„Darwin-Wespen“ statt Schlupfwespen

Interessante und neue Themen aus "Wissenschaft und Medien"

„Darwin-Wespen“ statt Schlupfwespen

Beitragvon Merkur » Sonntag 14. März 2021, 11:15

Ob sich das als Trivialname durchsetzen wird? - (mit einem Exkurs über Insektensterben vs. steigende Artenzahlen)
https://ssecommunityblog.org/the-wasps- ... -namesake/
Dazu:
https://de.wikipedia.org/wiki/Schlupfwespen :
Eine internationale Forschergruppe hat 2019 Darwin-Wespen (im Original darwin wasps) als neuen Popularnamen vorgeschlagen. Dies geschieht in Anlehnung an die Aufmerksamkeit, die ihnen Charles Darwin widmete (siehe weiter unten) und soll das öffentliche und wissenschaftliche Interesse an dieser noch wenig bearbeiteten Familie steigern.
...
Zu Darwins Problem mit den Schlupfwespen:
Die scheinbare Grausamkeit der Lebensweise (einschließlich des Kannibalismus unter den Larven) der Ichneumonidae aus menschlicher Sicht beschäftigte im 19. Jahrhundert Philosophen, Naturwissenschaftler und Theologen, da diese Lebensweise mit der Existenz eines guten und eingreifenden Gottes unvereinbar sei (Theodizee)... Charles Darwin fand das Beispiel der Ichneumonidae so verstörend, dass es seine Zweifel an der Existenz eines Schöpfers verstärkte, wie er 1860 in einem Brief an den amerikanischen Naturalisten Asa Gray schrieb.

Im Deutschen hat sich die vorgeschlagene Umbenennung wohl noch nicht eingebürgert: Nach wie vor gibt es Anzeigen dieser Art: „Motten komplett ausrotten - mit Hilfe von Schlupfwespen etc.

Doch gibt es anscheinend Leute, die sich mit dem neuen Namen anfreunden können:
Aargauerzeitung:
Der Schweiz gehen die Insektenexperten aus – Arten bleiben unentdeckt - Die Basler Insektenforscherin Seraina Klopfstein hat 470 neue Arten von Schlupfwespen entdeckt. Warum waren die bis heute unbekannt?
Ein kürzlich erschienener Artikel in der Zeitschrift «Alpine Entomology» hat für Aufsehen gesorgt. Die am Naturhistorischen Museum Basel arbeitende Insektenforscherin Seraina Klopfstein publizierte mit zwei Co-Autoren eine Liste von parasitischen Insekten aus der Familie der Darwinwespen, bis vor kurzem als Echte Schlupfwespen benannt. In Klopfsteins Arbeit sind 470 Arten aufgeführt, die neu für die Schweiz sind. Wie ist so etwas möglich?

Jeder, der über ein wenig Biologiewissen verfügt, dürfte die „Darwin-Finken“ von Galapagos einigermaßen einordnen können, und auch „Schlupfwespen“ sind ein Begriff, mit dem wohl die meisten eine Vorstellung verbinden.
Das mag im englischen Sprachraum anders sein, wo es außer „ichneumon wasps“ oder „ichneumonids“ keine allgemein bekannte populäre Bezeichnung zu geben scheint. Doch müssen wir die dort vielleicht gerechtfertigte Umbenennung unbedingt ins Deutsche übernehmen? - Eine solche Umbenennung schafft Verwirrung und ist m. E. absolut unnötig!

Aber was hat es mit den 470 für die Schweiz „neuen“ Arten auf sich? - Es sind keinen wirklich neuen, der Wissenschaft bisher unbekannten Arten! Nur fehlte es bisher an Spezialisten, die in der Lage waren, die ganzen in den wiss. sowie privaten Sammlungen der Schweiz vorhandenen Schlupfwespen zu bestimmen. Darunter waren eben Exemplare von 470 beschriebenen Arten, deren Existenz in der Schweiz bisher nicht bekannt war, weil keiner in der Lage war, sie richtig zu identifizieren. - Darin dürfte die Schweiz keine Ausnahme sein! :(

Ein Dilemma ergibt sich aus diesen Erkenntnissen:
Einerseits lesen wir tagtäglich vom „Insektensterben“, vom Verlust hoher Prozentsätze einst häufiger Arten. Andererseits gibt es immer mehr Insektenarten, nicht nur in regionalen Faunen, sondern auch dank der raschen Zunahme von wissenschaftlich neu beschriebenen Arten.
Z. B. wird hier in einer einzigen Arbeit über die Entdeckung von 54 neuen Ameisenarten berichtet: Unterirdisch lebenden Heeresameisen der Gattung Syscia!
Oberflächlich betrachtet könnte man auf die Idee kommen, dass es mit dem „Insektensterben“ bzw. allgemein dem „Artensterben“ so schlimm ja nicht sein könne, wenn die Anzahl beschriebener Arten doch so rapide zunimmt.
Doch das wäre ein Trugschluss: Ganz im Gegenteil muss man annehmen, dass der Verlust bisher bekannter Arten ein Indiz dafür ist, dass die Verluste weitaus höher sind, dass die bis heute unbeschriebenen Arten in ähnlichem Verhältnis verschwinden, und zwar noch bevor sie entdeckt werden können! :(

MfG,
Merkur
  • 3

Bedarf wecken, Bedarf decken, Kasse machen: DAS Geschäftsmodell für den Heimtiermarkt.
Suum cuique
Benutzeravatar
Merkur
Beirat
 
Beiträge: 3002
Registriert: Sonntag 6. April 2014, 07:52
Wohnort: Reinheim
Bewertung: 8466

Zurück zu Wissenschaft und Medien

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 6 Gäste

Reputation System ©'