Raubzüge der Amazonen

Raubzüge der Amazonen

Beitragvon Boro » Montag 21. Juli 2014, 19:15

Ausgehend von diesem Vorstellungs-Thread (viewtopic.php?f=48&t=506) berichte ich heute über einen tollen Raubzug der Amazoneneameisen (Polyergus rufescens) in einem anderen Revier, den man am Rand eines Waldweges besonders gut beobachten konnte. Ich habe eine Zählung der ausrückenden Armeeangehörigen versucht - das ist auf Grund des rasanten Marschtempos und einiger immer wieder gegen die Laufrichtung stattfindender "Ausritte" schwierig, man kann eigentlich nur eine gute Schätzung abgeben: Es waren an die 1500 Amazonen, das ist das Kennzeichen eines reifen Nestes. Außerdem sind zahlreiche Amazonen im eigenen Nest bzw. dessen unmittelbarer Umgebung verblieben. Es handelt sich um ein Polyergus x F. fusca-Nest, das ist dort die einzige Serviformica-Art - in einem absolut trocken-heißen Habitat. Vor 2 Jahren gab es noch ein einziges F. rufibarbis-Nest, es ist seither verschollen, möglicherweise v. F. sanguinea vernichtet. Ja - Raptiformica gibt es auch nicht gerade wenige - kein Wunder bei ihrer Lieblings-Sklavenameise! Es sind zig F. fusca-Nester, wobei ich mir gar nicht sicher bin, ob es sich nicht zum Teil um Ansätze von Superkolonien handelt. Der Weg ist etwa 1 km lang, die Zahl der F. fusca-Nester ist enorm, aber nicht zählbar, weil nicht voneinander abgrenzbar.

Endlich ein gesundes, großes Polyergus-Nest, in den letzten Jahren habe ich zahlreiche intraspezifische Nestbeschädigungen od. -vernichtungen erlebt.
1. Wie immer erkennt man den bevorstehenden Ausmarsch an zahlreichen wild über den Nestbereich laufender Amazonen. Kurz konnte ich eine unausgefärbte, alate Gyne sehen. Es gab keine einzige dealate Gyne im Nestbereich, daher vermute ich, dass das Schwärmen hier noch nicht begonnen hat.
2. Nach einiger Zeit formierte sich die Unordnung zu einer Marschformation. Ich wusste schon im Vorhinein in welche Richtung es gehen wird, einzelne mit hoher Geschwindigkeit Richtung Nest laufende Amazonen (scouts ??) wiesen die Zielrichtung. Im Gegensatz zu Beobachtungen etwa aus Deutschland, hat noch nie auch nur eine einzige Hilfsameise (auch nicht F. rufibarbis) eine Raubzug auch nur 20 cm weit begleitet.
3. Die Märsche verlaufen nicht häufig mit etwa gleichbleibender Geschwindigkeit Richtung Ziel. Einmal gab es einen kurzen Stau - offenbar waren die "Zielkoordinaten" nicht richtig eingegeben! Die oft zu beobachtende vorübergehend fehlende Orientierung spricht wieder einmal gegen die ausschließliche Orientierung nach Sonne und polarisiertem Himmelslicht. Ich hatte mit der diesbezüglichen Ansicht der italienischen Forscher nie eine rechte Freude - langjährige Beobachtungen des Verhaltens der Ameisen lassen an dieser Theorie zweifeln.
4. Nach etwa 12 m Marschdistanz schien das Heer am Zielort angekommen, es begann ein wildes Durcheinanderlaufen der Tiere, aber der Nesteingang wurde nicht entdeckt. Das kommt immer wieder vor, hier liegt eine Defensivstrategie der Hilfsameisen auf vorher erfolgte Invasionen statt: Entweder kommt es zu einer Nestverlagerung oder die Eingänge werden verschlossen bzw. etwa in dichte Grasbüschel verlegt. Bei F. rufibarbis habe ich einmal nach einem Raubüberfall festgestellt, dass diese in den folgenden 5 Tagen jeweils am Nachmittag (in der gefährlichen Zeitspanne) ein bis zwei Dutzend Wachposten aufgestellt hatten. Diese saßen (sonst völlig unüblich) um den Nesteingang - teilw. regungslos od. mit geringen Positionsveränderungen von wenigen cm zwischendurch. Diese Posten kontrollierten (wie Soldaten bei einer Kaserne) jede ankommende Artgenossin argwöhnisch mit einem kurzen taktilen Kontakt. Diese spezielle Vorgangsweise der Hilfsameisen habe ich insgesamt erst ein einziges Mal feststellen können.
Tatsächlich brauchten die Amazonen 7 Min. um schließlich einen Nesteingang an der Peripherie ihrer Laufaktivität zu finden; der Nesteingang musste erst geöffnet werden - Steinchen wurden weggeräumt. Dann ging alles blitzartig - ein sicher pheromonal ausgelöster "Ruck" geht durch die ganze Truppe: Von allen Seiten herbeistürmend versuchten alle Amazoen in größter Hektik in die Nestöffnug zu gelangen - das ergab einen gewaltigen Stau zappelnder roter Krieger. Übrigens: Nur ein, zwei Nestbewohner waren zu sehen, von Verteidigung oder Kampf keine Spur! Bald erschienen die ersten Amazonen mit der ersehnten Beute....
5. Jetzt ging es in zügigem Tempo - ohne jede Verzögerung - in aufgelöster Marschordnung Richtung Heimat!
6. Dort angekommen, ergab sich wieder ein ziemliches Durcheinander: Aufgeregte Hilfsameisen empfingen die ankommenden Krieger - manchmal wegen des "mitgebrachten" fremden Nestgeruches nicht unbedingt freundlich. Die Amazonen fanden nicht immer gleich einen passenden Nesteingang, aber ausnahmslos alle fremden Puppen wurden (wie immer) von den Amazonen selbst ins Nest gebracht. Aus anderen Regionen Europas gibt es mitunter Meldungen, dass die Amazonen die Puppen einfach vor ihrem Nesteingang ablegen oder den Hilfsameisen übergeben. Das ist hier nie der Fall.
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Ein ziemliches Durcheinander: Ausströmende Amazonen im eigenen Nestbereich
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Aufbruch der Truppe: Langsame Einordnung in eine militärische Maschordnung
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Die Orientierung geht kurzfristig verloren, scouts schwärmen aus....
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Erste Amazonen erscheinen mit der Beute, während andere gerade erst in das Nest eindringen
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Rückmarsch mit Beute, jede Amazone hat eine Puppe zw. den Mandibeln
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Die Amazonen laufen durcheinander und suchen einen Nesteingang zum Eintragen der Beute
Boro
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Re: Raubzüge

Beitragvon Hoffer » Dienstag 22. Juli 2014, 16:03

Hallo Boro!
Hatte diesen Sommer leider noch nicht die Gelegenheit einen Raubzug zu beobachten - meine Freizeit ist zur Zeit ziemlich eng bemessen...

Aber bez. "Puppen vor dem Nesteingang ablegen" kann ich absolut bestätigen. Habe ich bei meinen Beobachtungen in Wien schon oft gesehen. Die Amazonen haben die Larven und Puppen einfach vor den Eingängen abgelegt und haben sich manchmal danach wieder auf den Weg zum überfallenen Nest gemacht um weitere Beute zu machen.

LG Andreas.
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Re: Raubzüge

Beitragvon Boro » Dienstag 22. Juli 2014, 17:18

Danke für die Mitteilung! Das ist sehr interessant, weil ich zwischendurch vor allem durch Kontakte nach Deutschland auf dieses Faktum besonders geachtet habe. Meine diesbezügliche Feststellung bezieht sich natürlich nur auf einige Neststandorte im Bezirk Klagenfurt-Land. Diese sind aber teilweise durch viele km voneinander getrennt, sodass die Beobachtungen regional Gültigkeit besitzen. Wenn ich alle Nester zusammenzähle, die ich in den letzten 15 Jahren besucht habe, komme ich sicher auf über 50 Nester. Der Großteil davon ist inzwischen durch intraspezifische Attacken, in wenigen Fällen auch durch menschliche Eingriffe vernichtet worden. Im Prinzip ist die Zahl der Neststandorte pro Habitat aber etwa gleichbleibend, von einer Vermehrung oder Bestandsverdichtung kann nicht gesprochen werden. Ein durch die gleiche Art vernichtetes Nest wird ja regelmäßig durch die "Siegermannschaft" ersetzt, deren Nest man oft vergeblich sucht. Bis dato kenne ich von all "meinen" Nestern nur ein einziges, das nachweislich seit 2004 besteht, alle anderen existierten ein paar Jahre, oft viel kürzer.
Was ich damit sagen will: Die jahrelangen, intensiven Nestbeobachtungen in verschiedenen Regionen eines Bezirkes ergeben das gleiche Verhaltensmuster!

Die vorkommenden Verhaltensunterschiede hängen möglicherweise mit dem mangelhaften (eher fehlenden) Genfluss einer seltenen und über weite Distanzen verstreut vorkommenden Art zusammen. Die deutlichen Unterschiede im Hinblick auf das von mir ebenfalls angesprochene Verhalten der Hilfsameisen bei den Ausmärschen der Amazonen könnte auch damit zusammenhängen. In den italienischen Forschungen im Team um Dr. Roberto Visicchio wird eine allfällige Begleitung der Raubzüge durch Hilfsameisen mit keinem Wort erwähnt - soweit ich mich erinnere. Welche interspezifischen Kontakte zw. Amazonen u. Hilfsameisen da notwendig sind, dass Letztere (zumindest erwiesen für F. rufibarbis) einen Raubzug begleiten und sogar an der Plünderung des Zielnestes teinehmen (!!) ist unbekannt.
Auch die Erkenntnisse zur Orientierung der Marschkolonnen (bzw. ihrer scouts) sind unklar: Das erwähnte Forscherteam betont die ganz vorwiegende Orientierung nach dem polarisierten Himmelslicht (also nicht nach einer Duftspur, die von einer vom Zielnest heimkehrenden Kundschafterin gelegt wurde), räumt aber ein, dass gegen Ende der Raubsaison auch durch scouts gelegte Duftspuren vorkämen u. von den Heereskolonnen beim Ausmarsch benützt würden (???). Forschungen an US-amerikanischen Polyergus spp. sollen ergeben haben, dass gar keine scouts die Marschkolonne angeführt hätten (!!!!). Das kann nur bedeuten, dass es (zumindest in vielen Fällen) sehr wohl eine v. den scouts gelegte Duftspur geben muss.
Es gibt noch ein paar andere großräumige bzw. kontinentale Unterschiede, die ich hier nich aufzählen will.
Was lehrt uns der Diskurs:
1. Sogar bei einer sehr gut untersuchten Art wie Polyergus rufescens gibt es gravierende Kenntnislücken (u. a. Stichwort: Intermorphe)
2. Bei der Gattung Polyergus dürften sich regional bzw. kontinental unterschiedliche Verhaltensweisen herausgebildet haben.
L.G.
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Re: Raubzüge

Beitragvon Hoffer » Mittwoch 23. Juli 2014, 11:10

Danke für deine tollen Infos Boro!
Auf jeden Fall eine der interessantesten Ameisen (zumindest was ihre Lebensweise betrifft) die es bei uns gibt!
Und wie man sieht - man lernt nie aus, es gibt immer was neues zu entdecken...

LG Andreas.
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Re: Raubzüge

Beitragvon Boro » Samstag 26. Juli 2014, 11:30

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Eine herumstreunende Amazone beißt einer schon fast toten Gegnerin noch einmal in den Kopf
Gestern hatte ich wieder ein spannendes Erlebnis:
Eine Kolonne von Amazonen hatte sich in Bewegung gesetzt. Nachdem das Angriffsziel stets in einer ziemlich gerade Linie angesteuert wird, kam die Befürchtung auf, dass als Zielnest ein mir schon länger bekanntes, sehr volksstarkes Nest mit F. rufibarbis ausersehen sein könnte. Da hatte ich schon meine Erfahrungen gemacht, diese Serviformica-Art kann Polyerguszüge nicht nur abweisen, sondern den Angreifern in seltenen Fällen enmpfindliche Niederlagen zufügen. Und tatsächlich die Kolonne steuerte auf dieses Nest zu, mein Fotoapparat lag bereit. Aber - man glaubt es kaum - die Amazonenkolonne lief exakt 20 cm neben einem Eingang dieses Nestes vorbei! Der Aufmarsch der Feinde blieb natürlich nicht unbemerkt, sofort stürzten sich einige Nestbewohner auf die Feinde. Über Alarmpheromone wurden aus einem Dutzend rasch vielleicht 100 Verteidiger, es kam zu einigen Kämpfen neben der etwas auseinanderdriftenden Kolonne, die ihren Weg aber sonst unbeirrt fortsetzte. Das ist erstaunlich, weil dieses Nest reichlich Beute bereit gehabt hätte. Mir ist dieses Verhalten aber nicht unbekannt, vor Jahren versuchte ich schon einige Male das Interesse einer marschierenden Kolonne durch in unmittelbarer Nähe ausgebrachte Serviformicabrut abzulenken, bzw. das Interesse der Räuber auf diese leichte Beute zu lenken. Fehlanzeige, die Kolonnen haben auch damals den Marsch fortgesetzt, diese Brut entsprach nicht dem angepeilten Zielnest, deckte sich nicht mit den "ausgerechneten Koordinaten". Die oben erwähnten, rekrutierten F. rufibarbis-Arbeiterinnen verfolgten die weiterziehende Kolonne über 2 m weit (!) und attackierten weiterhin einzelne Amazonen. Am Ende gab es 5 tote Amazonen, die Zahl der toten Serviformicas war sicher höher. Möglicherweise hatten die Nestbewohner schon früher unliebsame Begegnungen mit Polyergus.
Inzwischen hatte ich den Sichtkontakt mit der abgezogenen Kolonne verloren und entdeckte das eigentliche Zielnest erst später, nachdem es bereits ausgeraubt war. Wieder ein (kleineres) Nest v. F. rufibarbis, im Eingangsbereich lagen zahlreiche tote Verteidiger.
Ich konnte feststellen, dass sich bis 25 Minuten nach Abzug der Räuber immer noch einzelne Amazonen im Nestbereich tummelten: Sie liefen im Zielnest ein und aus, bissen hin und wieder die eine oder andere vorhandene Verteidigerin, vereinzelt wurde noch ein Puppe weggetragen. Die Verteidiger erwiesen sich zu jedem Widerstand unfähig, liefen unschlüssig herum, schienen eindeutig verwirrt. Unzählige Verteidiger saßen mit oder ohne Brut auf umgebenden Grashalmen um das Inferno abzuwarten. Einige bissen sich gegenseitig, hin und wieder versuchte eine Verteidigerin eher zaghaft eine Amazone anzugreifen. Mit einem Wort ein richtiges Desaster!

Und dann sah ich sie plötzlich: Eine dealate Polyergus-Gyne lief über den Nestbereich! Das ist typisch für die Schwärmzeit, alate Gynen kehren nach dem Schwärmen oft zum Nest zurück und warten auf den Ausmarsch ihrer Schwestern (nicht immer, aber häufig) um in der Nachhut mitzulaufen und dann nach dem Abzug der Amazonen das Chaos im Nest der Wirtsameisen für die Gründung eines neuen Polyergusnestes auszunützen.
Ich lag 45 Min. auf der Wiese, das Fotografieren war schwierig, kaum eine Ameise hielt auch nur für eine Sekunde still. Die Gyne musste abwarten, bis ihre Verwandtschadt abgezogen war, weil diese kaum eine Nestgründung im eigenen Einzugsbereich zugelassen hätte. Aus zahllosen derartigen Beobachtungen ist aber inzwischen klar, dass die begatteten, dealaten Gynen mit zunehmender Distanz vom eigenen Nest von den Amazonen immer weniger aggressiv behandelt werden.
Die Gyne lief mehrmals völlig unbehelligt in das Nest, kam wieder und stieg auf Grashalme um sich vor der eigenen Art zu schützen.
Erst nach 35 Min. war die "Luft rein" und die Gyne verschwand im Nest. Deutlichen Widerstand der inzwischen wieder heimkehrenden Verteidiger konnte ich nicht feststellen.
Zusammenfassung der Ergebnisse:
1. F. rufibaris ist ein ernst zu nehmender Gegner, darüber habe ich noch im alten AF mehrfach berichtet. Tote (vor allem) Verteidiger gibt es häufig, weil sich F. rufibarbis oft zur Wehr setzt.
Entscheidend ist hier das Überraschungsmoment: Gelingt es den Amazonen sofort in das Nest einzudringen, können sie im Inneren ihr "Propagandapheromon"freisetzen und die Verteidiger verwirren. Gelingt dies infolge der Anwesenheit zahlreicher Verteidiger auf der Nestoberfläche nicht, ist der Kampf unausweichlich.
2. Die Marschkolonne ist auf ein bestimmtes Zielnest fixiert, eine Ablenkung durch Brut od. andere Serviformica-Nester entlang der Laufstrecke ist nicht erfolgreich
3. Die Aggression der Amazonen gegen mitlaufende, begattete Gynen nimmt mit zunehmender Entfernung vom eigenen Nest ab.
4. Eine sekundäre Nestgründung in nur 17 m Entfernung vom Hauptnest ist wertlos - sie kann noch in diesem Jahr intraspezifisch vernichtet werden.
Fortsetzung folgt.
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F. rufibarbis-Arbeiterinnen stürzen aus dem Nest und greifen eine vorbeimarschierende Kolonne v. Polyergus an
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Am Rand der Marschkolonne entwickeln sich einige Kämpfe. Es gibt erste Tote
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2 Kontrahenten habe ich in die Hand gelegt, mit der anderen Hand wird fotografiert: Typisch, die Amazone beißt in die Kopfkapsel der Gegnerin!
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Das Zielnest wurde erst nach dem Überfall gefunden: Tote im Eingangsbereich, einzelne Amazonen
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Ein ziemliches Durcheinander!
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Auch Verteidiger gehen aufeinander los, ein Zeichen für die totale Verwirrung...
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Re: Raubzüge

Beitragvon Boro » Samstag 26. Juli 2014, 13:56

Die zweite Bildserie zeigt vor allem das Auftauchen der dealaten Gyne, die nach dem Überfall und dem Abzug der Amazonen mit dem geringsten Risiko ein neues Nest gründen möchte!
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Hier sitzt die Gyne auf einem Grashalm in Nestnähe
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Es nähert sich eine "zornige" Nestverteidigerin. Es passiert aber nichts.
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Eine der letzten anwesenden Amazonen lässt sich noch in eine Rangelei ein
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Schlechte Qualität, aber sicher ein seltenes Foto: Die Gyne war gerade im Nest, verlässt dieses aber wieder. In der linken Bildhälfte eine rötiche Milbe, die vereinzelt auf diesen Ameisen sitzt...
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Re: Raubzüge

Beitragvon Boro » Samstag 23. August 2014, 14:24

Dass die Abwehrbereitschaft von Serviformica spp. im Zuge der Überfälle von Polyergus rufescens sehr unterschiedlich ausfällt, wurde schon wiederholt dargestellt: Entscheidend sind Art und Volksstärke der Zielnester.
Wichtig ist auch die Durchführung des Überfalls: Gelingt es den Angreifern die Nestbewohner völlig zu überraschen und weit in das Nest einzudringen od. werden die Räuber schon auf der Oberfläche in Kämpfe verwickelt, wodurch sich die Alarm-Rekrutierung der Verteidiger mit dem Freisetzen chemischer "Waffen" durch die Angreifer zeitlich und räumlich überschneiden.

Im Anhang sehen wir 2 Bilder (eher am Beginn bzw. gegen das Ende des Überfalls hin aufgenommen) auf ein Nest von F. fusca. Die Zeit zw. den Aufnahmen betrug etwa 4 Min. u. in diesem Zeitfenster war keine einzige Verteidigerin zu sehen. Das Nest war aber betr. die Volksstärke von "mittlerer Qualität", die Beute sehr zufriedenstellend.
Das 3. Bild zeigt einen gelungenen Überfall auf anderes Nest der gleichen Art, ein etwas größeres Nest mit reichlich Brut, das nach 20 Min. ein zweites Mal "heimgesucht" und neuerlich ausgebeutet wurde.
Noch etwas ist mir gleich aufgefallen: Es handelt sich ausschließlich um Nacktpuppen, ich habe während beider Überfälle keine einzige Kokonpuppe gesehen! Das war auch für mich eine neue Erfahrung!!
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Keine einzige Verteidigerin ist zu sehen!
DSC03108.JPG
Das Ende des Überfalls naht: Noch immer keine Verteidigerin!
DSC03051.JPG
Reichlich Nestbewohner auf der Oberfläche, die vor allem die Brut (nur Nacktpuppen!) in Sicherheit bringen. Auch ein frisch geschlüpftes Individuum ist zu sehen (Pfeil, links der Mitte)
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Re: Raubzüge

Beitragvon Boro » Donnerstag 18. September 2014, 18:09

Trotz der von mir wiederholt beschriebenen Auseinandersetzungen zw. den angreifenden Amazonen und den Verteidigern (hier bes. F. rufibarbis), zeige ich heute ein paar Bilddokumente, die beweisen sollen, dass trotz der Tötung etlicher Verteidiger deren Königin ungeschoren davon kam. Es wäre für Polyergus kontraproduktiv die Königin eines Wirtsnestes zu töten, weil damit die Zahl potentiell zu beraubender Wirtsnester zurückgehen würde od. anders gesagt, der permanente Sozialparasit würde seine Existenzgrundlage in Frage stellen.
Die Bilder sind nicht besonders geworden, mit größerer Distanz aufgenommen, damit ein gewisser Überblick gewahrt bleibt.
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rufi 1a.JPG
Kurz nach dem Überfall: einige F. rufibarbis sind auf der Oberfläche erschienen und die Nest-Königin findet sich inmitten der Aggressoren wieder
rufi 2.JPG
Die Königin ist isoliert, eine Amazone macht sich über sieh her: Wird diese den tödlichen Biss anbringen?
rufi 4.JPG
Jetzt fallen gleich3 Amazonen über die Königin her....
rufi 5.JPG
Die meisten Amazonen sind abgezogen, die isolierte Königin bleibt an Ort und Stelle, eine Amazone droht, eine Verteidigerin kommt zu Hilfe!
rufi 8.JPG
Nichts ist passiert: Obwohl im Umfeld einige Hilfsameisen getötet wurden, ist die Königin verschont geblieben und wird von einer Arbeiterin ins Nest gezogen!
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Re: Raubzüge

Beitragvon Hoffer » Freitag 19. September 2014, 12:37

Hallo Boro!
Glaubst du, oder bist du sicher, die Amazonen können die Königin wirklich von den Arbeiterinnen unterscheiden?

LG Andreas.
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Re: Raubzüge

Beitragvon Trailandstreet » Freitag 19. September 2014, 13:11

Ich halte es auch nicht für abwegig. Immerhin können auch temporäre Sozialparasiten die Königin erkennen. Bei Polyergus hingegen wäre es aber kontraproduktiv sie zu töten, wie bereits erwähnt.
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Re: Raubzüge

Beitragvon Boro » Freitag 19. September 2014, 13:24

Auf Grund dieser und anderer Beobachtungen bin ich sicher, dass die Angreifer die Königin(nen) erkennen: Bei vielen Überfällen, wo da oder dort auch Verteidiger getötet wurden, bleibt das Nest in der Regel bestehen; die versprengten Arbeiterinnen - mit u. ohne Puppen - , die geflüchtete Königin, alle kehren zurück und später gibt es wieder Puppen und zwar Arbeiterinnen! Also muss auch eine Königin vorhanden gewesen sein....
Umgekehrt sucht eine gründende Polyergus-Gyne, die in ein Serviformica-Nest eindringt, sofort die ansäßige Königin, erkennt und tötet sie. Das ist ihre erste "Amtshandlung". Diese Vorgangsweise wird auch von Forschern bestätigt, welche Polyergus in Gefangenschaft hielten od. den Gründungsvorgang untersuchten.
Noch zu den Fotos: Subjektiv musste ich den Eindruck gewinnen, dass die Angreifer mit der Königin "spielten", sie in "Angst versetzten", denn ein Töten der Königin wäre leicht möglich gewesen. Diese verhielt sich aber defensiv, das ist auch immer wieder eine Taktik die Aggression der Angreifer zu hemmen. Auffällig war aber das Interesse der Angreifer an diesem (besonderen) Individuum. Eine devote Arbeiterin wäre an ihrer Stelle ignoriert worden.
Dieses Nest hat bald einen geordneten Orstwechsel vollzogen und blieb vital.
L.G.
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Re: Raubzüge der Amazonen

Beitragvon Boro » Freitag 29. Mai 2015, 18:51

Heuer geht`s besonders früh los! Aber der Reihe nach:
Da für morgen nicht so gutes Wetter angesagt ist, wird der Hund - wie so oft - etwas weiter "Gassi" geführt: Ich wollte meine Nussbaumallee besuchen, von der ich vor kurzem hier über die arborikolen Arten berichtet habe; dabei führt der Weg in der Nähe meiner Polyergus-Nester vorbei. Ohne jede Vorahnung mache ich routinemäßige Kontrollgänge. Das Wetter war schön, aber sehr windig.
Bei einem Nest sehe ich ein paar Amazonen auf der Nestoberfläche herumlaufen, das ist nicht so ungewöhnlich, es hatte zwar nur 24°C, das ist nahe an der unteren Temperaturschwelle für stattfindende Raubzüge. Was mir gleich auffiel, war die Nervosität von 2-3 Dutzend Hilfsameisen, sie liefen um den Nesteingang herum und versuchten mitunter einzelne Amazonen wieder ins Nest zurückzuziehen. Aus der langjährigen Erfahrung weiß ich, dass dieses Verhalten einem bevorstehenden Ausmarsch andeuten könnte. Also, Hund an einen Baum angebunden, damit der natürliche Jagdtrieb gezügelt wird und ich mich in Ruhe der Beobachtung des Nestes widmen konnte.
Es strömten immer mehr Amazonen aus den Nesteingängen, ich musste aber doch fast 15 Min. warten, bis es losging. Tatsächlich, es fand zu diesem sehr frühen Zeitpunkt (aber nur bei diesem Nest) der erste Raubzug von Polyergus rufescens in der Saison 2015 statt! Ich beschloss die Entwicklung abzuwarten, denn es könnte bei einem Versuch bleiben. Nach etwa 5 m hatte die Heeresspitze das Zielnest erreicht, ein F. cunicularia-Nest in einem Grasbüschl. Die Beute war nicht berauschend, bestand aber doch aus etlichen Puppen und subadulten Larven von Arbeiterinnen; die Brut der Geschlechtstiere wird prinzipiell ignoriert.
Fakten: 29.5. 2015 1. Raubzug der Amazonen. Temp. knapp 24°C, starker Föhnwind aus SW, 35% LF. Distanz Polyergus-Nest - Wirtsnest etwa 5 m. Zeit: 17:30 bis 18:00 SZ. Geraubte Beute: Puppen, Larven v. Arbeiterinnen d. F. cunicularia

Und jetzt folgt die Nachbetrachtung: Einen so frühen Raubzug habe ich in den letzten 17/18 Jahren noch nie gesehen, ich weiß aber von Berichten aus D, dass so etwas vorkommen kann. Es handelt sich nebenbei um jenes Nest, das ich seit 2004 kenne, es war damals ein Riesen-Nest mit über 2000 Amazonen, bestimmt rekordverdächtig. Das Nest hat viel mitgemacht: Nachweislich Zerstörung durch Rebhühner, 2 Nestverlagerungen, 2 totale Niederlagen gegen starke F. rufibarbis-Nester (wurde berichtet!) und schließlich - ich glaube 2011 od. 2012 ein Überfall durch eine fremde Amazonenarmee notdürftig überlebt. Außerdem lässt die Beobachtungsreihe den Schluss zu, dass das Nest (die Königin!!) jedenfalls 11 Jahre alt ist, bei der Nestgröße 2014 kann man sicher 4-5 Jahre dazurechnen. Die Königin ist demanch etwa 15 Jahre alt. Alle anderen Polyergus-Nester hatten infolge der extrem ausgeprägten intraspezifischen Konkurrenz eine weit kürzere Lebensdauer, die hat in einigen Fällen gerade ein paar Monate gedauert.
Es ist mir schon vor 1, 2 Wochen aufgefallen, dass die Brut in Serviformica-Nestern heuer recht weit entwickelt ist, nicht nur die Geschlechtstierbrut, die in der Regel zuerst aufgezogen wird, sondern auch Arbeiterinnenbrut. Warum das so ist, weiß ich nicht, ich denke am Witterungsverlauf dürfte es nicht liegen!
Ja, "wissen" die Amazonen, dass in den Wirtsnestern schon reife Arbeiterinnenbrut zu holen wäre? Klingt unwahrscheinlich, aber es ist tatsächlich möglich: Die Forschung in Italien hat gezeigt, dass die "scouts" der Amazonen bei der Suche nach einem Wirtsnest nicht selten in dieses vorübergehend (allein!!) eindringen, um die Sachlage zu erkunden (vor allem Art, Abwehrbereitschaft, Zustand der Brut) und angeblich richten die Amazonen nach Kenntnis dieser Sachlage (durch Info v. den Pfandfindern!!) etwa die Anzahl der ausrückenden Truppen fest. Man kann das eigentlich kaum glauben.......
Im Anhang seht ihr noch den Zustand der Brut in einem F. fusca-Nest, das Foto wurde vor mehr als 1 Woche aufgenommen. Es zeigt den wiederholt angetroffenen Zustand der Brut in zahlreichen Nestern.
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Re: Raubzüge der Amazonen

Beitragvon Boro » Donnerstag 4. Juni 2015, 07:35

Der letzte Bericht hat gezeigt, dass es im Verhalten der Ameisen immer wieder Überraschungen gibt: War der frühe Raubzug ein einmaliger "Ausreißer", vielleicht ein "Irrtum"? Dieser Frage musste ich auf den Grund gehen. Gestern war wieder sehr geeignetes Wetter, heiter mit knapp 30°C. Ich wollte wissen, ob zumindest bei einigen Nestern v. Polyergus die aktive Phase tatsächlich bereits begonnen hat, bisher galt Mitte Juni bei uns als der übliche Zeitraum für die ersten Raubzüge. Als Ausgangslage für die beginnende Aktivität gilt das Vorhandensein von "reifer" Brut in den Wirtsnestern, also Brut im Puppenstadium, denn Larven werden nur im "Notfall" erbeutet. Die fremden Puppen haben den Vorteil, dass keine zusätzliche Nahrung mehr herbeigeschafft werden muss; die Ernährungssituation in Polyergus-Nestern kann man sich durchaus als zeitweise "angespannt" vorstellen, da die Hilfsameisen nicht nur Nahrung für Königin, fremde Brut und die Eigenversorgung heranschaffen müssen, sondern auch alle Amazonen sowie reife Geschlechtstiere zur Gänze ernähren müssen.
Ich musste über 1 Stunde warten, dann um 18:00 war es wieder so weit, nachdem die ganze Zeit über etliche Amazonen im Nestbereich herumliefen. Die Truppe machte sich auf den Weg. Leider in Zielrichtung eines volksstarken F. rufibarbis-Nestes mit durchwegs großen und aggressiven Individuen. Nun, das kann ja spannend werden.....
Aber es kam nicht so weit, bereits nach etwa 1 m geriet der Vorstoß ins Stocken. Die Erklärung dafür war so überraschend wie einfach: Die Armee war einem zuvor von mir kaum beachteten Lasius niger-Nest zu nahe gekommen. Nur 2, viell. 3 Dutzend Lasius schwärmten aus und griffen die Amazonen sofort an; darauf waren diese nicht "vorbereitet", es kam einiges durcheinander und schließlich wurde der Marsch abgebrochen und die Tiere kehrten in ihr Nest zurück. Mir ist schon lange bekannt, dass L. niger ein sehr unangenehmer Gegner für andere Ameisenarten sein muss, aber dass so wenige Tiere eine Truppe von etwa 800 Amazonen zum Stillstand bringen können, ist doch ungewöhnlich. In der Dominanzhierarchie stehen diese kleinen Ameisen weit oben, ich vermute, dass sie über ein Repellent verfügen müssen, das andere Arten abschreckt. Das ist zwar in der Literatur nirgends vermerkt, mir ist aber jetzt nicht bekannt, wie weit hier die Forschung bisher gediehen ist. Bei der verwandten L. fuliginosus kennt man die eingesetzten Kampfstoffe: viewtopic.php?f=46&t=1001&p=7587&hilit=Lasius+fuliginosus#p7587
Übrigens: Bei einem weiteren Polyergus-Nest konnten einige umherlaufende Scouts gesichtet werden!
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Der Angriff kommt ins Stocken!
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Re: Raubzüge der Amazonen

Beitragvon Boro » Montag 8. Juni 2015, 21:34

So, heute war es wieder so weit: Hügelland nördl. von Klagenfurt (Kärnten), etwa 560 m Höhe, heiter bei 29°C. 18:15 - 19:00
Vom oben erwähnten Nest, das bereits am 4. Juni den ersten Raubzug druchführte, konnte ich heute eine "tolle Leistung" beobachten: Ich habe versucht, die auslaufenden Amazonen zu zählen, bin aber eigentlich gescheitert - alles geht zu schnell und immer wieder laufen trotz raschen Marschtempos einige Tiere entgegen der Marschrichtung; aber an die 1000 Amazonen werden es gewesen sein, die Kolonne war an die 7 m lang. Ich war überrascht, dass dieses Nest sich wieder so gut erholt hatte. Es ging sehr flott voran, einige Male - wie üblich - wurde aber kurzfristig die Orientierung verloren und sofort schwärmten zahllose Marschierer in alle Richtungen aus. Spannend, ich konnte das Zielnest (meist in ziemlich gerader Verlängerung der Laufrichtung!) nicht finden, dann überquerten sie wieder ein Nest von Lasius niger, die ließen sich diesmal aber nicht blicken! Und endlich: 40 cm neben dem Lasius-Nest ein Hügel mit Materalauswurf, das könnte es sein! Tatsächlich, wenn die Amazonen das Zielnest erreichen, rasten sie völlig aus und beginnen wie wild vorwärts zu drängen. So, Verteidiger sah ich keinen einzigen, erst einige Minuten nach dem Abzug der Kriegerschar, konnte ich einzelne (verwirrte!) Nestbewohner ausmachen: Formica cunicularia! Und das Nest muss ganz schön groß gewesen sein, bis auf die letzten Angreifer trugen alle Amazonen eine Puppe (teilw. Larve) zwischen den Mandibeln, allein die Plünderung dauerte über 8 Min.
Ich habe dann provisorisch gemessen: Etwa 45 m war die Strecke
Alles wunderbar gelaufen, es gab auf beiden Seiten keine einzige verletzte oder getötete Ameise! Das geplünderte Nest erholt sich wieder, in 2, 3 Wochen gibt es schon wieder reichlich große Larven!
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Gleich neben dem Nest kletterten viele Ameisen auf eine vorstehende Wurzel. Wollten sie den "Ausblick" genießen?
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dann ging es meist zügig dahin....
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Ankunft beim Zielnest
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und schon erscheinen die ersten Räuber mit Beute
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und ziehen damit eilig zu ihrem Heimatnest!
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Re: Raubzüge der Amazonen

Beitragvon Boro » Montag 22. Juni 2015, 20:57

2 Wochen hab ich meine wichtigsten Amazonennester nicht besucht - zuerst war keine Zeit und in den letzten paar Tagen war das Wetter nicht geeignet!
Heute war es besser! Ab Mitte Juni beginnt ja die aktive Phase der Amazonen, bei 3 Nestern konnte ich Aktivitäten feststellen. Da die Temperatur wegen aufkommenden starken Windes auf 22°C (im Schatten gemessen) absank, suchte ich mir das am besten besonnte Nest aus.
17:15, wolkig und 22°. Die Armee hatte sich um das Nest versammelt und der Marsch nahm seinen Anfang. Leider in eine Richtung, die eine schlimme Ahnung aufkommen ließ: In der gewählten Richtung liegt das stärkste F. rufibarbis-Nest der Umgebung und diese Art hat den Amazonen schon in einigen Fällen das Fürchten gelehrt! Huch, spannend: Nein, zum Glück führte die Route etwa 0,75 m an diesem Nest vorbei! Aber man glaubt es kaum, trotzdem haben die F. rufibarbis "Wind von der Sache bekommen" und etliche kampfbereite Nestinsassen strömten ins Freie. In solchen Situationen habe ich schon Angriffe v. F. rufibarbis auf die vorbeiziehende Amazonenschar erlebt! Außerdem konnte ich erst im vorigen Jahr beobachten, wie ein anderes rufibarbis-Nest den Angriff einer kleineren Raptiformica-Kolonne abgewiesen hat(!).
Der Marsch ging weiter, aber recht schleppend, alle paar Meter kam es zum Stillstand und die Scouts schwärmten aus; die Orientierung war offenbar mehrmals verloren gegangen. Dazu 22°C, das ist die unterste Temperaturschwelle, die für einen Raubzug der Amazonen erforderlich ist. Läge das Nest jetzt im Schatten, würde sicher kein Raubzug stattfinden.
Inzwischen waren wir immerhin 40 m vom Heimatnest entfernt und ein Teil der "enttäuschten" Truppe setzte sich Richtung "Heimat" in Bewegung. In dieser kritischen Phase hatten einige Scouts doch tatsächlich etwas abseits ein F. fusca-Nest entdeckt. Die Fährtensucher schlugen Alarm, sodass schließlich die gesamte Truppe einen Schwenk um 90° machte und das F. fusca-Nest in ca. 2 m Entfernung überfiel. Ziel der ursprünglichen Planung dürften einige volkstarke F. cunicularia-Nester in der Verlängerung der ursprünglichen Angriffsroute in etwa 5 od.6 m Entfernung von hier gewesen sein.
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Der Marsch beginnt
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Im naheliegenden F. rufibarbis-Nest wuchs die Unruhe
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Der Nesteingang wurde gefunden. Eine unbeschreibliche Hektik entsteht, jede Amazone will die erste im Nest sein. Diese Turbulenzen kann man sich nicht vorstellen, wenn man es nicht gesehen hat!
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Einige Nestverteidiger erscheinen, gleichzeitig wird schon die Beute abtransportiert.
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Die Beute war mäßig. Der Großteil der Räuber ist weg, letzte Amazonen bewegen sich "ungeniert" zwischen den ratlosen Nestbewohnern!
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Re: Raubzüge der Amazonen

Beitragvon Hoffer » Donnerstag 25. Juni 2015, 14:38

Hallo Boro!
Habe diese Woche auch meine ersten 2 Raubzüge beobachten können ;-)
Allerdings kann ich nicht sagen wie lange sie schon aktiv sind...

LG Andreas.
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Re: Raubzüge der Amazonen

Beitragvon Boro » Samstag 27. Juni 2015, 14:18

Ausgehend von meinem letzten Bericht v. 22.6. (siehe oben) ist mir jetzt zum zweiten Mal ein bislang nicht bekanntes Verhalten der Amazonen während der Raubzüge aufgefallen. Nachdem ich in den letzen 18 Jahren zig Raubzüge beobachtet habe, dachte ich, ich wäre mit der Materie vertraut. Am 22.6. wurde ein Raubzug nach 40 m abgebrochen, ich vermute, dass es ganz einfach zu kalt wurde. Die große Masse der Kriegerschar verblieb mit wenig Lokomotion vor Ort, während gleichzeitig etliche Pfadfinder in alle Richtungen ausschwärmten. Ich habe dieses Verhalten bisher mit dem Verlust der Orientierung und der Suche nach der ursprünglich gewählten Laufroute zum Zielnest in Verbindung gesetzt. So ein "Stau" tritt immer wieder einmal auf, fast immer finden die ausschwärmenden Pfadfinder wieder die Route. Diese Vorgangsweise lässt an der These, wonach sich die Orientierung ausschließlich od. zumindest vorwiegend nach polarisierten Lichtmustern im UV-Bereich richtet ( Grasso et al. 1997, Visicchio et al. 2003), Zweifel aufkommen:
1. In solchen Fällen müssten immer jene scouts, welche das Zielnest entdeckt hatten, an der Spitze laufen. Amerikanische Forscher haben aber festgestellt, dass bei dortigen Polyergus-Arten die (vorher markierten) scouts nicht immer an der Spitze laufen (Topoff et al. 1987)
2. Wieso verliert die Marschspitze immer wieder die Orientierung, wenn sie sich nur nach dem polarisierten Lichtmustern orientiert?
3. Es liegt die Vermutung nahe, dass wenigstens in den allermeisten Fällen die von der Nest-Entdeckung heimkehrenden Pfadfinder den Rückweg doch mit einer Duftmarkierung versehen. Die italienische Forschergruppe räumt ein, dass mit "fortschreitender Jahreszeit" eine Markierung des Anmarschweges der Amazonenarmee vorkommt. Ganz habe ich das nicht verstanden, wieso sollen sich die Amazonen im Juni, Juli vorwiegend nach dem polarisiertem Licht im UV-Bereich orientieren und im August, September auch an Duftmarken?
Dieses Rätsel konnten wir auch nicht lösen, als wir uns mit der Materie beschäftigten (http://www.landesmuseum.at/pdf_frei_rem ... 9-0432.pdf).
Zurück zu meinen Beobachtungen:
Gestern war es wieder so weit: Ein Raubzug wird nach etwa 30 m abgebrochen. Ob hier die absinkende Temperatur durch Wolkenaufzug (um 18:30 von etwa 24°auf ca. 22°) Auslöser war oder einfach die Orientierung verloren wurde, kann ich nicht sagen. Wieder die selbe Vorgangsweise: Um die Masse der wartenden Amazonen schwärmten zahlreiche Pfadfinder 1 bis 2 m in verschiedene Richtungen aus und nach etwa 12 Min. wurde tatsächlich wieder ein Hilfsameisennest entdeckt, rasch erfolgte die Alarmierung und es wurde dann reichlich Beute gemacht. Jetzt könnte man sagen, nun, die auslaufenden Pfadfinder haben ein anderes Nest entdeckt und dieses wurde dann heimgesucht.....
Aber so einfach ist die Sache nicht! Ich habe schon vor Jahren immer wieder einmal versucht, die Orientierungskunst von Polyergus auf die Probe zu stellen:

a. Einige Male wurde vor die marschierende Kolonne Serviformica-Brut ausgelegt: Das Interesse der anrückenden Armee war gering, einige Amazonen haben darin "herumgestochert", der Großteil der Truppe ist einfach weiter marschiert.
b. Schon oft konnte ich feststellen, dass die Marschkolonne unmittelbar an Serviformica-Nestern vorbeimarschiert ist, diese zwar bemerkt aber ignoriert hat. Das waren eindeutig nicht die Zielnester, die Amazonen sind unbeirrt weitermarschiert.
Jetzt drängt sich die Frage auf, wieso haben die Amazonen von diesem näher liegenden "Angebot" keinen Gebrauch gemacht, wenn es sozusagen auf dem "Präsentierteller" lag?

Für mich war daher klar, dass das Ziel in der marschierenden Kolonne fix "programmiert" ist, vermutlich war die Art, das Zielnest, der dortige Nestgeruch (?) od. einfach die Entfernung entscheidend.
Im Widerspruch mit dem Gesagten gilt jetzt eine modifizierte Taktik, vereinfacht gesagt: Wenn die Witterungsbedingungen nicht mehr passen oder ich die Orientierung verliere, suche ich so lange, bis ich ein Ersatzopfer finde!
Dazu muss abschließend noch festgehalten werden, dass die Marschrichtung weitgehend der kürzesten Verbindung von 2 Punkten, also einer Geraden, entspricht. Ein Abweichen von dieser Grundregel konnte ich bisher nicht feststellen.
Ich habe versucht, in einer Skizze das für mich ungewöhnliche Verhalten der Amazonen zu erläutern (Skizze folgt gleich):
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DSC00006.JPG
HN=Heimatnest, rote Linie=Marschrichtung, ST 1,2,3=Stau, rote Pfeile=auslaufende Pfandfinder, WN=ursprüngliches Wirtsnest, NWN=neu entdecktes Wirtsnest
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Re: Raubzüge der Amazonen

Beitragvon Boro » Samstag 27. Juni 2015, 14:36

Nachtrag d. angeführten Lit.:
Grasso, D. A., Visicchio, R., Le Moli, F. (1997): Orientation of Polyergus rufescens (H, F.) during slave-making raids. Animal Behaviour. Vol. 54: 1425-1438.
Visicchio, R., Castracani, C., Mori, A., Grasso, D. A., Le Moli, F. (2003): How raiders of the slave-making ant Polyergus rufecens (H, F) evaluate a target host nest. Ethology, Ecology and Evolution. Vol 15: 369-378.
Topoff, H., Bodoni, D., Sherman, P., Goodloe, L. (1987): The role of Scouting in slave raids by Polyergus breviceps (H:F). Psyche, Vol. 94: 261-263.
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Re: Raubzüge der Amazonen

Beitragvon Boro » Montag 3. August 2015, 20:44

Heute herrschte totales Chaos!
Heiter, 26°C nach 17:00 in 800 m Seehöhe im Bezirk Klagenfurt-Land (Kärnten): Vater, Sohn und Hund wandern durch die Gegend, immer auf der Suche nach interessanten Erlebnissen. Unter anderem habe ich ein Polyergus-Nest gesucht, welches ich vor 2 Jahren erfolgreich freigesetzt hatte (im Vorjahr konnten schon Raubzüge beobachtet werden) und das heuer als verschollen galt. Nach etwa 40 m stieß ich völlig überraschend auf einen Raubzug anderer Amazonen, womit das Verschwinden "meines" Nestes erklärbar schien (siehe oben: Intraspezifische Konkurrenz). Ich war trotzdem erfreut, Hauptsache es gab irgendein Polyergus-Nest.

Nur der Raubzug verlief chaotisch: Zuerst wurde ein Serviformica-Nest zögerlich überfallen - ohne den sonst üblichen Tumult -, dann wandte sich die Heerschar plötzlich einem anderen Serviformica-Nest in etwa 1 m Entfernung zu. Das kommt selten vor, dass man vom eigentlichen Zielnest abweicht! Die Ausbeute war recht gering, ich vermute, dass diese Nester schon vor kurzem "beerntet" worden sind; ich konnte aber an Hand der zurücklaufenden Amazonen schließlich deren bislang unbekanntes Nest orten. Und dort - herrschte das Chaos: zig Hilfsameisen liefen aufgeregt auf der Nestoberfläche herum, einzelne herumirrende Amazonen wurden attackiert, die ins Heimatnest zurückkehrenden Amazonen liefen hektisch durch die Gegend, Brut wurde v. Hilfsameisen vom Nest und dann wieder zu diesem zurücktransportiert! Eindeutig Indizien für einen vor kurzem erfolgten Angriff auf das Nest der Heimkehrer. Also, während die eigenen Amazonen einen Raubzug in schwierigem Gelände absolvierten, wurde das Nest von einer anderen (fremden) Amazonenschar heimgesucht!. Ob die Königin überlebt hat und damit der Fortbestand des gefundenen Nestes gesichert erscheint, konnte man zu diesem Zeitpunkt nicht feststellen!
Und es gibt tolle Bilder, natürlich von Sohn Roman!
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Bei einigen Amazonen kann man aufreitende Milben erkennen
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Diesmal nicht der übliche Tumult: Am Nesteingang des Zielnestes war keine Verteidigerin zu sehen
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Bald wurden etliche Puppen weggetragen!
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...etwa wie hier
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Zuerst kamen ein paar völlig graue Individuen an die Oberfläche, schließlich erschienen solche Tiere, wohl F. rufibarbis
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Es kam dann auch zu einigen Auseinandersetzungen, die meistens für Polyergus erfolgreich beendet wurden
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oder in Einzelfällen auch nicht...
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wie z. B. hier, mit
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Genickbiss!!
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Re: Raubzüge der Amazonen

Beitragvon Radiergummi » Mittwoch 5. August 2015, 21:16

Video: vom Raubzug heimkehrende Amazonen. Puppen werden sowohl ins Mutternest eingetragen als auch über diesem abgelegt; letzteres v.a. wenn die Amazonen durch irgend etwas abgebremst wurden.
https://vid.me/JwJ4
Aufnahmedatum war 05. ‎August ‎2015, ‏‎19:12 Uhr
Ort: Lobau, Wien


Video eines Überfalls; keine einzige Serviformica kommt aus dem überfallenen Neste heraus:
http://sendvid.com/xgh0b6it
Aufnahmedatum: ‎04. ‎Juli ‎2015, ‏‎19:55
Ort: Wien, zw. Donau u. Lobau
Ich war ja zunächst ziemlich enttäuscht. Für 20-30 Metern folgte ich dem Schwarm, lief immer wieder voraus um das Zielnest zu orten. Dreimal verloren die Amazonen auf dem Weg die Orientierung und mussten sich reorientieren. Dann endlich trafen sie auf dieses unscheinbare Loch im Boden. Niemals hätte ich da ein Serviformica Nest vermutet. Was mich jedoch dann faszinierte war, wie der Schwarm plötzlich im Erdboden verschwand. Zunächst dachte ich nämlich die Kolonne müsste sich neu orientieren. Sie konzentrierten sich auf einen Fleck und verschwanden dann als hätte sie der Erdboden verschluckt. Hätte ich das Nest vorher gesehen, hatte ich früher auf den Auslöser gedrückt.

Rückzug mit Beute:
http://sendvid.com/l7zh0718
wie oben
  • 1

Zuletzt geändert von Radiergummi am Donnerstag 6. August 2015, 15:41, insgesamt 1-mal geändert.
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