Formica cunicularia und Erzwespe [Eucharis adscendens]

Re: Formica cunicularia und Erzwespe [Eucharis adscendens]

Beitragvon Phillip Alexander » Freitag 13. Juli 2018, 16:46

Hallo MBM,

ich bin absolut begeistert von deinen Beobachtungen und sorgfältig durchgeführten Experimenten und habe mir einmal erlaubt, im eusozial auf deinen Beitrag zu verlinken.

Als nächster Schritt wären Beobachtungen an einer intakten Formica cunicularia Kolonie mit Nesteinsicht wahnsinnig spannend. Irgendwie kriege ich es nicht zusammen, was der Sinn hinter der Giftwirkung sein könnte, wenn die „befallene“ Ameise eigentlich nur als Transportmittel dient. Vielleicht gibt es ja doch noch Neues zu entdecken über die Biologie dieser Art?

Ich würde mich sehr freuen, wenn du deine Experimente weiterführst und ausweitest.

LG, Phillip
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Phillip Alexander
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Re: Formica cunicularia und Erzwespe [Eucharis adscendens]

Beitragvon Merkur » Freitag 13. Juli 2018, 20:54

Hallo Phillip Alexander,

Im Gegenzug will ich mal hier den Bericht von Phil verlinken: http://forum.eusozial.de/index.php?thre ... stID=39956
Ich hatte ihn irgendwie überlesen. Aber da steht ja schon auch Einiges an Literatur drin.
Mich bringt das auf die Idee, dass MBM doch versuchen könnte, ein paar von den Euchar.-Lärvchen auf Puppenkokons der Serviformica zu setzen!
Wenn die sich da einbohren und den Inhalt (Puppe) fressen, könnten bei schneller Entwicklung Imagines entstehen. (Wenn die nicht im Jahreszeiten-Klima als Puppen überwintern?). - Es juckt mich in den Fingern!!! :D

MfG,
Merkur
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Re: Formica cunicularia und Erzwespe [Eucharis adscendens]

Beitragvon MBM » Samstag 14. Juli 2018, 20:58

Hier nun Ergebnisse mit Formica (Serviformica) fusca.

Die Methode ist im Beitrag vom 9. Juli beschrieben.

Versuch am 4. Juli mit 2 Ameisenlarven. 1 Puppe, 2 Arbeiterinnen:
Eine Ameise ist nach 25 Minuten zusammengekrümmt gelähmt, die andere läuft noch am nächsten Morgen langsam und unsicher. Anhaftende Planidien fand ich an einer mittleren Hüfte und auf der Abdomen-Oberseite, an der Puppe gar keine.

IMG_9856 Ameisenportal.JPG
Planidium-Larve an Hüfte von Formica fusca

IMG_0092 Ameisenportal.JPG
Planidium-Larve auf dem Abdomen von Formica fusca


Die beiden Ameisenlarven waren jedoch schnell mit reichlich Erzwespen-Larven besetzt, wohl von der Glaswand des Probenröhrchens übernommen. Sie wehrten sich einige Minuten lang sehr heftig mit schnell aufeinander folgenden Krümm- und Streckbewegungen. Die Fotos zeigen den darauf folgenden gelähmten Zustand.

IMG_9965 Ameisenportal.JPG
Planidien (zu viele!) auf Larven von Formica fusca

IMG_9978 Ameisenportal.JPG
stärker vergrößert


4 Tage danach waren die Planidien immer noch flach auf der Oberfläche der Ameisenlarven, noch nicht in die Larve eingedrungen. Wahrscheinlich wegen fehlender Brutpflege oder mangelhaftem Klima in der Petrischale auf Papier war eine Ameisenlarve zusammengeschrumpft.

IMG_0266 Ameisenportal.JPG
4 Tage danach

IMG_0271.JPG
stärker vergrößert


Am 11. Juli waren beide Ameisenlarven verschimmelt, auch die meisten Planidien zusammengetrocknet tot. Einige jedoch hatten sich, immer noch lebend, auf den äußeren Hyphen des Schimmelpilzbelages wieder in Lauerstellung aufgerichtet. Aber kein neuer Transporteur in Sicht!

IMG_0288 Ameisenportal.JPG
trauriger Anblick der Ameisenlarven am 11. Juli, einige Erzwespen-Larven aber in erneuter "aufgerichteter Lauerhaltung"


Deshalb hatte ich am 10. Juli noch ein Experiment gestartet, abermals mit F. fusca. Nun jedoch mit "Pflegekräften" für die Brut in einem kleinen neuen Formikarium. Spannend!
Aber Leider geht der Vorrat an lebenden übertragbaren Planidium-Larven nun sehr schnell zu Ende.

Beste Grüße
MBM
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Re: Formica cunicularia und Erzwespe [Eucharis adscendens]

Beitragvon Merkur » Sonntag 15. Juli 2018, 09:15

Wenn ich das richtig in Erinnerung habe, sollen Eucharitiden-Larven doch innerhalb des Puppenkokons die Puppen "fressen", also nicht in diese eindringen?

Evtl. würden sie die Puppen nur lähmen (zumindest während des Übergangs von der Vorpuppe, nach dem Spinnen des Kokons, bewegen sich die ganz jungen Puppen recht heftig, während sie sich aus der Larvencuticula herausarbeiten, sich häuten. Bei Nacktpuppen von Myrmicinen ist das direkt zu beobachten). Auch später sind Puppen zu geringen Bewegungen, Krümmungen etc., in der Lage. Es dürfte nicht im Interesse der Euch.-Larven sein, die Puppe zu töten, die daraufhin verschimmeln könnte. - Doch ist eventuell das Innere eines Puppenkokons steril, dank cuticularer Ausscheidungen der Puppe? - Adulte Ameisen "sterilisieren" ja ebenfalls ihre Körperoberfläche, teilweise mittels Sekreten der Metathorakaldrüsen, teils wohl auch aus einzelligen "Hautdrüsen".

Das sind nur ein paar Denkansätze, aufgrund von verstreuten Informationen, die ich so "im Kopf" gespeichert habe und hier kombiniere.
Wichtig wäre es also, Kokonpuppen mit den Eucharis-Larven zu infizieren!
Am Anfang einer experimentellen Analyse stehen immer mehrere Hypothesen, die man möglichst überprüfen und zumeist widerlegen muss.
Dass infizierte Formica-Larven sterben und vergammeln, ist ein Argument gegen die Hypothese, dass die Eucharis-Planidien in sie eindringen um sie von innen zu fressen.
Spannend, sehr spannend!!!
MfG und schönen Sontag!
Merkur
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Re: Formica cunicularia und Erzwespe [Eucharis adscendens]

Beitragvon MBM » Sonntag 15. Juli 2018, 21:21

Bei der Internetsuche habe ich Hilfreiches zu diesen Vermutungen gefunden, sogar mit Fotos und Zeichnungen der Entwicklung von Larven der Eucharitidae an und in Ameisenbrut.
Demnach können Planidium-Larven der Eucharitidae größere Ameisenlarven zunächst als Ektoparasit besetzen. Bildet die Ameisenlarve später einen Kokon, wäre der sich entwickelnde Parasitoid schon mit enthalten!

Oder ist am Ende vielleicht die zu sehende Kokonhülle vom letzten Larvenstadium der Erzwespe selbst hergestellt und gar nicht die der Ameise?

Versuche, Ameisen-Kokons zu "infizieren" kämen aber zu spät.

Es lohnt sich, den Text und die Bilder anzuschauen.
Quelle:
"The life history of Pseudometagea schwarzii, with a discussion of the evolution of endoparasitism and koinobiosis in Eucharitidae and Perilampidae (Chalcidoidea)"

Beste Grüße
MBM
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