Re: 1-tägiges Waldameisen-Seminar im Kanton Bern

Re: 1-tägiges Waldameisen-Seminar im Kanton Bern

Beitragvon Reber » Montag 22. September 2014, 23:03

Auf Wunsch in den öffentlichen Bereich verschoben (Reber):

Mit einiger Verzögerung komme ich nun doch noch dazu, über das Seminar zu berichten. Ich hoffe, den Inhalt trotz der vergangenen Zeit und meiner stichwortartigen und lückenhaften Notizen richtig wiederzugeben.

Im „Bildungzentrum Wald Lyss“, das früher „Interkantonale Försterschule“ hiess, konnte David Ricci (vom BZW Lyss) 35 Leute mit unterschiedlichem Hintergrund begrüssen: Rund die Hälfte der Teilnehmenden waren Profis aus der Forstwirtschaft, es gab aber auch Waldbesitzende, Naturschützer und sogar eine Person, die noch nicht so recht wusste, was sie von einer Waldameisen-Kolonie halten sollte, die sich an ihrem Chalet eingerichtet hat.

Das Waldameisenseminar, welches vom erst im Oktober 2012 gegründeten Verband Schweizer Waldameisenschutz (SWS) organiert wurde, hatte dann auch hauptsächlich zum Ziel, das Forstpersonal für den Waldameisenschutz zu sensibilisieren. Daneben ging es auch darum, freiwillige Helfer für den Ameisenschutz zu gewinnen und künftig auszubilden. Denn der Waldameisenschutz steckt in der Schweiz noch in den Kinderschuhen - wenn man etwa mit Deutschland vergleicht.

Einzig in den beiden Basler Halbkantonen gibt es ein gemeinsames Projekt vom basellandschaftlichen Natur und Voglschutzverband und dem Waldwirtschaftsverband beider Basel, wo sogenannte Ameisengotten und -göttis (Helvetismus für Paten) ausgeblidet werden: Ameisenzeit. Hervoheben kann man auch die Stadt Zug, die eine Sensibilisierungsprojekt für Waldameisen ins Leben gerufen hat: Eine in diesem Rahmen entstandene Broschüre über Waldameisen wurde mit den Kursunterlagen abgegeben.

Durch den ersten Theorieteil führte Prof. Dr. Daniel Cherix von der Uni Lausanne. Cherix versteht es, (die nicht nur für Laien) komplizierten Basics verständlich und unterhaltsam ans Publikum zu bringen: Er klärte die Anwesenden zuerst darüber auf, dass es in der Schweiz hauptsächlich 6 Arten der echten Waldameisen gibt: Die bekannte Rote Waldameise: Formica rufa, die häufige Formica polycena, die Wiesen-Waldameise Formica pratensis und die „Gebirgsameisen“ Formica lugubris, Formica paralugubris und Formica aquilona.

Auch Formica truncorum kommt in der Schweiz vor, sie ist allerding sehr selten und nur von 5 Standorten bekannt.

Jüngst wurde im Jahr 2011 im Val Mingèr (im Schweizer Nationalpark) eine neue Waldameisenart nachgewiesen, die vorläufig Formica helvetica genannt wird. Offenbar ist aber noch einiges an Forschung nötig, um sie morphologisch abgrenzen zu können.

Die schwarzköpfige Formica uralensis gilt in der Schweiz übrigens seit 1950 als verschollen. Dabei wurde sie hier erst 1938 in einem Hochmoor bei Einsiedeln entdeckt. „Falls sie also Waldameisen mit ganz schwarzem Kopf entdecken, rufen sie mich an“ meinte der Professor augenzwinkernd.

Weiter gings mit Grundlagewissen über die bevorzugten Habitate, den Nestbau, den Kolonieentyp sowie die Fortpflanzung und die sozialparasitische Gründung.

Man erfuhr etwa, dass sich z.B. F. lugubris eher am Waldrand durchsetzet, während die erst 1996 entdeckte F. paralugubris auch im innern des Waldes gut zurecht kommt und dass letztere nicht nur im Jura eine Superkolonie unterhält, sondern auch auf dem Berner Hausberg „Gurten“, sowie dass beide Arten häufig erst ab einer Höhe von 800 m über Meer vorkommen.

Beim Nestbau weisen die Ameisen nicht nur artspezifische Unterschiede auf, sondern auch Regionale: Im Jura, wo der Bodengrund weniger tief ist, werden höhere und spitzere Nester gebaut, an Standorten mit viel Humus bleiben die Nester flacher, dafür gibt es deutlich mehr Erdauswürf um die Hügel herum. Einen ähnlichen Einfluss hat die Sonneneinstrahlung: An schattigen Orten, gibt es höhere Nester.

Waldameisen konstruieren ihre Nester aus Tannen- und Fichtennadeln, Pflanzenmaterial, kleinen Ästchen, Harz u.ä. mit einem 5 cm starken „Dach“ bzw. Mantel so, dass es im Inneren nicht nass werden kann. Die untere Aussenseite des Nestes lassen die Ameisen „verttorfen“, was für zusätzliche Stabilität des Nestes sorgt: So dass die Nester problemlos eine dicke Schneedecke und ab und zu auch einen Wissenschaftler tragen können (vorsicht, das ist verboten).

Warum aber treiben die Waldameisen einen solchen Aufwand für den Nestbau? Ganz einfach darum, weil sie dafür „entschädigt“ werden: Die meist südöstlich ausgerichteten Streukuppeln werden durch die Sonne aufgewärmt und die Ameisen können so für die ideale Temperatur sorgen, in dem sie innerhalb des Nestes in die best gelegenen Kammern wechseln, sowie die „Lüftungslöcher“ entsprechend bedienen (öffnen). Selbst der Stoffwechsel der Ameisen (durch Honigtau von Blattläusen) trägt zum Heizen bei, so dass die Temperatur im Ameisenhügel bis in den Herbst hinein 25 bis 27 °C beträgt.
Das Resultat ist eine kurze Entwicklungszeit für die Brut. Im Winter schützt die Kuppel vor Frost. Die altgedienten Aussendienstmitarbeiterinnen bleiben über den Winter in der Kuppel, während sich die anderen Ameisen in die Tiefe zurückziehen. Sobald die ersten Sonnenstrahlen im Frühlig das Nest erwärmen, verlassen die „frostharten“ „alten“Ameise das Nest, um Wärme aufzutanken, die sie später mit ihrem Körper ins Nest zu tragen.

Viele Anwesende hörten wohl zum ersten mal, dass es bei Formica s. str. sowohl monogyne als auch polygyne Kolonien gibt. Zur (nicht ganz sicheren) Unterscheidung gab es einen Nützlichen Tipp: Sind bei grösseren Völkern alle Arbeiterinnen gleich gross, handelt es sich vermutlich um eine Kolonie mit nur einer Königin, wenn sie ganz unterschiedliche Grössen aufeisen, hat man vermutlich um eine polygyne Kolonie vor sich.

Cherix verwies auch auf Besonderheit bei der Fortpflanzung der Ameisen: Aus unbefruchteten Eiern entshehen Männchen, die zu 100% das Erbmaterial der Königin tragen, die Töchter tragen natürlich nur 50%. Sollten sich also Söhne und Töchter Paaren, gibt die Gyne 75% ihres Gene weiter...

Beschrieben wurde auch das Schwarmflug-Verhalten: Einige Waldameisen fliegen zu externen Paarungsplätzen auf Wiesen ausserhalb des Waldes - was insofern Sinn macht, als dass dort nicht gleich (feindlichen) Waldameisen lauern. Die Weibchen bei F. lugubris können dazu einen Lockstoff ausscheiden, den die in Gruppen fliedenden Männchen über mehrere 100 m riechen.

Dass die Waldameisen bei einer Neugründung auf Serviformica (noch mehr verschiedene Arten!) angewiesen sind, dürften die Sache für die meisten anwesenden zwar nicht weniger spannend aber auch nicht überschaubarer gemacht haben. Vorallem weil z.B. die Kopulation bei F. paralugubris im Nest stattfinden kann und Adoption und Zweignestbildung weitere Variante sind, den Kreislauf aufrecht zu erhalten.

Es folgten einige Erklärungen zur Orientierung und zur „Bewaffnung“ der Waldameisen. Interessanterweise spielt bei den Tieren die optische Orientierung eine nicht unwesentliche Rolle und die Ameisen bemerken offenbar Veränderungen in der Landschaft auch wenn sie z.B. über den Winter geschehen. In Sachen Nahrung sind Waldameisen ganz opportunistisch sind und einfach die geeigneten Insekten(-Larven) auf den Speiseplan setzen, die in ihrem Revier am häufigsten vorkommen.

Man bekam auch einen Einblick in die Arbeit der Myrmekologen und ihrer fleissigen Studentenschaft: Um herauszufinden was Waldameisen so eintragen, müssen die ganzen Hügel umzäunt und kontrollierte Strassen zu Sammelbehältern eingerichtet werden. Auszählen ist dann Handarbeit.
Den Wissenschaftlern und ihren Helfer wird die Arbeit auch künftig nicht ausgehen:
Die Forscher sind daran, in einer langfristigen Studie zu untersuchen, was den Rückgang der Waldameisen im Schweizer Mittelland verursacht. Die Suche nach den Gründen wird dadurch erschwert, dass man wenig Kentnisse über die natürliche Entwicklungen in/um Ameisenhaufen und die Umgebungseinflüsse hat. Cherix nennt als Beispiel eine Ameisenkolonie die Jahr für Jahr nur weibliche Geschlechtstiere produziert hatte. Auf einmal produzierte die Kolonie nur noch Männchen. Warum kann man nicht sagen. Aufgefallen war dem Team einzig, dass ein Baum in unmittelbarer Nähe des Haufens umgefallen war.

Ein gross angelegtes Monitoring abhelfen und massig Daten liefern. Die Waldameisen sollen sowohl im Mittelland wie auch im Jura und im Alpenraum systematisch mit GPS-Koordinaten erfasst und fotorafiert werden. Zudem wird die Umgebung der Nester (25m Radius) genau aufgezeichnet. Natürlich müssen auch noch die Arten bestimmt werden.

In einem weiteren Theorieblock (und am Nachmittag im Wald) machte der Revierförster Marcel Thalmann vom Kantonalen Forstdienst klar, was für unterschiedliche, manchmal widersprüche Interessen zwischen Gesetz, Ameisenschützern, Naturschützern, Waldeigentümer und rentablem Forstwirtschaftsbetrieb auftreten können: Ameisen legen ihre z.B. Haufen liebend gerne in von Förstern angelegten „Rückgassen“ für den Holztransport an. Spechte, Dachse und Wildschweine zerstören oder schädigen Ameisenhaufen - gehören aber auch zur Natur. Waldameisen sind gesetzlich geschützt, es ist verboten ihre Nester zu zerstören und oft gibt/gäbe es andere Lösungen - aber die haben ihren Preis u.s.w.

Sensibilisierte Forstleute haben aber Spielraum, können Vorkehrungen treffen, etwa Nester markieren, ausweichen, Lichtungsmassnahmen treffen etc.

Am Ende wird sich wohl nur eine Zusammenarbeit zwischen Ameisenfreunden und Forstleuten durchsetzen können, die auf gegenseitigem Verständnis und einer klaren Rollenteilung beruht.

Maren Kern (Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften ) und David Ricci referierten anschliesssend zu Schutz und Hege und den rechtlichen Grundlagen:

Laut Gesetz ist auch das (gutgemeinte) Umsiedeln von Waldameisen verboten. Die Naturschutzinspektorate der zuständigen Kantone können allerdings Ausnahmebewilligungen erteilen. Obwohl das Verfahren dazu in der Schweiz nicht vorgeschrieben ist, macht es nur Sinn, wenn Profis und Freiwillige entsprechend ausgebildet werden. Und genau das soll mittels 2. Kursen, welche künftig angeboten werden sollen, erreicht werden. Inhaltlich solle an den Kursen vermittelt werden, welche Pflegemassnahmen sinnvoll und angebracht sind, was für Habitatsansprüche die Ameisen stellen, wie man sie Bestimmen (lassen) kann und wie Rettungsumsiedlungen schlussendlich durchgeführt werden können.

Umsiedlungsmassnahmen scheinen in den meisten Fällen sehr schwer umsetzbar, vorallem bei monogynen Völkern. Bei polygynen können sie allenfalls erfolreich sein, wenn sie zum richtigen Zeitpunkt erfolgen und eine guter Standort gefunden werden kann.

Maren Kern ging auch noch auf den Zusammenhang zwischen Zecken(bekämpfung) und Waldameisen ein. Unbestritten ist, dass Waldameisen gewisse „Schadinsekten“ dezimieren, zur Verbreitung von Pflanzensamen beitragen und bei der Belüftung des Bodens gute Dienste tun. Gegen Zecken scheinen sie allerdings wenig auszurichten. In Laborversuche haben sie jedenfalls wenig Interesse an zur Fütterung angebotenen Zecken in verschiedenen Stadien gezeigt. Da das Thema aber Interessiert, werden Feldstudien wohl eindeutige Ergebnisse liefern (müssen).

Für den Praktischen Teil am Nachmittag ging es mit einem Kleinbus-Konvoi in ein ungeheuer dicht besiedelte Waldameisenrevier bei Kallnach (im Challnechwald).

An sechs verschiedenen Posten konnte das erworbene Wissen veranschaulicht werden:
Etwa der Gewichtsunterschid von Ameisen die gerade von der Trophobiose zurück kehrten und solchen, die am ausfouragieren waren. Mittels Ameisenstrassen die „künstlich“ über ein Brett zu einem Futterplatz geführt wurden, wurde gezeigt, wie die Tierchen einen Moment lang „blind“ der Duftspur folgen. Es wurden Temperaturen im Nestinnern gemessen, „feine“ Massnahmen zum Ameisenschutz diskutiert, Erfahrungen ausgetaucht...

Und betreffend Waldameisen: Es war Gewaltig - obwohl es kein besonders schöner Tag war und sogar leichte Regenschauer gab, konnte man sich der Ameisen kaum erwehren. Sie bedeckten praktisch den ganzen Waldboden und krabbelten den Seminarteilnehmenden füher oder später die Hosenbeine herauf...
Ameisenhaufen.JPG
Haufenweise Ameisen!
Prof. Cherix beim Temperaturmessen.JPG
Unter fachkundiger Anleitung...
Posten.JPG
...werden kleine Experimente durchgeführt und Thesen untermauert:
Ameisen kontrollieren Nesttemperatur.JPG
Waldameisen kontrollieren die Nesttemperatur...
Formica Schuhe.JPG
...genauso wie alles andere auf Schritt und Tritt.
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Re: 1-tägiges Waldameisen-Seminar im Kanton Bern

Beitragvon LynnLectis » Donnerstag 28. Mai 2015, 15:32

Danke für die Infos, Reber! Ich bin ja jetzt auch Mitglied im SWS und lese natürlich gerne alle Beiträge in diese Richtung! :)
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Re: 1-tägiges Waldameisen-Seminar im Kanton Bern

Beitragvon Merkur » Donnerstag 27. August 2015, 20:10

http://www.waldameisenschutz.ch/seminar-in-lyss.html abgesagt!

Wie ich dem Ameisenforum leider gerade entnehmen musste, wurde das Seminar 2015 abgesagt, aufgrund mangelnder Beteiligung. :(
http://www.ameisenforum.de/waldameisen- ... 54226.html

Edit: Neuer Termin, neuer Ort, siehe hier: viewtopic.php?f=43&t=377&p=8660#p8660

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