Cleptotectonic, Slave-making, oder Dulosis...

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Cleptotectonic, Slave-making, oder Dulosis...

Beitragvon Merkur » Montag 21. Dezember 2020, 18:09

Es geht um „Rassistische“ Sprache in der Myrmekologie, und einen erneuten Versuch, Alternativen durchzudrücken.
Soll man etwas unternehmen? - „Sklavenhalter“ und „Sklaven“ , „slavemaker ants“ und „slaves“, wissenschaftlich auch „dulotic ants“, „slavery“, „dulosis“ usw.. Soll man daran Anstoß nehmen, soll man Ersatzbegriffe dafür einführen?
Die Anregung bzw. Forderung kam wiederholt von US-amerikanischen Myrmekologen, denn dort hat man ernsthafte Probleme mit alltäglichem Rassismus.
Nun ist das Thema wieder einmal hoch gekommen, in der Zeitschrift der Internationalen Union zum Studium der Sozialen Insekten IUSSI, die traditionell den französischen Namen „Insectes Sociaux“ trägt, und die ursprünglich, für etliche Jahre nach Gründung 1954, Artikel in vier Sprachen (D,E, F, I) veröffentlicht hat. Heute muss man auch da auf Englisch schreiben.

In der neuen Ausgabe, Heft 4 von Band 67, 2020, gibt es dazu ein Editorial:
Breed, M.D. The importance of words: revising the social insect lexicon. Insect. Soc. 67, 459–461 (2020). https://doi.org/10.1007/s00040-020-00783-4

Abstract
With the goal of creating a more open and inclusive scientific culture in the study of social insects, suggestions are made about word choice in publications on social insects. Scientists must acknowledge that the use of words with major human cultural associations can deter students and colleagues from engaging our field, and that students may feel emotionally harmed by the use of words like “slave” in scientific contexts. Specific reference in this commentary is made to the applications of slavery, caste, race, and social parasite, which have been used to describe aspects social insect biology. Cleptotecton, meaning stolen work, is suggested as a substitute term for slave, and cleptotectonic for slave-making. The use of geographic descriptors is also discussed. Better, and less culturally loaded, vocabulary is available for these concepts, and authors should reflect on the impacts of word choice on the community of social insect scientists.
Keywords: Lexicon Vocabulary Metaphor Slavery Caste Race Social parasite

In Publikationen über soziale Insekten sollen Wissenschaftler eine Reihe von altbekannten Termini ersetzten, weil deren Gebrauch Studierende und Kollegen davon abhalten könne, sich in unserem Fachgebiet zu engagieren, da sie sich durch den Gebrauch von Begriffen wie „Sklave“ im wissenschaftlichen Kontext emotional verletzt fühlen könnten.
In diesem Kommentar geht es speziell um die Verwendung von Sklavenhaltung, Kaste, Rasse und Sozialparasit, die benutzt werden für die Beschreibung bestimmter Teile der Biologie sozialer Insekten. Auch der Gebrauch geografischer Bezeichnungen wird diskutiert (so nimmt man Anstoß z. B. an „Africanized honey bees“, den „afrikanisierten Honigbienen“. Ein besseres und weniger kulturell belastetes Vokabular für solche Konzepte sei verfügbar, und Autoren sollten sich Gedanken machen über die Wirkung ihre Wortwahl auf die community der Entomologen.

Es gab bereits solche Ansätze. So hat insbesondere J. Herbers um 2007 sowie jetzt 2020 wieder versucht, alternative Termini für die sozialparasitischen Ameisen durchzudrücken:
Herbers JM (2007) Watch your language! Racially loaded metaphors in scientific research. Bioscience. https://doi.org/10.1641/B570203
Herbers JM (2020) Racist words in science. BioScience. https://doi.org/10.1093/biosci/biaa113
Seither musste man bei der Suche nach Arbeiten über Sklavenhaltung, slavery, dulosis, auch noch „piracy“ (Piraterei, Piratenameisen etc.) einbeziehen. - Das hat sich seinerzeit außer in ein paar wenigen Veröffentlichungen nicht durchgesetzt.

Man sollte bedenken, dass eine solche Umbenennung nicht nur in der englischen-sprachigen Literatur erfolgen soll. In Konsequenz müssten die Änderungen in allen anderen Sprachen erfolgen, in denen wissenschaftliche Veröffentlichungen ja auch heute noch erscheinen! Zudem würde die Änderung auch das Verstehen von wiss. Arbeiten durch Laien massiv erschweren; ich würde eine umfassende Verwirrung erwarten.
Vor allem aus diesem Grund bin ich strikt gegen die genannten Vorschläge und kann nur hoffen, dass wir davon verschont bleiben! :roll:

Am Ende sollen wir vielleicht auch noch auf Bezeichnungen wie „worker“ verzichten, weil die menschlichen Arbeiter*innen nicht gerne mit sexuell inaktiven Nur-Arbeitstieren verglichen werden möchten, oder weil die Königin als Geschlechtsorgan im Superorganismus Insektenstaat nun wirklich nichts gemein hat mit der britischen „Queen“?

MfG,
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Re: Cleptotectonic, Slave-making, oder Dulosis...

Beitragvon Reber » Mittwoch 23. Dezember 2020, 11:27

Generell ist es unbestritten, wenn man niemanden verletzen oder gar rassistisch beleidigen will, sollte man entsprechende Begriffe vermeiden. Welche Begriffe als "rassistisch" oder "diskriminierend" gelten, erklärt sich aus dem Zusammenhang, ist aber auch einem gesellschaftlichen Wandel (einer Mode) unterworfen und es spricht nichts dagegen, sich in seinem Umfeld damit auseinanderzusetzen.

Das Problem im vorliegenden Fall scheint mir, dass man am falschen Ort ansetzten will:
Denn ich denke, hier werden erstens leider Leute von Begriffen "getriggert", die für sich so gar nicht rassistisch oder diskriminierend gebraucht werden. Und dass zweitens, selbst wenn ihre Bemühungen von Erfolg gekrönt (! ;) ) und die Begriffe ersetzt würden, der reale Rassismus kein bisschen aus der Welt wäre.

Es lässt sich kaum bestreiten, dass die Termini, mit denen wir z.B: Funktionen und Verhalten bei den Ameisen benennen, geprägt sind von historischen (Fehl-)Interpretationen durch den Menschen. Obwohl Ameisen nicht heiraten, reden wir von einem "Hochzeitsflug", obwohl sie keine monarchistischen Staatsformen errichten, haben sie für uns eine "Königin", halten "Sklaven" und "melken" Blattläuse... Hier haben Menschen Analogien zu ihren eigenen (historischen) Gesellschaftsstrukturen und Tätigkeiten gesucht. Die Begriffe sind nicht treffend. Daran nimmt aber offenbar niemand wirklich Anstoss. Es werden einfach die richtigen Erklärungen nachgeschoben, so dass jeder der es wissen will auch weiss, dass eine Ameisenkönigin nicht rechtlose Untertanen regiert, sondern als reproduktiv tätige, weibliche Ameisenmutter Nachkommen hervorbringt.
Ernsthaft niemand will jemanden rassistisch beleidigen, wenn er den lateinischen Artnamen der Schwarzen Wegameise in eine Ameisenforum schreibt. Und niemand will Werbung machen für die Vorzüge einer Monarchie oder Sklavenhaltergesellschaft, wenn er über die Gründung eines Polyergus rufescens Volkes berichtet.

Rassismus und Diskriminierung kommen m. M. n. nicht aus der Sprache, sie kommen letztlich aus ungleichen gesellschaftlichen Verhältnissen. Und aus falschen Erklärungen bzw. Vorurteile von - Rassisten.
Das Problem ist, dass Rassismus und Diskriminierung nicht aus der Welt sind, wenn man gewisse Begriffe nicht mehr gebraucht. Es nützt nichts, bestimmte Worte zu ersetzen. Dann werden einfach nach einiger Zeit anderen Worte als diskriminierend wahrgenommen/verwendet.

Die Zeiten der Alleinherrschaft der Könige oder von staatlichen Rassengesetzen sind glücklicherweise (fast weltweit) Geschichte. Das sind sie aber nicht, weil man andere Wörter gebraucht hat. Sondern, weil man reale gesellschaftliche Strukturen veränder hat.
Und da wäre, wenn man mich fragt, auch in der heutigen Welt eher der Hebel anzusetzen. Es gäbe bestimmt manche Gelegnegnheit, die Welt real ein bisschen besser zu gestalten, als Begriffe zu tauschen, während man über Ameisen redet...
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Re: Cleptotectonic, Slave-making, oder Dulosis...

Beitragvon Trailandstreet » Mittwoch 23. Dezember 2020, 14:01

Wenn man diese Diskussionen eine Zeit lang verfolgt und auch dementsprechende Expertenmeinungen dazu hört oder liest, sieht man auch, dass sich durch die Sprache alleine nichts ändert. Es müssen sich schon gesellschaftliche Strukturen ändern, damit dies eine Wirkung hat.
Änalog geht es auch mit dem Genderwahn, der ausser einer Verunstaltung der Sprache. (da müsste im Spektrum ein Artikel gestanden sein)
So lange aber kein Umdenken in den Köpfen stattfindet, ändert dies alleine auch nichts.
Im übrigen leben heute weit mehr Menschen in Sklaverei (-ähnlichen Verhältnissen) als zu der Zeit, als Sklaverei noch legitim möglich war! So viel dazu, was nun daran besser werden soll.
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