Myrmecophage und andere Spinnen

Myrmecophage und andere Spinnen

Beitragvon Boro » Mittwoch 2. Juli 2014, 20:48

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Ein Männchen v. Callilepis sp. nähert sich recht unerschrocken einem Nesteingang von C. vagus
Das Thema dreht sich um Spinnen als Ameisenjäger, daher passt es auch zu den Ameisen.
Myrmecophage Spinnen sind auf Ameisen als Nahrung spezialisiert.
1. Ich rede in diesem Fall von Callilepis nocturna und Callilepis schuszteri. In mehrjähriger Beobachtung und zweijähriger Feldforschung konnte ich feststellen, dass beide Spinnen-Arten in größeren juvenilen Stadien und als adulte Spinnen eine ausgeprägte Präferenz für Camponotus vagus als Beute zeigen. Vermutlich handelt es sich um eine regionale Erscheinung, weil im Untersuchungsgebiet alle drei Kontrahenten (zufällig ?) hohe Bestandsdichten aufweisen. Es ist aber erstaunlich, dass sich die Spinnen ausgerechnet an eine der wehrhaftesten Ameisen heranwagen, obwohl sie sich in anderen Regionen von verschiedenen Ameisenarten ernähren.
Versuche im Kunstnest haben gezeigt, dass junge Spinnen auch kleine Ameisen annehmen (z. B. Lasius spp. od. Serviformica spp.), Ameisen der Unterfamilie Myrmicinae werden weniger gerne attackiert, vor allem Tetramorium spp. wird in manchen Fällen nicht angenommen. Man geht davon aus, dass diese Arten einen besser gepanzerten Fühleransatz aufweisen.
Diese Spinnen müssen die (gefährliche) direkte Konfrontation Kopf an Kopf mit dem Gegner suchen, weil sie ihren Biss durch eine blitzartige Attacke ausschließlich gegen den Fühleransatz der Ameisen richten und sich dann genau so schnell zurückziehen. "Sitzt" der Biss, zeigt die Ameise nach wenigen Sekunden Lähmungserscheinungen und ist bald paralysiert. Dann kommt die Spinne und schleppt das oft viel größere Opfer in ihren "Nahrungs- u. Ruheraum", wo es ausgesaugt wird.
Wenn die Ameise ihrerseits noch einen Biss Richtung Spinne anbringen kann, dann fehlt der Spinne hin und wieder ein Bein, während der Häutungsphasen der Spinnen wächst das Bein aber nach. Eine sehr "praktische" Einrichtung. Camponotus vagus wohnt sehr häufig in liegendem Totholz und genau dort kann man oft nicht nur eine Spinne, sondern gleich mehrere beobachten, wie sie Jagd auf die "haarige Holzameise" machen.
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Ganz in der Nähe liegt eine offensichtlich paralysierte Ameise. Aber wo ist die Spinne?
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Schon wurde die Beute von einem Spinnenweibchen "abgeholt"!
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Großaufnahme des Transports: Die Ameise wird am Rücken liegend in das Versteck gezerrt
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Re: Myrmecophage und andere Spinnen

Beitragvon Boro » Donnerstag 3. Juli 2014, 09:06

Auch die Arten der Gattung Zodarion gelten als "Ameisenspezialisten"! Sohn Roman hat tolle Bilder aus Istrien mitgebracht, die Zodarion sp. bei Angriffen auf Messor capitatus zeigen. Diese Ameisen sind sehr behäbig und haben gegen die flinken Feinde keine Chance, da helfen auch die mächtigen Mandibeln der Majore nichts. Zodarion ist keineswegs auf die Fühlerbasis als Angriffspunkt angewiesen, sondern beißt in verschiedene Körperteile der Ameisen, das minimiert die Gefahr selbst Opfer der Ameisen zu werden.
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Oft tummeln sich mehrere Spinnen gleichzeitig vor den Nesteingängen v. M. captitatus und suchen sich die Opfer aus
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Eine große Beute soll es sein! Dieses Individuum dürfte schon "vorgeschädigt" gewesen sein, es hat sich kaum noch gerührt!
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Das Opfer fühlt die Gefahr und sieht dem "Tod ins Auge"- trotz geringer Sehschärfe!
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Muss ein grauenvoller Tod sein, in gelähmtem Zustand ausgesaugt zu werden!
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Ob die kleine Spinne die Ameise vor Ort aussaugt?
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Re: Myrmecophage und andere Spinnen

Beitragvon Boro » Donnerstag 3. Juli 2014, 14:12

Dieses kleine Ungeheuer haben wir im Garten, mehrfach! Zodarion cf. italicum scheint eine Vorliebe für Serviformica spp. zu haben: Einige Spinnen entdeckte ich in unmittelbarer Nähe eines Formica fuscocinerea-Nestes entlang meiner Waschbetonplatten (Gehweg). Eine zweite Population beobachtete ich im vorigen Jahr in der Nähe eines Nesteinganges von F. cunicularia im Steingarten. Sie sind tag- und nachtaktiv, bei dem Nest v. F. fuscocinerea bemerkte ich ihre Aktivität durch Zufall in stockfinsterer Nacht nach 23:00. Ohne Taschenlampe hätte ich sie nie gesehen. Ich musste die leuchtende Taschenlampe auflegen um dann mit Standarteinstellung und Blitz ein Foto zu versuchen.
Die Tierchen konkurrieren untereinander, die größeren Weibchen verjagen zwischendurch die Männchen; wie so oft: Keiner gönnt dem anderen einen Bissen. Als F. fuscocinerea dann einen Nestwechel vollzog, waren die Spinnen ebenfalls verschwunden. Hier liegt die Vermutung nahe, dass die Spinnen mit dem Ameisentross mitwandern.
Kleine Ameisen (z. B. Lasius spp.) sind weniger begehrt, hier schließt sich vielleicht der Kreis zu Callilepis sp. (Bericht 1): Besser von Zeit zu Zeit etwas mehr Risiko und dafür eine große Beute als wiederholte kleine Risken bei einem kleinen Opfer. Übrigens: Auch Serviformica spp. können sich wehren und hin und wieder eine Spinne verletzen.
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Um 23:00 eine Arbeiterin v. F. fuscocinerea vor dem Nesteingang; an ihrem hektischen Verhalten merkt man, dass sie die drohende Gefahr erkennt
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Kurze Zeit später wurde ihre Nachbarin das Opfer!
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Beim F. cunicularia-Nest am Vormittag: Die Spinne sondiert die Lage!
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Spinnen und Opfer: Im Vordergrund rechts erkennt man ein tote F. cunicularia, links eine tote Lasius sp. Ob diese Opfer der Nestbewohner oder der Spinne wurde, ist unklar.
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Re: Myrmecophage und andere Spinnen

Beitragvon Boro » Samstag 5. Juli 2014, 10:21

Asagena phalerata und Lasius flavus
Da sind die Rollen von Jäger und Beute eindeutig verteilt. Zufällig konnte ich schon vor 2 Jahren eine wandernde dealate Gyne v. Lasius flavus beobachten, die im nächsten Moment von einer Spinne gebissen wurde. Die Spinne zog sich kurz in eine Bodenröhre zurück, obwohl das Gift fast augenblicklich zu wirken schien. Dann kam sie gemächlich herbei, zog ein paar Spinnfäden um das inzwischen wehrlose Opfer und fertig war das "Fresspaket".
Von dieser Spinne ist aber bekannt, dass sie neben Ameisen auch andere Arthropoden nicht verschmäht.
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Nach dem Biss war die Ameise sofort paralysiert,
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Die Spinne zog sich kurz zurück
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Noch ein paar Fäden herumgewickelt, fertig!
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Re: Myrmecophage und andere Spinnen

Beitragvon Boro » Sonntag 6. Juli 2014, 07:28

Noch einen Nachtrag zum ersten Beitrag auf dieser Seite:
Callilepis nocturna u. C. schuszteri kann man im Freiland nicht unterscheiden. Im Untersuchungsgebiet kommen beide Arten vor, das wurde von Experten genitalmorphologisch nachgewiesen. Ihre Wohngespinste wurden fast ausschließlich in unmittelbarer Nähe zu Nesteingängen von Camponotus vagus gefunden. Das hat seinen Grund: Wenn die Spinne eine Ameise paralysiert hat, muss sie die Beute möglichst rasch aus dem Umfeld alarmierter Ameisen entfernen und das geschieht indem das Opfer auf kürzestem Wege in ein Versteck gezogen wird. Dieses dient zum Nahrungsverzehr und als Ruheplatz. Es wird mit einem Gespinst nach außen abgesichert. Die beste Zeit für die Beobachtung der Jagd ist der spätere Vormittag, vor allem die Weibchen brauchen jetzt fast täglich eine Beute, weil sie im Abstand von wenigen Tagen mehrmals die Eier ablegen und in einen Kokon "verpacken".
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Ein Weibchen v. Callilepis sp. neben ihrem Wohngespinst
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Eine Tetramorium sp.-Gyne läuft vorbei, aber diese Gattung wird meist gemieden od. die Spinne ist gerade satt!
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Nur in einem einzigen von weit über 50 untersuchten Wohngespinsten befand sich ein anderes Opfer als C. vagus: In diesem Fall eine Myrmica sp.!
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Re: Myrmecophage und andere Spinnen

Beitragvon Boro » Sonntag 6. Juli 2014, 14:17

Nun, man kann von mir nicht verlangen, dass ich als Ameisenfreund jene Spinnen besonders sympatisch finde, die mit Vorliebe Ameisen "verspeisen". Noch weniger gefällt es mir, wenn sich solche Spinnen mit eindeutigen Absichten einem Formica fusca x Polyergus rufescens-Nest nähern. Trotzdem lasse ich der Natur ihren Lauf, da es sich im folgenden Fall um keine häufige "Täterin" handelt. Ich vermute Zodarion germanicum, bin mir aber nicht sicher; viell. haben wir einen Arachnologen unter uns, der Näheres weiß. Zodarion germanicum soll sich vor allem an Waldameisen nähren. Ob die Spinne es auf Formica fusca (Nest am Waldrand) oder gar auf Polyergus rufescens abgesehen hat, konnte ich leider nicht ergründen, weil etwas dazwischen kam: Eine Major-Arbeiterin v. Camponotus ligniperdus spazierte des Weges, gerade als es für die Spinne interessant wurde. Die Spinne verschwand sofort, dann hatte ich keine Zeit mehr, die Szene bis zum Ende zu verfolgen.
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Unter dem Holzstück befindet sich der Nesteingang
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Die Ameisen haben sich vorübergehend zurückgezogen, vermutlich haben sie die drohende Gefahr erkannt!
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Die Rettung naht in Form einer Major-Arbeiterin. Nebenbei: Gerade diese furagierenden Ameisen reagieren oft aggressiv auf herumlaufende Amazonenameisen und töten mitunter einige Individuen.
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Die Spinne ist weg u. einige Nestbewohner versammeln sich zur Verteidigung
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Re: Myrmecophage und andere Spinnen

Beitragvon Boro » Dienstag 29. Juli 2014, 19:23

Beobachtung einer Spinne im Garten: Sie hat eine Myrmica sp. eingesponnen. Diese ist nur paralysiert (gelähmt) und kann daher als Nahrungspaket für die nächsten Tage aufbewahrt werden.
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Re: Myrmecophage und andere Spinnen

Beitragvon Boro » Donnerstag 18. September 2014, 17:04

Hier habe ich noch eine ameisenfressende Spinne entdeckt: Vermutlich auch eine Plattbauchspinne. Ich konnte sie ein paar Mal finden, immer unter Steinen versteckt; ich vermute, dass sie eher nachtaktiv ist. In einem Gespinst konnte ich eine einzelne gelbe Lasius-Arbeiterin entdecken, in einem anderen Versteck eine ausgesaugte Camponotus vagus.
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24.4.10 drauPICT0045 (17).JPG
Hinter der Spinne kann man gerade noch eine tote C. vagus erkennen. Das Versteck wurde durch Abheben eines Steins entdeckt.
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Re: Myrmecophage und andere Spinnen

Beitragvon Boro » Sonntag 12. April 2015, 20:05

Die abgebildete Spinne wurde entdeckt, als sie gerade dabei war eine Dolichoderus quadripunctatus mit Spinnfäden "einzuwickeln." Ob es sich um eine myrmecophage Art handelt, die ausschließlich Ameisen jagt, kann ich nicht sagen. Meiner Erinnerung nach habe ich so ein Spinne noch nicht gesehen, viell. haben wir unter den usern jemanden, der sich da besser auskennt.
Fundort: Oststeiermark/Österreich am 10.4.2015
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Jäger und Opfer
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Re: Myrmecophage und andere Spinnen

Beitragvon kaputtinhollywood » Montag 13. April 2015, 10:58

Bin zwar kein Experte was Spinnen anbelangt, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass es sich um eine Krabbenspinne handelt.
Vielleicht könnte es diese sein?
http://wiki.spinnen-forum.de/index.php? ... _praticola
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Re: Myrmecophage und andere Spinnen

Beitragvon Boro » Dienstag 14. April 2015, 09:23

Danke für deine Bemühung. Wenn es sich um eine Art der Krabbenspinnen handelt, dürfte hier ein Männchen mit dem relativ schmalen Opisthosoma vorliegen.
L.G.
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Re: Myrmecophage und andere Spinnen

Beitragvon Boro » Freitag 15. Mai 2015, 14:00

Eine Ergänzung zum 1. Beitrag auf dieser Seite:
Seit der Befassung des Räuber-Beute-Verhältnisses zwischen Callilepis spp. und der kampfstarken Ameisenart Camponotus vagus vor etlichen Jahren und der Veröffentlichung einer diesbezüglichen Publikation http://www.landesmuseum.at/pdf_frei_rem ... 3-0722.pdf kann ich jedes Jahr das gleiche Phänomen beobachten: Es gibt kein größeres C. vagus-Nest im Beobachtungsgebiet, in dessen unmittelbarer Nähe ich nicht Callilepis sp. finde, oft gleich mehrere Exemplare zeitgleich! Die Spinnen sind derzeit in einem subadulten Stadium, mit dem Erreichen der Geschlechtsreife wird ihr Jagdeifer enorm zunehmen. Sie sind blitzschnell und es gibt ein ständiges Verstecken und Auftauchen im Nestbereich der Ameisen; adulte Spinnen neigen sogar zu "provokanten" Spaziergängen zwischen den aufgeregt herumlaufenden Ameisen, wobei sie mit der Hinterleib nach oben wippen. Die Ameisen sind enorm schnell, aber ein bisschen schneller sind stets die Spinnen, außerdem hat die langjährige Beobachtung ergeben, dass die Spinnen ihre Opfer weit besser orten können als die Ameisen ihrerseits die Jäger.
Eine Frage bleibt indes ungeklärt: Warum spezialisieren sich die Spinnen bereits ab einer Körperlänge von ca. 3-4 mm (v. den Chelizeren bis zum Körperende gemessen) auf die vergleichsweise viel größeren und gefährlichen Ameisen? Formica fusca, F. cunicularia, Lasius psammophilus, L. platythorax und einige andere wären als Opfer bestens geeignet, werden in diesem Stadium der Spinnen und v. adulten Tieren buchstäblich ignoriert.
Sohn Roman hat schöne Bilder der Jägerin gemacht, da braucht man viel Geduld und das Quentchen Glück um ein Foto zu schießen. Das abgebildete Weibchen ist ca. 6-7 mm lang!
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Im liegenden Totholz (Nest v. C. vagus) versteckt sich die Spinne in winzigen Ritzen und Hohlräumen der Borke.
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Jetzt geruht "Madame" sogar freundlich in die Linse zu schauen.
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Re: Myrmecophage und andere Spinnen

Beitragvon Boro » Samstag 23. Mai 2015, 09:59

Eine Camponotus ligniperdus wurde Opfer einer unbekannten Spinne:
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Re: Myrmecophage und andere Spinnen

Beitragvon LynnLectis » Mittwoch 17. Juni 2015, 12:28

Ich hab mir auch schon oft Gedanken gemacht, wie Spinnen und Ameisen sich in freier Natur verhalten, wer da wen überfällt. Allein schon in meinem Garten finden sich so viele unterschiedliche Spinnen mit den tollsten Farben und Mustern. Es fiel mir schwer, sie als Beute für die Ameisen zu töten, dann wurden auch nicht alle wirklich von den Ameisen angenommen. Irgendwann gab ich es auf und fing nur noch andere Insekten. Die schönen Netze finde ich auch sehr faszinierend. Also darüber würde ich auch gerne mehr erfahren.
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LG Lynn
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Re: Myrmecophage und andere Spinnen

Beitragvon Boro » Dienstag 22. März 2016, 10:47

Camponotus vagus vs. Callilepis spp.
Die offensichtliche Fixierung der (subadulten bzw. adulten) myrmecophagen Spinnen Calliepis schuszteri und Callilepis nocturna auf Camponotus vagus als Nahrung habe ich zuletzt am 15. 5. 2015 auf dieser Seite angesprochen. Die Sache bleibt mysteriös, da in anderen Regionen Mitteleuropas diese Spinnen bei der Jagd nach Ameisen keineswegs wählerisch sind [z. B. Heller G. (2007): Ameisenjäger auf acht Beinen. - Ameisenschutz aktuell, 21. Jg. (1): 1-15]. Anlässlich von Versuchen in Gefangenschaft konnte ich herausfinden, dass Callilepis sp. als Jungtier kleinere Ameisen annimmt (vor allem Formicinae, kaum Myrmicinae), aber ab einer Größe von 3-4 mm bereits auf die Jagd nach Campontus vagus geht und diese Beute auch paralysieren, jedoch nicht in ein Versteck ziehen kann; in diesen Fällen legt sich die kleie Spinne unter die Ameise und beginnt diese auszusaugen.
Die Indizien für eine Präferenz auf C. vagus als Beute und Nahrung haben sich ebenfalls im Sommer 2015 verstärkt: viewtopic.php?f=46&t=1018
Bekanntlich zählt C. vagus nicht nur zu den größten heimischen Ameisen, sondern zu den besonders schnellen und kampfstarken Arten. Wieso sollten sich Spinnen gerade diese Beute aussuchen, wenn es genug Alternativen gäbe?
Eine plausible Antwort auf diese Frage gibt es derzeit nicht, die Sache bleibt mysteriös. Ist es der Geruch der Ameisen oder etwa der spezielle "Geschmack?"
Eine Vermutung lautete damals, viell. ist es die Folge des zufälligen Aufeinandertreffens in Mitteleuropa eher seltener Arten, die im Untersuchungsgebiet syntop leben und eine größere Populationsdichte erreichen?
Zugegeben eine Frage, die eher nach Verlegenheit klingt.......
Update in dieser Causa:
Gestern waren wir mit dem Sohn unterwegs, aber nicht in jenem Revier, wo C. vagus und Callilepis spp. gehäuft auftreten! Luftlinie ca. 25 km entfernt, an einem sehr gut besonnten, trockenen Waldrandweg. Dort gibt es durchaus xerothermophile Insekten, von der Gottesanbeterin über die Amazonenameise bis zu Strongylognathus testaceus. Camponotus vagus tritt dort selten auf: Auf einer Länge von gut 800 m haben wir gerade 3 Nester von C. vagus entdeckt. Gestern erfolgte die Nestkontrolle, die Nester sind intakt, aber Außenaktivität haben wir noch keine festgestellt!. Nachdem ich bereits im Vorjahr bei einem dieser Nester durch Zufall eine Callilepis sp. entdeckte, diesem Umstand noch keine besondere Bedutung zugemessen habe, entdeckten wir diesmal, am 21. März 2016, bei heiterm Wetter und 13° Temperatur unmittelbar neben dem noch kaum sichtbaren Nesteingang gleich 2 Spinnen Callilepis sp.
Man muss zunehmend den Eindruck gewinnen, dass Jäger und Opfer eine spezielle Art der "Lebensgemeinschaft" eingehen, von der aber nur der Jäger profitiert. Und wieder stellt sich eine Frage, die niemand beantworten kann: Callilepis spp. sind nicht häufig, wie können sie in einem so "abgelegenen" Gebiet ausgerechnet ihre bevorzugten Opfer finden? Sicher waren sie auch schon im vorigen Jahr anwesend, haben hier überwintert und richten sich nun auf die bald beginnende Jagd ein!
Fotos v. Sohn Roman.
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Ein Weibchen von Callilepis sp. neben dem Nesteingang v. C. vagus
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15 cm daneben ein freigelegtes Gespinst einer weiteren Spinne. Dieses Gespinst dient als Rückzugs- und "Speiseraum" der Spinne
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Re: Myrmecophage und andere Spinnen

Beitragvon Reber » Dienstag 10. Mai 2016, 19:08

Heute war ich mal wieder im Wallis unterwegs und dabei habe ich eine interessante Beobachtung machen können:

Auf den ersten Blick glaubte ich zwei kämpfende Serviformica entdeckt zu haben*. Die eine Ameise überwarfen sich, dann zerrte die eine Formica die Andere über den sandigen Boden, diese versuchte sich zu wehren... Aus kurzer Distanz näherte sich jedoch eine mir unbekannte Spring(?)Spinne und packte die Ameise, die von der Anderen weggezerrt wurde.

Nach kurzem Hin und Her liess die Spinne los, verfolgte allerdings weiterhin zielgenau die beiden Ameisen im Anstand von wenigen Zentimetern und das Schauspiel wiederholte sich. Ärgerlicherweise verlor ich danach das Trio aus den Augen.

Zufall? Oder gibt es Spinnen, die sich auf kämpfende (abgelenkte) Ameisen spezialisiert haben?

* Möglich wäre auch, dass die Ameise welche die Zweite weg zog, dieser zu Hilfe kam. Ich habe das Geschenen nicht von Beginn weg beobachtet, halte das aber für weniger wahrscheinlich, da ich hier eher einen Angriff auf die Spinne erwarten würde.
Spinne greift Formica an.JPG
Spinne greift Formica an2.JPG
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"Obgleich die Welt ja, so zu sagen,
Wohl manchmal etwas mangelhaft,
Wird sie doch in den nächsten Tagen
Vermutlich noch nicht abgeschafft."
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Re: Myrmecophage und andere Spinnen

Beitragvon Boro » Mittwoch 11. Mai 2016, 07:42

Sehr interessante Beobachtung! Also, dass sich Spinnen auf kämpfende Ameisen spezialisieren, kann ich nicht glauben. Wohl aber auf "abgelenkte" Individuen (wie du selbst schreibst), die erstens die Aufmerksamkeit des Jägers erwecken und zweitens leichte Beute versprechen. Die Spinne wird man vermutlich mit Hilfe des Fotos nicht bestimmen können, es scheint sich nach meinem Kenntnisstand aber nicht um eine myrmecophage Spinne zu handeln. Nach dem Foto zu urteilen, könnte es sich bei den Ameisen um eine Art der cinerea-Gruppe handeln, die relativ gut sehen und sehr schnell sind - also auch für eine Spinne keine leichte Beute darstellen. Vielleicht läuft alles unter dem Motto "wenn zwei sich streiten, freut sich der dritte" ab.
Es gibt ja auch carnivore Ameisen, die Kampfstätten rivalisierender Ameisen als zusätzliches Nahrungsangebot nutzen.
L.G.
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Re: Myrmecophage und andere Spinnen

Beitragvon Boro » Donnerstag 12. Mai 2016, 13:24

Weil wir gerade beim Thema sind: Vom Vorjahr hab ich noch ein paar Bilder gefunden. Unter einem Stein ganz in der Nähe eines Camponotus vagus-Nestes und der dort lauernden Callilepis sp. fand ich etliche kleine Weberknechte (Nymphen) neben einem toten Exemplar der Camponotus-Art. Im Ersten Moment dachte ich schon: Zum Kuckuck, machen sich jetzt schon Weberknechte über meine Camponotus her? Ich nahm ein Exemplar für die Beobachtungsbox mit und setzte eine fast tote Formica cunicularia zu, um zu beobachten, was passiert. Es geschah nichts, Weberknechte verfügen über keine Gift- oder Spinndrüsen, lediglich über eine Stinkdrüse, die (im Verteidigungsfall) ein Sekret absondert, das betäubende oder sogar tödliche Wirkung haben kann. Weberknechte können nur kleine Gliederfüßer fangen und lebend auffressen. Für diese kleine Nymphe kommt eine so große und schnelle Beute nicht in Frage. Trotzdem zeigte die Nymphe schließlich großes Interesse an dem inzwischen verstorbenen Individuum.
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Re: Myrmecophage und andere Spinnen

Beitragvon Boro » Mittwoch 18. Mai 2016, 18:05

Heute entdeckte ich eine kleine Springspinne an der Hauswand und dachte zuerst an Dolichoderus quadripunctatus: Gleiche Größe (etwa 2,5-3 mm), ähnliche Färbung und ein kaum abweichendes Bewegungsmuster. Ist es Mimikry zu D. quadripunctatus oder gar Camponotus truncatus syn. Colobopsis truncatus? Beide Arten furagieren im Bereich der Fundstelle, nur ist Dolichoderus ungleich häufiger.
In der Beobachtungsbox erwies sich die Spinne aber sehr aktiv und war kaum ruhig zu stellen. Die Fotos sind daher nicht besonders.
L.G.
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Bei der Beobachtung der obigen Spinne fiel mir spontan D. quadripunctatus ein!
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Re: Myrmecophage und andere Spinnen

Beitragvon Boro » Freitag 24. Juni 2016, 14:10

Ausgehend vom Artikel vom 22. März 2016 (oben) ein kleines update:
Gestern besuchte ich das Nest v. C. vagus erneut, jetzt ist es v. ursprünglich 2 Holzstrünken auf 4 benachbarte Standorte ausgeweitet. Ich gehe davon aus, dass es sich bei den 4 Standorten (max. Entf. voneinander 2,8 m) um ein Nest handelt, weil vermutlich Konkurrenzverhalten ein so dichtes Nebeneinander nicht erlauben würde. Dann wäre der Standort polydom, sofern keine unterirdische Verbindung zw. den Nestern besteht. Inwieweit territoriales Verhalten bei der Gattung Camponotus vorhanden ist, dürfte nicht ausreichend untersucht sein. Seifert erwähnt nur aggressives Verhalten zwischen arteigenen Nestern bei C. truncatus syn. Colobopsis truncatus (Seifert 2007: 270). Innerhalb des Subgenus Myrmentoma konnte ich ausgesprochen aggressives Verhalten zwischen C. piceus und C. lateralis - zwei nahe verwandten Arten - feststellen (Borovsky, Ameisenschutz aktuell 3/09).
Aber damit ich auf den Punkt komme: Ich suche bei keinem C. vagus-Nest länger als 30 Sekunden und habe schon den Intimfeind in Gestalt von Callilepis nocturna od. C. schuszteri gefunden. Das gilt derzeit für 3 weit auseinanderliegende Standorte. Noch reichen die Indizien nicht für eine Feststellung: "Wo man (in Kärnten) Camponotus vagus findet, findet man in unmittelbarer Nähe Callilepis sp."
In Deutschland zeigt zumindest C. nocturna offenbar ein anderes Verhalten, die Spinne macht dort Jagd auf mehrere Ameisenarten, z. B. Serviformica spp. [Heller G. (1974): Zur Biologie der ameisenfressenden Spinne Callilepis nocturna. Dissertation]. Aber: Im dortigen Untersuchungsgebiet gab es (die besonders wohlschmeckende ??) Campontous vagus nicht.
L.G.
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Callilepis sp., die beiden oben genannten Arten sind nur genitalmorphologisch zu unterscheiden
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15 cm darüber der Nesteingang der Ameisen, diese zeigen ein extrem hektisches und aggressives Verhalten: Sie spüren eindeutig die Nähe des Todfeindes!
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