Bemerkenswerte Morphologie einer Wespe

Bemerkenswerte Morphologie einer Wespe

Beitragvon Boro » Mittwoch 13. Juni 2018, 18:46

Von einem Kollegen im Naturwiss. Verein habe ich einen Beleg bekommen, dessen Bestimmung mich überfordert. Um eine Ameise handelt es definitiv nicht. Nachdem aber Ameisen und Wespen in der Entwicklungsgeschichte gemeinsame Wurzeln haben sollen, interessieren mich mögliche morphologische Überlappungen zw. Wespen u. Ameisen. Der Beleg ist etwa 5 mm lang, flügellos und mit einem Legestachel ausgestattet; das letzte Merkmal deutet auf eine parasitische Lebensweise hin. Die Existenz ohne Flügel lässt möglicherweise intranidale oder am Boden stattfindende Begattung vermuten. Auch Parthenogese ist nicht ganz auszuschließen, sie soll bei einigen solitären Wespen vorkommen. Mit solitären, parasitischen Wespen habe ich mich schon hier beschäftigt: viewtopic.php?f=46&t=1770
Nun zu den morphologischen Besonderheiten:
1. Die Antennen bestehen aus 20 oder 21 Geißelgliedern, das erste Geißelglied erscheint im kurzen Scapus integriert, jedenfalls ohne Gelenk zw. Geißel und Scapus, sodass eine "Knickfunktion" nicht gegeben erscheint. Inwieweit man das erste Geißelglied, das aus dem Scapus hervorsteht, als solches zählt oder zum Scapus rechnet, ergibt sich die Zahl der Geißelglieder.
2. Am interessantesten finde ich die Gestaltung des "Petiolus", also einem Stielchenglied zwischen dem Propodeum und dem Abdomen. Ob man dieses Teil wirklich als "Petiolus" bezeichnen kann, ist mir nicht ganz klar. Es entspringt unter dem hinteren Ende des Propodeums mit einem Gelenk (soweit: Petiolus), verläuft dann frei mit einer konvexen Wölbung deutlich breiter werdend Richtung Abdomen und ist mit etwa 50% der Gesamtlänge am 1. Tergit angewachsen; das würde meiner Meinung nach gegen die Definition "Petiolus" sprechen, da dieser als Stielchenglied beide Teile des Körpers mit je einem Gelenk verbinden sollte. Bemerkenswert finde ich die Tatsache, dass dem 1. Tergit praktisch die Cuticula fehlt und durch eine membranöse Schicht bzw. "Intersegmentalhaut" ersetzt wird.
Die geschilderten Merkmale lassen eine Brackwespe (Braconidae) vermuten. Ich kenne derzeit die genauen Fundumstände nicht, nach denen muss ich mich erst erkundigen.
Leider sind die Fotos nicht besonders, wenn der Sohn da ist, werden wir vielleicht bessere Bilder machen.
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Dateianhänge
DSC01978.JPG
Blich von schräg hinten
DSC01983.JPG
Pfeil v. oben: "Petiolus", Pfeil v. unten auf die Membran des 1. Tergits. Unter dem "Petiolus" ist ein kleines "Fenster" sichtbar, als Teil des Zwischenraumes zur Gaster
DSC01984.JPG
frontale Blickrichtung: Man erkennt gut den zuerst schmal beginnenden und nach oben/hinten breiter werdenden "Petiolus"
DSC01985.JPG
hier aus einem anderen Blickwinkel
Boro
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Re: Bemerkenswerte Morphologie einer Wespe

Beitragvon Phillip Alexander » Freitag 15. Juni 2018, 18:56

Hallo Boro,

Ich würde vermuten, dass es sich um eine Art der Gattung Gelis (Cryptinae) handelt. Sehr spannender Fund, bin gespannt was dabei noch herauskommt.

LG, Phillip
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Phillip Alexander
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Re: Bemerkenswerte Morphologie einer Wespe

Beitragvon Phillip Alexander » Samstag 16. Juni 2018, 14:58

Vergleiche zum Beispiel Gelis spurius (nur der Gattungszugehörigkeit wegen): http://v3.boldsystems.org/index.php/Tax ... xid=407618

Eine Artbestimmung ist sicher nicht einfach.

LG, Phillip
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Phillip Alexander
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