Ameisen: Neue wissenschaftliche Erkenntnisse

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Re: Ameisen: Neue wissenschaftliche Erkenntnisse

Beitragvon Merkur » Mittwoch 17. Januar 2018, 19:01

Katzke J, Barden P, Dehon M, Michez D, Wappler T. (2018) Giant ants and their shape: revealing relationships in the genus Titanomyrma with geometric morphometrics. PeerJ 6:e4242 https://doi.org/10.7717/peerj.4242

Die Flügeladerung wird in vielen Insektengruppen(z.B. Diptera, Lepidoptera, Hymenoptera) ausgiebig für die Systematik genutzt. Bei Ameisen wird sie kaum beachtet,weil man über die meiste Zeit des Jahres nur Exemplare ohne Flügel (Arbeiterinnen, entflügelte Gynen) antrifft. Beschreibungen erfolgten oft allein nach Arbeiterinnen, Bestimmungsschlüssel beziehen sich fast immer nur auf Arbeiterinnen.
Die Autoren haben nun ein interessantes Verfahren entwickelt, um besonders fossile Geschlechtstiere zu vergleichen und die oft recht gut erhaltene Flügeladerung zu vermessen. Selbst Männchen und Gynen können nach der Aderung unterschieden werden.

fig-1-2x.jpg
aus Katzke & al. 2018
Fig.1 aus der Arbeit: Flügeladerung von Titanomyrma, und die darin festgelegten Messpunkte.
Die einzelnen Längs- und Queradern haben traditionell bestimmte Namen, so etwa C für die Costa (Randader), R für Radius (Radialader),
M für Media (Mittelader), A für Analis (die hinterste Ader) usw.; Pt ist das fast immer dunkle Pterostigma (Flügelmal).
Auch die von Adern umschlossenen "Zellen" haben eigene Bezeichnungen, vgl. kleines Bild links.

Mit der Technik gelang es, die verwandtschaftlichen Beziehungen der „Riesenameisen“ aus verschiedenen Fundstätten des Eozän weiter aufzuklären. Die in der Grube Messel entdeckten zwei Arten sind Titanomyrma gigantea und T. simillima. Der ursprüngliche Gattungsname „Formicium“ bezog sich nur auf fossile Flügel, darunter solche, von denen keine zugehörigen Körper bekannt sind. Er ist nicht mehr gültig. Auch die von Formicium abgeleitete Unterfamilie „Formiciinae“ muss entsprechend ersetzt werden.

Ich hoffe, dass die Flügeladerung auch bei rezenten Ameisen künftig eine größere Rolle spielt. Mir war sie ein hilfreiches Merkmal zur Unterscheidung etwa der (ehemaligen) Untergattungen Leptothorax und Myrafant (jetzt Gattungen Leptothorax bzw. Temnothorax): Die zugehörigen Sozialparasitengattungen gleichen den jeweiligen Wirtsgattungen in der Flügeladerung (abgesehen von gelegentlichen Reduktionen der Flügeladerung bei Arten, die wenig fliegen), was lange vor den genetischen Untersuchungen auf enge Verwandtschaftsbeziehungen zwischen Parasiten und Wirten hindeutete.

viewtopic.php?f=23&t=1245#p10164
Ameisenfossilien aus Montana. Hier hatten wir eine Arbeit erwähnt, in der es um Fossilien von Titanomyrma geht, die ungefähr zeitgleich mit denen in Messel (bei Darmstadt) lebten.

MfG,
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Re: Ameisen: Neue wissenschaftliche Erkenntnisse

Beitragvon Merkur » Samstag 20. Januar 2018, 17:02

Begattung von Ameisen in Flugkäfigen?

Helms IV, J.A. (2017): The flight ecology of ants (Hymenoptera: Formicidae).- Myrmecol. News 26: 19-30; Online Earlier 19 December 2017
https://myrmecologicalnews.org/cms/inde ... format=raw
(Ökologie des Fluges bei Ameisen)

Abstract: Most of the world’s ant species rely on flight for reproduction and dispersal, during a solitary phase in which colony fitness depends only on the survival of individual queens. Flight-related selection shapes ant physiology, such that queens and males fly for short durations but carry heavy loads due to the nutrient demands of mating and colony founding. Ants vary by four orders of magnitude in flight distance, with larger ants or those with lighter abdomens flying farther than smaller or heavier ones. Flight tradeoffs explain much variation in ant life history, including the temporal segregation of flight and egg production, the continuum of ant mating systems from male aggregation to female calling syndromes, and the evolution of alternate colony founding strategies. Flight performance also constrains range expansions or shifts in response to invasions or climate change. Flying queens and males act as dispersal vectors for pathogenic or symbiotic organisms, and are eaten in large numbers by aerial insectivores. By entering aerial food webs, flying ants help mediate the flow of energy and materials through ecosystems. They are also model systems for addressing several questions, including nutrient allocation tradeoffs and the evolution of reproductive polymorphisms.

Gelegentlich wird in Ameiseforen diskutiert, ob man Geschlechtstiere in genügend großen Flugkäfigen zur Paarung bringen und so gezielt begattete Königinnen erzeugen könnte.
Neben vielen Voraussetzungen und Parametern spielen dabei auch artspezifische Unterschiede eine Rolle. In der o. g. Arbeit findet sich so eine Tabelle, aus der u. a. die beobachteten (maximalen) Flughöhen einiger Arten hervorgehen. Grundlage ist eine Literaturübersicht. Ich kopiere hier eine Auswahl von bekannteren Arten ein.

Flughöhen:
(aus Tab. 1: Ant flight performance estimates. In cases where references found a range of values, I report the maximum.)
M = Männchen, F = Gynen, Both = M und F
Camponotus ligniperda (Latreille, 1802) M – – 40
Camponotus pennsylvanicus (De Geer, 1773) F – – 39
Colobopsis truncata (Spinola, 1808) Both – – 30
Formica lemani Bondroit, 1917 M – – 40
Lasius brunneus (Latreille, 1798) F – – 70 / M – – 150
Lasius fuliginosus (Latreille, 1798) Both – – 150
Lasius niger (Linnaeus, 1758) Both – – 150 / M – – 200 (verschiedene Quellen)
Atta capiguara Gonçalves, 1944 Both – – 120
Atta sexdens (Linnaeus, 1758) M 140 – / Distanz bis 11,1 km
Myrmica rubra (Linnaeus, 1758) M – – 40
Myrmica ruginodis Nylander, 1846 F – – 70 / M – – 150
Solenopsis invicta Buren, 1972 F – – 240/ M – – 300 / Distanz bis 16,1km
Tetramorium caespitum (Linnaeus, 1758) M – – 150
Tetramorium impurum (Foerster, 1850) M – – 150

Für wenige Arten sind maximale Distanzen der Flüge eingetragen. Die maximale Dauer der Flüge (aus dem Verbrauch an Glykogen während des Fluges berechnet) werden im Text zwischen 25 und 140 Minuten angegeben (natürlich auch artabhängig).

Die angegebenen Werte machen Verpaarungen in Flugkäfigen ziemlich unwahrscheinlich. Für die meisten der für die Haltung interessanten Arten existieren keine Orientierungswerte.

Nur für solche Arten, die von Natur aus im oder auf dem Nest kopulieren bzw. in dessen Nähe, besteht Aussicht auf kontrollierte Verpaarung. Das war u. a. die Grundlage für im Labor erzielte Zuchterfolge meiner Arbeitsgruppe mit einer ganzen Anzahl von Arten! :)

MfG,
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Re: Ameisen: Neue wissenschaftliche Erkenntnisse

Beitragvon Merkur » Montag 29. Januar 2018, 18:47

Chalepoxenus tauricus heißt jetzt Temnothorax inquilinus

Na und, was stört daran? - Es ist leider ein weiteres Beispiel dafür, wie Ward et al. das Ameisensystem unübersichtlicher gemacht und Verwirrung produziert haben! http://www.antwiki.org/wiki/Temnothorax_inquilinus

Ich stieß im AntWiki auf diesen Namen. Sollten Ward et al. 2014 wirklich eine neue parasitische Ameisenart beschrieben haben?
Nein, Chalepoxenus tauricus Radchenko, 1989 soll jetzt Temnothorax inquilinus Ward, Brady, Fisher & Schultz, 2014 heißen!
Der Ersatzname für den Sklavenhalter Chalepoxenus tauricus Radchenko, 1989 wurde notwendig, nachdem die ursprüngliche Leptothorax unifasciatus var. tauricus Ruzsky, 1902 zur Art Temnothorax tauricus hochgestuft wurde, und weil Ward et al. die Gattung Chalepoxenus mit Temnothorax synonymisiert haben! Zweimal das Epithet „tauricus“ unter demselben Gattungsnamen ist nicht zulässig.

Nun bezieht sich ein Artepithet oft auf eine Eigenschaft der Species: Formica rufa – Die Rote Waldameise.
„Inquilinen“ allerdings sind Sozialparasiten (meist) ohne eigene Arbeiterinnen, also etwas ganz anderes als Sklavenhalter. Die jetzige Temnothorax inquilinus aber ist, als klar erkennbare Angehörige der ehemaligen Gattung Chalepoxenus, sicher eine Sklaven haltende, dulotische Art.
Nachdem bei Temnothorax die wiss. Bezeichnungen für Sklavenhalter mit den amerikanischen Arten Temnothorax duloticus und T. pilagens bereits verbraucht waren, ist den vier Autoren wohl nichts besser Passendes mehr eingefallen. Wohl dem, dem die Begriffe „inquilinus“ (lat. = Mietsmann, Insasse, Hausgenosse) und „duloticus“ (von gr. dulos = Knecht, Sklave) nichts bedeuten! :roll:

Es ist ein generelles Problem, wenn man eine Gattung (so wie Temnothorax) breiter fasst, also verwandte Gattungen mit einbezieht, dass dann häufiger benutzte Artepitheta wiederholt auftreten. Das darf innerhalb einer Gattung nicht sein, sonst würden zwei oder mehr Arten denselben Gattungs- und Artnamen tragen. Also belässt man das Artepithet bei der zuerst so beschriebenen Art, und erfindet/wählt für die anderen Träger desselben Epithets neue Ersatz-Epitheta.

Das hier aufgezeigte Beispiel von Temnothorax inquilinus ist jedenfalls ein Verwirrung stiftender, ärgerlicher Fehlgriff!

MfG,
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Re: Ameisen: Neue wissenschaftliche Erkenntnisse

Beitragvon Emse » Mittwoch 31. Januar 2018, 22:26

Reaktion auf veränderte Klimabedingungen / Ameisen verblüffen mit hoher Anpassungsfähigkeit

Ameisen können auf Klimaveränderungen reagieren, indem sie die Zusammensetzung der Wachsschicht ändern, die ihre Körperoberfläche überzieht und sie vor dem Austrocknen schützt. Biologen der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) und des Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrums (BiK-F) haben festgestellt, dass diese Anpassung innerhalb von wenigen Wochen erfolgen kann, wenn sich die Tiere auf veränderte klimatische Bedingungen einstellen müssen. „Es war uns bisher schon bekannt, dass die Arten auf Klimaänderungen reagieren“, erklärt der Evolutionsbiologe Dr. Florian Menzel von der JGU. „Aber es hat uns doch überrascht, dass auch einzelne Tiere innerhalb so kurzer Zeit ihre Wachsschicht anpassen, um unter schwierigeren Bedingungen besser überleben zu können.“ [..]


Quelle: https://www.laborpraxis.vogel.de/ameise ... -a-681910/
Paper/Abstract: http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1 ... 8/abstract
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Re: Ameisen: Neue wissenschaftliche Erkenntnisse

Beitragvon Emse » Montag 5. Februar 2018, 21:19

Wissenschaftler untersuchen molekulare Grundlagen der sozialen Evolution von Termiten

Ein Phänomen, das schon Charles Darwin faszinierte, ist die Entstehung riesiger komplexer Insektengesellschaften aus einzelgängerischen Vorfahren – wie bei Termiten und Ameisen. Die Staaten bildenden Termiten und Ameisen sind einander sehr ähnlich: Sie haben die gleiche, als „eusozial“ bezeichnete Lebensweise. Damit verbunden sind Besonderheiten wie die Bildung von Kasten, die mit einer Aufgabenteilung einhergeht, zum Beispiel Arbeiter und Soldaten. Termiten und Ameisen sind jedoch nicht nah miteinander verwandt. Im Gegenteil: Während sich die eusozialen Termiten vor rund 150 Millionen Jahren innerhalb der Schaben entwickelten, entstanden Ameisen und andere eusoziale Hautflügler, darunter Bienen, erst 50 Millionen Jahre später an einem weit entfernten Zweig im Insektenstammbaum. [..]


Quelle: https://idw-online.de/de/news688689
Paper: https://www.nature.com/articles/s41559-017-0459-1
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Re: Ameisen: Neue wissenschaftliche Erkenntnisse

Beitragvon Reber » Mittwoch 7. Februar 2018, 17:35

Wohl auch für Halter nicht ganz uninteressant:

Ameisen können auf Klimaveränderungen reagieren, indem sie die Zusammensetzung der Wachsschicht ändern, die ihre Körperoberfläche überzieht und sie vor dem Austrocknen schützt. Biologen der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) und des Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrums (BiK-F) haben festgestellt, dass diese Anpassung innerhalb von wenigen Wochen(!). erfolgen kann, wenn sich die Tiere auf veränderte klimatische Bedingungen einstellen müssen.


https://www.laborpraxis.vogel.de/ameise ... -a-681910/
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„Im Leben fängt man dann und wann
wieder mal von vorne an“
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Re: Ameisen: Neue wissenschaftliche Erkenntnisse

Beitragvon Merkur » Mittwoch 7. Februar 2018, 21:21

Es gibt zwei grundverschiedene Formen von Anpassung, die leider immer wieder verwechselt bzw. in denselben Topf geworfen werden!

a) Die eine ist die individuelle Anpassung an unterschiedliche Bedingungen, die auch mit dem sperrigen Begriff Akklimatisierung ausgedrückt wird.
b) Die andere ist die genetische Anpassung z. B. an anderes Klima, andere Nahrungsquellen, feuchte oder trockene Lebensräume etc..

Zu a): Der Titel der Originalarbeit lautet: F. Menzel et al., "How ants acclimate: Impact of climatic conditions on the cuticular hydrocarbon profile."
Das sollte man besser mit „Wie sich Ameisen akklimatisieren…“ übersetzen!
Es geht um eine rasche Veränderung, hier der Zusammensetzung der Wachsschicht, als unmittelbare Folge einer Änderung der Temperatur (und Feuchtigkeit) z. B. in Abhängigkeit von der Jahreszeit.
Vertraute Beispiele sind etwa die Akklimatisierung von Sportlern oder Bergsteigern an größere Höhen, mit geringerem Sauerstoffgehalt, durch Bildung von mehr Roten Blutkörperchen.
Akklimatisaierung ist auch die „gesunde“ Bräune hellhäutiger Menschen bei mehr UV-Einstrahlung im Sommer (oder im Bräunungsstudio), oder die Einlagerung von Gefrierschutz-Verbindungen im Körper von Ameisen am Beginn der Überwinterung, oder die Fetteinlagerung bei Winterschläfern wie dem Murmeltier.
Das alles ist nicht überraschend: Physiologische Grundlagen ermöglichen diese „rasche“ Reaktion auf Veränderungen in der Umwelt, jeweils in beiden Richtungen: diese “Anpassung ist umkehrbar, bei ein- und demselben Individuum!
Auch an helles Licht oder Dämmerung können sich unsere Augen „adaptieren“, was auch gerne „Anpassung“ genannt wird, und in Sekundenschnelle erfolgt.

Zu b): Die Alternative ist die genetische Anpassung, über (viele!) Generationen. Man kann sagen: „Sie geht über Leichen“. Es ist die Darwin’sche Selektion der Geeignetsten (für die jeweiligen Lebensumstände).
Beispiele: Die Hautfarbe von Menschenrassen ist verschieden, und ein blonder Mittel- oder Nordeuropäer wird weder in der Sahelzone noch im Solarium so dunkel wie ein Schwarzafrikaner. Umgekehrt wird ein solcher auch in Nordschweden nicht ausbleichen.
(Bitte nicht falsch deuten: Es gibt nun mal angeborene Unterschiede zwischen den Menschen unterschiedlicher Herkunft. Zum “Rassisten“ wird man erst, wenn man den Angehörigen verschiedener Rassen unterschiedliche „Wertigkeiten“ zuordnet!).
Schwarz war sehr wahrscheinlich die ursprüngliche Hautfarbe des Homo sapiens und seiner Vorfahren. Erst im Zuge der Besiedlung Europas traten Mutationen in der Melaninsynthese auf, die eine hellere Hautfarbe verursachten (es dürften „Verlustmutationen“ sein). Die hellere Haut aber ermöglichte eine gesteigerte Produktion von Vitamin D bei der geringeren UV-Einstrahlung in höheren Breiten. Damit hatten hellere Menschen bessere Überlebensbedingungen und konnten mehr Nachkommen hinterlassen als die ursprüngliche, dunkle Form. Über sehr zahlreiche Generationen konnte sich die „Weiße Rasse“ in den lichtarmen Regionen der Erde durchsetzen. Das aber hat Hunderttausende Jahre gedauert!
Höhlenbewohnende Tiere (Arthropoden, Fische, Amphibien) haben auf dem Wege solcher genetischer Anpassung ihre Augen reduziert: Energie und Proteine für die Bildung von Augen und zugehörigen Gehirnteilen konnten eingespart werden, so dass derart „angepasste“ Individuen entsprechend mehr in Nachwuchs investieren konnten. Wiederum geht so etwas nur über viele Generationen, allmählich, bis die letzten Individuen mit kompletten Augen „ausgestorben“ sind.

Natürlich sorgt die Selektion auch dafür, dass jede Art (bzw. Population innerhalb weit verbreiteter Arten) an kurzfristig wechselnde Bedingungen angepasst ist, sich also an Sommer- und Wintertemperaturen, Licht und Dunkel etc. akklimatisieren kann. Die genetische Grundlage sorgt allerdings nur für einen „Toleranzbereich“, innerhalb dessen sich das Einzeltier kurzfristig anpassen kann.

„Anpassung“ an den Klimawandel ist allenfalls sehr begrenzt für Individuen möglich, bis an die Grenzen ihrer Toleranzbereiche.
Arten können noch relativ rasch auf grundsätzliche Klimaveränderungen reagieren, indem sie (bei hinreichend raschen Ausbreitungsmöglichkeiten) dem für sie zusagenden Klima „nachwandern“. Das ist nur in seltenen Fällen innerhalb einer Generation möglich, etwa bei Vögeln oder wandernden Großtieren. Üblicherweise ist auch hier zu erwarten, dass die am Ort verbleibenden Populationen allmählich kleiner werden und aussterben, und dass von ihren Nachkommen solche, die in Bereiche abwandern, in denen sich das Klima in für sie günstiger Richtung entwickelt hat, sich dort ansiedeln und fortpflanzen können. Bsp.: Bäume "wandern" im Gebirge zunehmend in größere Höhen. Natürlich nur, weil ihre Samen dank Klimaerwärmung in größerer Höhe auskeimen und zu Jungpflanzen heranwachsen können.

Zu den Veränderungen in der Chemie/ Physik der cuticularen Wachse: Diese Wachse einschließlich der flüchtigen Duftstoffe werden von zahlreichen, über die gesamte Cuticula verteilten Zellen der Epidermis produziert und durch feine Kanäle in der Cuticula an die Oberfläche gebracht. Die Wachsschicht wird durch Berührung (Kriechen in Erdtunneln, gegenseitiges Lecken der Ameisen!) ständig abgetragen und muss ersetzt werden; außerdem verdunsten kurzkettige Wachse, je wärmer es ist, desto mehr. Allein durch diesen Effekt wird man bei wärmer gehaltenen Ameisen mehr langkettige CHC finden (ich habe die Arbeit nicht genau gelesen; nehme aber an, dass die Autoren das berücksichtigt haben). Zusätzlich könnten die Drüsenzellen unter dem Einfluss höherer Temperaturen mehr langkettige CHC synthetisieren. Das wäre dann eine echte Akklimatisierung.

Es ist alles nicht ganz einfach, aber schön, dass die Autoren diese Vorgänge im Detail untersuchen! :)

MfG,
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Re: Ameisen: Neue wissenschaftliche Erkenntnisse

Beitragvon Trailandstreet » Donnerstag 8. Februar 2018, 11:53

Zwar auch nicht ganz neu, aber grad entdeckt
http://www.wissenschaft.de/home/-/journ ... 3%BCsselt/
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Re: Ameisen: Neue wissenschaftliche Erkenntnisse

Beitragvon Emse » Mittwoch 7. März 2018, 14:10

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Re: Ameisen: Neue wissenschaftliche Erkenntnisse

Beitragvon Trailandstreet » Donnerstag 8. März 2018, 11:15

Die Ameisen haben es scheinbar auch nicht leicht, wenn sie mal in die Krise kommen.

http://www.daserste.de/information/wiss ... o-254.html
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Re: Ameisen: Neue wissenschaftliche Erkenntnisse

Beitragvon Emse » Samstag 12. Mai 2018, 21:09

Eine Untersuchung zu neuzeitlichen Expansionsprozessen (Schneeballeffekte) von invasiven Ameisen:

"Ameisen werden laut einer neuen Studie immer reiselustiger: Je stärker sie durch den Menschen in Gegenden gebracht werden, in denen sie nicht heimisch sind, umso mehr verbreiten sie sich von dort aus in andere neue Umgebungen. [..] "

Quelle: http://science.orf.at/stories/2911420/
Paper: http://www.pnas.org/content/early/2018/05/01/1801990115
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Re: Ameisen: Neue wissenschaftliche Erkenntnisse

Beitragvon Merkur » Mittwoch 23. Mai 2018, 15:30

Revision der Fire Ants der Solenopsis saevissima-Artengruppe

James P Pitts, Gabriela Procópio Camacho, Dietrich Gotzek, Joseph V McHugh and Kenneth G. Ross (2018): Revision of the Fire Ants of the Solenopsis saevissima Species-Group (Hymenoptera: Formicidae) - Proceedings- Entomological Society of Washington 120(2)
DOI 10.4289/0013-8797.120.2.308
https://www.researchgate.net/publicatio ... Formicidae

Abstract
The fire ants of the Solenopsis geminata species-group of Trager (1991) are revised based on the morphology of worker larvae and of adult forms of workers, males, and gynes (winged or dealated members of the queen caste). The amount of intraspecific variation occurring in the adult males and gynes was equivalent to that of workers, making the taxonomic information gained from these castes no better than information from the workers. A new species, S. metallica, is described from southern Brazil, based on adult workers, adult gynes, males, and worker larvae. The following classification changes are made: S. virulens is placed in the S. virulens species-group; S. tridens and S. substituta are placed in the S. tridens species-group; S. metallica new species, S. daguerrei, S. electra, S. hostilis, S. interrupta, S. invicta, S. macdonaghi, S. megergates, S. pusillignis, S. pythia, S. quinquecuspis, S. richteri, S. saevissima, and S. weyrauchi are placed in the S. saevissima species-group; and S. geminata, S. xyloni, S. amblychila, S. aurea, S. gayi, and S. bruesi are left in the S. geminata species-group. The older classification, which designated complexes and subcomplexes, is abandoned. For the S. saevissima species-group, adults of males and gynes, as well as worker larvae, are described and diagnosed for each species. Diagnoses and keys (dichotomous and tabular) are provided for adult workers, the most commonly collected material, and distributions of the species are summarized. (Ich habe die bekannteren Arten hervorgehoben - Merkur)

Wer glaubte, dass es nur 3 oder 4 Arten von Fire Ants zu unterscheiden gibt, kann sich hier überzeugen, dass das doch eine sehr artenreiche Gattung ist. Die Revision basiert auf Untersuchungen von Arbeiterinbnen und Gynen, aber auch Männchen und sogar Larven (beides ist bisher unüblich in der Ameisen-Taxonomie!). Bestimmungsschlüssel, Bilder und Verbreitungskarten ergänzen den Text.

Die neu beschrieben Art Solenopsis metallica ist nach ihrer häufigsten und auffälligsten Farbmorphe, der glänzenden, metallisch-orangen Form, benannt. Metallica ist auch eine von mehreren der Autoren favorisierte rock band. Das Artepithet ist ein Substantiv in Apposition.

MfG,
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Re: Ameisen: Neue wissenschaftliche Erkenntnisse

Beitragvon Teleutotje » Dienstag 29. Mai 2018, 00:02

Steiner et al. revised the Messor structor group.... One species became five with two new species... Manuscript accepted but not yet published...
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Re: Ameisen: Neue wissenschaftliche Erkenntnisse

Beitragvon Teleutotje » Dienstag 29. Mai 2018, 12:27

16 years for the Fire ants paper to be published... and the new species got a different name then originally proposed... and no tabular key for workers (as mentioned in the abstract!)...
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Re: Ameisen: Neue wissenschaftliche Erkenntnisse

Beitragvon Merkur » Dienstag 29. Mai 2018, 17:13

Der von Teleutotje angesprochene Artikel über die Messor-Revision ist hier einzusehen (von der Zeitschrift akzeptiert, aber noch nicht veröffentlicht):
https://de.scribd.com/document/37827637 ... r-structor
Aus der ehemaligen Messor structor sind fünf Arten geworden. Man kann erkennen, welch immense Arbeit dahinter steht, eine solche Artengruppe zu revidieren.

M. ibericus: Das ist der nun gültige Name für die z. B. aus der Umgebung Mainz bekannten M. „structor“. In D gibt es keine M. structor.
Vorkommen: Bulgaria, Croatia, France, Germany, Greece, Italy, Romania, Slovenia, Spain, Switzerland. Multicoloniality and swarming flights reported from Mainz, Germany

M. ponticus n. sp.: Neu beschriebene Art; um das Schwarze Meer verbreitet.

M. structor: Nach Material von der Typuslokalität in Südfrankreich erneut beschrieben (redescribed). Vorkommen in: Austria, Bulgaria, Czech Republic, France, Hungary, Romania, Slovenia.
Aus Österreich ist für diese Art Unikolonialität und das Fehlen des Schwarmfluges beschrieben.

M. muticus: Wiederbeschreibung (redescription).
Vorkommen: Armenia, Kazakhstan, Kyrgyz Republic, Romania, Russian Federation, Ukraine.

M. mcarthuri n. sp.: Neu beschriebene Art.
Vorkommen: Greece, Turkey.

Die bisherige M. structor aus dem Mittelrheingebiet heißt jetzt also M. ibericus. Die „echte“ M. structor kommt in D nicht vor, wohl aber in Südfrankreich und in Österreich.
Damit sind fast alle bisher „Messor structor“ genannten Ameisen neu zu bewerten, sowohl die in der Literatur vor 2018 so bezeichneten als auch in Ameisenhandel und -haltung „M. structor“ genannten Kolonien!
Es kommt also WIRKLICH darauf an, zu wissen woher man seine Ameisen hat!!
Und nun dürfte auch jedem deutlich werden, was man mit dem Freilassen oder Ansiedeln gebietsfremder Ameisen anrichten kann. Das Argument „die Art M. structor kommt doch in Deutschland vor, also kann es nicht schaden meine Tiere aus Österreich hier freizulassen“ ist einfach falsch, weil die M. structor aus Österreich eben nicht identisch mit der jetzigen M. ibericus aus D ist. - Eine erfolgreiche Ansiedlung der gebietsfremden Art könnte derartige (aufwändige und teure!) Studien entwerten und falsche Schlüsse über die geographische Ausbreitung der einzelnen Arten nach sich ziehen.
Interessant sind auch die Verbreitungskarten für die fünf Arten, die unter dem angegebenen Link einzusehen sind.

MfG,
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Re: Ameisen: Neue wissenschaftliche Erkenntnisse

Beitragvon Teleutotje » Sonntag 17. Juni 2018, 21:02

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Re: Ameisen: Neue wissenschaftliche Erkenntnisse

Beitragvon Teleutotje » Sonntag 17. Juni 2018, 21:14

How many ants are there?

It is a very good question and some big myrmecologists were happy to answer the question (between 15.000 and 30.000 species!):

https://blog.myrmecologicalnews.org/201 ... -on-earth/

One of them was Barry Bolton (his photograph was taken in 2014.), known for all his work, specially:

http://antcat.org/documents/3806/20263.pdf

But the best answer came from Sharaf. He pointed to a publication from this year (2018) from Australia. I looked it up and found the journal, Diversity:

http://www.mdpi.com/journal/diversity

And the article:

http://www.mdpi.com/1424-2818/10/2/36 or http://www.mdpi.com/1424-2818/10/2/36/pdf

Just read the article and then think what the number of ant species can be.....
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Re: Ameisen: Neue wissenschaftliche Erkenntnisse

Beitragvon Teleutotje » Mittwoch 20. Juni 2018, 23:47

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Re: Ameisen: Neue wissenschaftliche Erkenntnisse

Beitragvon Teleutotje » Freitag 13. Juli 2018, 14:24

The original Pitts-work about the fire ants:

http://dbs.galib.uga.edu/cgi-bin/write_ ... 05_phd.pdf

And both confirm Trager's work:

http://antcat.org/documents/3093/2904.pdf

Since Trager there is only one new species (very rare) described in both Pitts works. But Trager was, and is still, correct!
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Re: Ameisen: Neue wissenschaftliche Erkenntnisse

Beitragvon Merkur » Freitag 13. Juli 2018, 14:35

Es ist viel zu lesen in den Arbeiten, die Teleutotje in vorstehenden zwei Beiträgen verlinkt hat.
Wer sich über Carebara informieren will, oder über die Camponotus-Untergattung Mayria (aus einer Doktorarbeit von 2002), wird reichlich belohnt!
Auch über Solenopsis saevissima sowie die S. geminata-Gruppe kann man reichlich Informationen finden.
Danke, Teleutotje, fürs Verlinken!

MfG,
Merkur
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