Wieder einmal: Sehen Ameisen rotes Licht?

Hier können Fragen rund um das Thema Ameisenhaltung gestellt werden.

Wieder einmal: Sehen Ameisen rotes Licht?

Beitragvon Merkur » Sonntag 5. August 2018, 21:12

Anlass ist ein Beitrag im AF vom 3. Aug. 2018, in dem kategorisch steht:
„Die Behauptung Ameisen könnten kein rotes Licht sehen kommt aus der Bienenhaltung und ist kompletter Unfug. Ameisen sind keine Bienen und neue Studien haben nachgewiesen, dass Ameisen nur unter sehr schattigen Verhältnissen Probleme mit dem erkennen roter Farbtöne haben.“ Quelle
Eine Frage von Erne im AF nach den angeblichen „neuen Studien“ wurde nicht beantwortet.

In dem Beitrag sind mehrere Angaben kritikwürdig:


Das Wissen um die Rotblindheit der Bienen kommt nicht aus der Bienenhaltung (die Imkerei gibt es seit über 4.000 Jahren!), sondern aus vielfältigen physiologischen Untersuchungen. Nobelpreisträger Karl v. Frisch, der berühmte Zoologe Martin Lindauer, der Sinnes- und Neurophysiologe Randolf Menzel waren nun mal nicht einfach „Bienenhalter“. Ihre Befunde als „kompletten Unfug“ abzutun, spricht von bedauerlichem Unwissen.
Über die Farbwahrnehmung von Ameisen (von denen bisher nur wenige Arten untersucht wurden) haben u. a. Randolf Menzel (Berlin) und Rüdiger Wehner aus Zürich und ihre Mitarbeiter geforscht, beide hoch angesehene Sinnes- und Neurophysiologen. Auch deren Erkenntnisse kann wohl nur eine naturwissenschaftlich gänzlich ungebildete anonymer Userin für „kompletten Unfug“ erklären. - Für eine Cataglyphis-Art kann man lesen:
„Es wurden also vier Rezeptoren postuliert, bei 345 nm (UV), 430 (Violett), 505 (Grün) und 570 nm (Gelb)." - Kein Rot!

Sowohl früher im AF als auch noch im letzten Jahr wurde darüber in den Foren diskutiert, z. B. hier.
Welche „neuen Studien“ die anonyme Userin zu Rate gezogen hat, verschweigt sie. Doch das gerade wäre das Interessanteste! (Falls es etwas Neues dazu gibt). - Ich lerne immer gerne dazu, aber nicht aus derart kernigen Behauptungen, wonach das vorher Bekannte „kompletter Unfug“ sei. :mad:

In jedem Fall ist die Behauptung, so wie sie steht, irreführend, bildungsfern und unhaltbar. Damit sollte ein Ameisenforum wirklich nicht verunziert werden. Das AF ist schließlich das am meisten von Anfängern frequentierte Ameisenforum, die bekanntlich gerne das „Wissen“, das man ihnen dort so "überzeugend" beibringt, dann wieder bei fb oder anderen sozialen Medien weitergeben, etwa so: “ich habe aber im Netz gelesen, dass….“!
Nicht zuletzt stört es mich, dass Forenbetreiber, Admins und Mods so etwas einfach stehen lassen. Ich halte das für unverantwortlich!
Anfänger und biologisch /myrmekologisch Unerfahrene sollten anonym servierte "Weisheiten" aus den Foren grundsätzlich hinterfragen und nie für bare Münze nehmen!
Mit solchen falschen Angeben wird es bestimmt nicht besser mit unserem „naturwissenschaftlichen Bildungsprekariat“ (Jörg Kachelmann dieser Tage in den Medien)!

Um einen für die Ameisenhalter nützlichen Abschluss zu liefern:
„Rote Folien auf (vor) Ameisennestern sind ein Kompromiss: Für die Ameisen ist es dunkler als ohne die Folien, für den Betrachter lässt sich wenigstens etwas erkennen, und bei Wegnahme der Folie reagieren die Ameisen weniger stark als bei plötzlichem Lichteinfall nach völliger Dunkelheit, etwa nach Verdunkelung mit schwarzem Papier, Pappe, Alufolie etc..“
So habe ich das seit Beginn der Ameisenforen und der kommerzialisierten Ameisenhaltung propagiert, und in über 40 Jahren Ameisenhaltung zu Forschungszwecken gehandhabt. Ob die Ameisen rotes Licht sehen, und welche Wellenlängen davon, ist für die Praxis weniger relevant. Seit 2006 ist die Information u. a.hier zu finden.

MfG,
Merkur (den alle längerfristig aktiven Ameisenhalter ohnehin als Prof. Dr. A. Buschinger kennen) :)
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Re: Wieder einmal: Sehen Ameisen rotes Licht?

Beitragvon Phillip Alexander » Montag 6. August 2018, 08:46

Auch wenn es das Thema dieses Threads im Kern nicht trifft: Das Buch "Die Intelligenz der Honigbienen" von Randolf Menzel, auf das ich vor geraumer Zeit durch Frank Mattheis aufmerksam gemacht wurde, ist absolut lesenswert! Es dreht sich im Wesentlichen um die neurophysiologischen Experimente, die Randolf Menzel und seine Forschungsgruppen an Bienen durchgeführt haben, vor Allem um ihr Farbsehen zu ergründen und zeigt auf, wie viel mühselige Arbeit und auch Glück zu derartiger bzw. jeder wissenschaftlichen Forschung dazu gehört. Physiologische Grundkenntnisse sind sinnvoll, aber auch ohne ist das Buch sehr unterhaltsam geschrieben und gibt spannende Einblicke in so ein Bienenleben.

Was die Folien angeht, ist es wohl wirklich vor Allem der weniger starke Wechsel zwischen hell und dunkel beim Entfernen der Folie, der zu geringeren Reaktionen der Ameisen führt. Nach meiner bisherigen Erfahrung gewöhnen sich viele Arten sogar an gar nicht abgedunkelte Nester sehr gut, solange es keinen direkten Lichteinfall gibt, auch wenn das nicht den natürlichen Umgebungsbedingungen eines Ameisennestes entspricht.

LG, Phillip
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Phillip Alexander
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