Wozu man Ameisen benutzt: Umwelt-Monitoring

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Wozu man Ameisen benutzt: Umwelt-Monitoring

Beitragvon Merkur » Sonntag 1. März 2020, 20:23

Im Myrmecologicla News Blog vom 26. Feb. 2020 berichten Lauren Jacquier and Mathieu Molet über ein in Frankreich laufendes Projekt, in dem die häufige Schmalbrustameise Temnothorax nylanderi für das Monitoring der Umweltbelastung durch Chemikalien eingesetzt werden.

Es geht um die weltweite Kontamination der Umwelt durch Xenobiotica, organische Verbindungen, die in der Natur nicht vorkommen. Als Beispiel wird die Anreicherung von Phthalaten in der Wachsschicht der Kutikula der Ameisen untersucht. Diese „Weichmacher“, die oft in Kunststoffen Verwendung finden, sind so weit verbreitet, dass man sie praktisch in jeder gaschromatographischen Untersuchung als starken Peak antrifft, bereits seit Jahrzehnten.
Wie alle Insekten haben Ameisen auf der Körperoberfläche eine wasserabweisende Wachsschicht, in der sich die nicht-polaren (lipophilen) organischen Verunreinigungen ansammeln. Außerdem furagieren Ameisen über relativ kurze Entfernungen, so dass man an ihnen auch kleinräumige Unterschiede in der Umweltbelastung messen kann.
Phthalate hat man unerwartet sogar in entlegenen Regionen des Amazonas-Urwaldes gefunden, die man für unbeeinflusst durch menschliche Aktivitäten gehalten hatte. Die Konzentrationen der Substanzen variieren mit menschlichen Aktivitäten, z. B. entlang von Straßen oder in Städten.
Nun soll eine Untersuchung in der Umgebung von Paris zeigen, ob sich in Parks und im Übergangsbereich der Städte zu Wäldern in bis zu 50 km Entfernung ebenfalls ein Gradient in der Belastung durch nicht-natürliche organische Verbindungen nachweisen lässt.
Temnothorax nylanderi eignet sich dafür, da diese Art von städtischen Parks bis in stadtferne Wälder häufig vorkommt und leicht zu erkennen und zu sammeln ist. Man muss allerdings jeweils mehrere Individuen aus einem Nest zusammen untersuchen um hinreichende Mengen der in ihrer Wachsschicht angereicherten Chemikalien zu bekommen. Mit einer Kombination von Gaschromatographie und Massenspektrometrie werden Chemikalien untersucht, die u. a. zu den Phthalaten, polychlorierten Biphenylen, polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen und Flammschutzmitteln gehören.

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Queen, workers, and brood of Temnothorax nylanderi. (© Mathieu Molet)
Ich habe das Bild etwas bearbeitet, u.a. eine auffallend große Arbeiterin als "Int" (= Intermorphe) gekennzeichnet. Sie ist eine seltenere Zwischenform von Arbeiterin und Gyne, kenntlich z. B. an den winzigen Höckern an der Stelle, wo eine Gyne die Flügel hätte.

Diese Ameisen sind jedenfalls so häufig, und ihr Verbrauch für die laufende Untersuchung dürfte so gering sein, dass eine Gefährdung der Art meines Erachtens nicht zu befürchten ist. Es werden ja nur wenige Arbeiterinnen aus jedem Nest benötigt, so dass die Völkchen weiter existieren dürften.

MfG,
Merkur
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