Arthropoden-Exkursion in Friaul

Arthropoden-Exkursion in Friaul

Beitragvon Boro » Montag 5. Mai 2014, 15:57

Friaul ist der östlicheste Teil der ital. (autonomen) Region Julisch-Friaul-Venetien. Das Friaul hat trotz Sprachverbotes unter Mussolini noch die ursprüngliche friulanische (furlanische) Sprache (=rätoromanisch= Friul) aufzuweisen, beherbergt ein paar deutsche Sprachinseln (z. B. das Zimbrische) und eine größere slowenische Minderheit im Osten (slow. Furlanija). Es hat damit eine Brückenfunktion zw. 3 europäischen Kulturkreisen.
Besonders schön ist der Collio (Provinz Görz), eine Hügellandschaft mit berühmtem Weinanbau, die nach Slowenien hinüberreicht u. dort Brda heißst. Es ist der Südrand der Alpen (besser Südalpen=Dinariden) und eine (leider) bevorzugte Erdbebenregion.
Der Boro wurde von den 3 Söhnen zu einem Aufenthalt eingeladen, quasi als verschobenes Geburtstagsgeschenk. Dabei ist es schon geplanteTradition, dass die "verrückten Insektenforscher" Boro+Sohn III sich bald vom Rest trennen und beladen mit Fotoausrüstung, Boxen, Reagenzgläsern, Lupe, Exhaustor, Essensration und Hund Sarah in unwegsames Gelände verschwinden; der Rest der Mannschaft macht inzwischen dolce far niente!
Diesmal haben wir uns (natürlich nur punktuell) im Collio umgesehen und am 2. Tag am Südrand der Provinz Görz im beginnenden Karst; daher werden die Berichte in Collio (A) und Karst (B) gegliedert. Es wurde bewusst auf Bildmaterial anderer Gliederfüßer verzichtet, weil der Bericht sonst zu sehr ausufern würde.
Collio (A): Die Vegetation ist mitteleurop. u. mediterran. Neben den unzähligen Weingärten waren vor allem die häufigen, teilw. dominanten Bestände der derzeit blühenden Robinie, eines Neophyten aus Amerika, auffallend. Das Klima gilt als mediterran, ist aber relativ niederschlagsreich und dementsprechend "grün" ist die Landschaft.
Die Ameisenfunde werden etwa nach der subjektiven Häufigkeit der Beobachtung furagierender Individuen bzw. der Häufigkeit von Nestfunden fortlaufend dargestellt. Fotos v. Roman Borovsky

Vorläufiges Ergebnis: Auffallend war das Fehlen zahlreicher Formica spp., keine einzige Waldameise (Formica s. str. od. Raptiformica), keine einzige F. rufibarbis od. clara: Vorkommen v. F. cunicularia, F. fusca sehr selten.
Camponotus vagus selten, keine C. ligniperdus, einzelne furagierende C. lateralis, wenige Funde v. C. piceus
Lasius spp. deutlich seltener als bei uns, am ehesten ist L. emarginatus zu finden
Keine Leptothorax sp. od. Temnothorax sp. gesichtet (möglicherweise aus Zeitmangel)
2 Nestfunde einer Myrmica-Art
Crematogaster scutellaris, einzelne furagierende Arbeiterinnen
Durch Belegauswertungen könnten sich noch Änderungen ergeben.
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Dateianhänge
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Der Collio, links im Hintergrund erkennt man den Alpenrand, in diesem Fall die schneebedeckten julischen Alpen im Länderdreieck Italien-Slowenien-Österreich (Kärnten)
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Messor structor, einzige Messor sp. im Gebiet, hier häufig in farblich gemischten Populationen, ganz dunkel oder braun-rot gefärbt.
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Pheidole pallidula, mit Aas beschäftigt; häufig Unter-Steinnester, an Straßen- und Wegrändern, in Weingärten
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Camponotus aethiops, eine wunderschöne, schwarz glänzende Art, in Mitteleuropa selten
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Möglicherweise eine Farbvariation v. C. aethiops, eine Bestimmung auf Artniveau muss erst erfolgen; jedenfalls keineswegs C. dalmaticus.
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Formica gagates. Interessant: Einzelne Nester v. F. cunicularia, einmal furagierende F. fusca, keine F. rufibarbis od. clara, keine Formica s. str., keine F. sanguinea!
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Prenolepis nitens, mehrere furagierende Arbeiten an verschiedenen Lokalitäten, ein Nest war nicht auffindbar!
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Plagiolepis sp., nach bisherigen Belegauswertungen wird es sich vorwiegend um Plagiolepis pygmaea handeln; stellenweise häufig
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Lasius sp., noch nicht bestimmt; selten. Lasius s. str.: L. cf. niger selten, bei Mauerwerk, Lesesteinhaufen: L. emarginatus, hier eine recht dunkle Farbvariante, das Mesosoma ist eher braun/braun-rötlich
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Tetramorium sp. selten angetroffen, ganz selten: Strongylognathus testaceus (2 rötliche Tiere: Mitte links, unteres Eck rechts)
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Re: Arthropoden-Exkursion in Friaul

Beitragvon Boro » Mittwoch 7. Mai 2014, 15:00

Karst (B) nördlich von Monfalcone: Natur pur! Zwischen wenigen Siedlungen sieht man kilometerweit keine Menschenseele, ein paar Straßen durchqueren die Gegend. Ganz in der Nähe tobte im 1. Weltkrieg eine der verheerenden Schlachten. Heute ist über alles "Gras" gewachsen! Primär- oder naturnahe Sekundärvegetation bedecken das Areal. Einzelne verfallene Steinmauern erinnern an ehemalige menschliche Aktivitäten, da man keinen verwilderten Weinstock findet, wird man Oliven angepflanzt oder Ziegen gehütet haben. Keine mediterrane Macchie, wenn man darunter die immergründe Hartlaubvegetation versteht. Aufgefallen sind uns die Mannaesche (Fraxinus ornus), einzelne Schwarzföhren (Pinus nigra) und Flaumeichen (Quercus pubescens) oder Ahornbäume (Acer sp.) und Wacholderbüsche (Juniperus communis). In der Strauchschicht Stechpalmen-Kreuzdorn (Rhamnus alaternus), Zistrosen (Cistus sp.), Rosmarin (Rosmarinus sp.), Salbei (Salvia officinalis), Mäusedorn (Ruscus aculeatus) oder Efeu (Hedera sp.).
Kleine Lichtungen mit dichterem Grasbewuchs dürften Reste ehemaliger Rodungsinseln darstellen.

Zusammenfassung: Außer einem einzigen Nest von Formica (Raptiformica) sanguinea (!), wurde kein einziges Individuum der Gattung Formica gesehen, auch Formica gagates fehlte völlig!
Von Camponotus piceus wurden 4 Gynen in Gründungskammern entdeckt, sie müssen kürzlich geschwärmt sein!
Keine einzige Messor-Art (?)
Skorpione wurden sowohl im Collio als auch im Karst mehrfach gesehen. [Alle Fotos v. Roman Borovsky]
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Dateianhänge
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Nächtlicher Blick vom Collio Richtung Görz und Karst
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Auch hier ist Pheidole pallidula stark vertreten; Soldaten rücken Richtung Beute aus
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Zahlreiche Nester von Camponotus aethiops, ähnlich oft vertreten wie im Collio
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Trotz Sichtung zahlreicher furagierender Arbeiterinnen v. Camponotus piceus, konnte in stundenlanger Sucharbeit kein einziges älteres Nest der Art entdeckt werden. Die Nestanlagen sind extrem unauffällig!
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Auffallend selten gesichtet: Crematogaster scutellaris
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Ein schönes Nest zwischen Steinplatten: Crematogaster schmidti
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Crematogaster schmidti in Großaufnahme!
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Im Gegensatz zum Collio hier selten vertreten: Tapinoma cf. erraticum
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Das Foto stammt nicht aus dieser Gegend: Lasius emarginatus ist hier in einer dunklen Farbvariante vertreten (Mesosoma nicht rötlich, sondern bräunlich-rot).
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Sehr selten: Solenopsis fugax
Boro
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