Biologische Grundwissen und die Medien

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Biologische Grundwissen und die Medien

Beitragvon Merkur » Dienstag 14. April 2020, 17:14

Hier möchte ich mal eine Thread eröffnen, in dem es nicht unbedingt um Ameisen und andere soziale Insekten geht, aber sehr wohl um Biologie und die Vermittlung biologischen Wissens. Gedacht ist nicht an die reichlich durchgekauten Themen zu Ameisenhaltung, Import, Handel etc., sondern u.a. an Medienprodukte, in denen (mir) immer wieder der Mangel an fundamentalem Bio-Wissen auffällt.

Zum Start hier ein aktuelles Thema, ein Interview mit Peter Wohlleben:

Der Bestseller-Autor und schreibende Forstmann, hat im „Stern“ Nr. 16/2020 vom 8. 4. 2020 einen großen Artikel „Der Frühling ist da. Trotz allem, über das Neuerwachen der Natur- und unser Freiheitsgefühl in Corona-Zeiten“.
Herr Wohlleben mag ein guter Forstmann sein, das kann ich nicht beurteilen. Seine populäre Naturdarstellung verkauft sich bestens. Doch manche seiner Angaben kann ich als Biologe wirklich nicht akzeptieren.

In dem genannten Artikel jedenfalls liest man Folgendes über die Honigbienen:
Wohlleben1.jpg
Wohlleben zu Honigbienen
Nach meinem Wissensstand beginnt die Bienenkönigin erst im Frühjahr, wenn Pollen als Proteinquelle zur Verfügung steht, mit der Eiablage (keinesfalls bereits „um den 21. Dezember“). Wie soll bitte das Volk während der Überwinterung bis zum Frühjahr „wieder zur alten Stärke“ heranwachsen?
Im Winter sitzen die Bienen m. o. w. dicht gedrängt als Wintertraube in den Waben, heizen sich unter Verbrauch des eingelagerten Honigs, jedoch nicht bis auf die zur Brutentwicklung nötige Wärme, und da Winterbienen gegen sechs bis sieben Monate überleben (anders als die Sommerbienen, die nach ca. vier bis sechs Wochen „verbraucht“ sind), können sie im zeitigen Frühjahr bereits genügend Pollen und Nektar eintragen, so dass dann die ersten Eier gelegt und die Larven zu neuen Bienen herangezogen werden können.

Etwas vorher im Text steht über „Schnecken“:
Wohlleben2.jpg
Wohlleben zu Schnecken im Garten
Wenn damit Nacktschnecken, insbesondere die berüchtigten Nacktschnecken (z. B. „Spanische Wegschnecke“) gemeint sein sollten, dürften die sich allenfalls totlachen. Bei mir im Garten half da nur schonungsloses Totmachen. Schließlich vermehren sich solche Tiere, und wenn sie das an einem guten Platz in der Nähe tun, breitet sich der Nachwuchs auch wieder in Richtung des ursprünglichen Gartens aus.
Und falls die hübschen Schnirkelschnecken oder die (ohnehin besonders geschützten) Weinbergschnecken gemeint sein sollten, so kann man die getrost im Garten belassen. Nur wenn es wirklich zu viele werden, kann man sie absammeln, dann aber bitte in einem geeigneten Lebensraum (Gebüsch, Waldrand etc.) aussetzen, wobei die Entfernung keine wesentliche Rolle spielen dürfte.

Auch der folgende Text gefällt mir nicht:
Wohlleben3.jpg
Wohlleben zu Phytonziden
Ich vermisse trotz zahlreicher Medienartikel zu Phytonziden belastbare wissenschaftliche Erkenntnisse zu der Vorstellung, dass es sich dabei so pauschal um „für uns nützliche Substanzen“ handelt: https://de.wikipedia.org/wiki/Phytonzide Phytonzide sind "antibiotische Substanzen, die besonders dem Schutz vor Pathogenbefall dienen, und damit einen integralen Teil des pflanzeneigenen Schutzsystems darstellen“.
Ob diese Substanzen, die Krankheitserreger und Schädlinge der Pflanzen abtöten oder abwehren, für den Menschen wirksam sein können, sei dahingestellt. Dass das modische „Waldbaden“ wirklich der Esoterikecke entwachsen ist, darf man bezweifeln. - Schön und erholsam ist der Aufenthalt im Wald und in der freien Natur zweifellos, auch ohne pseudowissenschaftliche Begründungen!

MfG,
Merkur
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Re: Biologische Grundwissen und die Medien

Beitragvon Reber » Dienstag 14. April 2020, 18:08

Zumindest zu der Sache mit den Bienen kann ich etwas "Praxiswissen" aus dem Imkerei beitragen. "Es kommt drauf an"! Und zwar auf den Standort bzw. vorallem die Temperatur. Die Saison beginnt zwar in unseren Breiten, wie du richtig beschreibst normalerweise erst im Februar oder März, aber die Bienen-Könniginnen beginnen tatsächlich bei zunehmendem Licht und steigender Temperatur mit der Eiablage im Zentrum der Bienentraube. Dezember scheint mir schon etwas arg früh, aber im Januar ist das leider keine Seltenheit. Hin und wieder berichten Imkerkollegen sogar, dass ihre Bienen "durchgebrütet" hätten. Im Dezember sei noch verdeckelte Brut vorhanden gewersen. Was problematisch ist, für die Varroa-Winterbehandlung. Das ist aber nicht nur für den Imker, sondern vorallem für die Bienen und die Brut ein Problem, denn wenn es wieder zu einem Kälteeinbrüchen/Frost kommt, wird das Brutnest oft aufgegeben. Ein riesen Energieverlust! Sobald die Temperatur, z.B. im Bienenhaus, dauerhaft 6 °C überschreitet, wird die Brut durchgepflegt! Auch dass ist bei den zunehmend milden Wintertemperaturen natürlich ein Problem. Denn die Bienen müssen das Brutnest heizen. Und sie verfügen, wenn überhaupt nur über sehr geringe Pollenvorräte. Zur Larvenaufzucht verwenden die Winterbienen Futtersaft und mobilisieren in ihrem Fettkörper eingelagertes Eiweiss. Was passiert, wenn der Frischpollen länger ausbleibt, liegt auf der Hand...
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„Doch vor allen Dingen:
Das worum du dich bemühst,
möge dir gelingen.“
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Re: Biologische Grundwissen und die Medien

Beitragvon Emse » Mittwoch 15. April 2020, 15:13

Hallo Merkur,

sorry, aber ich empfinde die von dir genannten "Fehler", die Peter Wohlleben in seine Texte eingebaut hat, weder als eindeutig genug (siehe auch Rebers Beitrag), noch als so gravierend, als dass es sich lohnen würde, darüber zu berichten.

Aber auf jeden Fall Danke für die Namensnennung des Autors. Ein Anreiz, mir "Das geheime Leben der Bäume" in den nächsten Tagen noch einmal (als Hörbuch) vorlesen zu lassen. :idea:

Zu ausgiebigen Waldspaziergängen (Modisch: "Waldbaden") im Allgemeinen: Ob (und inwieweit) Terpene/Phytonzide in der Waldluft sich objektiv messbar positiv auf das menschliche Immunsystem auswirken, bzw. sogar entzündungs- u. krebshemmend sind, lasse ich ebenfalls mal dahingestellt.
Aber subjektiv "spüren" lassen sich diese (und viele weitere) Effekte ja allemal! :)

Nichts für ungut! ;)

(Vorsatz, ob nun als "Waldbaden", oder als "Waldspaziergang": Öfter mal wieder machen! :redface: )

--------

Hier noch ein Lesetipp, ein Artikel aus der Zeit, 2018: "Spring! Wer richtig in den Wald eintaucht, tut etwas für seine Gesundheit – in Japan gilt Waldbaden als Medizin. Was sagt die Wissenschaft?" / https://www.zeit.de/zeit-wissen/2018/03 ... ettansicht
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Re: Biologische Grundwissen und die Medien

Beitragvon Merkur » Donnerstag 16. April 2020, 20:27

Zum vorstehenden Beitrag von Emse:

Wir sind hier zum Diskutieren, nicht zum Streiten. Unterschiedliche Meinungen soll und darf es geben. So ist jeder Beitrag willkommen, wenn er nur Substanz hat. Dein Link, Emse, zu dem Zeit-Artikel ist jedenfalls einen längeren Blick wert! Wie weit die Idee des "Waldbadens" bereits entwickelt wurde, war mir nicht klar. Doch meine Bedenken werden nicht ausgeräumt! ;)

„Waldbaden“ soll also zum neuen Trend hochstilisiert werden. Geschäftemacherei Tür und Tor geöffnet. „Lehrgänge“, Waldbadekleidung, Waldbade-Reisen (mal eben für ein WE nach Finnland oder Schweden jetten, Stechmücken, Kriebelmücken, Bremsen inklusive; im Winter: Urlaub in den Blue Mountains W Sydney, Eukalyptusöl reichert die Luft so an, dass die Luft bläulich erscheint, daher der Name, wird ja auch als Heilmittel in Bonbons etc. schon lange genutzt, ein „Phytonzid“; auch Wälder der feuchten Tropen empfehlen sich für den Winter, Impfungen und Malariamittel nicht vergessen; usw.
Ich habe übrigens einen Pflanzen-Biochemiker gefragt: Er meint, dass der Begriff „Phytonzide“ zu Recht in Vergessenheit geraten ist…

Der von Emse verlinkte Zeit-Artikel zeigt, dass das Geschäft schon blüht. Zitate:
> Vor zwölf Jahren eröffnete dann das erste Zentrum für "Waldtherapie", und japanische Universitäten bieten inzwischen eine fachärztliche Spezialisierung in "Waldmedizin" an<
> Im Ostseebad Heringsdorf auf Usedom ist gerade der nach eigenen Angaben "erste europäische Kur- und Heilwald" entstanden. Das 180 Hektar große Gelände gilt als Vorbild für einen "Heilwald" in Bad Doberan bei Rostock und für andere Gemeinden im wald- und wasserreichen Mecklenburg-Vorpommern, die ihr Grün vermarkten wollen.<
> die Landesgartenschau im Teutoburger Wald von Bad Iburg hat Waldbaden in ihr tägliches Veranstaltungsprogramm aufgenommen – dort hat Annette Bernjus gerade zwölf Waldbadekursleiter ausgebildet.<
> Aber kann der Wald mehr als Wellness? Welche medizinischen Effekte des Waldbadens sind seriös belegbar und nicht nur gefühlt vorhanden? Und gibt es bald Waldbesuche auf Rezept?<

Zum sonstigen Inhalt des Wohlleben-Interviews:
Weshalb grenzwertige „Informationen“ wie über den Winter der Honigbienen, wo die sicher richtige Info über den normalen Ablauf der Winterruhe es gewiss auch tun würde?
Schnecken: Weshalb nicht gerade mal differenzieren und „Nacktschnecken“ schreiben?

Ich bin vielleicht überkritisch! Habe mich von Kindheit an viel im Wald, in der „freien Natur“ (auch Trockengebiete, oft dann beruflich) aufgehalten und habe ja im Schlusssatz auch darauf hingewiesen, dass solche Aufenthalte schön und erholsam sind. Das muss nicht unbedingt kommerzialisiert werden!

In dem von mir aufgegriffenen Stern-Interview waren mir halt die drei Themen aufgefallen. Sie stehen exemplarisch dafür, wie heute in den Medien fragwürdige Bio-Inhalte verbreitet werden. Ich werde einige nachliefern. Wohlleben ist nur einer von vielen, die „Natur“ allzu sehr romantisieren und die (oft grausame!) Wirklichkeit verschleiern. Das Buch von Wohlleben habe ich nicht gelesen, kenne nur ein paar Inhalte aus zweiter Hand (Dachte, ich hätte mich hier im AP bereits dazu geäußert; da ist es aber wohl bei der Absicht geblieben ;) ). Danach sollen Bäume kommunizieren, und kleine Bäumchen unterstützen etc..
Das in der Biologie durchwegs gültige Prinzip kennt er nicht, oder verschweigt es: Konkurrenz, Individual-Egoismus. Darwin hat absolut Recht mit seinem „Kampf ums Überleben“, und u.a. Dawkins („Das egoistische Gen“) haben das auf wissenschaftliche Basis gestellt: „Altruismus ist keine evolutionsstabile Strategie“. Der „Altruismus“ der eusozialen Insekten wurde ja entlarvt als verkappter Egoismus. Meines Wissens gibt es keine Lebensform, die „freiwillig“ Ressourcen an andere Organismen (auch derselben Art) abgibt. - Ich denke, auf dieses Thema werden wir in dem Thread noch näher zu sprechen kommen.
Vorab: Der Mensch ist die einzige Spezies, die sich über die biologischen Grundlagen von Egoismus, Konkurrenz etc. Gedanken machen kann, die Konsequenzen vorhersehen kann, und sich in ihrem Verhalten bewusst darüber hinwegsetzen kann. Man muss das Prinzip nur kennen, und sich darüber hinwegsetzen wollen.
Und nur wenn wir uns von dem Diktat des angeborenen Egoismus freimachen, können wir uns vom Tier abgrenzen, das heißt: Wirklich menschlich werden!

MfG,
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