Neoponera apicalis - Haltungsbericht

Unterfamilie: Ponerinae

Neoponera apicalis - Haltungsbericht

Beitragvon Reber » Montag 5. Oktober 2020, 22:34

Ich mag Urameisen. Die Ponerinae sind für mich in vielen Fällen ideal für die Haltung, weil sie zwar oft recht gross sind, aber nur kleine Kolonien ausbilden. Sie sind in der Regel keine Ausbruchsspezialisten, dafür um so bessere Jäger. Vorsicht ist wegen der schmerzhaften Stiche geboten. Aber ein Imker muss da Ähnliches aushalten - und auch bei vorsichtigem Umgang bestimmt öfter.

Neoponera apicalis (früher Pachycondyla apicalis) ist in ihrem Verbreitungsgebiet, welches von zentral bis nach Südamerika reicht, eine der häufigsten tagaktiven Ponerinen. Vielleicht ist sie dort auch eine der auffälligsten Ameisen, schon nur wegen ihrer Grösse: Königinnen werden bis zu 20 mm lang. Ihr Habitat besteht aus tropischen Feuchtwäldern und Regenwäldern mittlerer Höhenlage. Die Tiere sind anpassungsfähig, sie treten z.B. auch in Kaffeeplantagen auf, meiden aber Grasland. In ihrer natürlichen Umgebung nisten die Ameisen gerne in Totholz, aber auch in Gängen lebender Bäumen oder in Bambus und auch direkt im Erdboden.

Wenn es stimmt, was über Neoponera apicalis geschrieben wird, dürften bei der Art noch einiges an interessantem Verhalten zu beobachten sein. Das gute Sehvermögen, konnte ich jedenfalls bereits zum ersten Mal erkennen. Die Gyne reagiert nicht nur stark auf Licht im Nest, sie erkennen auch die Schatten - und geht angriffslustig auf diese zu, um die Gründungskammer vor dem vermeintlichen Eindringling zu verteidigen. Die Arbeiterinnen sollen flüssige Nahrung als Tröpfchen in ihren Mandibeln eintragen. Ausserdem sollen sich innerhalb der monogynen Kolonie Dominanzhierarchien unter den Arbeiterinnen entwickeln.

Meinen Haltungsbericht muss ich mit zwei ganz schlechten Fotos beginnen. Das liegt an der beschlagenen Scheibe des Gipsnestes – und an meinen bescheidenen Foto-Skills.

20201005 Neoponera Larve.JPG
20201005 Neoponera apicalis.JPG

Ich denke aber, die Fotos unterstreichen meine Hoffnung, dass die Gründung endgültig gelingt und ich diesen Bericht fortsetzen kann. Zwei Arbeiterinnen sind bereits geschlüpft, dazu gibt es 5 Puppen und mindestens eine kleine Larve.
Übrigens, während manche (einheimische) Arten sehr nervös auf Springschwänze bei/auf der Brut reagieren, kümmert das Neoponera apicalis scheinbar keinen Deut.
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Re: Neoponera apicalis - Haltungsbericht

Beitragvon Reber » Freitag 23. Oktober 2020, 11:19

Wie auf dem Symbolbild erkennbar:

20201022 Neoponera apicalis Nest.JPG

Es sind drei weitere Arbeiterinnen geschlüpft! Etwas Brut ist auch noch vorhanden, mindestens eine kleine und eine grössere Larve, sowie eine Puppe. Die Nesteinsicht ist weiterhin super schlecht. Sorry für die Bildqualität. Aber den Ameisen scheint es gut zu gehen. Dehalb wird das wohl noch etwas so bleiben müssen...
Momentan heize ich tagsüber 1/5 des Nestes mit einer Heizmatte. Die Ameisen bleiben aber in ihrer Gründungskammer, etwa in der Mitte, almlinken Rand des viel zu grossen Gipsnestes. Sie haben alle Zugänge zu anderen Kammern die sie nicht benötigen mit Erde und Pflanzenmaterial verschlossen. Nur der kürzeste Weg zum Ausgang bleibt offen. In der Gründungskammer beträgt die Temperatur ca. 25°C, in der Nacht fällt sie auf 20°C. Das Nest halte ich sehr feucht.

Es ist immer nur eine einzelne Arbeiterin auf Futersuche in der Arena anzutreffen, bisher immer am Tag. Die meiste Zeit verbringen alle Ameisen im Nest. Ich füttere abwechslungsreich und ca. jeden zweiten Tag mit kleinen Mengen an toten Fruchtfliegen, Heimchen und Wachsmottenlarven. Auch grössere Futtertiere werden problemlos am Stück ins Nest eingetragen. Reste werden in der Arena entorgt. Honigwasser biete ich auch ständig an, habe aber noch nie bemerkt, dass sich eine Arbeiterin dafür interessieren würde.

? Eier
min. 1 kleine und eine grosse Larve
min. 1 Puppe
5 Arbeiterinnen
1 Gyne
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Re: Neoponera apicalis - Haltungsbericht

Beitragvon Reber » Donnerstag 29. Oktober 2020, 19:50

Neoponera apicalis sind ausgesprochen mutige und neugirgie Ameisen! Die Kolonie hat gerade mal sechs Arbeiterinnen. Trotzdem verlassen jetzt schon mehrere Arbeiterinnen das Nest um nach Futter zu suchen. Von Vorsicht ist nichts zu bemerken.
Eine offensichtlich rasch erkannt, neue Situation: Der abgehoben Deckel und ein hantierender Halter wird nicht als Gefahr wahrgenommen, von der man sich vertecken muss. Sondern im Gegenteil als Gelegenheit neues terrain zu erkunden. Viele exotische Urameisen haben Mühe oder sind überhaupt nicht in der Lage an glatten Glasscheiben Halt zu finden. Neoponera apicalis klettert problemlos und sicher an Glasscheiben hoch.

20201029 Neoponera apicalis klettert Glas hoch.JPG
Offener Deckel? Gleich mal nachschauen was los ist!
20201029 Neoponera apicalis beim Nesteingang.JPG
Während die Arbeiterin links Futter einträgt, verlässt schon die nächste das Nest um Futter zu suchen - bei einer Volksstärke von 7 Tieren...

? Eier
min. 1 kleine und eine grosse Larve
min. ? Puppen
6 Arbeiterinnen
1 Gyne
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Re: Neoponera apicalis - Haltungsbericht

Beitragvon Reber » Montag 9. November 2020, 22:18

Die Entwicklung der kleinen Gründerkolonie verläuft ausgesprochen erfreulich und auch recht schnell - für eine Urameisenart.
Schon wieder sind zwei neue Arbeiterinnen geschlüpft!

Insekten aller Art und Grösse werden von den Ausendienstlerinnen sofort entdeckt und am Stück ins Nest eingetragen.
Die Arbeiterinnen gehen dabei sehr geschickt vor. Der Betrachter erkennt, dass sie sich optisch orientieren: Nach Hindernissen schauen sie sich scheinbar um, positionieren sie sich geschickt neu und ziehen die Beute in Richtung Nesteingang. Ihr hastiges, zielgerichtetes Verhalten erinnert mich etwas an Grabwespen, die Raupen oder Spinnen ins Nest schleppen!

20201109 Neoponera apicalis Arbeiterin.JPG

Im Nest stechen weitere Begebenheiten ins Auge: Grosse Larven werden, bevor sie sich verpuppen vollständig mit Erd- und Pflanzenmaterial zugedeckt. Sogar kleine Steinchen wurden isnd Nest geschleppt. Die "reifen" Larven werden zum Verpuppen an den wärmsten und feuchtesten Ort im Nest gebracht (beheizte Kammer beim Wassertank), während die Kolonie mit den Puppen und den kleinen Larven in mittleren Nestteil verbleibt, welcher nicht direkt beheizt wird.

20201109 Neoponera apicalis Puppenhülle Nestmaterial.JPG
Hier könnte man - wäre das Foto besser - Erde, aber auch frische Pflanzenteilchen entdecken, mit denen die Arbeiterinnen "reife" Larven zudecken. Oben rechts die Reste einer Puppenhülle.
20201109 Neoponera apicalis.JPG
An den Umrissen lässt sich erahnen: Die Kolonie ist gewachsen und hält sich gerne in den mittleren Nestkammern auf - überall liegen Futterteilchen.

Die Arbeiterinnen putzen die Gyne und ihre Schwestern ausgibig. Oft verarbeiten sie das Futter zu zweit. Sie hängen dabei gernde von der Decke. Futterstücke werden ganz zu den Larven gelegt.

Mich ärgert die katastrophale Nesteinsicht mitlerweile so fest, dass ich das Nest bald austrocknen lassen und ein neuses Gipsnest mit Glasscheibe anbieten. Jetzt wo die Kolonie etwas grösser ist, sollte ein Umzug keine zu grosse Herausforederung mehr darstellen.

? Eier
min. 1 Larve
min. 1 Puppe
7 Arbeiterinnen
1 Gyne
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Re: Neoponera apicalis - Haltungsbericht

Beitragvon Reber » Freitag 20. November 2020, 12:28

Ich hab mich in den letzten Tagen etwas mit dem Bewässern des Gipsnestes zurückgehalten, was die Nesteinsicht doch etwas verbessert hat:

20201120 Neoponera apicalis Gründerkolonie Eipaket.JPG
Eier
20201120 Neoponera apicalis kleine Larven.JPG
Kleine Larven
20201120 Neoponera apicalis Gründerkolonie Larve.JPG
...und grosse Larven
20201120 Neoponera apicalis Gründerkolonie.JPG
Die zentrale Nestkammer

Das Gipsnest wird von mir jetzt noch alle drei bis vier Tage reichlich bewässert Die kleine Kolonie lebt zusammen mit vielen Springschwänzen in Nest und Arena ohne von diesen Notiz zu nehmen. Sie wird von mir nun fast täglich gefüttert. Meistens gibt es eine ausgewachsene Steppengrille oder eine Wachsmottenlarve. Honigwasser interessiert die Tiere bisher nicht. Die nicht benötigten Futterreste werden brav in der Arena entsorgt. Die Temperatur in der Arena beträgt tagsüber ca. 21 °C, das Nest wird während 13 Stunden zu einem Dirittel mit der Heizmate beheizt. In der Nestkammer beträgt die Temperatur ca. 25 °C.

ca. 12 Eier
ca. 7 Larven
4 Puppen
7 Arbeiterinnen
1 Gyne
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