Zasphinctus obamai Hita Garcia, 2017, und der “Cybertype“

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Zasphinctus obamai Hita Garcia, 2017, und der “Cybertype“

Beitragvon Merkur » Donnerstag 31. August 2017, 10:55

Ein unüberhörbares Rauschen im Blätterwald: Eine Ameise wurde nach Barack Obama benannt! Hier ein Link von vielen, die mit Google zu finden sind:
http://www.wn.de/Welt/Vermischtes/29615 ... mens-Obama

"In Kenia haben Forscher eine neue Ameisenart entdeckt. Bei der Namensgebung haben sie an den früheren US-Präsidenten gedacht. (Von dpa)
Tokio (dpa) - Dem früheren US-Präsident Barack Obama ist eine besondere Ehre zuteil geworden: Japanische Forscher haben eine von ihnen entdeckte Ameisenart in Afrika nach Obama benannt. Die Art «Zasphinctus obamai» wurde im Kakamega Forest National Park in Kenia gefunden, der in der Nähe des Dorfes von Obamas Vorfahren liegt."
Usw…

Originalarbeit: https://zookeys.pensoft.net/articles.php?id=13012
Francisco Hita Garcia, Georg Fischer, Cong Liu, Tracy L. Audisio, Evan P. Economo (2017): Next-generation morphological character discovery and evaluation: an X-ray micro-CT enhanced revision of the ant genus Zasphinctus Wheeler (Hymenoptera, Formicidae, Dorylinae) in the Afrotropics.- ZooKeys 693: 33-93 (23 Aug 2017)

Das ist ein ziemlich technischer Artikel, eine Revision von drei afrotropischen Arten der Gattung Zasphinctus WHEELER mit neuen Methoden wie der hochauflösenden Röntgen-Mikrotomographie. In der Arbeit wird neben Z. obamai auch eine Z. wilsoni als neu beschrieben. (Zwei weitere Arten sind nur nach Männchen beschrieben und werden in der Revision nicht berücksichtigt).

Eine auf jeden Fall interessante Neuerung ist die Einführung von „Cybertypes“:

An die Stelle von (oder besser ergänzend zu) dem bis heute üblichen Holotypus-Exemplar einer Art tritt eine virtuelle Rekonstruktion dieses Individuums auf der Basis von Mikro-CT-Daten und optischen Automontage-Bildern (letztere wegen der Färbung des Individuums).
Die über das Internet frei zugänglichen Daten erlauben, am Bildschirm den virtuellen Holotyp beliebig zu drehen und von allen Seiten zu betrachten. Auch innere Strukturen sind dank der Mikro-CT sichtbar. Die Ausleihe (Versand) von Typusexemplaren an Bearbeiter der Tiergruppe zu Vergleichszwecken wird damit überflüssig. Zu oft gingen solche wertvollen Exemplare auf dem Postweg verloren, oder wurden sogar von nachlässigen „Forschern“ verschlampt. (Seit längerer zeit leihen Museen auch schon keine Typen mehr aus und verlangen stattdessen, dass Interessenten sie an Ort und Stelle in Augenschein nehmen. Da viele Typen aus aller Welt in großen Museen z.B. in London, San Francisco oder Cambridge/USA u.a. aufbewahrt werden, bedeutet das für Taxonomen erheblichen Aufwand an Zeit und Reisekosten!)

Der entsprechende Abschnitt „Cybertypes“ aus der Originalarbeit:
As pointed out in previous studies, a crucial advantage of using 3D models based on micro-CT data is its potential application as cybertypes (Faulwetter et al. 2013, 2014; Akkari et al. 2015; Hita Garcia et al. 2017a, 2017b). The concept of a cybertype is to present a detailed and as complete as possible virtual reconstruction of a physical type specimen that is freely accessible. Hita Garcia et al. (2017a) critically assessed the usefulness of cybertypes for ant taxonomy, and due to the limitations in voxel resolution in their scan data suggested to use a combination of micro-CT data (raw data, 3D PDF, and 3D rotation video) and montage photos (three standard view: head in full-face view, full body in profile and dorsal view) as a minimal cybertype for ants. Although we have achieved much higher quality 3D reconstructions compared to previous ant studies using micro-CT and strongly reduced the limitations discussed by Hita Garcia et al. (2017a), we still believe that a minimum ant cybertype should include optical montage photographs. The main reason for this is the lack of natural colour in the micro-CT, which can only be shown with visible light photography. However, in this study we improve the previous ant cybertypes by providing micro-CT scans of single body parts and scan data for the holotype and one paratype, if available, thus increasing the usefulness of the cybertype datasets.

Es wird allerdings noch einige Zeit dauern, bis alle Holotypen der > 14.500 beschriebenen Ameisenarten auf solche Weise aufgearbeitet und präsentiert sein werden. ;)
oo_151785-Z.-obamai.jpg
Bild 7 aus der Originalarbeit
Zasphinctus obamai sp. n. holotype worker (CASENT0764125). A Body in profile B Body in dorsal view
C Head in full-face view D Abdominal segments III–VII in dorsal view.

Zasphinctus gehört jetzt zur Unterfamilie Dorylinae. Bis vor kurzem war sie noch als Sphinctomyrmex bekannt. Über die Lebensweise der Arten ist wenig bekannt. http://www.antwiki.org/wiki/Zasphinctus :
Biology
Wilson provided notes on the biology of Zasphinctus caledonicus from New Caledonia and Z. steinheili from Australia. The former was observed raiding a nest of Stigmacros ants in the field, and the latter was feeding on ant brood of several species in the laboratory. Both were reported to have colonies containing multiple ergatoid gynes and synchronized brood. Buschinger et al. (1990) studied a species related to Z. steinheili in more detail under laboratory conditions. They largely confirmed Wilson’s preliminary observations and further demonstrated functional polygyny, since most dissected queens were fertilized with well-developed ovaries. The ants would indeed take brood of several ant species, including European forms, but the colonies ceased producing new eggs after two brood cycles were completed and thereafter slowly declined. Briese (1984) described a nest evacuation response in a Monomorium species raided by Zasphinctus in Australia. Hölldobler et al. (1996) described the metatibial gland of Z. steinheili.

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Re: Zasphinctus obamai Hita Garcia, 2017, und der “Cybertype

Beitragvon Merkur » Freitag 1. September 2017, 19:59

Manchmal bringt so ein „weltbewegendes Ereignis“ wie die Obama-Ameise alte Erinnerungen wieder zutage: Dr. Francisco Hita Garcia
war vor ein paar Jahren in Darmstadt als Kurator für die Wirbellosen-Sammlungen des Hess. Landesmuseums tätig!
Wir hatten eine kurze Mail-Korrespondenz, bei der es um ein eventuell gemeinsames Forschungsprojekt über Ameisen ging. Doch es wurde
nichts daraus, und das aus gutem Grund!

Aus der Zasphinctus-Arbeit entnahm ich seine aktuelle e-mail-Adresse und schrieb ihn kurzerhand an. Er hat direkt geantwortet:
Letztes Jahr hat er die Stelle hier aufgegeben und hat eine Forschungsstelle in Okinawa / Japan angenommen. Wie er schreibt, „in einer
tollen Arbeitsgruppe und wir können Ameisenforschung auf dem höchsten Niveau machen (in meinem Fall Systematik und Taxonomie).“

- Die fantastischen Arbeitsmöglichkeiten sind aus der Veröffentlichung ersichtlich; beneidenswert! :)

Zasphinctus obamai ist die 100ste Ameisenart, die er beschrieben hat, wobei die anderen Beschreibungen kaum Beachtung fanden. Das ist üblich.
Aber er meint, dass das noch der unwichtigste Teil seiner Arbeit sei. Mit den neu entwickelten Techniken, etwa der Röntgen-Mikro-Computertomographie,
sind noch ganz andere Forschungsfelder zu bearbeiten, etwa aus der funktionellen und vergleichenden Morphologie. In Zusammenarbeit natürlich
mit Kollegen aus aller Welt.

Die Pressemitteilung aus Okinawa sei eigentlich für die amerikanische Presse gedacht gewesen, „aber da die da drüben mehr mit Hurrikan Harvey
und Trump beschäftigt sind, redet da keiner von der Obama Ameise.“
Dass die Geschichte in Deutschland, Ungarn, und Lateinamerika so viel
Beachtung finden würde, hat er nicht erwartet. – Tatsächlich fand ich jetzt in den beiden großen amerikanischen Ameisenforen noch keinen Hinweis,
und auch in den deutschen Foren hat man die „Obama-Ameise" noch nicht zur Kenntnis genommen. Nun ja, für die Haltung spielt sie auch keine Rolle,
und sie ist nicht im Handel. ;)

Ich habe mich jedenfalls gefreut, auf diese Weise wieder mal von Francisco gehört zu haben. Und ich kann seinen Unternehmungsgeist nur bewundern, ebenso wie seinen Einsatz für sein Forschungsgebiet. Alle Achtung! :)

MfG,
Merkur
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