"Eine Frage der Moral" (zu Thema aus dem AF)

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"Eine Frage der Moral" (zu Thema aus dem AF)

Beitragvon Merkur » Freitag 22. Januar 2016, 18:13

http://www.ameisenforum.de/topic54567.html

Manchmal ist es schade, dass Themen dieser Art nicht forenübergreifend diskutiert werden.
Was macht man, wenn eine Ameisenkolonie bestens gedeiht, wächst und wächst, aber man doch allmählich das Gefühl hat, dass sich nichts weiter mehr tut, dass sie m. o. w. “langweilig“ wird, dass sie den Halter überfordert, oder dass man lieber etwas anderes beobachten möchte?

Einheimische Völker, aus der näheren Umgebung des Halters, kann man zur Not aussetzen.
Gebietsfremde Völker, auch von einheimischen Arten, sollte man nicht aussetzen: “Intraspezifische Homogenisierung“ oder Weiterverbreitung von Parasiten und Krankheitserregern sind Risiken, denen eine moralisch einwandfreie Einstellung zu unserer Fauna entgegen steht.
Exotische Völker aus klimatisch ganz anderen Regionen auszusetzen, birgt weitere Risiken. Selbst wenn sie in unserem Klima über kurz oder lang sterben, ist ein Aussetzen eher weniger moralisch als sie gleich abzutöten.

Solche Völker abgeben, verkaufen, verschenken: Gut, wenn es gelingt. Aber es klappt eben nicht immer.

So bleibt sicher nicht selten wirklich nur die Option, ein solches Volk so human wie möglich abzutöten und zu entsorgen. Heißes Wasser geht wenigstens schnell und vernichtet auch zuverlässig evtl. vorhandene Parasiten etc..

Ich stand oft genug vor dem Problem, dass Ameisenvölker nach Jahren der intensiven Haltung und der Vermehrung durch Laborzucht in großer Zahl abgetötet werden mussten. Es ist ein Problem, vor dem die zahllosen Labore mit Versuchstieren alle stehen: Das wissenschaftliche Ziel ist erreicht, weitere arbeits- und kostenintensive Haltung ist nicht zu verantworten, egal ob der „Auftraggeber“ eine Pharma-Firma ist, oder ob die Dt. Forschungsgemeinschaft (DFG) bzw. andere „Drittmittelgeber“ die Forschung finanziert haben: Fürs „Gnadenbrot“ gibt es kein Geld.

Für Hunde, Katzen, evtl. sogar Affen finden sich Abnehmer, private, Tierheime, Zoos. Aber Laborratten und Mäuse? Schaben, Fliegen und andere Insekten?
Meine Ameisenkolonien habe ich in Alkohol eingelegt und aufbewahrt, viele über 30 und mehr Jahre. „Vielleicht kann man noch mal etwas damit anfangen.“ Und manchmal gelang das auch. Jetzt stehe ich dennoch vor dem Problem, mich schweren Herzens von Hunderten eingelegter Völkchen oft seltener Arten (die wir in großer Zahl nachgezüchtet haben!) trennen zu müssen. Es geht nicht anders; auch eine solche Sammlung braucht Pflege, den Aufwand kann ich nicht mehr leisten.

Natürlich wäre es im Falle der Hobby-Haltung am besten, sich über die Konsequenzen der evtl. langjährigen Entwicklung der Völker und über die „Beendigung“ der Haltung rechtzeitig Gedanken zu machen. „Moral“ sollte vor Beginn der Haltung stehen. Am Ende kann es dafür zu spät sein!
Dem Threadersteller im AF ist dafür zu danken, dass er solche Gedankengänge angestoßen hat!

MfG,
Merkur
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Re: "Eine Frage der Moral" (zu Thema aus dem AF)

Beitragvon Trailandstreet » Freitag 22. Januar 2016, 20:40

Was mir auch zu dem Thema noch einfällt im Zusammenhang mit Exoten. Die bilden zwar meist recht riesige Völker, sind aber manchmal auch recht empfindlich und nicht unbedingt leicht über einen längeren Zeitraum zu halten, so erledigt sich dieses "Problem" oft schon, bevor es überhaupt eines ist.
Manch eine der schönen, herangewachsenen Kolonien geht leider aus meist unerfindlichen Gründen ein. Schade drum, aber andererseits wieder Platz für Neues...
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Re: "Eine Frage der Moral" (zu Thema aus dem AF)

Beitragvon Reber » Freitag 22. Januar 2016, 22:43

Interessante Überlegungen, denen ich nicht viel hinzufügen kann.

@Merkur
Jetzt stehe ich dennoch vor dem Problem, mich schweren Herzens von Hunderten eingelegter Völkchen oft seltener Arten (die wir in großer Zahl nachgezüchtet haben!) trennen zu müssen.


Das ist natürlich äusserst schade! Aber es gibt doch sicher Museen oder Universitäten, die solche Sammlungen gerne übernehmen?
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Re: "Eine Frage der Moral" (zu Thema aus dem AF)

Beitragvon Colophonius » Freitag 22. Januar 2016, 23:24

Ich kann hier mal wirklich aus ganz eigener Erfahrung sprechen. Vielleicht haben hier welche meinen Haltungsbericht über meine Camponotus substitutus verfolgt.

Kleiner Hintergrund und Zusammenfassung:
Die Kolonie habe ich von einem (leider nicht mehr aktiven) Halter geschenkt bekommen. Er selbst hatte die Kolonie irgendwann durch einen Tausch erhalten und wusste nur, dass sie vorher mehrere Eigentümer hatte. Als ich sie bekam, waren es ca. 80 Individuen. Ich habe mir fest vorgenommen, dass die Kolonie bei mir bleibt und ich sie so gut es geht pflege. Allerdings ist die Kolonie regelrecht explodiert. Irgendwann war ich einfach überfordert, gerade der - beim Aquarium- fehlende Deckel war ein ziemliches Problem.

Zwischendurch habe ich auch überlegt, die Kolonie einfach zu überbrühen, weil ich große Sorge vor einem Massenausbruch hatte und so die Haltung keinen Spaß mehr machte. Zum Glück hat Steffen die Kolonie übernommen und es hätte die Kolonie wirklich schlimmer treffen können ;)





Langer Rede kurzer Sinn:
Es kann schnell passieren, dass man eine Kolonie trotz bester Vorsätze nicht mehr halten kann, aber man kann auch Auswege finden. Ich würde aber auch keinen Verurteilen, der zum Eimer heißen Wassers greift.
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Re: "Eine Frage der Moral" (zu Thema aus dem AF)

Beitragvon Trailandstreet » Samstag 23. Januar 2016, 09:38

Manchmal wollen Ameisenhalter ja ein gewisses Gewusel haben in ihrem Becken und sind ganz froh, wenn sie so ein Volk haben können. Die schwirerige und oft langwierige Aufzucht ist nicht so ihr Ding (manche Arten sind als Kleinkolonie auch noch recht empfindlich).
Bisher sind mir meine Messor auch noch nicht entgleist, sie halten sich in einem Becken mit 80/40 Grundfläche auf, für später steht noch ein größeres bereit. Ich halte sie aber nicht so warm wie andere Halter, abgesehen davon ist das "Büro" im Sommer sowieso eher eine Sauna. Etwas zugeheizt wird in den Übergangszeiten, also um den Sommer zu verlängern, bzw. die WR zu beenden. Bisher hat mich das Wachstum noch nicht beunruhigt.
So gesehen, kann ich sie noch einige Jahre halten.
Das Volk dann vielleicht nach ein paar jahrzehnten zu überbrühen? Ja, das ist vielleicht für manchen schwierig, andererseits finde ich auch, dass man trotz allem Interesse, zu Ameisen trotzdem keine solche Beziehung aufbaut wie zu einem Hund oder eine Katze.
Eine Möglichkeit wäre sicher auch, regelmäßig Tiere zu entnehmen. Wer weiß, vielleicht fang ich ja dann noch mit der Dornteufelzucht an. ;)
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Re: "Eine Frage der Moral" (zu Thema aus dem AF)

Beitragvon hormigas » Samstag 23. Januar 2016, 14:43

Hallo Leute,
Dies ist ein sehr schönes Thema und es wird auch nach meinem Geschmack zu wenig diskutiert.
Es scheint doch der Konsens zu bestehen, dass es das beste ist eine Kolonie abzutöten wenn es einfach nicht mehr geht.
Die Gründe können starker Milbenbefall oder schlicht die nicht mehr beherrschbare Koloniengröße sein.
Langeweile ist ein etwas unangenehmer Grund doch ist man hinterher immer schlauer.
Es gibt auch Leute die das halten von Heimtieren und Haustieren generell als unmoralisch sehen.
Jedenfalls trägt jeder Halter die Verantwortung für seine Ameisen und auch für mich ist das Abtöten einer Kolonie der zwar letzte aber beste Weg.
Ich bedanke mich für eure offenen Worte!

Wie von Merkur schon erwähnt und verlinkt entstammt diese Diskussion aus dem Ameisenforum.
Ich würde es sehr begrüßen wenn ihr euch auch dort zu diesem Thema einbringen würdet ;)
http://www.ameisenforum.de/topic54567.html

Liebe Grüße
hormigas
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Re: "Eine Frage der Moral" (zu Thema aus dem AF)

Beitragvon LynnLectis » Freitag 29. Januar 2016, 15:59

Merkur hat geschrieben:Einheimische Völker, aus der näheren Umgebung des Halters, kann man zur Not aussetzen.
Gebietsfremde Völker, auch von einheimischen Arten, sollte man nicht aussetzen: “Intraspezifische Homogenisierung“ oder Weiterverbreitung von Parasiten und Krankheitserregern sind Risiken, denen eine moralisch einwandfreie Einstellung zu unserer Fauna entgegen steht.
Exotische Völker aus klimatisch ganz anderen Regionen auszusetzen, birgt weitere Risiken. Selbst wenn sie in unserem Klima über kurz oder lang sterben, ist ein Aussetzen eher weniger moralisch als sie gleich abzutöten.

Solche Völker abgeben, verkaufen, verschenken: Gut, wenn es gelingt. Aber es klappt eben nicht immer.

So bleibt sicher nicht selten wirklich nur die Option, ein solches Volk so human wie möglich abzutöten und zu entsorgen. Heißes Wasser geht wenigstens schnell und vernichtet auch zuverlässig evtl. vorhandene Parasiten etc.


Danke für Deinen Hinweis, der gerade auch für Neulinge wichtig ist, die hier mitlesen. Die Art und Weise des optionalen "Entsorgens" ist eben auch wichtig, nämlich (genug erhitztes) heißes Wasser, damit evtl. vorhandene Parasiten mitabgetötet werden aufgrund der von Dir geschilderten Risiken.
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LynnLectis
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