Pocahontas und die nach ihr benannte Ameise

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Pocahontas und die nach ihr benannte Ameise

Beitragvon Merkur » Dienstag 28. November 2017, 20:18

Die heutige Meldung in den t-online-Nachrichten ruft es mir in Erinnerung: Ich habe doch damals, 1979, eine Ameisenart nach der indianischen Häuptlingstochter benannt, Leptothorax pocahontas (Buschinger, 1979)! ;)
http://www.t-online.de/nachrichten/ausl ... erung.html
US-Präsident Donald Trump hat mit einem Minderheitenwitz über eine Senatorin für Verärgerung und Irritationen gesorgt. Bei einem Empfang für Angehörige des Stamms der Navajo sagte Trump am Montag im Weißen Haus: "Sie waren hier, lange bevor irgendjemand von uns hier war. Allerdings haben wir eine Vertreterin hier im Kongress, die angeblich auch schon vor langer Zeit hier war. Sie nennen sie Pocahontas."

Irgendwelche Hintergedanken hatte ich damals nicht. Nach einem zweimonatigen Forschungsaufenthalt am Erindale College der University of Toronto in Mississauga machte ich im Juli/August 1977 mit meiner Familie eine Rundreise durch Kanada und die Rockies.
Im Jasper National Park hielten wir uns für ein paar Tage in einer Lodge auf, die den Namen „Pocahontas Bungalows“ trug. Zufällig fand ich im Park, wo ich natürlich immer mal ein Ästchen knackte, ein Steinchen drehte, ein Völkchen von einer der dort häufigen Leptothorax-Arten mit Geschlechtstieren. Auffällig war ein stahlblauer Glanz der Flügel. Das musste natürlich eingesammelt werden, und auch zwei weitere Völkchen in der Nähe rauschten durch den Exhaustor! ( :roll: Ist auch kein Ranger in Sicht?? - Eine Sammelerlaubnis konnte ich ja nicht vorher besorgen!).

Mein Gastgeber in Mississauga, Prof. Tom Alloway, hatte mir freundlicherweise ein Präpariermikroskop mitgegeben, und so konnte ich die Tierchen gleich in der Lodge genauer ansehen: Das muss doch eine sozialparasitische Art sein, und sie sah der aus den Schweizer Alpen von Kutter beschriebenen Doronomyrmex pacis auffällig ähnlich!
In den Nestern, und auch in einigen anderen ringsum, fanden sich Arbeiterinnen und Königinnen einer Art, die damals (und teilweise auch heute noch) als Leptothorax „muscorum“ bezeichnet wurde (eine europäische Art, die in Nordamerika nicht vorkommt!), inzwischen auch als L. canadensis bestimmt, aber es gibt eine ganze Reihe von ähnlichen Arten in Nordamerika, die dringend einer Revision bedürfen.

Nun gut; ich wollte die Art als neu beschreiben, und der wohlklingende Name der Lodge bot sich an. An der Rezeption erkundigte ich mich nach dessen Bedeutung (Wikipedia gab’s noch nicht): Pocahontas war eine indianische Häuptlingstochter, hat man mir erklärt. - Umso besser: In meiner Jugendzeit hat man Indianerbücher verschlungen und Indianerfilme begeistert angeschaut; so etwas prägt. Also bekam die neue Art diesen Namen. :D

1-L.poc.wild-+WA.jpg
L. pocahontas Königin (oben) und die etwas kleinere Gyne der vermeintlichen Wirtsart
L. pocahontas zeichnet sich durch die lange Behaarung aus, durch recht starken Glanz
und durch die Form der Petioli. Fotos mit einer normalen Kamera.

2-L.poc.P+PP-wildW+WA.jpg
Stielchen der Gynen von L. pocahontas (links) und von der "Wirtsart"
Damals hatte ich Zugang zu einem Raster-EM, an dem solche Bilder entstanden.

3-L.-pocahontas-Zeichn.-MMei.jpg
Zeichnungen der beiden Gynen-Formen
Für eine spätere Publikation hat ein befreundeter Zeichner aus Rom, Maurizio Mei,
diese tollen Bilder geschaffen.

In den folgenden Jahren kamen dann Bedenken auf, vor allem darüber, ob die Art wirklich ein arbeiterinloser Parasit ist. Ich selbst habe sie im Labor über ein paar Generationen gezüchtet, es entstanden Arbeiterinnen (!), und Gynen, die zum Teil der typischen Form entsprachen, teilweise aber auch denen der vermeintlichen Wirtsart ähnlich sahen, aber doch nicht gleich waren. Kollegen aus Kanada und aus Deutschland nahmen sich der Sache an; die Gattung Doronomyrmex wurde aufgegeben, so dass pocahontas ebenso wie die europäische D. pacis in die Gattung Leptothorax kam. Doch bis heute blieb es unklar, was es mit der langhaarigen Schönheit aus dem Jasper-NP auf sich hat. Ist es wirklich eine „gute Art“, ein Sozialparasit, oder doch eine selbständige Art, die gelegentlich und unter bestimmten Umständen die auffallenden Gynen erzeugt, ein Polymorphismus? Produkt einer Hybridisierung zweier dort vorkommender Arten? – Es wäre an der Zeit für eine genetische Untersuchung!
( s.a. viewtopic.php?f=23&t=1091 )

Meine Originalarbeit kann man hier herunterladen:
http://antcat.s3.amazonaws.com/555/6826 ... kyh0V2g%3D

MfG,
Merkur
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