Dolichoderus quadripunctatus - Haltungserfahrungen

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Dolichoderus quadripunctatus - Haltungserfahrungen

Beitragvon Reber » Mittwoch 4. März 2020, 17:40

Dolichoderus quadripunctatus, die Vierpunktameise. Der deutsche Trivialname wird vom Aussehen der kleinen Drüsenameise abgeleitet. Auf der Gaster der schwarz-roten/braunen Tiere, sind von blossem Auge vier weisse bis gelbliche Punkten zu sehen.

Unser Boro hat hier einen Faden mit vielen Beobachtungen und Fotos über die Art eröffnet.

Über die schön gefärbte Ameise gibt es allerdings relativ wenig geteilte Haltungserfahrungen. Das liegt sicherlich daran, dass die Art in Deutschland teilweise stark gefährdet ist. Vor diesem Hintergrund ist es absolut vernünftig, in Breiten mit geringem oder gar gefährdet Bestand gänzlich auf die Entnahme von Königinnen und Kolonien aus der Natur zu verzichten!
Im Berner Mittelland und besonders auch in der Stadt ist die Art allerdings sehr häufig und teilweise in ganzen Strassenzügen beidseitig auf jedem einzelnen Allebaum zu finden. Dieses gehäufte Auftreten liegt meinen Erachtens am geeigneten Habitat: grosse, alten Baumbeständen in Alleen und Obstbaum-Hosteten bzw. Streuobstwiesen etc. Vor Jahren hatte ich die Ameise selbst für sehr selten gehalten, doch wer sucht, der findet. Inzwischen begegnet mir die Art regelmässig in grosser Zahl. Beim Anbringen von Vogelnistkästen auf einem Nussbaum habe ich am 7. Januar 2020 unabsichtlich einen Zweig mit einer Kolonie abgebrochen. Die Tiere habe ich damals zufällig entdeckt und dann willentlich mit nach Hause genommen. Hier soll in der Folge kein regelmässiger Haltungsbericht entstehen, ich will nur hin und wieder über Beobachtungen aus der Haltung berichten.

Die ausgesprochen arboricole Art legt ihre Nester fast nur in trockenen und holen Ästchen und teilweise unter der Borke und sogar in Stämmen von Laubbäumen an. Dolichoderus quadripunctatus, ist monogyn und schwärmt von Juli bis September. Als Nahrung dienen Nektar und Honigtau wird aufgeleckt, auch tote Insekten und Vogelkot werden verwertet.

Bei mir bewohnt die kleine Kolonie ein mini-Gipsnest mit zwei Kammern und einer 2 mm Eingangsbohrung.
Die Arbeiterinnen sind tagaktiv und verlassen das Nest scheinbar nur gemeinsam bzw. zeitgleich und in grösseren Gruppen. Selten bis nie bekomme ich eine vereinzelte Arbeiterin zu Gesicht, wie das z.B. bei jungen Camponotus ligniperda Völklein die Regel ist, weil nur einzelne „Aussendienstmitarbeiterinnen“ das Nest verlassen.

Dolichoderus quadripunctatus.JPG
Eier mitte Januar


Die Art schein für die Brutaufzucht hauptsächlich auf äussere Faktoren zu achten, nach kaum zwei Wochen bei Zimmertemperatur konnte ich bereits ende Januar grössere Eipakete entdecken. ca. 40 Tage später bei Zimmertemperatur gibt es bereits Nacktpuppen.

Dolichoderus quadripunctatus März.JPG
Puppen im März
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Re: Dolichoderus quadripunctatus - Haltungserfahrungen

Beitragvon Reber » Sonntag 22. März 2020, 13:43

Aus den Puppen sind erste Männchen geschlüpft.
Dolichoderus Männchen.JPG
Das scheint mir doch etwas früh, denn die Art schwärmt eigentlich erst ab Juli.
Stammen die Eier von einer Arbeiterin? Obwohl, eine dealate Gyne ist im Volklein enthalten, aber ist sie begattet?
Ich konnte zwar deutliche Grössenunterschiede bei den Puppen feststellen. Mir scheint es auch neue (kleinere) Arbeiterinnen zu geben, aber ich bin icht ganz sicher. Die Puppen färben sich schon vor dem Schlüpfen deutlich aus.
Dolichoderus Puppe ausgefärbt.JPG
Richtet sich die Art so stark nach äusseren Faktoren und passt ihren Jahresrhythmus den Temperaturen und dem Futterangebot an? Nachttemperaturn von 18 °C Grad und massig Futter könnten schon "Sommer" signalisieren...
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Re: Dolichoderus quadripunctatus - Haltungserfahrungen

Beitragvon Boro » Sonntag 22. März 2020, 18:57

Hallo Reber!
Dolichoderus quadripunctatus habe ich noch nie gehalten. Ich befasse mich aber mit dieser Art seit vielen Jahren, sie ist bei uns die zweithäufigste Ameisenart im Garten nach L. niger. 2019 haben der Sohn und ich eine Arbeit veröffentlicht, die aber noch nicht im www zu finden ist. Die Biologie der Art ist sehr komplex und es ist auch uns nicht gelungen, die möglichen Vermehrungsstrategien der Art eindeutig festzulegen, z. B. sind Möglichkeiten der Nestgründung bis heute nicht ganz klar. Vielleicht kannst du da Pionierarbeit leisten! Wenn du willst, kann ich dir die Rohfassung zukommen lassen bzw. im Forum veröffentlichen!
Nebenbei ist die Art bei mir im Insektenhotel seit einem Monat bei entsprechenden Temperaturen aktiv, das "Hotel" ist gut besonnt!
L.G.
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Re: Dolichoderus quadripunctatus - Haltungserfahrungen

Beitragvon Merkur » Montag 23. März 2020, 10:44

Man soll auch mal über den Gartenzaun schauen: Im AF postet ein "Doli" über sein Kleinvolk mit 3 Gynen, im Freiland gefunden und gehalten seit 3. Okt. 2019.
Pleometrose? Polygynie? Nicht abgeschwärmte Jungweibchen? - Ich werde den Thread verfolgen.

Zum Beitrag von Boro: Es wird wieder mal deutlich, welche Unterschiede im Verbreitungsgebiet ein- und derselben Art zu erwarten sind, wie wichtig es daher ist, bei Bestimmungswünschen den Ort anzugeben:
Bei Boro (22.03.2020) in Kärnten ist die Art aktiv seit einem Monat.
Bei mir in Südhessen (Klimadaten ähnlich Darmstadt) lebt D. quadripunctatus im Walnussbaum sowie im Dachgebälk. An beiden Stellen habe ich bis heute (23.03.) nicht eine einzige Arbeiterin gesehen!
(D. quadripunctatus ist natürlich leicht zu bestimmen. Doch gibt es viele schwierige Gruppen, wo man mit einer brauchbaren Fundortangabe oft schon die eine oder andere Art ausschließen kann).

MfG,
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Re: Dolichoderus quadripunctatus - Haltungserfahrungen

Beitragvon Reber » Montag 23. März 2020, 16:18

Hallo Boro
Die Arbeit von Roman und dir zu Dolichoderus quadripunctatus interessiert mich auf jeden Fall sehr! Wenn sie schon zur Veröffentlichung gedacht ist, dann gerne hier im Forum. Ansonsten freue ich mich auch über eine Privat-Nachricht.
Bei uns ist mir die Art im Freiland auch noch nicht beim Fouragieren begegnet. Aber, vielleicht war ich zur falschen Zeit am falschen Ort. Und im Moment herrschen wieder Temperaturen von unter 10°C.
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Re: Dolichoderus quadripunctatus - Haltungserfahrungen

Beitragvon Trailandstreet » Dienstag 24. März 2020, 14:19

Dolichoderus ist bei uns auch relativ häufig zu finden, wenn man weiß, wo man hinschauen muss.
Sogar bei uns am Haus, bzw an der Holzhütte tauchen sie regelmäßig auf, wobei ich schon sagen muss, dass es da dann schon recht warm sein muss. Da sind Lasius und Konsorten meist schon lange unterwegs oder halten sich eher schon wieder wegen zu großer Mittagshitze zurück.
Am Inn entlang, in der Nähe des NSG Unterer Inn findet man auch ein paar größere Nester in ca armdicken Totholzstücken.
Man muss aber auch sagen, dass man diese Art eher alleine furagieren sieht und sie auch nicht in Straßen umhermarschieren, wie es die Wegameisen tun.
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Re: Dolichoderus quadripunctatus - Haltungserfahrungen

Beitragvon Reber » Donnerstag 16. April 2020, 18:28

Meine Dolichoderus quadripunctatus haben inzwischen ein grösseres Formicarium bekommen. Die Arbeiterinnen mögen die Bepflanzung als Unterlage und bewegen sich am liebsten auf dem Philodendron-Steckling, gefolgt vom Holz und den Glasscheiben. Sie sind aber auch auf dem Sandboden anzutreffen.

2020 Dolichoderus quadripunctatus Anlage.JPG

Nicht mal einen Monat nach ihrem Erscheinen, sind die Männchen - es waren um die fünfzig - fast alle tot. Die Tiere haben nach einigen Tagen "Hausarest" angefangen, Tag und Nacht in der Arena umher zu klettern. Ins Nest wollten oder konnten sie offenbar nicht zurück finden (anders als z.B. Temonthorax nylanderi Geschlechtstiere, die ich des Nachts oft zahlreich in der Arena antreffe, die sich dann aber vor Tagesanbruch wieder ins Nest begeben). Ein einziges Mal konnte ich beobachten, wie eine Arbeiterin ein Männchen ausserhalb des Nestes fütterte. Einige der Männchen sind im Bierdeckel ertrunken, aber der grösste Teil lag einfach in den letzten Tagen einfach irgendwo tot in der Arena. Ob sie verhungert sind? Das natürliche Ende ihrer Tage scheint mir nach 3 Wochen zu früh erreicht. Jedenfalls, auch die Männchen scheinen über keine "innere Uhr" für ihr Ausschwärmen zu verfügen, wenn mitte April schon alle ausgeflogen sind.

2020 Dolichoderus quadripunctatus Königin.JPG

Noch etwas ist erstaundlich: Im Nest, in welches ich wegen der fehlenden Männchen wieder gute Einsicht habe, findet sich keine Brut. Eine dealate Königin ist aber vorhanden. Was ist da nur los? Diapause? Legepause nach der Aufzucht von Geschlechtstieren? Unbegattete Gyne?
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Re: Dolichoderus quadripunctatus - Haltungserfahrungen

Beitragvon Reber » Dienstag 21. April 2020, 15:06

Es gibte Neuigkeiten: Auf dem Foto ist es zwar leider kaum zu erkennen, aber die Gyne hat neue Eier gelegt. Es gibt also wieder Brut.

20200421 Dolicoderus Brut.JPG
Neue Brut ist auf dem schlechten Bild kaum zu erkennen, aber vorhanden!

Ein Verhalten, welches ich zum ersten Mal bei der Art beobachten kann: Es werden kleine Futtertiere ins Nest Eingetragen. Im Bild sind Fruchtfliegen zu erkennen. Bisher zerlegte die Kolonie die Beutetiere ausserhalb des Nestes.
20200421 Dolichoderus Drosophila.JPG
Erstmals trägt die Kolonie Beutetiere ein.
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Re: Dolichoderus quadripunctatus - Haltungserfahrungen

Beitragvon Reber » Samstag 16. Mai 2020, 14:09

Die Entwicklung schient gut zu verlaufen. Es gibt erste Puppen und einige grosse Larven. Nun wird sich bald zeigen, ob daraus auch Arbeiterinnen werden. Das Verhalten in der Arena hat sich verändert: Mittlerweile fouragieren die Ameisen nicht mehr zeitgleich in Gruppen, sonderen auch einzeln.

20200516 Dolicoderus Puppen.JPG
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Re: Dolichoderus quadripunctatus - Haltungserfahrungen

Beitragvon Reber » Sonntag 7. Juni 2020, 14:55

Es schaut gut aus, die ersten Puppen verfärben sich und es schaut so aus, als würden Arbeiterinnen daraus schlüpfen.

20200607 Dolicoderus.JPG
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Re: Dolichoderus quadripunctatus - Haltungserfahrungen

Beitragvon Reber » Sonntag 14. Juni 2020, 16:08

Und tatsächlich: Aus den Puppenhüllen schlüpfen noch unausgefärbte, hellbeige Arbeiterinnen. Ich bin erleichtert, die Gyne ist also tatsächlich begattet und das Völkchen kann leicht anwachsen.

20200614 Dolichoderus quadripunctatus.JPG
Arbeiterinnen-Nachwuch bei Dolichoderus quadripunctatus...
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Re: Dolichoderus quadripunctatus - Haltungserfahrungen

Beitragvon Boro » Sonntag 14. Juni 2020, 20:53

Ich gehe davon aus, dass die Haltung der Art im isolierten Kunstnest schwierig ist. Die Ameisen können dort ihre angeborenen Verhaltensweisen nicht ausleben: Mir ist keine andere Ameisenart bekannt,deren Arbeiterinnen während der gesamten warmen Phase (also von Ende März bis in den Oktober) bei geeigneten Temperaturen ununterbrochen zwischen den einzelnen Nestern Kontakt halten. Das geschieht durch Ameisenstraßen, die ständig belaufen werden, mitunter auch mit Brutaustausch. In der Regel ist es ja so, dass Dolichoderus ganze Koloniesysteme aufbaut: Ein zentrales Nest mit der reproduktiven Königin und mehrere Satellitennester, wo meist keine Königin vorhanden ist, aber unbegattete Gynen verweilen. Eine neue begattete Könign wird meist nicht in diesen Zweignester aufgenommen bzw. toleriert, sondern bestenfalls in einem relativ weit vom Zentralnest entfernten "Außenrandnest" (die Art gilt im Prinzip als mongyn). Ist dies der Fall, entwickelt sich dieses Zweignest zu einem neuen Zentralnest mit sozusagen "eigenen" Zweignestern. Auf diese Art können sich mehrere (getrennte) Nestsysteme mit Zentralnest und Zweignestern etwa über einen größeren Baum verteilen. Dabei kann es durchaus vorkommen, dass die peripheren aneinander grenzenden Zweignester weiterhin durch hin und herlaufende Arbeiterinnen Kontakt halten. Damit wird der nesteigene (besser: Nest-System-eigene) Duft weiterhin teilweise homogenisiert. Man kann aber beobachten, dass Arbeiterinnen, die aus weiter entfernten Zweignestern (oder gar von einem benachbarten System Zentralnest-Zweignester) stammen, in der Nähe eines anderen Zentralnestes, abgewiesen bzw. argwöhnisch "überprüft" werden. Die Lebensweise dieser Ameisenart ist einigermaßen komplex.
Diese Besonderheiten setzen sich im Schwarmverhalten fort: Manche Forscher haben herausgefunden, dass Männchen in der ersten Nachthälfte ausfliegen und in (fremde) Zweignester eindringen um dort eventuell vorhandene jungfräuliche Gynen (siehe oben!) zu begatten. Diese Weibchen sollen dann in diesen bzw. weit vom Zentralnest entfernten Nebennestern ein neues zentrales Nest aufbauen. Vom Schwärmen der Weibchen ist dort keine Rede. Tatsächlich schwärmen aber Gynen aus, das konnten wir in unserer Arbeit für ganz Kärnten nachweisen. Um die Verbreitung dieser Art in weiter entfernte Reviere zu ermöglichen, sollte ein begattetes Weibchen in der Lage sein, auch selbständig zu gründen. Diese Möglichkeit ist bis heute aber nicht restlos geklärt (könnte u. U. bei großen geographischen Distanzen auch regional unterschiedlich sein).
L.G.
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Re: Dolichoderus quadripunctatus - Haltungserfahrungen

Beitragvon Reber » Montag 15. Juni 2020, 11:00

Hallo Boro, da kann ich dir nur beipflichten. Die Haltung im Kunstnest ist zwar aus Sicht des Halters nicht unbedingt schwierig, aber die Ameisen können sich bestimmt nicht, wie unter natürlichen Bedingungen verhalten. Ich werde der Kolonie jetzt noch zwei Zweignestchen anbieten. Ein externes aus Holz, das über einen dünnen Schlauch angeschlossen wird und ein Objektträgernest in der Arena. Aber da die Temperatur im Zimmer überall recht ähnlich sein dürften, andere Dolichoderus quadripunctatus fehlen und der Platz sehr begrenzt ist, wird auch das kein wirklich naturnahes Verhalten auslösen können. Ganz und gar andere Verhaltensweisen als in der Natur haben – wohl Raumklimabedingt – bereits die Männchen an den Tag gelegt. Sie sind viel zu früh „ausgeschwärmt“ bzw. gelaufen und dann auch recht rasch ausserhalb des Nestes gestorben. Vielleicht auf der unermüdlichen Suche nach den von dir beschriebenen Zweignestern mit unbegatteten Gynen? Solche waren je nirgends vorhanden. Auch konnte ich nie beobachten, wie Arbeiterinnen Brut im Formicarium umhergetragen haben. Überhaupt, haben die Arbeiterinnen ihr Verhalten aussserhalb des Nestes angepasst. Anfangs waren entweder viele gelichzeigtig in der Arena unterwegs und beliefen den gleichen Bereich oder es waren gar keine Ameisen ausserhalb zu sehen. Inzwischen furagieren einzelne Arbeiterinnen getrennt voneinender, wie man es von anderen ameisen in der Haltung kennt...
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Re: Dolichoderus quadripunctatus - Haltungserfahrungen

Beitragvon Boro » Montag 15. Juni 2020, 13:54

Hallo Reber!
Bei dieser Art besteht sicher noch Forschungsbedarf, deshalb ist deine Arbeit wichtig, auch wenn natürliche Verhaltensweisen nicht so zum Zug kommen. Die Meldung über schwärmende Gynen bekomme ich aus den Dateien in unserem Landesmuseum oder von Mitgliedern des Naturwiss. Vereins durch Fänge an nächtlichen Lichtfallen. Lichtfallen verwende ich sehr selten, weil unser Gebiet leider wenig hergibt. Die Aufzucht eines Volkes im Kunstnest mit einer schwärmenden (begatteten ?) Gyne wäre ein Beweis für die Möglichkeit der selbständigen Gründung. Ein Hinweis in diese Richtung könnten einzelne dealate Gynen sein, die man hin und wieder antrifft (ein Foto davon gibt es in unserer Arbeit). Möglicherweise gründen die Gynen auch semiclaustral, denn die Adoption in einem bestehenden Zweignest würde eine Gyne dann kaum veranlassen, eigenständig auf Nahrungssuche zu gehen.
Interessant ist ja auch die Gewinnung von Proteinen für die Brutaufzucht: Parthenogenetische Brut der Arbeiterinnen und trophische (Futter)eier. Auch eine Anpassung an die arborikole Lebensweise...........................
L.G.
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Re: Dolichoderus quadripunctatus - Haltungserfahrungen

Beitragvon Merkur » Montag 15. Juni 2020, 16:23

Es gibt zu D. quadripunctatus recht viel Literatur!

So ist mir eine alte Arbeit von C. Torossian über die Trophallaxis von D. quadripunctatus in Erinnerung: https://link.springer.com/article/10.1007/BF02225781
Les échanges trophallactiques proctodéaux chez la Fourmi Dolichoderus quadripunctatus (Hyménoptère-Formicoidea), Claude Torossian, Insectes sociaux 6, 369-374.
Der Springer Verl. gibt ohne Bezahlung nur die (miserablen!) Übersetzungen des Resumée auf engl. und deutsch preis.
Summary
The colony of ant Dolichoderus quadripunctatus allows the observation of proctodeals trophallactic exchanges.
Those exchanges are very important in the trophic activity of the colony. They are seasonal, in relation with the biological cycle. They are observable essentially during the evolution time of larvaes.
In colony wich exclusively are composed with workers, they are loosed by the presence of second and third larvals stages.
In colony with queen, proctodeals exchanges are loosed by the retaking of oviposition cycle by the female.
They are bound to the female at first, and after, secondary to the workers. With the apparition of second and third larvals stages, the proctodeal food is generalized at the differents units of the colony (larva and adult).
Proctodeal food is produced exclusively by workers. It is the principal form of larvae's food, important form for the female, and less for the workers.

Zusammenfassung
Die Ameisenkolonien des Dolichoderus quadripunctatus Typus erlauben es, die trophallaktischen proctodealen Stoffwechsel zu beobachten.
Diese Stoffwechsel sind in der trophallaktischen Tätigkeit des Ameisenvolkes sehr wichtig. Sie sind an den Jahreszeiten gebunden, hängen mit dem biologischen Zyklus zusammen und treten wesentlich in der Entwicklungsperiode der Larven zum Vorschein.
In den Kolonien, die ansschliesslich aus Arbeitsameisen bestehen, scheint es, als ob die Gegenwart von Larven der 2. und 3. Stufe diese Stoffwechsel hervorriefe.
In den Völkern mit einer Königin werden sie durch die Wiederaufnahme der Legetätigkeit herbeigefürht. Dann sind sie hauptsächlich den Arbeitsameisen bestimmt. Sobald die Larven der 2. und 3. Stufe erscheinen wird die proctodeale Nahrung in denselben Kolonien mit Königin allen Mitgliedern der ganzen Gemeinschaft (d. h. Larven und Erwachsenen) zuteil.
Endlich wird die proctodeale Nahrung nur von den Arbeitsameisen erzeugt. Sie ist die hauptsächliche Speisungsform der Brut; aber sie ist ausserdem eine sehr wichtige Ernährungsweise für das Weibchen und eine minder wichtige für die Arbeitsameisen.


Ich hatte während meiner Dissertation in den 1960er Jahren Einblick in die Arbeit, am Gößwald-Institut in Würzburg, besitze aber keine Kopie.
Was ich in Erinnerung habe: Arbeiterinnen legen trophallaktische Eier (Nähreier), wobei mehrere Eizellen zu einem „Omelette“ verschmelzen, das dann an Königin bzw. Brut verfüttert wird.
Torossian hat in Toulouse sehr intensiv über die Art geforscht. Aus einer anderen seiner Arbeiten hatte ich notiert, dass Jungköniginnen nicht selbständig gründen können, sondern nur mit einer kleinen Arbeiterinnengruppe. Andererseits berichtete er auch von "drei Typen" von Nestern, wenigen mit je einer Königin, mehr ohne jede Königin, und ca. 1,7% Königinnen allein.
Außerdem wachsen Larven nur in Arbeiterinnengruppen ohne Königin zu Gynen heran.
Allein seine Arbeiten (französisch) durchzuarbeiten, dürfte zeitaufwendig, aber lohnend sein.

MfG,
Merkur
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Re: Dolichoderus quadripunctatus - Haltungserfahrungen

Beitragvon Reber » Montag 3. August 2020, 16:26

Bei den Dolichoderus quadripunctatus ist wieder jegliche Brut "verschwunden". Von den angebotenen Kunstnestern wurde leider keines bezogen, obwohl diese von einzelnen Arbeiterinnen ausgekuntschaftet wurden. Ich werde versuchen mit einer Heizmatte einen zusätzlichen Anreiz bei einem externen Holznest zu schaffen. Nicht auszuschliessen ist natürlich, dass die Tiere irgendwo in einer Deko-Wurzel ein Nestchen angelegt haben. Denn die Zahl der Arbeiterinnen im Hauptnest scheint recht übersichtlich.

20200803 Dolichoderus quadripunctatus.JPG
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Re: Dolichoderus quadripunctatus - Haltungserfahrungen

Beitragvon Reber » Donnerstag 6. August 2020, 11:28

Die Heizmatte hat ihre Wirkung nicht verfehlt: Ein kleines Grüppchen Dolichoderus quadripunctatus ist ins Holznest eingezogen. Das Nest habe ich früher für Colobopsis truncata verwendet, die brauchen aber inzwischen eine grössere Behausung. Für Dolicoderus hingegen ist es noch viel zu gross.

20200806 Dolichoderus quadridenticulatus 3.JPG

Und beim genauen Hinsehen erkennt man, dass es im neuen Zweignest bereits Eier gibt. Was das für Eier sind, wird sich vielleicht bald zeigen. Brut der Arbeiterinnen: trophische (Futter-)Eier? Brut der Gyne: Arbeiterinnen oder Geschlechtstiere?

20200806 Dolichoderus quadridenticulatus 2.JPG


Im Hauptnest kann ich weiterhin keine Brut ausmachen.

20200806 Dolichoderus quadridenticulatus 1.JPG
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Re: Dolichoderus quadripunctatus - Haltungserfahrungen

Beitragvon Reber » Mittwoch 12. August 2020, 19:59

Kurzes update: Jetzt ist klar, das Völkchen muss ein drittes Zweignest in einer "Deko"-Wurzel angelegt haben. Anders ist die stark schwankende Arbeiterinnen-Anzahl im "Hauptnest" nicht zu erklären. Es hat einmal mehr und einmal weniger Arbeiterinnen im Gipsnestchen - ohne das auffällig mehr Tiere in der Arena oder den externen Zweignestaus Holz zu sehen sind. Dafür sind im letzteren plötzlich wie aus dem Nichts zwei grosse Larven aufgetaucht...

20200812 Dolichoderus quadridenticulatus 1.JPG
20200812 Dolichoderus quadridenticulatus 2.JPG
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Re: Dolichoderus quadripunctatus - Haltungserfahrungen

Beitragvon Unbeliver » Mittwoch 12. August 2020, 21:12

Eine tolle und interessante Haltungserfahrung.

Extrem Interessant sogar, werde das weiter verfolgen und bin schon gespannt wie es weitergeht.

Grüße Unbeliver

Edit: Ach so, Sorry, weiß gar nicht ob es erwünscht oder eben nicht ist, dass man hier einfach so rein postet...

Bitte um Aufklärung!
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Re: Dolichoderus quadripunctatus - Haltungserfahrungen

Beitragvon Reber » Samstag 22. August 2020, 14:40

Die Brutentwicklung bei Dolichoderus quadripunctatus geht zügig voran. Im extern angeschlossenen Zweignest gibt es bereits erste Puppen. Eier, kleine bis Grosse Larven und Puppen werden alle an ein und derselben Stelle gelagert - wie bei einer Gründerkolonie. Trotz der Beheizung mittels Heizmatte sind im Zweignest nie mehr als 10 Ameisen anzutreffen. Im Hauptnest wird nun ebenfalls wieder Brut gelagert, vermutlich wurden diese zwischenzeiltlich in einem weiteren Zweignest in einer der Dekowurzeln "versteckt"... Die Gyne befindet sich nach wie vor im Hauptnestchen aus Gips, die Anzahl Arbeiterinnen schwankt darin zwischen 12 und 30 Stück.

20200822 Dolichoderus quadridenticulatus 1.JPG
Brut im externen Zweignestchen
20200822 Dolichoderus quadridenticulatus 2.JPG
Blick ins Hauptnest
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