Gedanken zu "Wissenschaft und Medien"

Interessante und neue Themen aus "Wissenschaft und Medien"

Gedanken zu "Wissenschaft und Medien"

Beitragvon Emse » Sonntag 3. Dezember 2017, 14:56

Bin gerade auf die Homepage der Uni Würzburg gestoßen und sehe mit Begeisterung, dass u.a. auch dort weiterhin fleissig "Ameisenforschung" betrieben wird:

http://www.zoo2.biozentrum.uni-wuerzbur ... /ag-roces/

Derzeitige Projekte:

- Entscheidungsfindung und Informationsfluss bei der Ernteaktivität von Blattschneiderameisen
- Energetik der Entscheidungsfindung: Kosten des Sammelns- und Bauverhaltens von Ameisen
- Kontrolle der Futteraufnahme, Kommunikation, und Organisation der kollektiven Aktivität bei nektarsammelnden Ameisen
- Bauverhalten und die Kontrolle des Nestklimas bei Ameisen


(Nicht nur) dort schlummert also noch einiges in der "Pipeline" und man kann als interessierter Leser davon ausgehen, dass das Hobby Ameisenhaltung auch zukünftig immer wieder mit neuen wissenschaftlichen Puplikationen garniert wird!

Wenn da nur nicht diese vielen Hürden wären! :roll:

Ein Blick auf jüngst veröffentliche Puplikationen der Uni:
Arenas, A., and Roces, F. (2017) Avoidance of plants unsuitable for the symbiotic fungus in leaf-cutting ants: Learning can take place entirely at the colony dump, PLOS ONE, Public Library of Science 12, 1-16.
Mildner, S., and Roces, F. (2017) Plasticity of Daily Behavioral Rhythms in Foragers and Nurses of the Ant Camponotus rufipes: Influence of Social Context and Feeding Times, PLOS ONE, Public Library of Science 12, 1-23.
Römer, D., Bollazzi, M., and Roces, F. (2017) Carbon dioxide sensing in an obligate insect-fungus symbiosis: CO2 preferences of leaf-cutting ants to rear their mutualistic fungus, PLOS ONE, Public Library of Science 12, 1-17.


Allesamt frei zugänglich, die jeweiligen Links zu den Arbeiten findet ihr auf der o.g. Homepage.
Trotzdem für mich mit "Normalbildung" nur schwer lesbar: Englisch und voller komplizierter Fachbegriffe. :(

Da bleibt oft nur abzuwarten, bis die Themen bei entsprechender Relevanz von den Massenmedien aufgegriffen werden und für Nicht-Wischenschaftler in verständliche Sprache extrahiert werden. Das gelingt den Journalisten mal mehr und mal weniger gut, manche dieser Extrakte sind gespickt mit - teilweise groben - journalistischen "Unschärfen", oft bleiben sie ärgerlicherweise (mangels eigener Fachkenntnisse) beim Lesen jedoch unbemerkt.

Umso schöner, dass in einigen deutschsprachigen Ameisenforen derlei "Schnitzer" immer wieder beharrlich benannt und gerade gerückt werden!
So wird dann zum Schluss doch noch ein "Schuh" daraus! :) Bitte weiter so!
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Re: Gedanken zu "Wissenschaft und Medien"

Beitragvon Phil » Sonntag 3. Dezember 2017, 16:49

Als "Würzburger Ameisenforscher" kann ich gerne meine Hilfe anbieten (ich war zwar nicht bei oben benannten Papern beteiligt, habe aber natürlich Kontakt zum Lehrstuhl), wenn es darum geht einen Artikel verständlich zu übersetzen. Ich würde es liebend gerne für viele wissenschaftliche Publikationen tun, aber es kostet leider viel Zeit, die ich selten habe... Gibt es einen spezifischen Wunsch?

Grüße, Phil
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Re: Gedanken zu "Wissenschaft und Medien"

Beitragvon Emse » Sonntag 3. Dezember 2017, 17:18

Hallo Phil,

Danke für deine Meldung und das freundliche Angebot!
Nein, einen spezifischen Übersetzungs-Wunsch gibt es (meinerseits derzeit) nicht.

Die Nennung der Uni Würzburg (im genannten Zusammenhang) sollte auch nur beispielhaft sein.
Im "Normalfall" läuft es dann weiter, wie schon geschrieben:
Da bleibt oft nur abzuwarten, bis die Themen bei entsprechender Relevanz von den Massenmedien aufgegriffen werden und für Nicht-Wischenschaftler in verständliche Sprache extrahiert werden. Das gelingt den Journalisten mal mehr und mal weniger gut, manche dieser Extrakte sind gespickt mit - teilweise groben - journalistischen "Unschärfen", oft bleiben sie ärgerlicherweise (mangels eigener Fachkenntnisse) beim Lesen jedoch unbemerkt. [..]


Trotzdem vielen Dank nochmal, komme ggf. gerne mal darauf zurück! :)
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Re: Gedanken zu "Wissenschaft und Medien"

Beitragvon Merkur » Montag 4. Dezember 2017, 20:57

“Fachchinesisch” :D

Zum Startbeitrag von Emse: „Trotzdem für mich mit "Normalbildung" nur schwer lesbar: Englisch und voller komplizierter Fachbegriffe.“

Es ist vielleicht nicht ganz so schwer, Zugang zu solchen Arbeiten zu finden. Ich nehme mal als Beispiel die erste der zitierten Publikationen,
http://journals.plos.org/plosone/articl ... ne.0171388
Andrés Arenas , Flavio Roces: Avoidance of plants unsuitable for the symbiotic fungus in leaf-cutting ants: Learning can take place entirely at the colony dump.
Das ist noch leicht zu verstehen; es geht darum, dass Blattschneider es vermeiden, Blätter einzutragen, die für ihre Pilzkulturen schädlich sind. Das ist nicht neu; man hat bereits vor Jahrzehnten versucht, den Pilz indirekt zu vergiften, indem man Fungizide auf die Vegetation in der Nähe der Nester (z.B. auf Kulturpflanzen) versprüht hat. Doch das hat nicht viel gebracht: Die Ameisen haben bald gemerkt, dass mit den Blättern etwas nicht stimmt, und haben andere Pflanzen besucht, evtl. weiter weg. Auch von Natur aus unbrauchbare Pflanzen werden zunächst an den Pilz verfüttert, aber später gemieden.
Doch woher wissen die Ameisen, was ihrem Pilz evtl. nicht gut tut?
Der 2. Teil des Titels nennt die Fragestellung: Die Tiere lernen es, und in der vorliegenden Arbeit wird als neu gezeigt, dass sogar ausschließlich der Kontakt (wohl geruchlich) mit Pilz- und Blattabfall in den Abfallkammern ausreicht, um daraus zu lernen, welche Pflanzenart ungeeignet ist.

Veröffentlichungen enthalten im Allgemeinen eine Zusammenfassung. Wenn sie gut ist, wie in diesem Fall, kann man bereits daraus das experimentelle Vorgehen und die wesentlichen Ergebnisse entnehmen. So ein Abstract ist meist nicht schwer lesbar, und für die meisten Leser hinreichend informativ. Das ist auch, was Journalisten üblicherweise lesen und (m.o.w. gut vorverdaut) weitergeben.
Der ganze große Rest enthält die Einzelheiten, Hintergrund, frühere Arbeiten zum Thema, Begründung der Fragestellung, Tiermaterial für die Experimente, genaue Beschreibung der Versuche, Ergebnisse, Interpretation (mit ordentlich viel Statistik zur Absicherung) usw., alles, was andere Forscher wissen müssen, wenn sie ihrerseits die Fragestellung bearbeiten möchten (z. B. vergleichend mit anderen Arten), oder Zweifel an den Ergebnissen bzw. Deutungen haben. – Das muss man sich nicht alles antun! Zumindest als Laie kann man es ohnehin nicht ganz beurteilen (hier in diesem Beispiel bin auch ich Laie!), und üblicherweise kann man den Autoren Glauben schenken, dass sie gründlich und nach aktuellen Standards gearbeitet haben.
Abstract

Plants initially accepted by foraging leaf-cutting ants are later avoided if they prove unsuitable for their symbiotic fungus. Plant avoidance is mediated by the waste produced in the fungus garden soon after the incorporation of the unsuitable leaves, as foragers can learn plant odors and cues from the damaged fungus that are both present in the recently produced waste particles. We asked whether avoidance learning of plants unsuitable for the symbiotic fungus can take place entirely at the colony dump. In order to investigate whether cues available in the waste chamber induce plant avoidance in naïve subcolonies, we exchanged the waste produced by subcolonies fed either fungicide-treated privet leaves or untreated leaves and measured the acceptance of untreated privet leaves before and after the exchange of waste. Second, we evaluated whether foragers could perceive the avoidance cues directly at the dump by quantifying the visits of labeled foragers to the waste chamber. Finally, we asked whether foragers learn to specifically avoid untreated leaves of a plant after a confinement over 3 hours in the dump of subcolonies that were previously fed fungicide-treated leaves of that species. After the exchange of the waste chambers, workers from subcolonies that had access to waste from fungicide-treated privet leaves learned to avoid that plant. One-third of the labeled foragers visited the dump. Furthermore, naïve foragers learned to avoid a specific, previously unsuitable plant if exposed solely to cues of the dump during confinement. We suggest that cues at the dump enable foragers to predict the unsuitable effects of plants even if they had never been experienced in the fungus garden.

Zusammenfassung:

Pflanzen, die furagierende Blattschneiderameisen anfangs akzeptieren, werden später gemieden, wenn sich erweist, dass sie für den symbiotischen Pilz ungeeignet sind.
Die Vermeidung von Pflanzen erfolgt aufgrund des Abfalls, der bald nach dem Einbau ungeeigneter Pflanzen in den Pilzgarten produziert wird, da die Futtersammler den Geruch und andere Merkmale von Pflanzen und geschädigtem Pilz erlernen können. Die Merkmale sind in dem neu produzierten Abfall vorhanden.
Wir stellten uns die Frage, ob das Meideverhalten gegenüber ungeeigneten Pflanzen vollständig anhand des Abfallhaufens erlernt werden kann.
Wir fütterten „naive“ Teilkolonien entweder mit Fungizid-behandelten Ligusterblättern oder mit unbehandelten Blättern. Nach dem Vertauschen der Abfallbehälter wurde die Akzeptanz unbehandelter Ligusterblätter gemessen.
Weiterhin untersuchten wir, ob Sammlerinnen die Auslöser des Meideverhaltens direkt am Abfall wahrnehmen konnten. Dazu zählten wir die Besuche markierter Sammlerinnen im Abfallbehälter.
Schließlich fragten wir uns, ob Sammlerinnen es lernten, spezifisch unbehandelte Blätter einer Pflanze zu meiden, wenn sie für drei Stunden in einem Abfallbehälter eingesperrt waren, in dem eine mit Fungizid-behandelten Blättern derselben Pflanze gefütterte Teilkolonie ihren Abfall deponiert hatte.
Nach dem Vertauschen der Abfallkammern lernten die Arbeiterinnen von Teilvölkern, die Zugang zum Abfall aus Fungizid-behandeltem Liguster hatten, diese Pflanze zu meiden.
Ein Drittel der markierten Arbeiterinnen besuchte den Abfall.
Weiterhin lernten naive Sammlerinnen eine bestimmte ungeeignete Pflanze auch zu meiden, wenn sie während des Einsperrens nur die Eigenschaften des Abfalls wahrnehmen konnten.
Wir nehmen an, dass es Eigenschaften des Abfalls den Sammlerinnen ermöglichen, die Schädlichkeit von Pflanzen bereits zu erkennen, selbst wenn sie diese nie zuvor im Pilzgarten kennen gelernt hatten.
--

Anmerkung von Merkur: Eine Fortsetzung der Untersuchungen könnte dann die chemische Analyse der Duftstoffe aus dem Abfall sein. Danach könnte man mit Elektrophysiologie (Antennogramme) die Reaktion der Ameisen auf die einzelnen Komponenten des Abfall-Geruchs testen. Weiters: Könnte man diese Komponente(n) synthetisieren, wäre es möglich, alle Pflanzen im Umfeld der Nester für die Ameisen als "unbrauchbar" zu markieren: Der Pilz und damit das Volk würden verhungern. Das wäre dann eine praktische Anwendung der bisherigen Grundlagenforschung. Kommt vielleicht noch....

Mein Vorschlag für eine journalistische Version der Arbeit:
„Ameisen schnuppern am Müll und wissen, ob es gutes Fress-fress gegeben hat“ :D

MfG,
Merkur
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Re: Gedanken zu "Wissenschaft und Medien"

Beitragvon Emse » Montag 4. Dezember 2017, 23:52

Hallo Merkur, da danke ich für den gebotenen Lösungsweg! :)

Ja, das/der Abstract, also die anfängliche Zusammenfassung der Arbeit, kann reichen, um einigermaßen gut aufzuschnappen, worum es in der Arbeit geht. Man muss sich wohl (oder übel^^) die Mühe einer Übersetzung machen, sofern einen derlei Veröffentlichungen interessieren. (Oder eben warten, bis die (deutsch-sprachige) Presse das Thema aufbereitet - mal mehr, mal weniger sorgfältig..)

Nebenbei, über die von dir ausgesuchte Arbeit habe ich übrigens (hier) Anfang April schon mal berichtet , wurde allerdings auch erst durch einen Artikel in diesem Medium darauf aufmerksam.

Und dazu: Der (doch etwas seriösere!) Titel des Artikels im Standard lautete damals:
"Jungameisen lernen noch vor dem ersten Ausgang, welche Blätter zu meiden sind" ;)

------------
edit: Eigentlich wollte ich mit meinem Startbeitrag (vermutlich!) auf folgendes hinaus:

- wissenschaftliche Originalarbeit: oft schwer verständlich
- dazugehörige Pressemeldungen: evtl. schlampig/fehlerhaft
- das, was beides ideal zusammenführen kann: ein (funktionierendes) Forum!
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Re: Gedanken zu "Wissenschaft und Medien"

Beitragvon Merkur » Dienstag 5. Dezember 2017, 10:40

Hallo Emse,

Ich muss es (für mich leider!) zur Kenntnis nehmen, dass ich den von Dir seinerzeit verlinkten Artikel im „Standard“ tatsächlich gelesen, und wieder völlig vergessen hatte! :roll: (Sogar den “privet“ = Liguster musste ich im Wörterbuch nachschlagen). Der Artikel ist übrigens recht gut geschrieben!

Meine Absicht gestern war auch, bei Forenusern allgemein etwas die Scheu vor solchen Arbeiten abzubauen, und zu vermitteln, dass viele moderne Arbeiten nur einen oft sehr kleinen Teil eines umfangreicheren Themas behandeln: Hier wäre das Rahmenthema eben die Organisation der Pilzzucht der Blattschneider. Der experimentelle Aufwand auch für einen solchen Teilaspekt ist hoch, wenn man gut gesicherte Erkenntnisse gewinnen will. Andere Teile wurden ebenfalls u. a. von der Arbeitsgruppe Roces untersucht, etwa die Effizienz des Blätter-Schneidens.

Auch einen weiteren Gesichtspunkt wollte ich deutlich machen: Fast jede solche Arbeit eröffnet die Möglichkeit, weiter zu forschen, darauf aufzubauen, so wie fast jede Forschung auf früheren Erkenntnissen aufbaut.

Leider weiß ich nicht mehr, welcher Biologe den Satz geprägt hat: „Je größer die Insel des Wissens, desto länger die Küste der Fragen“.
Mit Google findet sich eine oftmals auch treffende Abwandlung (von Unbekannt):
Je größer die Insel des Wissens, desto größer der Strand der Verzweiflung“.
Und „natürlich“ hat sich auch Johann Wolfgang von Goethe ähnlich geäußert:
Mit dem Wissen wächst der Zweifel.“ ;)

MfG,
Merkur
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Re: Gedanken zu "Wissenschaft und Medien"

Beitragvon Emse » Donnerstag 7. Dezember 2017, 20:40

Einen etwas anderen Weg geht gelegentlich der Deutschlandfunk: Zu diesem vor kurzem erschienenen Paper lässt er einen der beteiligten Wissenschaftler direkt selbst zu Wort kommen:

http://ondemand-mp3.dradio.de/file/drad ... d4735d.mp3

Gefällt!
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