch sehr danach aus, dass es keine für alle Arten gültige Regel gibt, und dass es oft auch sehr von der Beobachtungssituation abhängt, wie die Ameisen reagieren. – Vielleicht kommen dazu noch mal weitere sorgfältige experimentelle Untersuchungen.


Gut zusammengefasst! Immerhin ist mittlerweile unstreitig, dass sie es tun. ;)

Würde mich freuen, wenn auch zukünftig über weitere Beobachtungen zum "Abdecken" berichtet wird (nebst daraus gezogenen Rückschlüssen). Vielleicht finden sich ja sogar Ameisenhalter, die im Laufe diesen Jahres ein paar kleine Versuchsreihen starten... :)
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Re: Ameisen nutzen Schwämme zum Honigtransport

Beitragvon Emse » Mittwoch 1. März 2017, 18:19

Ein weiteres Beispiel für Werkzeuggebrauch bei Ameisen:

Ameisen der Art Dorymyrmex bicolor nehmen mit ihren Mundwerkzeugen winzig kleine Kieselsteinchen auf und werfen sie gezielt in die senkrechten Eingangsschächte von unterirdischen Nestern anderer Ameisenarten. Sie verschließen damit die Eingänge, sodass die Konkurrenten sich nicht an den gleichen Futterquellen bedienen können.


Dazu aus der englischsprachigen Wikipedia:
Dorymyrmex bicolor regularly interacts with three different species of Myrmecocystus, another genus of ants. Between the two genera of ants, in the southwestern region, there is much overlap of food sources and space between Dorymyrmex bicolor and Myrmecocystus. The Myrmecocystus ants secrete a substance from their poison gland onto a food source they find in order to repel other ants.Dorymyrmex bicolor exhibits a different type of interference behavior. The workers of Dorymyrmex bicolor will surround the entrance to a nest of Myrmecocystus and will drop stones and other objects down the entrance, in an attempt to block the entrance. As many as 10-30 workers of Dorymyrmex bicolor have been observed to drop stones in an opposing nest, but only 5 workers are required to drop stones and other small objects at an efficient rate that will affect the Myrmecocystus nest. The number of Dorymyrmex bicolor workers in an area will have a reducing effect on the number of Myrmecocystus workers in an area, sometimes to drastic effects.


Quellen:
http://dradiowissen.de/beitrag/intellig ... eug-nutzen
https://en.wikipedia.org/wiki/Dorymyrmex_bicolor
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Re: Ameisen nutzen Schwämme zum Honigtransport

Beitragvon Merkur » Mittwoch 1. März 2017, 21:00

Die Gattung Dorymyrmex hieß früher Conomyrma.
Beschreibung des Verhaltens:
Stone Dropping by Conomyrma bicolor (Hymenoptera: Formicidae): A New Technique of Interference Competition. Michael H. J. Möglich and Gary D. Alpert (1979), Behavioral Ecology and Sociobiology Vol. 6, pp. 105-113.
Summary und Beginn der Arbeit sind hier zu sehen: https://www.jstor.org/stable/4599265

Die Arbeit ist auch in Hölldoler & Wilson 1990 "The Ants" zitiert.

MfG,
Merkur
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