Eine nachdenklich stimmende Wanderung im Odenwald

Eine nachdenklich stimmende Wanderung im Odenwald

Beitragvon Merkur » Montag 1. August 2016, 10:48

Der Odenwald rühmt sich als Ferienregion vor allem seiner schönen Natur. In der Tat gibt es zahlreiche ansprechend grüne Täler mit weiten Wiesen und große Waldgebiete. Eine typische Landschaft zeigt das erste Bild:

1-Odenwald-Natur_6633.jpg
Schöner Odenwald
Das nach der Landkarte anscheinend attraktive Tälchen bei Fürth/Odw., mit Bachlauf und viel Grünlandwirtschaft, haben wir gestern erkundet.
Doch ist das Natur? – Nein! Von Natur aus wäre das ein geschlossenes Waldgebiet. Erst durch Rodung und Weidewirtschaft wurde es zur offenen, teils parkartigen Landschaft. Die Bewirtschaftung seit vielen Jahrhunderten hat allerdings auch zur Ansiedlung Wärme liebender Pflanzen und Tierarten geführt, so dass sich lokal eine auch biologisch interessante Flora und Fauna entwickelt hat. Der erste Blick sieht nach heiler Welt aus. Zum zweiten und dritten Blick kommen wir später. ;)

Gleich zu Beginn stießen wir auf eine Koppel mit etwas merkwürdigen Tieren. Es war warm genug, so dass die Pferde eigentlich keine Decke benötigten. Und wozu das auffällige Zebramuster? – Sollte das eine Vorbereitung auf einen Umzug zur demnächst anstehenden Kirchweih sein? – Etwas früh dafür, die Kerb ist erst in ein paar Tagen. Oder soll die Decke vor Fliegen schützen? – Als ein Grund für die Streifen der Zebras wird angegeben, dass das Muster Tsetsefliegen und ähnliche Tiere verwirrt, die ihre Eier ins Fell ablegen und deren Larven sich in die Haut der Wirte einbohren.- Aktenzeichen XY ungelöst.

2-Zebroid_6617.jpg
Zebra-Pferde?

Talaufwärts erreicht man ein Gehöft, in dessen Umgebung sich große Bestände des Drüsigen Springkrauts (Impatiens glandulifera) ausbreiten, eines aus dem Himalaya stammenden Neophyten, der die einheimische Flora weitgehend verdrängt. Selbst die Hänge hoch erstreckt sich so ein Vorkommen.

3-Springkraut_6618.jpg
Das invasive Springkraut

Unten, am Wegrand, liegen weggeworfene Plastikplanen, zusammen geknäult und bis auf die Fahrspur reichend. So etwas ist oft Nistgelegenheit für Ameisen. Mit dem Wanderstab hebe ich eine der Planen an, und tatsächlich: Ein Nest von Myrmica rubra ist darin!

4-M.-rubra_6622.jpg
Myrmica rubra
Das Bild zeigt nur einen kleinen Teil der Kolonie; sie erstreckt sich in den Falten der Plane über wenigstens einen Meter hinweg. Man sieht auf dem Bild auch zwei Männchen.

Doch dann kommt etwas anderes ins Blickfeld:

5-Jungschleiche_6620.jpg
Anguis fragilis
Eine junge Blindschleiche rutscht aus einer Falte über die Myrmica hinweg! Sie fühlt sich erkennbar unwohl unter den Attacken der Ameisen. Und sie hat ein regeneriertes Schwanzende, hatte den Schwanz bereits einmal verloren.

Wenige Schritte weiter liegen gleich vier ausgewachsene Blindschleichen unter einer solchen Folie! Drei habe ich schnell gegriffen, um den Fund zu dokumentieren.
6-Drei-Blindschl._6626.jpg
Adulte Anguis fragilis

Ich habe es gestern noch als „Bild des Tages“ gepostet. Musste die Tiere in die linke Hand packen um mit der rechten die Kamera bedienen zu können. Ich freute mich, so viele Exemplare auf einmal zu sehen. Es sah lustig aus. :)
Aber: Auch diese drei Exemplare hatten zu kurze, regenerierte Schwänze! Langsam stieg eine böse Ahnung in mir auf!

Ich hob noch zwei oder drei solcher Müllplanen auf und konnte tatsächlich eine zwar jüngere, aber „komplette“ Blindschleiche fotografieren:

7-Blindschl.komplett_6629.jpg
komplette Blindschleiche
Der Schwanz ist länger als Kopf und Rumpf, er beginnt etwa da, wo das Tier deutlich schlanker wird (am rechten Bildrand).

Meine schlimme Ahnung wird Gewissheit:

8-Gammel_6631.jpg
"gute fachliche Praxis"?
Zu dem Gehöft gehört ein weiter Platz, auf dem Heu in Form der inzwischen verbreiteten Plastikklumpen gelagert wird, zum Teil unter noch größeren Planen zeltartig gestapelt. Und allenthalben liegen gebrauchte Planen als Müll herum, auf dem Platz, am Waldrand, im Bachbett. Das sind für manche Tiere, Ameisen, aber eben auch die Blindschleichen, „willkommene“ Verstecke. Darunter ist es immer feucht, eine Seite der Planen ist weiß, die andere schwarz, so dass unterschiedlich warme Bereiche dicht nebeneinander liegen, einfach ideal!
ABER: Die Traktorspuren zeigen deutlich, welches Risiko besteht! „Meine“ Blindschleichen hatten das Glück, dass nur der Schwanz draufging. Andere…..:(
Solcher Landwirtschaftsmüll ist eine automatische Tötungsfalle für alles, was unter den Planen Schutz sucht!
Ich werde wieder einmal meine Kontakte zu den Naturschutzorganisationen nutzen. Es kann nicht sein, dass ich der Erste bin, dem so etwas auffällt! Gibt es Bestrebungen des Naturschutzes, solchen allzu sorglosen Umgang mit Plastikplanen einzuschränken? Zur „guten fachlichen Praxis“ ordnungsgemäßer Landwirtschaft kann das hoffentlich nicht gerechnet werden! ( https://de.wikipedia.org/wiki/Gute_fachliche_Praxis )

Dieses war der „zweite Blick“ in die „Heile Natur“ des Odenwaldes.

Zum Abschluss zeige ich noch ein etwas versöhnlicheres Bild, als „dritten Blick“:

9-Bauernhof_6634.jpg
Idylle. Wie lange noch?

Unser Weg führte durch ein inzwischen weitgehend aufgelassenes Gehöft, das Wohnhaus ist liebevoll restauriert, von üppiger Blumenpracht umgeben. Es lässt ahnen, wie es noch vor ein paar Jahrzehnten da ausgesehen hat, als man das Heu noch in Fachwerk-Scheunen gelagert hat. Sie verfallen, bieten noch für ein paar Jahre einen romantischen Anblick und beherbergen Eulen und Fledermäuse, bis sie vollends einstürzen.
Die freundliche alte Dame in der Tür ist 87 und lebt da noch fast alleine. Ich durfte sie fotografieren, umgeben von ihren Blumen, auf die sie stolz ist. Wie lange noch?
Der Hof ist verpachtet, so wie die meisten anderen in dem Tälchen. Manche werden für „Ferien auf dem Bauernhof“ vermietet und wurden entsprechend „modernisiert“. Doch wir sahen kaum auswärtige Autokennzeichen; die meisten derartigen Unterkünfte stehen leer….
Ich verstehe, dass die Landwirtschaft dort einen schweren Stand hat. Aber sollte in unserem reichen Land nicht doch eine Möglichkeit bestehen, Landwirte im Bestreben um den Schutz der Natur irgendwie zu unterstützen? Freiwillige, die beim Aufräumen helfen? Finanzielle Anreize zur ordnungsgemäßen Entsorgung von Plastikmüll und ausgemustertem Gerät?

MfG,
Merkur
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