Wo sind Igel, Fluginsekten und Schnecken geblieben?

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Re: Wo sind Igel, Fluginsekten und Schnecken geblieben?

Beitragvon Merkur » Montag 24. April 2017, 15:24

Die Beobachtung, dass immer weniger Insekten auf der Windschutzscheibe vom Auto landen, ist nun auch im GEO-Magazin angekommen. Hier ein Leserbrief aus Heft 5/2017:

geo-5-17,-zu-3-17w.jpg
Aus GEO 5/2017 zu GEO 3/2017

Der Kommentar bezieht sich auf einen Artikel in Heft 3/2017: „Tatort Wiese“ („Vom stillen Sterben der Insekten“) (S. 54-65).
Darin fand ich als den Hauptverdächtigen für den Rückgang der Insektenfauna eine Gruppe neuartiger Insektizide, der Neonicotinoide.
Bei einer kurzen Internetrecherche wird deutlich, dass diese Verbindungen systemisch wirken. Das heißt: Die Pflanze nimmt das Gift über die Wurzeln auf und transportiert es in alle ihre Teile, Sprosse, Blätter, Blüten samt Pollen, Nektar, und Früchte.
An der Pflanze fressende und saugende Insekten (-larven) werden vergiftet, bei geringen Dosen eventuell so, dass sie nicht gleich sterben. Da sind auch räuberische Insekten und Aasfresser betroffen, die vielleicht durch geringere Dosen nicht direkt erkennbar geschädigt, aber möglicherweise im Verhalten gestört werden: Es sind Nervengifte, die da in die Nahrungskette eingeschleust werden!
Wikipedia:
Neonicotinoide können als Kontakt- oder Fraßgift wirken. Sie werden gut über die Wurzeln aufgenommen und in die Blätter transportiert. Behandelte Pflanzen sind dadurch sowohl vor beißenden, als auch vor saugenden Insekten geschützt. Aufgrund dieser systemischen Wirkung werden die Neonicotinoide vor allem als Saatgutbeizmittel verwendet. Des Weiteren können sie beispielsweise als Spray, Granulat oder Zusatz zum Bewässerungswasser eingesetzt werden. Da Neonicotinoide in der Pflanze nur langsam abgebaut werden, hält ihre Wirkung längere Zeit an. Bei Dauerkulturen wie Wein und Zitruspflanzen waren eingesetzte Neonicotinoide etwa ein halbes Jahr wirksam. Ahornbäume konnten durch die Injektion von Imidacloprid vier Jahre vor Schadinsekten geschützt werden…..
Den langen Artikel sollte man lesen: https://de.wikipedia.org/wiki/Neonicotinoide
Da kann man nur noch fragen, wie Regierungen so ein Mittel zulassen können. :( :mad: :roll:

MfG,
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Re: Wo sind Igel, Fluginsekten und Schnecken geblieben?

Beitragvon Teleutotje » Montag 24. April 2017, 17:36

When you see what is happening with our insects and nature in general and you read about these chemicals, I won't be surprized if they really are playing a role in all the shit that is happening with our natural world!!!
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Re: Wo sind Igel, Fluginsekten und Schnecken geblieben?

Beitragvon Emse » Donnerstag 4. Mai 2017, 17:23

Nach den Insekten nun auch die Vögel:

Die Zahl der Vögel in Deutschland und Europa ist dramatisch gesunken. Geeignete Lebensräume fehlen, Insekten gehen als Nahrung aus. Politiker warnen vor einem "stummen Frühling".

In einer Antwort auf eine Kleine Anfrage der Grünen hat die Bundesregierung die Zahlen zusammengetragen: Insgesamt ist demnach in der EU die Zahl der Brutpaare in den landwirtschaftlichen Gebieten zwischen 1980 und 2010 um 300 Millionen zurückgegangen, das ist ein Minus von 57 Prozent.

In Deutschland hat etwa der Bestand der Kiebitze zwischen 1990 und 2013 um 80 Prozent abgenommen, die Zahl der Braunkehlchen um 63 Prozent, die der Uferschnepfen um 61 Prozent und die der Feldlerchen um 35 Prozent. Die Zahl der Rebhühner hat zwischen 1990 und 2015 sogar um 84 Prozent abgenommen. Ein Drittel aller Vogelarten zeigte seit Ende der Neunzigerjahre "signifikante Bestandsabnahmen".

Gründe dafür gibt es viele - das Fehlen geeigneter Lebensräume und das Insektensterben gehören zu den wichtigen. Bei manchen Insektenarten ist der Bestand demnach um bis zu 90 Prozent zurückgegangen. Unkraut- und Insektengifte stellten dabei Studien zufolge einen "relevanten Einflussfaktor" dar, heißt es in der Antwort der Regierung. [..]


Zum Artikel: http://www.spiegel.de/wissenschaft/natu ... 46021.html
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Re: Wo sind Igel, Fluginsekten und Schnecken geblieben?

Beitragvon FooFighter » Freitag 5. Mai 2017, 10:20

Die Insekten zur Aufzucht von Jungvögeln fehlen. Neozoen und hohe Raubwildbestände (seit 2006 ist die Tollwut in D ausgerottet) entnehmen eine steigende Zahl an Vögeln. Der Mensch reiht sich in die Linie der Prädatoren ein: Das illegale töten von Singvögeln in den südeuropäischen Staaten ist ein Millionengeschäft beutelt die Zugvögel noch zusätzlich. Fertig ist der große Rückgang der Bestände. Wer behauptet es gäbe keine Alternativen in der Landwirtschaft um dem Insektenrückgang entgegen zu wirken, ist schlichtweg schlecht informiert.

Als Beispiel sei Silphium perfoliatum aufgeführt. Beim Anbau dieser Planze muss in den ersten beiden Jahren viel investiert werden: Die Pflanze muss als Jungpflanze aufwendig eingebracht werden, denn die Ausbringung von Samen scheitert an der mangelnden Konkurrenzfähigkeit mit den heimischen Unkräutern. Es sind hohe Investitionen für die Landwirte nötig. Weiterer Negativ-Aspekt: Die Pflanze bringt nur 80% der Biogasmenge im Vergleich zum Energiemais.

Die Vorteile der Pflanze überwiegen die Nachteile aber bei weitem. Die Pflanze gehört zur Familie der Korbblütler und ist für Insekten höchst interessant. Sie ist weiterhin unempfindlich gegen Trockenheit, ganz im Gegensatz zum Mais. Die Pflanze ist mehrjährig: Ab der ersten Einsaat braucht es keine Bodenbearbeitung und Aussaat mehr. Unkrautvernichter UND Düngemittel werden in den Folgejahren kaum bis gar nicht mehr benötigt. Auch wirtschaftlich kann sich die Pflanze durchaus lohnen, entfallen doch Personalkosten, Treibstoffkosten und Kosten für Düngemittel und Unkrautvernichtungsmittel.

Es fehlt allein am politischen Wille. Es braucht Subventionen um die hohen Kosten in den Anfangsjahren (vorübergehend!) abfedern zu können. Es muss schnell gehandelt werden, ansonsten werden sich die Bestände vor allem bei den Bodenbrütern nicht mehr erholen können. Über die bekannte grüne Partei und die Führungen der Naturschutzverbände rege ich mich nicht mehr auf. Diese Zeit und die Spenden nutze ich zusammen mit anderen lieber für das Pflegen von Hecken und Anlegen von Wildäckern oder Blühstreifen. In meinem Fall hat das lokal den Bestand an Singvögeln (u.a. Feldlerche) und dem sehr selten gewordenen Feldhasen stabilisiert bzw. sogar erhöht.
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Re: Wo sind Igel, Fluginsekten und Schnecken geblieben?

Beitragvon Merkur » Freitag 5. Mai 2017, 15:42

Im neuen „STERN“ Nr.19, 4.5.2017, ist ein wichtiges Interview zum Bienensterben:
„Bienen in Gefahr / Honigproduzenten im Vollrausch“.

Gesprächspartner ist Dr. Randolf Menzel, zuletzt Professor an der FU Berlin (in den 1970er Jahren war er an der TU Darmstadt, woher ich ihn persönlich kenne). Er ist ein weltweit bekannter Neurophysiologe, der sich über 50 Jahre mit dem Nervensystem der Honigbiene befasst hat, besonders mit deren Gehirn, den Sinnesleistungen, Gedächtnis und „Intelligenz“.

Zum „außergewöhnlichen Massensterben“ der Bienen führt er aus, dass die Forschungen seiner Gruppe sich u. a. mit Auswirkungen der Neonicotinoide auf deren Navigation und Gedächtnisleistung befasst haben. „Diese Pestizide sind Gehirndrogen ..." – Daher Verhaltensstörungen „wie im Vollrausch

Aber es geht weiter: Die Honigbienen sind nur ein Indikator für das weit größere Problem, den allgemeinen Insektenschwund. Inzwischen pfeifen es die Spatzen von den Dächern: Es gibt immer weniger Insekten. Auch ihm ist aufgefallen, dass man kaum noch Insekten von der Windschutzscheibe kratzen muss. „Die Honigbienen sind nur die Spitze des Eisbergs“. Nach mehreren Studien sind die Insekten allein in D in den letzten Jahren um bis zu 80 % zurückgegangen. In der Folge ist der ebenfalls beobachtete Rückgang der Vögel zu sehen; ihnen fehlen die Nahrungsinsekten. Auch Fledermäuse dürften betroffen sein. Und natürlich räuberische Insekten sowie Spinnen.

Die EU-Kommission hat die Zulassung einiger Neonicotinoide teilweise zurückgenommen. Doch Bayer, Syngenta, BASF u.a. haben dagegen Klage eingereicht. Demnächst soll der Europäische Gerichtshof (EuGH) darüber entscheiden. – Menzel ist für ein generelles Verbot der Neonicotinoide!Es wäre eine Katastrophe, wenn der EuGH der Klage nachgäbe“.
Angesichts der zahlreichen Nebenwirkungen solcher Pflanzenschutzmittel und der Ausweitung von Monokulturen „tun wir etwas ganz Dramatisches und äußerst Dummes“.
--
Wie weit die Neonicotinoide sich via Blütennektar, Honigtau, Pollen in der Nahrungskette der Insekten evtl. auch bis zu den Ameisen anreichern können, sei dahingestellt. Bemerkt wird das wohl eher nicht; wer kontrolliert schon die Populationsentwicklung von Ameisen, den Rückgang seltener und versteckt lebender Arten? Immerhin werden auch viele Ameisenarten mit geschwächten und toten Insekten diese Pestizide aufnehmen. Es geht uns alle an! :(

Ein Großteil des Rapsanbaus dient der Gewinnung von Biodiesel, und Mais wird zu einem wesentlichen Teil zu "Bio-Ethanol" verarbeitet und in Automotoren verbrannt. Das beleuchtet doch den ganze Widersinn unseres Umgangs mit Landschaft und Natur. :crazy:

MfG,
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Re: Wo sind Igel, Fluginsekten und Schnecken geblieben?

Beitragvon Boro » Sonntag 7. Mai 2017, 07:59

Und das Bienensterben geht weiter! Österreich bzw. Kärnten waren bisher eher wenig beachtete Nebenschauplätze dieser Katastrophe. Aber hin und wieder schrecken Meldungen auf, dann folgt eine zeitaufwändige und langwierige Prozedur zur Ausforschung der Ursachen. Das ist geradezu typisch für hiesige Verhältnisse, obwohl man (lt. Bericht) den Verursacher bereits kennt. Dann kommen ein paar Stellungnahmen von Fachleuten, selbstverständlich auch von jenen der chemischen Industrie, ein paar Sprechblasen und das war´s dann wieder....(bis zum nächsten Mal).
Es handelt sich um das von einem Landwirt während der Obstbaumblüte (in diese) ausgebrachte Neonicotinoid Mospilan. Der Vorsitzende des Umweltausschusses im Landtag: "Offiziell wird bei Mospilan nur Wassergefährdung und nicht Bienengefährdung angegeben.". Prost, Mahlzeit! Man soll ja viel Wasser trinken, das sei gesund......

http://www.kleinezeitung.at/kaernten/la ... -Lavanttal
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Re: Wo sind Igel, Fluginsekten und Schnecken geblieben?

Beitragvon Teleutotje » Sonntag 14. Mai 2017, 19:28

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Re: Wo sind Igel, Fluginsekten und Schnecken geblieben?

Beitragvon Emse » Montag 15. Mai 2017, 01:39

Merkur hat geschrieben:Im neuen „STERN“ Nr.19, 4.5.2017, ist ein wichtiges Interview zum Bienensterben:
„Bienen in Gefahr / Honigproduzenten im Vollrausch“.


Jetzt auch online zu lesen: http://www.stern.de/panorama/wissen/nat ... 47860.html
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Re: Wo sind Igel, Fluginsekten und Schnecken geblieben?

Beitragvon Merkur » Dienstag 16. Mai 2017, 11:03

Zu dem Beitrag von Teleutotje:
https://www.sciencemag.org/news/2017/05 ... sects-gone

Das „Windshield phenomenon“ also. Nun hat die Beobachtung einen phänomenalen Namen :roll: , und das internationale Magazin „Science“ hat es zur Kenntnis genommen:
Entomologists call it the windshield phenomenon. "If you talk to people, they have a gut feeling. They remember how insects used to smash on your windscreen," says Wolfgang Wägele, director of the Leibniz Institute for Animal Biodiversity in Bonn, Germany. Today, drivers spend less time scraping and scrubbing. "I'm a very data-driven person," says Scott Black, executive director of the Xerces Society for Invertebrate Conservation in Portland, Oregon. "But it is a visceral reaction when you realize you don't see that mess anymore."

Ob das etwas hilft, sei dahingestellt. :(

Über das letzte WE haben wir einen Kurzurlaub im Kaiserstuhl verbracht, der wohl wärmsten Region Deutschlands. Ein Bild von der Paarung der Smaragdeidechse habe ich davon ja bereits gepostet.
Überall, wo wir herum gefahren und gewandert sind war es dasselbe Bild: Kaum Insekten! In Sasbach, wo wir wohnten, fiel vor allem das Fehlen von Schwalben auf. – Es ist eine große Weinbauregion, und die Reben gedeihen halt nur mit reichlichem Pestizideinsatz!

In einem großflächigen Naturschutzgebiet am Badberg sah es jedoch anders aus: Kaum ist man in einiger Entfernung von Weinbergen, auf wunderschön blühenden Wiesen (ohne Düngung!), flattern plötzlich allerlei Schmetterlinge; Hummeln und die Blaue Holzbiene (Xylocopa) neben weiteren Solitärbienen sowie einigen Käferarten als eifrige Bestäuber unterwegs. Eines der schönsten Erlebnisse boten die zahlreichen, wirklich vielen (!) Exemplare des Schmetterlingshaftes (Ascalaphus sp.). In der Sonne fliegen die Tiere unaufhörlich in rasendem Zickzack, unmöglich zu fotografieren. Aber manchmal hatte man drei oder vier gleichzeitig im Blickfeld! Es sind Räuber, die kleinere Insekten im Flug fangen und verzehren. Die Larven leben wie Ameisenlöwen im lockeren Boden, allerdings ohne Fangtrichter zu bauen. – Auch wärmeliebende Ameisen sollte es da geben, wenngleich uns nicht allzu viele begegnet sind. Lasius emarginatus, Camponotus ligniperdus und einige andere Lasius- sowie Formica- (Serviformica-) Arten sowie Tetramorium sp. waren zu sehen. Der Boden war anscheinend noch nicht gut durchgewärmt, und das Graben verbietet sich im NSG ebenso wie das Knacken von Totholz.

Ich bin zunehmend davon überzeugt, dass „neuartige Insektizide“ für den Rückgang der Insektenfauna verantwortlich sind!

MfG,
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Re: Wo sind Igel, Fluginsekten und Schnecken geblieben?

Beitragvon Boro » Dienstag 16. Mai 2017, 13:25

Dass Insektizide schuld sind, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit anzunehmen (siehe Bienensterben). Vor 14 Tagen sind wir aus Istrien zurückgekommen, Autobahn von Triest über Udine, Tarvis, Villach bis Klagenfurt: Bei dieser langen Strecke, die noch dazu vor allem von Triest bis Palmanova durch teilweise sehr natürliche Landschaften (Karst) geführt wird: Insgesamt wenige Insektenreste auf Windschutzscheibe und Frontpartie des Wagens.
L. G.
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Re: Wo sind Igel, Fluginsekten und Schnecken geblieben?

Beitragvon Trailandstreet » Dienstag 16. Mai 2017, 21:27

Aus aktuellem Anlass möchte ich hier mal auf die BR Mediathek verweisen. Ich weiß zwar nicht, ob diese überall "empfangen" werden kann, aber hier wären gerade ein paar Betiräge zu dem aktuellen Thema.
Zum einen "auf der Wiese wird es still", zum Bienensterben "sind Insektizide beteiligt?" und zum Insektensterben generell "Wie sähe die Welt ohne aus?"
http://www.br.de/br-fernsehen/sendungen ... index.html
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Re: Wo sind Igel, Fluginsekten und Schnecken geblieben?

Beitragvon Trailandstreet » Donnerstag 18. Mai 2017, 14:40

Wie ich gerade sehen konnt, befasst sich der BUND ebenfalls mit der Problematik.

Hier die Onlineversion des aktuellen Newsletters
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