Queen ist queen ist Königin. Oder doch nicht?

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Queen ist queen ist Königin. Oder doch nicht?

Beitragvon Merkur » Dienstag 4. Mai 2021, 11:31

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Da muss an doch zugreifen!
Oder ist doch eher Vorsicht geboten? :?:

Jedenfalls sind solche Angebote nicht angreifbar, denn es gibt genügend Wissenschaftler, die auf der morphologischen Definition für Königin bzw. queen bestehen.
Ein Anbieter kann sich darauf berufen: Du bekommst, was Du bestellt hast, eine Königin! :roll:

Was ist das Problem dabei?
Die„morphologische Definition“ besagt nichts darüber, ob die „Queen“ begattet ist; nicht mal entflügelt muss sie sein, sie muss nur den üblichen Königinnen-Thorax aufweisen.
Dem gegenüber steht die „funktionelle Definition“: https://ameisenwiki.de/index.php/Ameisenk%C3%B6nigin

Der Begriff Königin wird von verschiedenen Wissenschaftlern in zwei Bedeutungen genutzt:
A- für ein Vollweibchen (Gynomorphe) unabhängig von Funktion, Alter oder Tätigkeit. So ist ein unbegattetes, "arbeitendes" Vollweibchen ebenso eine Königin wie ein begattetes, legendes Vollweibchen oder ein Vollweibchen vor und auf dem Weg zum Schwarmflug. Dieser Gebrauch kann zu erheblichen Verwirrungen führen oder bei speziellen Arten gar vollkommen versagen, die "königinnenlos" oder gar nicht eusozial wären, weil Gynomorphe fehlen und deren Funktion von einer Arbeiterin gleichenden Tieren übernommen wird. In den Foren ist diese Verwendung im Allgemeinen jedoch ausreichend.
B- nur für die Funktion einer begatteten, reproduktiv tätigen weiblichen Ameise. Der Begriff Königin bezeichnet somit lediglich die Funktion einer Ameise innerhalb des Ameisenstaates und kann universell und unmissverständlich für jede Art und Morphe eingesetzt werden.
Die exakte Bezeichnung eines Tieres ergibt sich erst aus einem die Morphe beschreibenden Zusatz wie "ergatomorphe Königin" oder "gynomorphe Königin".

https://www.antwiki.org/wiki/images/2/2 ... r%2788.pdf Peeters, C. & Crozier, R.H. 1988: CASTE AND REPRODUCTION IN ANTS: NOT ALL MATED EGG-LAYERS ARE "QUEENS“. Psyche 95, 283-288:
„Buschinger 's proposed nomenclature. Buschinger (1987 and earlier publications) also recognized that there is a need for a combination of structural and functional terms to describe the members of non-orthodox ant societies. Buschinger has suggested that "queen" and "worker" take on a strictly func- tional meaning (reproductive or not), and that new terms be adopted to describe morphology in all Hymenoptera. For example, mated egg-laying workers ("gamergates") would be called "ergatomorphic queens", and infertile queens would be "gynomorphic workers". It is crucial to note that Buschinger (pers. comm.) understands these new terms to refer to external morphology only; this stems from the very precise meaning of the German word "Morphologie". Since characters such as ovariole number or presence of spermatheca are excluded, there is not always a precise correspondence between Buschinger's new terms and the phenotypes of adult females. A case in point might be a species with ergatoid queens where queen-worker dimorphism is most obvious with respect to internal differences such as reproductive organs. Buschinger's nomenclature has a clear taxonomic aim: visual appearance and role are combined in order to identify colony members. In contrast, we advocate that the terms "queen" and "worker" be used consistently in a structural sense across all highly-eusocial species ...“
Ich bin im Zusammenhang mit unseren Zuchtversuchen der einheimischen Sklavenhalter-Ameise Harpagoxenus sublaevis darauf gestoßen, dass die begatteten, reproduktiven Tiere „normal“ ge- bzw. entflügelt sein können, oder auch m.o.w. der Arbeiterin gleich sehen können. Funktionell sind beide „königlich“, gestaltlich sind sie deutlich verschieden, was wir als „queen polymorphism“ bezeichneten. Winter, U., Buschinger, A. 1986: Genetically mediated queen polymorphism and caste determination in the slave-making ant, Harpagoxenus sublaevis (Hymenoptera: Formicidae). Entomol. Gener. 11, 125-137. S.a. https://www.antwiki.org/wiki/Caste_Terminology.

Prompt wurden wir kritisiert. Ein Kollege, Chr. Peeters, hat besonders intensiv darauf bestanden, dass „Queen“ eben durch ihre Gestalt charakterisiert ist.
Die Diskrepanz hatte dazu geführt, dass ich mir eigens eine DFG-Finanzierung für einen Forschungsaufenthalt in Australien beschafft habe (Nov.-Dez. 1987; Peeters war damals bei Ross Crozier in Sydney), um das Thema ausgiebig zu diskutieren und mir einige der von Peeters dort bearbeiteten Ameisenarten anzusehen.
Leider hat sich keine der beiden Richtungen allgemein durchgesetzt. Nach wie vor gibt es Wissenschaftler, die der einen oder der anderen Definition von „queen“ (Königin) anhängen, und so könnte sich ein Anbieter jederzeit herausreden und auf zahlreiche Publikationen verweisen, wonach er halt „Königinnen“ geliefert habe.
Klar, dass für Halter eine unbegattete „Königin“ wertlos ist, dass sie gut beraten sind, wenn sie darauf bestehen, dass ihnen ein begattetes und voll reproduktionsfähiges Exemplar zugesichert wird.

MfG,
Merkur
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